Während dies in der Küche geschah, ist alles im Hause
Nacheinander lebendig geworden, das fleißige Mädchen
Hatte zuerst sich erhoben, in ihrer ländlichen Weise
Nach der Kälte nicht fragend, nur nach der Stunde, verdrießlich
Ist ihr nach langer Pause, mit offenen Ohren verdämmert,
Dann die zweite gefolgt und hat Kamine und Öfen
Bis zum Zerspringen geheizt, vom Schlaf erst völlig ermuntert,
Als ihr auf einmal die Haube zu glimmen begann und ein Löckchen
Sich entzündete, rasch, wie Hanf, am Feuer verflackernd,
Und die Augenbraunen, ja selbst die Wimpern ihr sengend.
Noch viel später schlüpfte der Kutscher in seine Pantoffeln:
Diesen weckt zwar gewöhnlich die Kaffeemühle, doch hütet
Er sich, aufzustehn, bevor sie wieder verstummt ist,
Denn er käme zu früh, noch wäre das Brot nicht geröstet
Oder die Sahne gesotten, das hat er längst schon berechnet,
Und ein verständiger Mann verachtet nie die Erfahrung.
Jetzt sogar bleibt ihm noch Zeit, den Thermometer am Fenster
Um den Grad zu befragen, doch ist's ihm freilich nicht möglich,
Auch nach der Uhr zu sehn, die ihm zu Häupten am Bett hängt,
Denn es wird ihm da unten zu still, sie sind schon beim Trinken.
Endlich huscht auch die Zofe hinab, das Prasseln im Ofen
Hat sie herausgetrieben, doch sind ihr die Augen noch immer
Matt, und gleichen den Lichtern, die, nachts in der Kälte beschlagen,
Oder mit Wasser bespritzt, nicht brennen wollen am Morgen.
Darum bemerkt sie's auch nicht, daß Magdalena schon weinte,
Sondern erkundigt sich bloß, ob keiner ihr Traumbuch gesehn hat.
Nur der Bediente fehlt, der muß die Klingel erst hören,
Aber er rühmt sich der Kunst, so flink in die Kleider zu kommen,
Daß er, wie schwach sie der Herr auch ziehn mag, immer schon fertig
In das Zimmer tritt, bevor noch die Glocke verhallte:
Und da darf er's schon wagen, die Nachricht1) im Bette zu lesen.
Dennoch irrt er gewaltig, indem er das Knattern des Bodens,
Welches er über sich hört, allein dem Springen der Bretter
Zuschreibt, wenn sie auch mächtig im klingenden Winter sich krümmen,
Denn schon lange wandelt der Kaufherr sinnend und schweigend
In den Gemächern herum, die königlich weit und geschmückt sind,
Aber nicht mit Stolz, man sieht es ihm an, und Behagen.
Vor dem Spiegel flammen in schweren silbernen Leuchtern
Noch die Kerzen, sie sind zwar nicht mehr nötig, doch mag er,
Wie er sie angezündet, sie nicht auch selber noch löschen,
Und noch weniger scheint er den Diener schon rufen zu wollen.
Jetzt beschaut er die Blumen und fremden Gewächse, sie füllen
Fast ein ganzes Gemach, und alle Teile der Erde
Haben ihr Schönstes geliefert, doch fesseln die schwellenden Knospen,
Die er sonst wohl mustert, als wär' er in Holland geboren
Und ein Bürger der Zeit, wo Zwiebeln die Wechsel vertraten,
Diesmal ihn nur wenig, ja selbst die geöffneten Kelche
Hauchen ihm heute vergebens die heißen Düfte entgegen,
Welche den Papagei, er schließt vor Behagen die Augen
Und ist betäubt und berauscht, zurück in die Heimat versetzen.
Jetzt betrachtet er sich die neue chinesische Vase:
Altoum selbst, der Drachen und Schlangen erlauchter Gebieter,
Hat sie in Peking nicht reicher, mit Gold gefüllt bis zum Rande
Wäre sie kaum bezahlt, so selten und rein ist die Mischung
Und so brennend die Farbe! Man stellte in jedem Museum
Einen Wächter daneben, doch er, in plötzlicher Wendung
Gegen ein Bild an der Wand, der Morgen beleuchtet's gerade,
Stößt sie vom Tisch herunter, und wenn er erschrickt, so geschieht es
Bloß des Geprassels wegen, das dennoch der türkische Teppich
Mächtig dämpft, denn er horcht, anstatt die Scherben zu sammeln
Oder auch nur zu beachten, mit angehaltenem Odem
Nach der linken Seite hinüber, wo ihm die Gattin
Schlummert im Bett von Damast, und da's dort still, wie zuvor, bleibt,
Spricht er lächelnd: so war denn doch noch ein Glück bei dem Unglück!
Und, als hätte er nur die Kaffeetasse zerbrochen,
Tritt er gelassen und ruhig, nicht einmal den fegenden Schlafrock
Erst um den Leib sich gürtend und weiteren Schaden verhütend,
Vor das Gemälde hin. Es ist von Rahl2), und es zeigt uns
Marius unter den Cimbern im grimmigen Würgen. Kein König
Hat es beim Meister bestellt, nicht einmal der König der Juden,
Auch kein reicher Prälat, kein Julius oder ein Bembo,
Noch viel minder ein Junker, was kümmern sie Künstler und Dichter,
Aber der Handelsherr, obgleich zum Patron nicht geboren,
Und von manchen bespöttelt, die mit ihm rechnen und tauschen,
Rief's ins Leben, sobald er in Wien die Skizze erblickte,
Denn er sucht in Venedig und nicht in Karthago sein Vorbild.
Freilich hält ihn auch dies, so sehr er es schätzt und bewundert,
Heute nicht lange fest. Er nickt zwar, erstaunend, wie immer,
Dem gewaltigen Stier, der eben den Römer gespießt hat,
Und der entsetzlichen Mutter, die ihren eigenen Säugling
Unter die Feinde schleudert, doch greift er nicht nach der Kerze,
Um es heller zu sehn, obgleich das goldene Tagslicht
Wieder verdüstert ward durch jenes graue Geriesel,
Welches nicht Nebel bleibt und auch nicht zu Schnee sich verdichtet
Und die Finsternis mehrt, die Kälte aber nicht mindert.
Nein, er schreitet aufs neue von Zimmer zu Zimmer und heftet
Bald auf die Nipse den Blick, die Tische und Schränke ihm zieren,
Bald auf Figuren und Büsten und bald auf Stiche und Bücher.
Alles besieht er und prüft's, er späht begierig nach Lücken,
Aber er findet sie nicht, und wenn sich die Lust des Besitzes
Auch in seinem Gesicht nicht eben spiegelt, so zeigt es
Doch auch keinen Verdruß. Da fällt sein schweifendes Auge
Auf die Dresdner Madonna, mit ihrem lieblichsten Knaben,
Und den reizenden Engeln, die Raphael malte, und eilig
Wendet er's wieder ab, als sähe er, was ihn nicht freute,
Und sein ruhiger Ernst verwandelt in Schmerz sich und Trauer.
Wär' nur das Stück kein Geschenk, ich würd' es noch heute entfernen,
Spricht er, aber ich darf's nicht wagen, und dennoch vergoß sie
Oft schon Tränen davor, sie kann in der Fürstin des Himmels
Nur noch die glückliche Mutter erblicken und ließe ihr willig
Für den flüchtigsten Kuß des Kindes die ewige Krone.
Wär' doch der Tag erst vorüber, besonders der Abend! Die Domzeit3)
Macht sie fast immer krank. Was schelt' ich den göttlichen Künstler
Und sein köstliches Blatt! Die quiekendste Weihnachtstrompete,
In der schmutzigsten Twiete4) vom garstigsten Rangen geblasen,
Tut ihr ja eben so weh! Die bunten, beleuchteten Buden,
Welche den Gänsemarkt den ganzen Advent so beleben,
Schneiden ihr tief in das Herz. Sogar die Juden am Steinweg
Mit den Karren voll Tand entlocken ihr seltner das Lächeln
Halber Ergötzung, nach dem ich oft Wochen vergebens mich sehne,
Als den Seufzer des Grams. Denn neben den scharfen Gesichtern,
Die das häßliche Schreien verzerrt, bemerkt sie noch immer
Auch die Öchslein und Esel von Zinn, mit denen sie trödeln,
Und um die sich begierig die Knaben und Mädchen versammeln,
Und da kehren sogleich die bittren Gefühle ihr wieder.
Nun, es geht ja zu Ende! Wenn nur nicht heute gerade
Alles so übel sich träfe! Der Affe ist nicht gekommen,
Weil das Schiff, das ihn trug, verschlagen wurde, die Vögel
Freilich sind eingetroffen, doch scheinen sie krank, und ich werde
Schon zufrieden sein, wenn sie nur leben bis Neujahr.
Wäre die Blumenuhr nicht da, ich müßte verzweifeln,
Denn hier fehlt es an nichts, und alles ist dreifach vorhanden,
Aber es wird sie zerstreun, es wird sie vielleicht gar erfreuen,
Wenn ihr die persische Rose, bis auf die letzte Minute
Fest geschlossen, den Mittag, die türkische Tulpe den Abend,
und der Jasmin von Athos die Mitternachtsstunde verkündigt,
Ja, es wird sie erfreun, die Schritte des Tages an Düften
Abzuzählen und Farben, die alle Wunder der Ferne
Vor die Seele ihr rücken! Er wiederholt es und klingelt
Endlich dem Diener: ihm folgt sogleich auf dem Fuße der Doktor,
Welcher, des Hauses Freund und alter Vertrauter, sein Vorrecht
Braucht, und das um so eher, als er schon lange gewartet.
Ei, da sind Sie ja--ruft ihm der Kaufherr freundlich entgegen--
Ich bin auch schon bereit, hier liegen in Gold und in Silber
Ihre Summen, und wollen Sie mehr, so kommen Sie wieder!
Nun verschonen Sie mich mit Ihren Berichten, ich mag nicht
Wissen, wo Sie es lassen, ich mag die Perlen nicht sammeln,
Welche aus Freudentränen bestehen sollen, ich müßte
Sonst auch den Ärger verwinden, wenn unser Pfenning nicht wuchert,
Wie er wohl könnte. Sie lächeln? Sie glauben, daß ich nur scherze
Oder mich selbst verleumde, weil jede Erfahrung mir mangelt?
Freund, ich habe sie nicht aus Grille gemieden! Sie zweifeln?
Kennen Sie wirklich das Herz des Menschen so wenig? Die Bäume,
Welche er pflanzt und begießt und säubert von Raupen und Würmern,
Werden ihm nimmer zu grün, doch leicht die Armen zu fröhlich,
Und ein Heiliger wird nicht jeder durch Essen und Trinken,
Welche ein Märtyrer ist durch Hungern und Dursten und Frieren;
Wen man aber beschämt, den wird man zugleich auch erbittern.
Darum soll man die Kluft, die zwischen dem Geber und Nehmer
Einmal besteht, durch Milde nicht füllen wollen, man kann's nicht,
Nein, man soll sie mit Nacht, mit heiligem Dunkel bedecken,
Und, wie der Ewige selbst, ins tiefste Geheimnis sich hüllen.
Denn es ist nicht genug, daß bloß die Rechte nicht wisse,
Was die Linke tut, sie soll es auch selber vergessen;
Reiche den Becher und wende dich ab, so wirst du erquicken!
Sie verhalten's darnach--entgegnet der Doktor mit Rührung--
Sie entkleiden die Pflicht des einzigen Reizes und üben
Jede um Gottes willen, nur nicht die Stirne gerunzelt,
Heute müssen Sie's hören, ich heiße seit Jahren das letzte
Unglück aller Heroen, und meine verrufene Zunge
Schont auch so wenig den Cäsar, als Bonaparte und Friedrich,
Oder die hohen Poeten, die immer mit Worten bezahlen,
Aber wenn ich das Große in Völkerwürgern und Künstlern,
Wie sie auf Ihren Gesimsen zu Hunderten prunken im Lorbeer,
Auch nur selten entdecke, das Edle vermag ich zu schätzen,
Und, wer nie noch geschmeichelt, der scheint mir berufen, zu loben.
Wären Sie nur auch so glücklich, als gut! Wie ging es denn gestern?--
Aber der Kaufherr seufzt und spricht mit stockender Stimme:
Nun, Sie wissen's am besten, wie sehr die Woche der Kinder
Ihr die Hölle im Busen entzündet, das Schlimmste ist aber,
Daß mit jeglichem Jahre die Qualen sich steigern und mehren.
Ehmals lenkte sie selbst vom Weihnachtszimmer das Auge
Auf die Krankenstube, vom Tannenbaum mit den Kerzen
Auf die Trauerweide hinüber und fand sich getröstet:
Jetzt erblickt sie nur noch die festlichen Räume des Jubels,
Aber der Kirchhof rückt in immer weitere Ferne,
Und doch stehen die Särge so nah an den Wiegen und werden,
Wie wir es selbst schon erlebt, an teuren Verwandten und Freunden,
Oft aus dem nämlichen Baum vom nämlichen Meister gehobelt,
Ja, ich fürchte für sie, ich will es nicht länger verhehlen,
Und Sie fürchten sich auch, obgleich Sie's mir nicht bekennen,
Und so mag es wohl kommen, daß sich der letzte der Bettler,
Welchen ich heute beschenke, noch glücklicher fühlt, wie ich selber,
Denn sie ist mir der Mund, mit dem ich esse und trinke.
Ihrethalben könnte ich wünschen, wir wären katholisch,
Wenn ich sie hoch auch ehre, die protestantische Freiheit,
Und ihr göttliches Recht auf jeglichen wahren Gedanken,
Wie es der zwölfte Apostel, denn Judas hat sich gestrichen,
Wie es der eiserne Luther mit feuriger Zunge erkämpfte.
Denn da dürft' ich mit ihr von einem Orte der Gnade
Zu dem anderen pilgern, und erst am heiligen Grabe
Zu Jerusalem würde die Hoffnung völlig erlöschen,
Aber da wäre zugleich doch auch das Leben zu Ende.
Was mich selber betrifft, so fand ich mich längst in mein Schicksal,
Denn ich hab's nicht verschuldet, es ward mir von oben gesendet,
Und ich glaube den Finger des Ewigen deutlich zu sehen.
Sie verwundern sich, Doktor? Vernehmen Sie, wie ich es meine.
Wissen Sie, was mich zumeist am großen Brande entsetzte,
Welcher ein Fünftel der Stadt in Asche legte vor Jahren?
Nicht die flammenden Straßen mit ihren donnernden Häusern,
Welche vor dem Minieren gen Himmel flogen und barsten;
Nicht der tückische Wind, der, wie ein dämonisches Wesen,
Immer sich drehte, sobald die Spritzen Meister geworden;
Nicht die lodernde Börse mit all den Kaisergestalten,
Die das römische Reich, doch auch uns Bürger bevogtet;
Nicht die grünlichen Flammen der Türme, welche von Kupfer
Sich ernährten und Blei und gräßlichen Regen verspritzten;
Nicht der endliche Sturz von Nikolai und Petri5),
Fast so entsetzlich für uns, als bräche die Erde zusammen;
Nicht einmal das Geheul der Feuerglocken, die alles
Überwimmerten, selbst die Stunden-Uhren, so daß man
Keine einzige hörte, als wären die Zeiten vollendet,
Und als müßte der Richter nun gleich in den Wolken erscheinen:
Alles dieses verschwand mir gegen die Hungergesichter,
Welche mit Ratten und Mäusen verschüchtert zutage sich drängten,
Ja, sie kamen mir vor, als sollten sie klagen und zeugen
Und erwarteten nur noch den Engel mit seiner Posaune.
Welche ein Elend erblickt' ich! Und tief, wie unter der Erde,
War es verborgen gewesen, und stahl sich, als wäre es Sünde
Gegen die glücklichen Brüder, auch jetzt noch zögernd und ängstlich,
Und vom dräuenden Tode gejagt, hervor aus den Löchern!
Männer, Weiber und Kinder! Und das im christlichen Hamburg,
Welches der Armen und Kranken doch wahrlich nie noch vergessen.
Fast mit Grausen gedacht' ich der eigenen Güter und schämte
Mich des eigenen Kummers! Allein nicht lange verharrt' ich
In dem stumpfen Entsetzen: mir schien auf einmal das Rätsel
Meines Lebens gelöst. Für diese strömen die Schätze
So zusammen bei dir, und wenn es am Erben dir mangelt,
Ist's der Verzweifelten wegen! So rief's in mir, und so ruft es
Bis zur Stunde noch fort! Ich möchte, wie Fugger in Augsburg6),
Ein Asyl begründen, in welchem es nimmer an Mitteln,
Eher an Dürftigen fehlte. Man spricht von roten Gespenstern,
Die man mit Pulver und Blei verscheuchen müsse. Sie sind wohl
Noch viel leichter zu bannen: man gebe ihnen zu essen,
Und, anstatt die Erde in unersättlicher Goldgier
Auszuschmelzen und dann als Schlacke liegen zu lassen,
Wie es ein Rothschild tut, bestelle man Wüsten und weise
Ihnen die Äcker an! Das heißt, sich selber beschützen,
Denn wir besitzen die Habe noch nicht, wie Arme und Beine,
Die wir freilich mit keinem zu teilen vermögen, und sollen
Nicht vergessen, was Moses gebot und Christus voraussetzt:
Fürchterlich könnt' es sich rächen! Ich würde mit Freuden beginnen,
Und mir wär' es genug fürs Leben und sicher fürs Sterben,
Wenn ich mir sagen dürfte: Du wirst bis ans Ende der Zeiten
Hier die Hungrigen speisen und so den heiligen Frieden,
Denn ihn bricht nur die Not, auf ewig im Innern besiegeln!
Ja, mir wär' es genug! Doch sie ist anders geschaffen,
Sie entbehrt die Tochter, wenn ich auch den Sohn nicht vermisse,
Und der heimliche Gram verzehrt ihr leise die Kräfte.
Anfangs freute ich mich, daß sie am heutigen Morgen
Nicht so früh, wie gewöhnlich, erwachte, aber es währt mir
Jetzt schon wieder zu lange: sie hat die Nacht nicht geschlafen,
Und ein trauriger Tag wird folgen! Sie kommen doch abends?
Sicher!--versetzte der Doktor--und einen eignen Gedanken
Bringe ich mit: Sie mögen ihn nun als töricht verwerfen
Oder, wie ich, als tröstlich mit einiger Freude begrüßen,
Immer verdient er die Prüfung. Ich war vorhin in der Küche,
Und da fand ich das Mädchen vom Lande in bitteren Tränen,
Das gesunde und frische, das ich dem Hause empfohlen.
Sie eröffnete mir ihr Herz, denn seit ich vom Fieber
Sie befreite, vertraut sie mir, als wär' ich ihr Vater.
Ei, wie bunt ist die Welt! Hier oben fehlt es an einem
Und dort unten am andern! Es wäre vielleicht noch zu helfen,
Wenn man die Hände sich böte. Denn: Alles beruht ja auf Mischung!
Sagt Apotheker Franz, der Helgoländer, und kämen
Mit den Kräutern des Berges die Kräuter des Tals nicht zusammen,
Würde kein Übel geheilt! Ei nun, wir wollen's versuchen.
Nur nicht zu früh erwarten Sie mich. Ein glücklicher Schneider,
Dem sie unter die Arme gegriffen haben, erlaubt sich
Mit den Seinigen heute den ersten Pudding. Er lud mich,
Und ich möchte wirklich das kleine Fest nicht versäumen,
Denn nicht lieber seh' ich den Regenbogen am Himmel
Als im Menschengesicht die wiedererwachende Freude.
Dritter Gesang.
Rasch entfernt sich der Doktor, denn viel noch hat er zu schaffen,
Auch den Kaufherrn ruft gar manches ab, doch verwundert
Schaut er dem Alten nach und denkt: was mag er nur meinen?
Plötzlich fühlt er von hinten sich innig umschlungen, die Gattin
Hat sich ihm leise genähert, und wie er sich wendet, erstaunt er
Über den klaren Blick des reinen Auges und freut sich,
Sie so ruhig zu finden. Sie küßt ihn herzlich und drückt ihn
Mehrmals gegen die Brust, als wäre der Morgen der Hochzeit
Wiedergekehrt, an dem sie, dem Kreise der Schwestern entschlüpfend,
Die nach in ihr schmückten, und über die trennende Schwelle
Ihm entgegenhüpfend, an welcher er schüchtern und lauschend
Stehen geblieben war, dem fast Erschreckten bewiesen,
Daß sie nur darum so lange das kargste der Mädchen gewesen,
Um als reichste der Bräute noch in der letzten der Stunden
Für die erduldete Strenge ihm überschwenglich zu lohnen.
Denn, wie mancher Baum, zu dessen Füßen die Veilchen
Schon ihr Leben verhauchen und den die mildesten Lüfte
Unermüdlich umschmeicheln, nicht eine einzige Knospe
Öffnet, bevor der Mai den Frühling göttlich besiegelt:
Also hatte auch sie sogar dem Verlobten noch vieles
Abgeschlagen, was selbst die sprödeste Sitte gestattet
Und die sorglichste Mutter nicht rügt, und still sich bescheidend
Hatt' er's ertragen, obgleich nicht ohne quälende Zweifel.
Aber, wie solch ein Baum zuletzt die innere Fülle
Auch in heißeren Düften und volleren Blüten entbindet,
Als die übrigen alle, die nichts zusammengehalten:
Also hatte auch sie auf diese einzige Stunde,
Die mit Geben beginnt, um nicht mit Fordern zu enden,
Alle Wonnen gehäuft und ihn im Tiefsten beschwichtigt.
Unvergeßlich war ihm der Morgen, doch ward er nur selten
Wieder an ihn erinnert, und heute am wenigsten hätt' er
Dieses Zeichen der Liebe von ihrer Seite erwartet.
Feurig erwidert er's ihr, und als sie sich endlich ihm weigert,
Spricht er: wir stritten uns oft, ob fallende Früchte am besten
Schmeckten, oder gepflückte, ich hatte soeben von beiden,
Und ich finde sie gleich. Du aber sag' mir zuletzt noch,
Was mir den innigen Gruß verschafft hat, den ich so zärtlich
Nicht erhielt, seitdem ich von Philadelphia kehrte,
Und auch da wohl nur, weil eine verlogene Zeitung,
Sei sie noch jetzt mir gepriesen, mich scheitern ließ und versinken,
Als ich die Elbe bereits mit günstigem Winde hinauftrieb.
Sanft errötend versetzt sie: Du warst mir wieder gestorben,
Und so sehr ich den Traum auch hasse, weil er ein Nichts ist
Und mich dennoch beängstigt: für diesen könnte ich danken!
Laß mich schweigen, ich habe gelobt, nicht wieder zu weinen,
Und ich müßte vielleicht, wenn ich noch weiter erzählte,
Aber, du sollst schon sehn. Jetzt kenn' ich die Öde, jetzt weiß ich,
Was es bedeutet, allein in weiten Gemächern zu sitzen,
Alle Stunden des Tages zu zählen und doch sich bei keiner
Sagen zu dürfen: nun tritt er herein, nun prüft er die Mienen
Deines Gesichtes und beut, sobald sie ihm traurig erscheinen,
Dir die Rechte als Freund, sobald sie ermunternd ihm lächeln,
Dir die Lippe als Gatte! Jetzt hab' ich's in Wahrheit empfunden,
Nicht aus Grille bloß mir eingebildet! Drum will ich
Dir in allem auch folgen! Es gibt der Waisen so viele
In dem großen Hause, das jeglicher segnet1), der Reigen,
Welcher zu Pfingsten die Straßen durchzieht, daß er Bürger erfahre,
Wie man sie kleidet und nährt, ist jährlich noch immer gewachsen:
Nehmen wir eine heraus! Wir könnten heute noch wählen,
Wenn du denkst, wie bisher! Ein Knabe oder ein Mädchen,
Was dir gefällt, ist mir recht! Wir machen einen auf Erden,
Zweie im Himmel glücklich! Ich werde dich selber begleiten.
Wiederhol' es mir morgen--versetzt er mit Lächeln--so wollen
Wir es weiter bereden. Ich denke es anders zu machen,
Wenn es dein Wille bleibt. Warum der sterbenden Mutter
Nicht sogleich aus den Armen den Säugling nehmen und, gänzlich
Über sein Schicksal beruhigt, ins Grab sie senden, warum ihn
Erst von Fremden empfangen? Doch alles dieses auf morgen!
Denn wie sehr ich mich auch der schönen Wallung erfreue,
Welche dich heute bewegt, ich werde sie nimmer mißbrauchen,
Und sie kommt mir zu rasch, als daß ich ihr völlig vertraue!
Damit geht er von hinnen, denn lange schon warteten seiner
Ungeduldig die Schreiber. Doch kann er's nicht lassen, noch einmal
An der Tür sich zu wenden. Mir lobe noch einer die Mädchen!
Ruft er dann und enteilt. Und wahrlich, er durfte es wagen,
Denn die hohe Gestalt im weißen Morgengewande
Mit den glühenden Augen und reichlich wallenden Locken
Ist vollendet zu nennen in stolzer Erscheinung, es deutet
Nichts zurück auf die Jugend, das unentwickelt und unreif
Nicht zu zeitigen wäre, und nichts hinein in das Alter,
Das sich zu voll schon zeigte, es ist die reizende Mitte
Zwischen Blüte und Frucht, der köstliche Gipfel des Lebens,
Wo in holdester Pause die endlich gesättigten Kräfte
Ihren Sabbat feiern und nur mit sich selber noch spielen.
Tief, wie nie noch, ergriffen von ihrer Macht, zu beglücken,
Sieht sie dem Eilenden nach. Ein eigener Schauder erfaßt sie,
Als sein treues Gesicht, das freilich derb, wie ein Holzschnitt
Aus den ältesten Zeiten, nur krampfhaft lachen und weinen,
Aber nicht lächeln kann, mit fröhlichem Nicken verschwindet
Und die Türe sich schließt. Denn diese hat sie im Traume
Immer vor sich gehabt und alle Schrammen und Ritzen,
Welche sogar Magdalenen beim emsigsten Bohnen entgingen,
Deutlich sich eingeprägt. Er sollte kommen und kam nicht,
Aber statt seiner erschien nach langem ängstlichen Harren,
Während es die Minuten vorüberkrochen, wie Stunden,
Schwarz gekleidet der Schneider und fragte mit ernsten Gebärden,
Ob es ihr jetzt gefalle, die Trauer zu wählen, es warte
Draußen auch schon der Zeichner mit einem Modell zu dem Denkmal,
Den sie bestellt, wie ihn selbst, das Werk sei herrlich geraten,
Ganz besonders die Büste des Abgeschiednen, nicht treuer
Hänge sein Bild an der Wand vor ihren eigenen Augen,
Als es sich über dem Grabe zur größte Zierde des Kirchhofs
Bald, in Eisen gegossen, erheben werde! Da war sie
Vor Entsetzen erwacht und mit unendlicher Rührung
Hatte sie durch das Spiel der Glocken hindurch2), wieder es stündlich
Von den Türmen erschallt in frommen Choralmelodien,
Seine Stimme vernommen und rasch und still sich erhoben.
Tief war das Herz ihr beklemmt. Der Fluch des ganzen Geschlechtes,
Daß es nicht schätzt, was es hat, und überschätzt, was es nicht hat,
Drückte sie so darnieder, als wäre nur sie ihm erlegen,
Während doch alle zusammen den Duft der lockenden Früchte
Gleich beim Pflücken verwischen, und weil sich zwischen den Fingern
Freilich das Gold nicht findet, das auf den Zweigen so reizte,
Neu verlangend den Baum erklettern, um aber und aber
Ihn zu plündern und sich zu täuschen! Der bittre Gedanke,
Ihrem Gatten wohl oft durch ihr verdüstertes Wesen
Stille Freude getrübt und edel verheimlichten Kummer,
Statt ihn zu lindern, erhöht zu haben, verließ sie nicht wieder:
All die kleinen Momente, an denen das Leben so reich ist,
Wo ein freundlicher Blick mit einem finstern erwidert
Wurde, ein herzliches Wort mit einem kalten und leeren,
Traten in greller Beleuchtung vor ihre geängstigte Seele,
Und sie fand nicht den Mut, ihm guten Morgen zu sagen,
Eh' sei ein stilles Gelübde im tiefsten Gemüte beschworen.
Fest auch steht ihr Entschluß, es unverbrüchlich zu halten,
Ja, sie wiederholt's, indem sie der Türe den Rücken
Wendet, die ihr den Traum so klar ins Gedächtnis gerufen,
Daß sie ihr Auge bisher, wie magisch, an sich gefesselt.
Als sie ins eigne Gemach zurückkehrt, trifft sie die Zofe
Eben vorm Spiegel: sie möchte von Magdalenen berichten,
Die sich bei ihr erkundigt, ob Kalifornien weit ist
Und ob wirklich die Straße mit Totengerippen gepflastert,
Wie sie auf ängstliches Fragen bei Hoffmann und Campe erfahren.
Aber die Törin errötet und schleicht sich davon, als sie plötzlich
Ihre Herrin, anstatt auf sie zu hören, die Nadel
Greifen sieht, um vor Nacht noch die längst begonnene Arbeit,
Welche schon aufgegeben erschien, für den Herrn zu vollenden.
Denn die Neugier will's durch tätige Buße beweisen,
Daß sie verwandelst ist, und wirklich wird sie noch fertig,
Wenn auch im Laufe der Stunden gar manche ihrer Bekannten
Prunkend und prahlend erscheinen, gehüllt in die neuesten Roben,
Welche Paris geliefert, und brennend, Neid zu erregen,
Oder zum wenigsten doch in stiller Bewundrung zu schwelgen.
Ja, sie werden sogar, obgleich sie nur stören und hindern,
Besser empfangen, wie sonst, und finden offnere Ohren,
Für ihr erstaunliches Glück, das Mode-Journal zu beschämen.
Denn es will ihr dünken, als hätten sie, tändelnd und gaukelnd
Und die schillernden Flitter aus kindischer Freude am Wechsel,
Wie die Vögel sich mausern, vertauschend und wieder vertauschend,
Sich vor Schlimmrem bewahrt, sie schaut nicht mehr mit Verachtung
Auf die Schwestern herunter, es scheint ihr doch besser, zu spielen,
Als beständig zu brüten, den Liebsten aber zu quälen.
So vergeht ihr der Tag in furchtbar-ernster Betrachtung,
Welche sie über sich selbst im Geist erhebt und sie kräftigt,
Während im zierlichen Fleiß der Finger das Herz sich erleichtert.
Und es naht sich der Abend. Nun gilt's noch, die Gaben zu ordnen,
Die sie bestimmt fürs Haus--seit Jahren tat es die Zofe--
Dann, sich festlich zu schmücken, und beides dauert so lange,
Daß der Doktor erscheint, bevor sie noch selber gekommen.
Überglücklich begrüßt der Kaufherr ihn und erzählt ihm,
Was am Morgen geschehn, und wie es weiter gegangen.
Doch der Alte erwidert als Prüfer der Herzen und Nieren:
Einer Genesenden gleicht sie, und alle Genesenden fühlen,
Wenn sie das Übel verließ, sich frei von Wunsch und Verlangen,
Denn sie haben das Maß des Menschlichen wieder gewonnen,
Das die Begierde zerbrach, und wollen nur leben und atmen.
Aber das ändert sich wieder. Drum muß man die Pause benutzen,
Und so fatal mir der Pastor mit Sakrament und Ermahnung
Auch in der Krisis ist, so gern doch seh' ich ihn nahen,
Wenn ich selbst mich entferne, denn rein ist der Boden von Unkraut,
Und der göttliche Same mag Wurzel fassen und treiben.
Also wollen wir's auch mit ihr verhalten, und hat sie
Selbst den Entschluß gefaßt, der einzig hilft auf die Länge,
Denn, was Juden als Fluch, gilt Christen noch immer als Unglück,
Und die bittre Empfindung wird wieder und wieder sich regen,
Nun, so müssen wir sorgen, ihn rasch in die Tat zu verwandeln,
Und es trifft sich besonders!--Da öffnet sich plötzlich die Türe
Und im seltensten Putz, sie weiß, wie sehr es ihm schmeichelt,
Wenn sie die eigenen Reize erhöht durch seine Geschenke,
Tritt die Gattin herein. Er eilt ihr entgegen, der Alte
Folgt ihm aber sogleich, und zwischen sie tretend und beide
An den Händen fassend, beginnt er eifrig von neuem:
Unten verbringt das Mädchen, das ich dem Hause empfohlen,
Weinend den ganzen Tag, weil ihr Verlobter im Frühling
Nach Amerika will, um dort entweder zu sterben,
Oder so viel zu erwerben, als nötig ist für die Heirat;
Hier vermißt Ihr das Kind, das jetzt mit leuchtenden Augen
Und mit glühenden Wangen von einem Tische zum andern
Hüpfen sollte und Euch durch Händeklatschen und Jubeln
In die Jugend zurückversetzen! Da möcht' ich doch raten:
Gebt das Paar zusammen und macht den Erstling zum Erben!
Edel sind sie und brav, Ihr werdet es nimmer bereuen,
Wenn das Wort sich bewährt, das alte, vom Stamm und vom Apfel,
Und so sicher Ihr selbst das Kind ins Leben gerufen,
Ebenso sicher auch werdet Ihr's inniger lieben, wie eines,
Denn Ihr wählt's Euch nicht aus, Ihr fragt nicht nach Augen und Haaren,
Wie es doch sonst wohl geschähe, es wird Euch von oben gesendet,
Wie den Eltern, auch seid Ihr so heilig, wie diese, gebunden
Und Ihr heißt es vielleicht, als wär' es ein eignes, willkommen.
Ja, es könnte sogar für Euer eigenes gelten,
Wenn Ihr wolltet, Ihr nähmet die Mutter mit auf die Reise,
Welche Ihr jährlich macht, und kämet ohne sie wieder:
Sie vergäß' es über das zweite und fände sich glücklich
Ander Seite des Gatten in Hülle und Fülle des Wohlstands,
Aber es würde bei Euch auf einmal lebendig und fröhlich,
Denn was die Pendel den Uhren, das sind die Kinder den Häusern!
Sie erwidert dem Alten mit Hast und fiebrisch errötend:
Dieses wäre das Beste, und also muß es auch werden!
Was sie auch immer verlangen, so werden sie alles erhalten,
Aber bevor noch der Säugling den Mutter-Namen gestammelt,
Muß sie sich trennen von ihm, denn mich nur darf er so nennen!
Da entgegnet der Doktor: So sprech' ich denn gleich mit dem Mädchen!
Und er verläßt das Gemach. Sie eilt ihm nach bis zur Türe,
Unwillkürlich gedrängt, ihn umzurufen, doch hält sie
Auf der Schwelle noch ein und sagt, zum Gatten gewendet,
Der sie verfolgt mit dem Blick: Nicht wahr, wir dürfen es nehmen,
Wenn sie selber es geben? Er holt sie zurück und erwidert:
Dieses gelt' uns als Zeichen! Doch, wie sie auch immer sich fassen:
Wir vereinigen sie! Das hab' ich schon still mir geschworen.
Was auch siege im Kampf: der Wunsch, ihr Kind zu behalten,
Oder es glücklich zu wissen, und glücklich können wir's machen,
Ruhig warten wir's ab, denn wahrlich, ich will sie belohnen.
Abraham wurde geprüft, er sollte den Isaak schlachten,
Und er fand sich bereit. Doch nicht, als er trauernden Herzens,
Aber mit lächelnden Mienen, der Sarah den Liebling entführte;
Auch nicht, als er den Berg mit zitternden Knieen hinanstieg,
Oder den Opfer-Altar mit bebenden Händen erbaute;
Nicht einmal, als er schaudernd dem Knaben das Hälschen entblößte,
Erst, als das Messer schon blinkte, erschien ihm der rettende Engel!
Diese brauchen nur Nein zu sagen, so ist es bestanden.
Darum fürchte dich nicht der Sünde in deinem Gewissen:
Denn sie gewinnen das Leben und setzen sich selbst die Bedingung.
Aber nun sieh dich doch um, betrachte die Vögel und Blumen,
Die dich so freundlich begrüßen und sage mir, ob ich's getroffen?
Sie entgegnet: ich habe da drüben für dich auch ein Tischchen,
Wenig zwar liegt nur darauf, allein du bist ja genügsam,
Und ich kam, dich zu rufen!--Doch viel zu bewegt sind sie beide,
Um hinüber zu gehn, sie scheinen's nicht einmal zu merken,
Daß die türkische Tulpe vor ihren Augen sich öffnet,
Ja, sie würden nicht horchen, wenn plötzlich die Sterne erklängen.
Bald auch kehrt der Doktor zurück mit vergnügtem Gesichte,
Ihn begleitet das Mädchen. Sie ist, wie zum Tode, erblichen,
Aber sie lächelt dabei. Sie möchte reden und danken,
Doch sie versucht es umsonst; so sinkt sie der Herrin zu Füßen.
Diese erhebt sie und küßt sie. Da schallen Hörner und Zinken
Fromm von der Straße herauf. Nun wirft sie sich abermals nieder,
Aber sie faltet die Hände und blickt gen Himmel. Die Gatten
Knieen neben ihr ihn, und also schließt sich die Weihnacht.
Vierter Gesang.
Abend ward es und Nacht, eh' Christian kehrte aus Holstein,
Denn die grimmige Kälte war umgeschlagen, es hatte
Tüchtig geschneit und die Wege verschüttet, da galt es, zu schaufeln,
Aber das tut der Bauer allein für die Posten des Königs.
Endlich rollt ein Wagen, er ist gar leicht zu erkennen
An dem muntern Geklingel der schellenbehangenen Pferde,
Vor dem Hause vorbei, und Magdalena, die längst schon
Ungeduldig geharrt und gespäht durch das niedrige Fenster,
Ruft ihm, mit hastigen Händen das eingefrorene öffnend,
Über die Straße entgegen: Ich muß dich heute noch sprechen!
Mit der Peitsche knallt er ihr lustig die Antwort herunter,
Und, durch diese Bewegung die Kruste vom Leibe sich schüttelnd,
Wird er wieder zum Menschen; bis dahin war er ein Schneemann.
Jetzt auch währt es noch lange, bevor er kommt, denn die Tiere
Wollen das Ihrige haben, und nicht dem eignen Besitzer
Würd' er sie anvertrauen, er muß sie selber besorgen.
Aber, nachdem er sie alle mit wärmenden Decken behangen
Und in die reinlichen Tröge den goldenen Hafer geschüttet,
Auch den Wallach, er ist es gewohnt, mit Kümmel erquickt hat,
Wechselt er rasch die Kleider und eilt, bevor er die Kammer
Mit dem Weihnachtsgeschenk auch nur betreten, hinüber,
Denn es ist ihm zu neu, sein Mädchen rufen zu hören,
Um nicht zu brennen, sogleich den Grund zu erfahren. Er trifft sie
Ganz allein in der Küche bei ihrer Lampe, die andern
Sind zum Tanz und die Zofe ist gar, wie sie's nennt, in Visite,
Und er verwundert sich sehr, sie unbeschäftigt zu finden,
Denn er sieht nicht die Schere und auch nicht die Nadel und dennoch
Kann sie, das weiß er, nicht atmen, so lange die Finger ihr ruhen,
Und sie beklagt es noch immer, im Hause nicht spinnen zu dürfen.
Aber, wie wächst sein Erstaunen, als sie, die Schämige, Scheue,
Gleich an den Hals ihm fliegt, und wieder und wieder ihn drückend,
Spricht: Du darfst mir nicht fort, dich sollen die Bären nicht fressen!
O, ich weiß es gar wohl, was über dem Meer dich erwartet,
Wenn du auch Wellen und Winden entgehst, die manchen verschlingen,
Und den Menschenverkäufern, die schlauer, wie ehmals die Werber,
Ihre Netze zu stellen verstehn, ich hab' es erkundet,
Denn noch nie ist das Herz mir bedrängt gewesen, wie gestern,
Und so nahm ich mir Zeit. Zu Tausenden liegen die Toten
An der Straße und weisen dich stumm zurück in die Heimat,
Wenn du sie aber verachtest, die schweigenden Warner, wie viele,
Und nur Zeichen des Weges in ihnen erblickst, die man ruhig
Hinter sich läßt, wie bei uns die Meilensteine, so wirst du
Endlich selber zu einem. Und kämst du auch wirklich ins Goldland,
Ohne vorher zu verhungern, und wärst so glücklich, die Ader
In der Erde zu treffen und auszubeuten, so wirst du,
Eh' du ein Schiff noch erreichst, von Dieben und Räubern erschlagen,
Denn der Teufel regiert, und einer tötet den andern,
Um nicht graben zu müssen und dennoch Schätze zu häufen!
Lache, so lange du willst, du machst mich wahrhaftig nicht irre:
Kalifornien ist der offene Rachen der Hölle,
Welcher sich plötzlich geöffnet, um Seele und Leib zu verderben,
Doch, was red' ich, du bleibst, und so ist alles vorüber!
Christian aber erwidert, sich ihren Armen entwindend:
Immer hab' ich dich sonst gefaßt und besonnen gefunden,
Hat denn deine Natur auf einmal sich völlig verändert?
Gehen werd' ich gewiß, doch hätt' ich dir's gern noch verborgen,
Um dir das Fest nicht zu trüben, allein der Schmied und der Tischler
Haben geplaudert, da wär' es dir dennoch zu Ohren gekommen
Und du hättest am Ende geglaubt, ich wollte dich täuschen,
Darum mußte ich's sagen. Nun aber rede nicht weiter,
Monde noch nennen wir unser, warum sie sündlich verjammern?
Nein, wir wollen sie ruhig in Frieden und Freude verbringen
Und in der Stunde der Trennung dem Vater im Himmel vertrauen,
Deinetwegen allein wird dieser mich segnen und schirmen!
Aber sie lächelt und spricht: Du brauchst nicht die Reise zu machen,
Um es bestätigt zu finden, es hat sich schon jetzt so erwiesen!
Siehe, ich flehte ihn an, die Prüfung, wenn auch nicht gänzlich
Mir vom Haupte zu nehmen, so doch in Gnaden zu wenden,
Und er hat mich erhört. Was sollte ich nun nicht ertragen,
Da du mir bleibst und mir hilfst! Es komme, was wolle, ich werde
Sicher nicht murren und klagen! Doch diesem wär' ich erlegen.
Aber du weißt ja noch nicht! Vernimm's und erstaune! Die Herrschaft
Steuert mich aus, und sie gibt auch dir ein reichliches Erbe.
Schüttle nur nicht mit dem Kopf, es ist so, wie ich dir sage,
Haus und Hof sind unser, sobald wir wollen, man wartet
Oben schon lange auf dich, so geh und höre das Weitre!
Aber der Jüngling versetzt, am Tische sich lehnend, wie schwindelnd:
Sind denn wirklich die Engel noch nicht von der Erde verschwunden,
Und was hab' ich getan, daß sie um mich sich bekümmern?
Doch, was frage ich noch! Nur deinethalben geschah es!
Soll ich denn alles in allem dir schuldig werden? Wie vieles
Hab' ich dir längst zu verdanken! Ich fühl' mich nicht besser, wie andre,
Und ich würde vielleicht, wie sie, im Taumel mich drehen,
Bis ich mich selber verlöre, wenn du nicht wärest! Für alles
Kommt der Tag der Versuchung. Das tägliche Leben und Treiben
Widert jeden, sobald ihn die Hoffnung verläßt, und sie wechselt
Gern, wie der hüpfende Vogel, den Baum. Da greift er zum Glase,
Um sich selbst zu betäuben, und hatten die Karten so lange
Feurige Ränder für ihn, die an den Teufel ihn mahnten,
Der sie zuerst gemalt und herumgegeben, so scheinen
Sie ihm plötzlich vergoldet und locken durch alle Figuren.
Siehe, da ist er geliefert, wenn nur noch Gottes Gebote
Ihm die Straße zur Hölle versperren, wenn Vater und Mutter
Ruhig im Grabe ihm schlummern, und noch kein sorgliches Mädchen
An die Stelle der beiden trat. Die Sterne des Himmels
Zittert der nicht, zu verfinstern, und wenn sie zu schrecklich ihm funkeln,
Schaut er nimmer hinauf, allein das Auge der Liebe
Ist gar leicht zu trüben und seinen ängstlichen Blicken
Kann sich keiner entziehn, da fühlt sich der Mensch denn gehalten!
So erging's mir mit dir. Ich hatte die Eltern verloren,
Und nun war ich gezwungen, an mich zu denken. Das hatte
Ich bisher nicht getan, es war mir genug, mit den Segen
Zu verdienen, mit dem ich als Knabe ihr Hüttchen verlassen,
Um dem Bauern das Vieh zu hüten, zuerst nur die Gänse,
Dann die Schweine und Schaft, und endlich die Ochsen und Kühe,
Und ich fühlte mich glücklich, für sie zu sorgen, auch hielt ich
Ihnen die Not von der Tür. Da raffte die tückische Seuche
Sie hinweg, und auf einmal war alles anders. Die Groschen
Blieben mir zwar, und ich konnte allmählich manches mir schaffen,
Was ich lange entbehrt, doch boten die Uhr und die Pfeife
Keinen Ersatz für das Lächeln der Mutter, womit sie mir's lohnte,
Wenn ich ihr gegen den Winter mit Bohnen und Erbsen die Truhe
Füllte, oder im Frühling zur Mastung ein Ferkelchen brachte.
Da begann ich zu rechnen, und leider mußt' ich's bejahen,
Wenn die Genossen mir sagten, mein Sparen bringe mich einzig
Um die Freuden der Jugend, und sichre mir doch nicht das Alter,
Höchstens könnt' ich den Doktor aus eigenem Säckel bezahlen,
Wenn ich einmal erkrankte, allein das danke mir keiner,
Den besolde die Stadt. So warf ich denn wirklich mein Flickzeug
Eines Sonntags beiseite, denn Sonntags flickte ich wieder,
Was ich zerriß in der Woche, und mischte mich unter die andern,
Um, wie diese es nannten, doch auch mal den Herrn zu probieren.
Wohl gekämmt und gebürstet, und blank in der Tasche den Taler,
Prunkt' ich daher, auch gefiel's mir, zuerst den Hafen zu sehen,
Wo die Masten so eng und so dicht zusammen sich drängen,
Wie die Spitzen des Schilfs bei uns in Gräben und Sümpfen,
Dann an dem Ufer der Elbe hinab zu spazieren nach Flottbeck1)
Und die Schiffe zu zählen, die eben kommen und gehen,
Oder die Gärten, die bunt sich am breiten Flusse dahinziehn.
Gern bezahlt' ich auch mittags mein Essen, obgleich ich's zu Hause
Besser und billiger hatte, ich ließ mir's sogar noch gefallen,
Daß wir auch Kaffee tranken, ich wollte den Mäkler nicht machen.
Aber, als sie nun riefen: jetzt müssen wir karten und kegeln
Und den guten Likör daneben versuchen, da sprach ich:
Weiter halt' ich nicht mit! und ging, wie sehr sie auch höhnten,
Denn oft sagte mein Vater, es würde keiner die erste
Schenke betreten, der ahnte, in welcher Gestalt er die letzte
Einst nach Jahren und Monden verlassen würde, auch schlüpfte
Selbst der Gesunkenste schwerlich des Morgens hinein, wenn er wüßte,
Wie er sich abends entfernte, und dieses klang mir im Ohre.
Nicke mir nicht so freundlich, es wär' wohl noch anders gekommen,
Denn der Grund, der mich trug, ich fühl' es noch heute mit Schaudern,
Wankte mir unter den Füßen, und Taumelnde können auch fallen,
Doch, ich erblickte dich!--Und wurdest--versetzt sie--mein Retter,
Als ich mich vor dem Verfolger nicht länger zu schützen vermochte.
Mich auch hatte der Spott, wie dich, vom Hause getrieben,
Denn ich fühlte mich glücklich, daheim zu sitzen, ich hatte
Angst vor der großen Stadt, und wünschte mich ebensowenig
In den Strudel der Menschen, wie in den Strudel der Elbe,
Wenn sie flutet, hinein. Da aber hieß es beständig:
Diese ist wohl in Sachsen vom Baum heruntergefallen,
Daß sie keiner besucht, es kommt nicht Bruder noch Schwester,
Oder Onkel und Tante, auch hat sie ja keinen Geburtstag,
Denn ihr wird nicht geschrieben! Da ging ich denn endlich, als wär' es
Zu Verwandten und Freunden, allein ich kannte nicht einen
Von den Tausenden, welche hier wohnen, und all mein Vergnügen
War, die Stunden zu zählen, mein Kleid im Gedränge zu schützen
Und mir die Straßen zu merken, um abends den Rückweg zu finden.
So gelangt' ich vors Tor. Da aber gesellte sich plötzlich
Ein Begleiter zu mir. Ich hatte ihn niemals gesehen,
Lang und schmal, wie er war, und prangend in Ketten und Ringen,
Aber er wollte mich kennen, und grüßte von Vater und Mutter.
Als ich ihm sagte, er irre, die lägen schon lange im Grabe,
Sprach er, er meine die seinen, und blieb mir ruhig zur Seite.
So gewiß ich auch wußte, daß keiner mich kannte, so wollt' ich
Dennoch ersticken vor Scham, als wenn es mir mitten im Dorfe
Unter den Meinen geschähe, und suchte ihm rasch zu entkommen.
Aber, wie ich auch lief, und wie ich mich drehte und wandte:
Nichts gewann ich ihm ab, und spöttisch rief er am Ende:
Dirne, ich bin ja der Wind, du willst doch dem Wind nicht entlaufen?
Nun begann er sogar, von häßlichen Dingen zu reden,
Und je stiller es wurde, je mehr die Menschen verschwanden,
Um so kecker erging sich seine verworfene Zunge.
Rennen konnt' ich nicht mehr, und mag man die Augen verschließen:
Offen bleiben die Ohren, und herzlich begann ich zu weinen.
Aber er hörte nicht auf, es wurde je länger, je ärger
Und zugleich auch die Gegend verlaßner und wilder und wilder.
Da vernahm ich von ferne ein Pfeifen, das fröhlich und mutig
Klang und mir Hilfe verhieß, ich schrie, so laut ich's vermochte,
Und es währte nicht lange, so wurdest du sichtbar, dich hatte
Nur ein Knick2) noch verborgen. Du eiltest herbei, doch der andre
Lief nicht davon, er besah dich mit seinem vergoldeten Glase,
Welches an schwarzem Bande ihm baumelte über der Weste,
Sprach, er sei kein Räuber, doch ich das albernste Gänschen,
Und erkundigte sich nach Bauers Garten.--Du aber,
Mit den Augen mich prüfend und über und über erglühend,
Tratest ihm ernst in den Weg und riefst mit donnernder Stimme:
Herr, das Kind hat geweint, und ich, ich bin aus dem Lande,
Wo man die zinnernen Krüge vor Zeiten, wie lederne Schläuche,
So mit den grimmigen Fäusten zusammendrückte und quetschte,
Daß das verschüchterte Bier die Decke bespritzte und Löcher
Machte, als käm's aus der Büchse! Er lachte höhnisch und sagte,
Leicht in die Tasche greifend und klingelnd mit Gold und mit Silber:
Hier ist ein Taler, mein Freund, nun führ' Er die Liebste zu Ahrens,
Dort wird abends getanzt! Doch du--Ich mag es nicht denken,
Aber der Jüngling erwidert, die hangenden Locken ihr scheitelnd:
Kind, ich hätte mich selbst des Zorns nicht fähig gehalten,
Der mich so plötzlich ergriff, und keiner meiner Genossen,
Denn ich galt für ein Lamm. Auch wär' ihm gewiß nichts geschehen,
Hätt' er nur mich beschimpft, die seidenen Kleider allein schon
Hätten ihn sichergestellt, ich hätt' mich im stillen geärgert,
Auch vor dir mich geschämt, und doch wohl albern gelächelt,
Denn noch erblickt' ich den Herrn in jedem, welcher den feinern
Rock auf dem Leibe trug, und ließ mich drillen und hänseln.
Aber, wie ich dich sah und alles, was er geredet,
Von der brennenden Wange dir ablas, ward ich ein andrer,
Als ich mich je noch gefühlt im ganzen Leben, und eher
Hätt' ich dich selber verletzt, du wichst zwar bald auf die Seite,
Aber du faltetest doch die Hände und schienst mich zu bitten,
Ihn zu verschonen, als ihm die bündige Probe erlassen,
Daß die Fäuste noch immer in Wesselburen gedeihen3).
Nun, es sei ihm verziehn! Er wird es nicht wieder versuchen,
Und ich hab' es am Ende doch ihm allein zu verdanken,
Daß ich dich kennen gelernt, wie hätt' ich dich sonst wohl getroffen?
Und du wärst auch vor mir vielleicht so ängstlich gelaufen,
Wie nur immer vor ihm, drum wünsch' ich ihm nicht einmal Narben.
Aber, nun sprich, was es gibt! Mir dreht sich der Kopf noch im Wirbel!
Muß ich gewiß nicht zu Schiff? Ich geh' ja nicht gerne, obgleich ich
Hart am Meere erwuchs! Ich lieb' es den Wagen zu lenken,
Oder die Pferde zu tummeln, auch mag ich pflügen und dreschen,
Aber das Wasser war mir stets zuwider, und nie noch
Hab' ich den Fischer begleitet, so gern ich dem streifenden Jäger
Mich gesellte, wenn's ging! Wie ist nicht das eine schon gräßlich,
Daß man darin nicht bloß ertrinken, sondern darauf auch
Schmählich verdursten kann! Mir ward es hinter den Deichen
Immer schon eigen zu Mut, die gegen Stürme und Fluten
Uns das Ländchen beschirmen. Das Schrillen und Kreischen der Vögel
Mit den langen Hälsen und oft noch längeren Schnäbeln,
Welche im warmen Sande die bunt gesprenkelten Eier
Hinterlassen, die Muscheln und selbst die fettigen Kräuter
Mit den wolligen Blumen erfüllten mich immer mit Grausen,
Und ich brauchte nicht erst auf Toten-Gebeine zu stoßen,
Wie sie aus Schiffer-Gräbern vergilbt und vermorscht wohl hervorschaun,
Um das Knabengelüst nach Bernstein niederzukämpfen
Und von dannen zu fliehn. Da magst du dir denken, wie leicht mir's
Ward, den Entschluß zu fassen, mich dennoch der See zu vertrauen!
Aber ich war es dir schuldig, und wär' es mir übel ergangen,
Und ich erwartete nicht, ich darf es dir jetzt ja bekennen,
Was der Schmied und der Tischler erwarten, so wäre ich drüben
Bis an mein Ende geblieben, und wär's auch als Sklave gewesen,
Um dein Glück nicht zu hindern und andern den Weg zu vertreten.
Du verfärbst dich? Was hast du? O, hätte ich Narr doch geschwiegen,
Diese erzählte mir Träume, und ich, ich nahm sie für Wahrheit!
Aber das Mädchen erwidert: Man schaudert wohl auch bei Gefahren,
Die man erst völlig erkennt, nachdem sie vorübergegangen!
Also hatt' ich doch recht, sogleich das Ärgste zu fürchten
Und mich nicht zu besinnen! Nun mache nur du es nicht schlimmer,
Frage nicht, eile hinauf, und wenn ich selbst nur nicht Nein sprach,
Weil es zu plötzlich kam und mich verwirrte, so zeige
Du dich dafür als Mann, und gib dein entschlossenes Jawort!
Haus und Hof sind unser, sobald wir es selber nur wünschen,
Und wir sollen dafür-— ich weiß nicht, ob ich's verstanden,
Aber dort kommt er selbst, er wird dir's deutlicher sagen!
Und dem Kaufherrn, welcher die Tür soeben geöffnet,
Tritt der Jüngling entgegen und spricht: Ich habe das Mädchen
Nie als töricht gekannt, und dennoch kann ich's nicht glauben,
Daß ich mir wirklich ihr Stottern und Stammeln richtig gedeutet.
Wenn es aber so wäre, wie sie verkündet, so könnt' ich
Nur das einzige sagen: ich kenn' und liebe die Wirtschaft,
Und der jüngre Verwalter hat das voraus vor dem ältern,
Daß er sich selbst nicht schont, und nicht mit der Zunge bloß ackert.
Wenn Sie mir also vertrauen, obgleich die Erfahrung mir mangelt,
Werden Sie, was ich verseh', an Knechten und Pferden ersparen.
Wahrlich, ich werd' es an Fleiß nicht fehlen lassen, ich stehe
Jetzt schon der erste auf und bin der letzte zu Bette,
Und was einer dem Boden nur abzwingt, sei's an Getreide,
Sei's an Obst und an Vieh, das werden auch wir schon gewinnen!
Aber der Kaufherr spricht: Ihr säet und erntet euch selber,
Ich bin höchstens noch da, wenn Überschwemmung und Mißwachs,
Brand, Viehsterben und Krieg euch wider Verhoffen betreffen,
Um euch helfen zu können, im übrigen seid ihr die Eigner,
Und verpflichtet euch bloß, nicht wiederzukehren nach Hamburg,
Denn das Gut, das ich meine, liegt fern am Fuße des Brockens,
Und uns das Kind zu lassen, damit wir es christlich erziehen
Und es zum Träger des Namens, sowie zum Erben ernennen.
Christian, erst so erstaunt, als würd' er belehnt mit der Erde,
Denn er hatte nicht einmal an Pacht, geschweige an Herrschaft
Sich zu denken getraut bei ihren verworrenen Worten,
Fährt zusammen und schaut auf Magdalena, doch diese
Ruft: So ist's! Wir geloben's! und hängt mit ängstlichen Blicken
An dem Munde des Jünglings. Er schweigt noch lange, doch endlich
Sagt er: Was du versprichst, das kann ich halten! und bietet
Nun dem Kaufherrn fest zum Pfand und zum Siegel die Rechte.