Fünfter Gesang.
O, wie schön ist die Zeit, wenn schalkhaft hinter dem Winter
Schon der Lenz sich versteckt, wenn früh am Morgen die Lerche
Wirbelt, als hätte sie längst das Veilchen gesehen, und dennoch
Abends gern mit dem Spatz sich unter dem Balken verkröche,
Wo er im Neste kauert, und wenn die erste der Primeln
Durch den nämlichen Tropfen, an dem sie sich mittags erquickte,
Während die Sonne so brannte, vor Nacht ihr Ende noch findet,
Weil er gefriert und sie knickt! Wie ist sie in Ahnung und Hoffnung
Jener spätern voraus, wo schleichend hinter dem Sommer
So der Herbst sich verbirgt! Die Schauer von Hitze und Kälte
Wechseln zwar ganz, wie jetzt, allein es ziehen die Schwalben
Und es kommen die Raben, die einen nicht länger gefesselt
Von der Wärme, die andern nicht länger geschreckt, auch erblickt man
Schon die Erstlingsglieder der traurigen Kette von Blumen,
Welche, den Duft und die Farbe zugleich allmählich verlierend,
Schließt in der strohigten Aster, die selbst der Sturm nicht entblättert,
Sondern der Schnee begräbt!--Die schöne Zeit ist gekommen,
Und ein glückliches Paar, vom kurzen Tage ermüdet,
Weil es die spärliche Frist, die zwischen den Nebeln der Frühe
Liegt und den Nebeln des Abends, durch Fleiß zu verdoppeln gewohnt ist,
Setzt sich beim Scheine der Lampe behaglich zur dampfenden Suppe
Und verzehrt sie mit Lust, doch still und ohne zu reden,
Wie es der Landmann macht, um sich den Genuß nicht zu schmälern.
Dann hebt Christian an: Ich habe die Äcker und Wiesen
Heute wieder gemustert und kann es noch immer nicht fassen,
Daß ich auf eigenem Boden mich müde gelaufen. Er ist zwar
Nicht so fett, wie bei uns, auch hat man in müßigen Stunden
Steine genug zu sammeln, und wird sie sobald nicht vertilgen,
Weil, wie die Bauern hier sagen, der Teufel sie immer von neuem
Fallen läßt, wenn er nachts mit vollen Säcken vom Blocksberg
Abfährt, um sich dafür in Holstein Seelen zu kaufen,
Aber, wie dehnt sich das aus! Sogar das Eckchen am Berge
Ist noch unser, ich fragte! Und Magdalena erwidert,
Während sie einige Äpfel als unerwarteten Nachtisch
Bringt und lächelnd verteilt: Ich habe dagegen den Garten
Näher besehen und kann dir von jeglichem Baume vermelden,
Welche Früchte er trägt, wieviele, und wann er gesetzt ist.
Spare die Frage, du Schalk, ich hab's den Rinden der Stämme
Nicht entnommen, mir hat's der alte Pfarrer verkündet,
Welcher vorüber kam. Er kann sich der Zeit noch erinnern,
Wo das Haus nicht stand, und hat den hintersten Birnbaum,
Den uns der Mond jetzt zeigt, am Tage, wo man's gerichtet,
Eigenhändig gepflanzt. Den wollte er eben besuchen,
Weil er ihn liebt, und ich denke, wir schicken ihm jährlich ein Körbchen,
Ganz bis oben gefüllt mit allen Sorten zur Labung,
Wie es die andern getan, obgleich er uns schwerlich die Rede
Halten wird, wenn wir sterben! Du glaubst nicht, die edelsten Arten,
Wie sie der Gärtner nur hat, dabei dem Wind, wie entzogen,
Weil die Hügel uns decken, die lang geschweift sich dahinziehn,
Und gesucht auf dem Markt, wie keine! Es wäre Verschwendung,
Selbst davon zu kosten, als Weihnachts-Abend. Was horchst du?
Christian tritt zum Fenster und spricht, indem er es öffnet:
Regte die Kuh sich nicht? Ich lege mich heute nicht nieder,
Denn ich traue nicht recht. Es ist zwar nach dem Kalender
Auf der Türe am Stall noch eine Woche, doch weiß ich,
Daß sich die Knechte verrechnen, indem sie der Striche zu viele
Oder zu wenige machen, und habe ich, ohne zu murren,
Oder auch nur aufs Geheiß zu warten und Kaffee zu fordern,
Fremdes Vieh bewacht, wie sollt' ich das eigne vergessen!
Lachst du nicht mit? Das eigne! Ich glaube noch immer zu träumen.
Magdalena versetzte: Ich höre nicht auf, mich zu wundern,
Wenn ich so alles bedenke, am meisten aber erstaun' ich
Über die Trauung selbst. In stattlicher Kutsche zu fahren,
Während Vater und Mutter zu Fuße gingen und triefend
Vor dem Pastor erschienen, die angesehene Herrschaft
Und den Doktor als Zeugen zu haben, während die Eltern
Hirt und Wächter dienten und mürrisch das Wetter verfluchten,
Und am Abend der Schmaus: es war, um den Kopf zu verlieren!
Wäre dir nicht der Hut heruntergefallen, indem du
Gar zu eilig den Wagen besteigen wolltest, und hätte
Ich nicht die Locken zerdrückt und Kranz und Bänder verschoben,
Als ich zur Seite rückte: es wäre zu prächtig gegangen,
Und man hätt' uns zu stark beneidet, vielleicht gar beredet;
Aber nun gab's für die andern in Hülle und Fülle zu lachen,
Und wir beide kamen nicht eher aus dem Erröten
Wieder heraus, als im Dom, wo neue Sorgen begannen,
Oder erging es dir besser? Ich zitterte kindisch, zu zeitig
Oder zu spät mit dem Ja zu kommen, obgleich ich als Kind schon,
Hinter den Stühlen der Kirche mich mit den Gespielen versteckend,
Um vom brummenden Küster nicht fortgetrieben zu werden,
Manche Trauung gesehn und alles gehörig beachtet,
Was den Bräuten geziemt! Da ist es mir anders gegangen!--
Sagte Christian jetzt--Sobald ich die Orgel vernehme
Und den gekreuzigten Heiland mit seinen Wunden erblicke,
Hab' ich die Welt im Rücken und könnte Königen selber
Fest in die Augen schaun! So recht, noch einige Klötze
In den Ofen geschoben, damit ich nicht friere. Wie emsig
Bist du aber gewesen! Wie blinken Tiegel und Pfannen,
Nun sie die Flamme beleuchtet! So ist der Kessel von Kupfer,
Statt von Messing? Wie glänzt er! Den Spiegel wirst du nicht brauchen,
Jedes Geschirr ersetzt ihn, wir könnten ihn wieder verkaufen,
Wenn mein Bart nicht wäre, und diesen lasse ich wachsen,
Wie sie's hier alle tun, die Hirten sogar und die Fischer.
Was wir aber behalten, das sind die heiligen Bilder
Von dem verlorenen Sohn. Mit diesem hab' ich als Knabe
Oft zu Mittag gegessen. Mein Vater pflegte zu sagen,
Wenn es an allem gebracht, sogar an Salz und Kartoffeln,
Wie sich's im Winter zuweilen begab, wenn Fasnacht vorbei war:
Heute sind wir bei dem zu Gast gebeten! und zeigte
Auf die lustige Tafel, sie hing vergilbt und verräuchert
Über dem Ofen und hatte gewiß schon den zehnten Besitzer,
War auch nicht zu verkaufen und galt nicht einmal als Pfandstück,
Wo der Wüstling schwelgt und wo ihn die Dirnen bestehlen.
Trunken hebt er das Glas, den Wein verschüttend, zu Füßen
Liegt ihm ein leckeres Brot, vom Arm heruntergestoßen,
Welches ein Hund beschnüffelt, indes er, wenn er sich wendet
In dem geschaukelten Stuhl, es augenblicklich zertreten
Oder beschmutzen muß, und dies muß einig geschehen,
Wenn er nicht stürzen will. Der Tisch ist reichlich beladen
Mit den erlesensten Speisen und ausgewählten Getränken,
Aber ich wünschte mir nichts vom ganzen glänzenden Gastmahl
Für den brennenden Hunger, als dieses Brot, und ich hab' es
Tausendmal in Gedanken verzehrt und werde auf Erden
Niemand wieder beneiden, wie diesen Hund, der so satt ist,
Daß er es kaum beriecht. Nun geh mir aber zu Bette!
Wenn sich der Wind noch mehr erhebt, so will ich mich freuen,
Daß ich mein Feuer schüre und nicht mit dem Schmied und dem Tischler
Auf dem Ozean schiffe, du aber träume geschickter
Wie in der letzten Nacht, von Wilhelm und Anne, sie haben's
Jetzt so gut, wie die meisten, der Weihnacht hat sie gekräftigt!--
So verstreichen dem Paar die Stunden, die Tage und Wochen,
Eine der anderen gleich und keine besser und schlechter,
Wie im himmlischen Reich; sie sprechen zu keiner: verweise!
Oder: entferne dich rascher! Denn alle bringen dasselbe.
Nur die Arbeit wechselt. Der Pflug geht heute zu Felde,
Morgen wackelt die Egge ihm nach und ebnet die Furchen,
Welche er zog in der Erde, und wenn die beiden im Schuppen
Wieder ruhen, versucht sich die längst gedengelte Sense
Schon am ersten Grase. Indessen folgte der Primel
Mit dem fröhlichen Spatz, der selbst im Winter noch Trotz beut,
Still das liebliche Veilchen, von Fink und Lerche begleitet,
Und der heiße Hollunder, dem Maienglöckchen verschwistert,
Welcher die Nachtigall durch seine betäubenden Düfte
Aus dem Schlummer erweckt. Wer schwitzt, der sieht in der Sonne
Nur noch die Uhr, nicht den Stern, und alle Blumen und Vögel
Sind für den Ackrer nicht da. Doch Samstags bückt er sich gerne,
Wenn er am Abend die Ochsen zu Hause treibt, um ein Sträußchen
Mitzubringen, so gut er's eben findet, das Sonntags,
Vor den Busen gesteckt, die Liebste ziere zum Kirchgang.
Dies tat Christian auch, und Magdalena bedankte
Sich am folgenden Tag durch irgendein neues Gemüse,
Welches der Garten gebracht, sei's nun das zarte Radieschen
Oder der frische Spinat, und was die gütige Erde
Weiter bietet. So sind die fröhlichen Pfingsten gekommen,
Und mit dunkelnder Nacht, es war noch so vieles zu ordnen,
Um die festliche Rast mit Ruhe genießen zu können,
Tritt er singend ins Haus und bringt ihr den ersten Hollunder.
Stumm am Herde beschäftigt und gegen die Türe den Rücken
Kehrend, scheint sie ihn nicht zu hören, da tickt er ihr leise
Mit den tauigen Blumen auf ihren glühenden Nacken,
Dessen Tuch sich verschob. Sie fährt ein wenig zusammen
Vor der plötzlichen Kälte, wie wird ihm aber zumute,
Als sie, statt sich zu freuen und ihm nach ihrer Gewohnheit
Aus der dampfenden Pfanne den ersten Bissen zu reichen,
Daß er koste und lobe, den Strauß in wilder Bewegung
Aus den Händen ihm reißt und in die Flammen ihn schleudert.
Ängstlich sieht er sie an, doch eh' er die Lippen noch öffnet,
Stürzt sie ihm an die Brust und weint, als hätte sie eben
Himmel und Erde gekränkt und könne sich nimmer verzeihen.
Sie zu beschwichtigen, will ihm lange durchaus nicht gelingen,
Denn sie bebt vor sich selbst, und er fragt umsonst nach dem Grunde
Dieser heftigen Wallung. Sie hatte ihn freilich ein Stündchen
Früher erwartet zum Essen, und alles war ihr verbraten,
Doch erklärte das nichts. Da tritt, um Feuer zu zünden,
Eine Alte herein, die sie verwundert betrachtet,
Als sie die Tränen erblickt, die immer noch rollen, und der sie
Hastig erzählt, was geschehn, damit sie zu Christians Nachteil
Nicht das Verkehrte glaube. Die führt sie schmunzelnd beiseite,
Fragt sie manches und lacht. Dann spricht sie, indem sie sich wendet:
Ruft mich herüber, sobald sich die ersten Halme vergolden,
Länger wir's wohl nicht währen, und sorgt indes für die Hemden.
Was den Sünder betrifft, wo muß er geduldig sich fassen,
Wenn's auch noch ärger kommt, und denken, es zanke sein Kindlein,
Du gebrauche dein Recht, du darfst jetzt kratzen und beißen.
Als sie sich humpelnd entfernt, will Christian tanzen und jubeln,
Magdalena jedoch bedeckt ihr Gesicht mit den Händen,
Wie am Hochzeitsabend, als alle neckend den Erstling
Leben ließen, und nicht aus Scham allein und Verwirrung.
Da besinnt er sich schnell und sagt, um ihre Gedanken
Abzuleiten: Mich hungert! und als sie essen und trinken,
Fügt er hinzu: Nun mußt du mir morgen gewiß auf den Brocken,
Wie du mir's Ostern versprochen, denn wenn wir's wieder verpassen,
Wird dir das Steigen zu schwer, und immer wär' es doch schade,
Wenn der Sommer verginge, bevor wir mit eigenen Augen
Urians Sitz uns besehn, um nicht zu sehr zu erschrecken,
Wenn es im kommenden Herbst rumort zu unseren Häupten!
So beschwichtigt er sie und heiter verstreichen die Pfingsten,
Denn, vom herrlichsten Wetter begünstigt, erklimmen sie wirklich
Den verrufenen Berg, vor dem sie als Kinder schon bebten,
Wenn die Mutter, im Winter, beim Schein der erlöschenden Lampe
Sie entkleidend, die Taten des Besenstieles erzählte,
Und der Vater zum Schluß des feurigen Drachen noch dachte,
Während sie, schaudernd vor Angst, wie vor Frost, in die Kissen sich wühlten.
Seltsam starrt er sie an mit seinen Stollen und Schachten,
Die zur Hölle hinunterzuführen scheinen, und hätten
Sie's auch nie gehört, daß alle Dämonen hier hausen,
Würden sie dennoch zittern, dem Teufel hier zu begegnen,
Wenn die dunkelnde Nacht sie unter den Fratzengestalten
All der Felsen beschliche, die ringsum drohen und äffen
Und vielleicht um die Stunde der Geister zum Leben erwachen,
Um durch die Lüfte als Jäger auf glühenden Rossen zu stürmen,
Oder als Gnome zu spuken und waschende Mägde zu plagen.
Drum beeilen sie sich, zurück in die Täler zu kommen,
Die er nur dann betritt, wenn ein entsetzlicher Frevel
Ihm den heiligen Kreis der schirmenden Engel geöffnet,
Und beim Sinken der Sonne ihr Dörfchen wieder erreichend,
Wo das Geläut gerade verhallt, geloben sich beide,
Halb den Schwindel vor Augen und halb die empfundenen Schauer,
Auch in den Gliedern gelähmt, wie nie, und verlacht von den Nachbarn,
Keinen Festtag wieder auf diese Weise zu feiern.
Ihr verbietet sich's auch von selbst, denn ganz, wie's die Alte
Prophezeite, geschieht's. So wie die Rosen erglühen,
Werden die Wangen ihr bleich, und als die Levkojen sich füllen,
Kann sie sich kaum noch bücken, sie abzupflücken. Nur eines
Trifft nicht zu, sie wird nicht launisch, wie andre, die erste
Heftige Wallung ist zugleich auf die letzte gewesen,
Aber unendliche Trauer bemächtigt sich ihrer und stündlich
Gehen die Augen ihr über. Er sucht umsonst zu erfahren,
Was sie drückt, doch er kann sich genau des Tags noch erinnern,
Ja, der Stunde sogar, wo ihr in plötzlicher Zuckung
So die ersten Tränen entschossen. Sie hatte soeben
Leise gebetet, wie's schien, und hielt die flehenden Hände
Noch gefaltet, wie er, durchs Fenster lauschend, bemerkte,
Denn er kam zum Essen. Da fuhr sie auf einmal zusammen
Und begrub ihr Gesicht im Schoß. Er nahte sich hastig,
Weil er dachte, sie sei vielleicht von Schmerzen befallen,
Doch sie erhob das Haupt und suchte zu lächeln. Verwundert
Sah er sie an. Da begann sie zu schluchzen und ging in die Küche,
Um sich auszuweinen. Er folgte ihr, aber vergebens
Fragte er, was ihr sei. Indessen verdrängte den Sommer
Schon der ergiebige Herbst, und selten noch strotzte sein Füllhorn
So von allem zugleich, was für den traurigen Winter
Keller und Böden uns füllt. Denn meistens bringt er das eine
Reichlich, um mit dem andern zu kargen, da Hitze und Kälte,
Nasses und trockenes Wetter fast nie so günstig gemischt sind,
Daß auf jegliche Frucht nach Art und Maß und Bedürfnis
Immer das Rechte käme, und keine im Wechsel erfröre
Oder erstickte. Die Bäume im Garten drohen zu brechen,
Denn die nächtlichen Fröste des Mais vertilgten die Raupen
So erbarmungslos, daß neben Hummeln und Bienen
Fast der lustigste Schwärmer, der farbige Schmetterling, fehlte,
Als sie den Raubzug hielten im Reiche der Blumen und Blüten,
Und die Ähren sind schwer, als trügen sie goldene Körner
Und zerknicken die Halme, bevor noch die Sichel gewetzt ist.
Nun gibt's drinnen und draußen zu tun. Das Obst zu besorgen,
Fühlt sie sich noch imstand, wenn er's des Abends nur schüttelt,
Was sie selbst nicht vermag. Sie schlichtet am Tage die Haufen,
Nimmt das Erquetschte für sich, wie früher das Würmergestochne,
Schickt das wenig Verletzte, das Übermürbe und Weiche
Auf den Markt zum Verkauf und legt das Beste beiseite,
Um es, wenn Mangel entsteht, zu höherem Preis zu versilbern.
Er dagegen ist fleißig im Felde und macht die Erfahrung,
Daß der Tätigste selbst für sich die Kräfte noch immer
Anders braucht, als für Fremde, denn hat er früher für zweie
Schaffen können, so kann er's jetzt für dreie und fühlt sich
Doch zur Nacht nicht zu müde, um mit im Hause zu helfen.
Schon sind Roggen und Weizen in sicherer Scheuer geborgen,
Und so hat denn der Mensch sein Teil, nicht minder die Gerste,
Welche dem Mastvieh Mark und Fett und schweres Gewicht gibt,
Und es spritzte von oben nicht eine Wolke! Es fehlt jetzt
Nur noch der Hafer des Pferdes, so ist bis auf die Kartoffel,
Die dem Tier mit dem Menschen gemein ist, die Ernte vollendet.
Heut soll dieser daran, indes im Garten die Quitten,
Welche allein noch hängen, den luftigen Platz auf den Zweigen
Mit der dumpferen Kammer, wo auf der reinlichen Schütte
Schwestern und Brüder schon lagern, vertauschen müssen: die Garben
Fliegen lustig hinauf zum Wagen, da sieht man den Nachbar
Hastig nahen und winken mit ausgezogener Weste,
Weil's ihm am Tuch gebricht. Mit halb beladener Fuhre
Jagt ihm Christian gleich entgegen. Was trifft er zu Hause?
Eine glückliche Mutter, die unter Lachen und Weinen,
Rot und weiß zugleich, wie Apfelblüte, ein Knäblein
Trinken läßt. Sie ist nur kaum ins Bette getragen,
Denn sie hat es im Grünen geboren, als sie sich bückte,
Eine vergessene Birne emporzuheben, die gelblich
Blinkte unter dem Grase. Er küßt sie leise und flüstert:
Siehst du, daß man nicht stirbt? Nun trockne denn eilig die Tränen,
Sie mich so lange geängstigt. Sie aber erwidert mit Seufzen:
Ach, das habe ich nie gefürchtet! Ich hatte gebetet,
Daß es nicht kommen möchte, doch eh' ich das Amen gesprochen,
Hüpfte es mir zur Strafe im eigenen Schoße entgegen!
Sechster Gesang.
Unterdessen erwartet der Kaufherr, welcher die Gattin
Nach Italien führte, in Rom das stille Ereignis,
Denn es sollte so sein, als hätte sie selber geboren.
Endlich erhält er den Brief, von außen schon leicht zu erkennen
An den eisernen Zügen der dennoch zittrigen Handschrift,
Welcher die Meldung bringt. Er trägt ihn, ohne zu öffnen,
Gleich hinüber zu ihr und spricht: Es hat sich entschieden,
Aber nun frage dich eins, bevor das Siegel gelöst wird:
Ist dir jegliches Kind willkommen? Die wirkliche Mutter
Unterscheidet nicht zwischen dem einen und zwischen dem andern,
Ja, es ist so bestimmt durch Gottes ewige Fügung,
Und den Zug der Natur, daß ihr das gebrechliche Wesen
Über das kräftige geht, das kränkliche übers gesunde,
Aber die Fremde erschrickt vor einem verwachsnen Gebilde,
Und sie findet das Weinen und Schreien des Buckels abscheulich,
Was sie dem Engelsköpfchen verzeiht und gelassen erduldet.
Sie erwidert: Das habe ich alles bedacht und erwogen
Und bin meiner gewiß. Was Gott uns sendet, das werde
Ich mit Liebe begrüßen. Und wäre das Schicksal der Sarah
Mir noch am Ende bestimmt, ich machte sie nimmer zur Hagar,
Nein, ich fühlte mich doppelt beglückt und doppelt gesegnet,
Und man sollte nicht ahnen, daß ich nur eines von beiden
Unter dem Herzen getragen, so redlich würde ich teilen,
Was im Busen mir wohnt, das kann ich dir heilig beteuern.
Aber erbrich nur den Brief, damit ich vor allem erfahre,
Wie es ihr selber ergangen, ich habe schon lange gezittert.
Rasch durchfliegt er den Brief und spricht mit Lächeln: wie Eva!
Und das Kind ist gesund und wohl gebildet. Da treten
Ihr die Tränen ins Auge, und erst zum Himmel die Hände
Hebend, dann den Gemahl umarmend, vergeht sie in Rührung.
Aber er selber sagt: Ich darf den nackenden Knaben
Ruhig zum Erben ernennen, mir lebt kein einz'ger Verwandter,
Welcher mir näher stünde, und heut noch schreib' ich nach Hamburg
Und bestelle die Taufe zum Mai. Ich werd' ihn erziehen,
Daß er in jeglichem Armen den Bruder sieht und ihn tröstet,
Und so sorg' ich durch ihn, den Sohn des Volkes, noch immer
Über das Grab hinaus fürs Volk und gebe ein Beispiel,
Wie man Gespenster beschwört und doch nicht die Kugeln verteuert.
Denn dies liegt mir am Herzen. Es wanken im innersten Grunde
Alle Staaten der Erde, und wenig wird nur gebessert,
Ob die Rotten des Pöbels den Diener des Fürsten erschlagen
Und die blutige Tat auch blutig büßen und sühnen,
Oder noch schlechtere Junker den Mann des Gesetzes erschießen
Und, dem Richter entzogen, der Ächtung des Dichters verfallen.
Alles lebt nur von heute auf morgen, besonders Parteien,
Und so gewaltig die Kämpfe auch sind, so schrecklich die Siege,
Die sie im wechselnden Spiel des Kriegs einander entreißen:
Immer muß ich der Knaben am Flusse gedenken, die schaudern,
Wenn er, von allen Gewässern der ragenden Berge geschwollen,
Rauscht und sich schäumend ergießt, und jubeln, wenn sie ihn endlich
Wieder gefrieren sehn. Wer wird sich des Kahns noch erinnern,
Wenn er den Schlittschuh braucht, und wer des rostigen Schlittschuhs,
Wenn er im Kahne fährt? Warum den einen verzimmern
Oder den anderen putzen? Jetzt dauert's ja immer und ewig!
Geht es fort wie bisher, so werden Stände die Stände,
Völker die Völker vertilgen, und in die schweigende Öde
Kehren die Tiere zurück, die einst dem Menschen gewichen.
Aber du weißt, wie ich denke, nun eil' ich und schreibe dem Doktor!--
Also geschah's. Doch nie erschien ein Winter ihr länger,
Als der jetzige, welchen sie unter den Myrten verlebte,
Denn das muntre Gewimmel der bunten römischen Feste
Oder der heitere Chor der ewig lächelnden Musen,
Welche den zweiten Olymp hier fanden, vom ersten vertrieben,
War für sie nicht vorhanden, und wenn sie die Rosen erblickte,
Die, vom gemilderten Hauch der afrikanischen Wüste
Angeblasen, noch immer die frischen Gärten verzierten,
Konnte sie's kaum begreifen, daß ihre Schwestern in Deutschland
Nur in Kübeln und Töpfen die eingeschlafene Triebkraft
Fristen sollten, indes des Nordpols wütendste Stürme
Eisig sausten, und Schnee und Regen sich grimmig bekämpften.
Endlich wird es in Rom so heiß, daß jeder des Landes
Hinter den Alpen mit Sehnen gedenkt, denn plötzlich erscheint hier
Immer der Sommer, der wird nicht sanft vom lieblichen Frühling
Eingeführt, er ist da, und gleich verschrumpfen die Wiesen,
Deren erquickliches Grün im Norden sich ewig erneuert.
Aber der Kaufherr spricht: Jetzt hängt man die Pelze in Hamburg
An den Nagel und sucht in Harvstehude1) sich Primeln,
Darum mein' ich, wir lassen den Knaben allmählich entwöhnen
Und begeben uns dann, dem Veilchen folgend, verweilend,
Wo es eben erblüht, und scheidend, wo es vertrocknet,
Auf den Weg nach Hause. Und also ward es geordnet.
Aber das junge Paar im Harz verbrachte den Winter
Froh, wie keinen vorher. Wer zählt die Freuden der Eltern
An der Wiege des Kindes, und wer die Wonnen der Mutter,
Wenn sie noch alles in allem ihm sein darf, während der Vater
Ihm noch ferne steht, wie Himmel und Erde, und einzig
Durch die Sorge für sie, die beide vertritt, wie ihn selber,
Seine Liebe zu ihm betätigt! Wer nennt uns die Sprossen
Dieser goldenen Leiter der reinsten Gefühle, auf welcher
Sich der Mensch und der Engel begegnen und tauschen, und welche
Alle Sphären verbindet und alle Wesen vereinigt!
Welches irdische Glück ist diesem höchsten vergleichbar,
Das uns über uns selbst erhebt, indem wir's genießen,
Und wem wird es versagt, wem wird es gekränkt und geschmälert?
Wie der Kelch der Gemeinde auf gleiche Weise an alle
Kommt und alle erquickt, so kommt auch dieses an alle:
Fürsten empfinden's nicht tiefer, und Bettler empfinden's nicht schwächer,
Weil die einen den Säugling in Purpur wickeln, die andern
In die Krippe ihn legen, das gibt kein Mehr und kein Minder,
Und so ist die Natur gerecht im ganzen und großen
Und verteilt nur den Tand, die Flitter, nach Lust und nach Laune!--
Habt ihr euch je ein Nest mit Kinder-Augen betrachtet?
So vergrößert es euch und setzt zwei glückliche Menschen
Statt der Vögel hinein und einen lieblichen Knaben
Statt des piepsenden Jungen, das Atzen und Glustern und Blustern
Bleibt dasselbe. Wie wird zuerst darüber gestritten,
Wem er gleicht! Ein jeder entdeckt die Züge des andern,
Weil er sie lieber sieht, als seine eignen, doch täglich
Ist das kleine Gesicht verändert und völlig unmöglich
Scheint es, Frieden zu schließen. Es sind am Ende die Eltern,
Seine, oder die ihren, die auferstehen im Enkel,
Weil sie, Christian sagt's, vergaßen, sich malen zu lassen.
Welch ein Ereignis ist das erste wirkliche Lächeln,
Das die Mutter auf sich bezieht und jubelnd berichtet,
Daß er sie nun schon kenne, und, wenn sie gehe, vermisse!
Dann die zappelnden Arme, die ihren Nacken umklammern,
Wenn sie sich niederbückt, so wie die beseelteren Blicke
Und der erwiderte Kuß! Zuletzt die stampfenden Beine,
Welche die Erde suchen und dennoch scheuen, das Lallen
Mit gebundener Zunge und ungeduldigen Lippen,
Und der vernehmliche Laut! Wie oft muß Christian kommen,
Um ihn schlummern zu sehn! Wie gern verläßt er die Tenne,
Wo er drischt, und verdoppelt nachher die gewichtigen Schläge
Des geschwungenen Flegels, um das Versäumte bis Abend
Wieder einzubringen! Und ist nicht der Knabe in Wahrheit
Größer und klüger, als andre? Das Tannenbäumchen, zu Weihnacht
Angezündet, ist zwar noch überflüssig gewesen,
Aber erfreut er sich nicht des lustigen Hahnes zu Lichtmeß,
Welcher zuweilen die Stube besucht, des geschüttelten Kammes
Und des plötzlichen Krähens? Der Hahn macht eben Visite,
Und das Knäblein kreischt und klatscht vergnügt in die Hände,
Als der römische Brief, der seine Entwöhnung gebietet,
Eintrifft. Christian liest und spricht: Jetzt gibt ihm zu trinken,
Daß er ruhe und schlafe, wir haben zusammen zu sprechen.
Doch sie erbleicht und ruft: Die Ostern sind vor der Türe,
Und ich weiß, was es ist! Es fährt mir nur so in die Glieder,
Daß ich ihm nicht die Brust zu reichen wagte, und wenn er
Hungriger wäre, wie je. Er muß sich heute behelfen!
Christian aber versetzt: So seid ihr auf immer geschieden,
Denn die Stunde ist da. Zu morgen bring' ich dir Wermut,
Daß er von selbst verzichtet, er geht ja bald auf die Reise,
Und da muß er die Kuh vorher als Amme gewohnt sein.
Magdalena schweigt, doch wohl bemerkt es der Gatte,
Daß sie weint in der Nacht und auf die leiseste Regung
In der Frühe das Kind noch einmal stillt. Es erbarmt ihn,
Daß sie es heimlich tut, als wäre es schon ein Verbrechen,
Und ihn selber mit Angst betrachtet, ob er auch schlafe,
Und er hütet sich wohl, durch irgend eine Bewegung
Sie zu stören, er läßt sogar von ihr sich erwecken,
Um die letzte Besorgnis in ihr zu ersticken, obgleich er
Zittert, wenn er sich fragt: wie wird's nur weiter ergehen?
Aber es scheint, als hätte sie ihre Muttergefühle
Jetzt für immer bezwungen, denn leichter, als er sich's dachte,
Reicht sie am folgenden Tage dem sträubenden Knaben die fremde
Nahrung, die er nur selbst beharrlich sich weigert zu nehmen,
Und ist, wenn auch nicht froh, doch still und in sich beruhigt.
So verstreicht die Woche, er will sich durchaus nicht gewöhnen,
Doch er fällt nicht vom Fleisch, zu Christians höchster Verwundrung,
Der ihn nicht essen sieht und dennoch gedeihen und wachsen,
Und sie selber enthält sich edel jeglicher Klage.
Sonntags morgens läßt die Mutter ihn tanzen und springen,
Während der Vater pfeift, da löst sich zu beider Entzücken
Hell das erste Mama von seinen stammelnden Lippen.
Christian will ihn küssen, doch eh' er sich seiner bemächtigt,
Reißt sie selbst ihn empor und preßt ihn gegen den Busen,
Daß er erschrickt und weint, und ruft: Ich lasse dich nimmer!
Weg mit Äckern und Wiesen! Wir haben Arme und Beine,
Und wir sind dir nicht Güter, wir sind nur Liebe dir schuldig!
Daß du es weißt, mein Freund! Er hat noch immer getrunken,
Und es wird ihm kein Tag an seinem Jahre entzogen,
Hierin bin ich dir fest, in allem andern gefügig!
Hungern will ich und dursten, wie Vater und Mutter es taten,
Frieren und nackend gehn und ganze Nächte nicht schlafen,
Doch ich gebe ihn nicht und müßt' ich mich selber verkaufen!
Christian aber erwidert: Du weißt doch, daß wir gelobten,
Weißt doch, daß ich dir nicht geraten, noch dich getrieben,
Weißt doch, daß ich nur zögernd und nicht im Galopp dir gefolgt bin!
Nun, so wisse noch eins: ich haben, so lange ich lebe,
Nie mein Wort noch gebrochen und werde auch dieses nicht brechen,
Drum entwöhne ihn morgen, ich bring' dir den Wermut noch einmal.
Sie verstummt, denn sie hat noch nie so ernst ihn gesehen,
Und er schreitet hinaus, er sagt, die Kräuter zu pflücken,
Aber er tut es nur, um ihr den Kampf zu verhehlen,
Welchen er selber kämpft, und welcher die Seele ihm spaltet.
Sie hingegen umarmt und küßt den Knaben aufs neue,
Daß sie ihn fast erstickt und ruft, als ob er's verstände:
Nein, ich lasse dich nicht, es möge kommen, was wolle!
Und bevor noch der Abend herab auf die Erde sich senkte,
Ist ihr Entschluß gefaßt: sie will ihn stehlen und fliehen.
Still bereitet sie nun das kleine bescheidene Bündel,
Das ihr selber gehört, und wenn ihr die Tränen auch reichlich
Strömen bei dem Gedanken an die so bittere Trennung
Von dem Herzlich-Geliebten, so fühlt sie dennoch im Innern
Durch dies schmerzliche Opfer zugleich sich gestärkt und gehoben,
Und so wie das Vertrauen auf Gottes Erbarmen und Hilfe
Wächst durch dieses Gefühl, so steigt auch die lächelnde Hoffnung
Leise wieder empor vor ihren verdüsterten Blicken,
Und so sieht sie am Ende der langen Reihe von grauen
Monden und Jahren ein goldnes und sternengekröntes sich winken.
Morgen muß es geschehn, denn morgen soll sich die Quelle,
Welche ihr selber entspringt, verstopfen: wie will sie ihn tränken,
Wenn sie versiegte? Ein Dach ist leichter zu finden, es wohnen
Menschen in jeglicher Hütte, und Engel bereiten die Stätte,
Wenn sich die Unschuld naht, von Reue und Buße geleitet.
Schüchtern erkundet sie nun die nächsten Wege und Stege,
Denn, vom Lokomotiv entführt in brausender Eile,
Kennt sie die Straße nicht, auf der sie gekommen, und die sei
Jetzt mit Tritten des Huhns zurückzumessen beschlossen,
Weil ihr Wilhelm und Anna vor Augen stehen, wie Sterne.
Als der Tag nun erscheint, da kocht sie dem Gatten zum Abschied
Noch sein liebstes Gericht, doch kann sie selber nicht essen,
Denn ihr fiebert der Kopf, sie hat die Nacht nicht geschlafen,
Und ihr hüpfen die Pulse, als wollten die Adern zerspringen.
Christian merkt es wohl, ihm sind die heimlichen Tränen
Auch nicht entgangen, doch denkt er: sie will sich endlich bezwingen,
Und es kostet sie viel! Da klopft er ihr bloß auf die Wange,
Als er sich wieder erhebt und spricht: wir machen ihn glücklich!
Um die Dämmerungszeit begibt er sich dann in die Schmiede,
Wo man die Eisen des Pfluges ihm schärft, nun richtet sie alles
Für den Abend und schleicht sich fort, in doppelte Tücher
Ihren Knaben gehüllt und unter dem Arme das Bündel.
Ängstlich späht sie umher und duckt sich hinter die Büsche,
Wenn sie Kommende hört, sie stehn war noch nicht im Laube,
Aber sie decken sie schon, wenn nur der Knabe durch Schreien
Das Versteck nicht verrät. Doch geht auch mancher vorüber,
Der mit flüchtigem Auge das Reisig streift und sich wundert:
Keiner der Wenigen ist darunter, welche sie kennen,
Still auch verhält sich das Kind, durch leises Schaukeln beschwichtigt,
Und es senken die Schatten des Abends sich bald so gewaltig,
Daß sie sich eilen muß, um nur die verlassene Hütte
Zu erreichen, in der sie die Nacht zu verbringen beschlossen.
Einem Jäger gehört sie und liegt im Walde. Sie kennt sie,
Weil sie mit Christian einst, den fernsten Acker besuchend,
Sich vor Regen und Schlossen in ihr geborgen. Ein Lager,
Das sie im Innern trifft, aus dürren Blättern bereitet,
Kommt ihr freilich zustatten, doch möchte sie's lieber entbehren,
Denn sie fürchtet, es könnten auch andere Gäste erscheinen.
Doch sie setzt sich und reicht dem Knaben die Brust, die er lange
Tastend und greifend gefordert, und zieht zur eignen Erquickung
Einen der Äpfel hervor, womit sie die Tasche gefüllt hat.
Schmecken will er ihr nicht, sie legt ihn wieder beiseite,
Als sie eben gekostet, indes der Knabe behaglich
Trinkt, als wär' er daheim, und in den Pausen des Atmens
Kichert und endlich versinkt in seinen gewöhnlichen Schlummer.
Brausend erhebt sich der Wind und wirft die trockenen Zweige
Auf das bretterne Dach und bläst, als wollt' er's entführen,
Aber sie heißt ihn willkommen, obgleich sie bei heftigen Stößen
Immer zusammenfährt, er scheint ihr die Ruhe zu sichern,
Und mit den Kleidern des Bündels den Knaben noch sorglich bedeckend,
Wühlt sie sich ein in die Streu und fällt, erschöpft von den Qualen
Dieser Tage, in Schlaf, wie ein Tier, noch eh' sie gebetet.
Christian kommt indes mit seinem Eisen zu Hause
Und verwundert sich sehr, kein Licht zu sehen, er hat sich
Länger, wie sonst, verweilt, um aus dem Munde des Schmiedes
Manchen Rat zu vernehmen, denn dieser ist alt und erfahren,
Aber nicht immer freundlich, und noch viel seltner gesprächig.
Dennoch verschließt er gelassen den Stall, vergattert den Garten,
Trägt die Eisen zu Boden, und stellt sie, alles im Finstern,
Hinter dem Schornstein auf. Dann lauscht er hinein in die Küche,
Wo, er hört's vor der Tür, die Suppe brodelt, und als er
Magdalena beim Feuer nicht findet, wie er erwartet,
Öffnet er leise die Stube und fragt im Scherz, ob sie schlafe.
Alles stumm! Was ist das? Er tastet sich durch bis zur Wiege.
Sie ist leer! Er erschrickt und zündet eilig die Kerze.
Ein Gedeck auf dem Tisch! Die Mutter entfloh mit dem Kinde!
Doch wohin? Noch nicht weit! Es sind nur wenige Stunden!
Rasch zum Jäger! Er borgt mir sicher den eifrigsten Spürer,
Und das freundliche Tier ist willig, zu folgen, es kennt mich.
Wo ist ein Tuch von ihr? Und wo ein Strumpf von dem Knaben?
Beides ist schwer zu entdecken, doch endlich ist er so glücklich,
Und nun klopft er den Alten heraus und stottert zusammen,
Was er selbst nicht versteht, von nächtlichem Gehn und Verirren.
Dieser bewilligt den Hund, doch zweifelt er an dem Erfolge,
Weil es zu mächtig stürmt, als daß er die Spur nicht verlöre,
Wenn sie ein einziges Mal nur gegen den Wind sich gewendet.
Wirklich dreht das Tier auch lange vergeblich im Kreise,
Als es die Stube, wohin es geführt ward, wieder verlassen,
Ja, es heult vor Verdruß. Doch plötzlich beginnt es, zu schnüffeln,
Dann zu wedeln und fröhlich zu bellen. Nun schießt es von hinnen,
Daß ihm Christian kaum mit seiner hörnernen Leuchte
Nachzukommen vermag. Es geht zuweilen im Zickzack
Um die Büsche herum, doch nie versagt ihm die Wittrung,
Bis es die Hütte erreicht und anschlägt, um es zu melden.
Welch ein Schreck für die Arme, die drinnen kauert. Was ist das?
Ist's ein Wolf vom Gebirg'2)? Sie sollen bellen wie Hunde!
Oder ist es ein Hund? Dann kommt er nicht ohne Begleitung!
Hilf uns, heiliger Gott! Da wird die gebrechliche Türe
Aufgestoßen und schnoppernd, doch nicht mit glühenden Augen,
Fährt's im Sprunge herein. Sie greift voll Angst nach dem Knaben,
Welcher, geweckt aus dem Schlummer und seiner behaglichen Wärme
Ohne Schonung entrissen, mit Händen und Füßen zu stampfen
Und zu murren beginnt. So seid Ihr's gewiß und wahrhaftig?
Ruft mit keuchender Brust,--der Hund war grimmig gelaufen,
Als er der Hütte sich nahte, die ihm bekannt und vertraut war,--
Und die Leuchte erhebend mit ihrem verlöschenden Lichte,
Aus der Ferne der Gatte, das eifrige Bellen verstehend.
Rasch nun stürzt er heran und schließt sie fest in die Arme,
Streichelt das Tier, das leckend und dieses Dankes gewärtig
Ihn umschmeichelt, und spricht: So kannst du mich wirklich verlassen?
Ich vermöchte es nimmer und nimmer, von dir mich zu trennen.
Doch sie erwidert ihm sanft: Ich kann und ich darf ja nicht bleiben,
Und du darfst mich noch minder begleiten, das fühle ich selber,
Darum wär's viel besser, du hätt'st uns nicht wieder gefunden!
Aber, erschüttert, wie nie, versetzt er mit strömenden Tränen:
Kehre nur heute zurück, so gehen wir morgen zusammen!
Sieh, es legt sich der Wind, auch blinken schon einige Sterne,
Und ich trage den Knaben und diene dir selber zur Stütze!
Siebenter Gesang.
Als sie am folgenden Morgen beisammensitzen--die Sonne
Steht schon hoch, doch sie würden noch schlafen, hätte der Jäger
Nicht geklopft und gefragt, wie alles am Abend gegangen--
Sagt der Gatte mit Ernst: Es werde wie du beschlossen,
Denn ich darf dich nicht halten und kann noch weniger dulden,
Daß du bettelst, so lange mir Arme und Beine geblieben,
Aber wir müssen noch warten, denn als ein getreuer Verwalter
Will ich zum mindesten gehn, und viel noch gibt es zu pflügen.
Dann auch mußt du mir folgen, wohin ich dich führe, ich möchte
Diesem gütigen Herrn nicht wieder begegnen und auch nicht
Dieser freundlichen Frau, so wie dem redlichen Alten,
Die uns gewiß nicht gezwungen, und die wir dennoch so täuschen.
Über den Ozean müssen wir flüchten, der Schmied und der Tischler
Sind schon lange hinüber, und wenn wir sie finden, so werden
Sie uns die Wege bezeichnen und vor den Betrügern uns warnen.
O, ich verblende mich nicht! Du sagst mit Recht, daß das Wetter
Drüben wechselt, wie hier, und daß noch keiner das Unglück
Mit dem Staube der Straße sich von den Füßen geschüttelt,
Wenn er zu Schiffe stieg! Es wimmelt von Schelmen und Dieben,
Und wo kämen sie her und wagten das Rad und den Galgen,
Wenn es sich anders verhielte? Doch darf man immer noch hoffen,
Während der Mensch in Europa für ewige Zeiten verdammt ist,
Aus der Hand in den Mund zu leben, und endlich zu darben,
Da die jüngeren Kräfte die stumpfen des Alters verdrängen,
Ehe die Grube sich öffnet, wo müde Gebeine zerfallen.
Schweres steht uns bevor, und dieses scheint mir das schlimmste,
Daß nicht jedem die Luft bekommt, denn wenn wir erkrankten,
Wären wir auch verloren. Doch alles kann ja gelingen.
Sieh mich nicht fragend an, ich bin nicht minder entschlossen,
Weil ich weiß, was es gilt, und weil die traurigen Bilder
Meiner dürftigen Jugend sich unter die fröhlichen mischen,
Welche die neue Welt in leichten Gemütern entzündet:
Meine Träume sogar, du weißt es, sind immer beklommen,
Doch ich trug sie noch nie ins Leben hinüber und werde,
Wenn ich auch nicht erwarte, am eigenen Herde, wie heute,
Wieder zu sitzen und wieder mit eigenen Ochsen zu pflügen,
Ziehn, als hofft' ich das beste, und nur den Knaben bedauern.
Ja, du lächelnder Schelm, er faßt den Schläfer ins Auge,
Der sich gerade reckt, du wirst es teuer bezahlen,
Daß du die Milch der Mutter noch trinkst. In Samt und in Seide
Könntest du gehen und früh, die Bücher im zierlichen Ränzel,
Und das Pennal in der Hand, da Johanneum1) besuchen,
Um Lateinisch und Griechisch und Spanisch und Englisch zu lernen,
Während und jetzt vielleicht, in Lumpen gekleidet, die Schweine
Hüten mußt, wie dein Vater, und höchstens die Stimmen der Vögel
Nachzuahmen verstehst, wenn du dem Metzger die Herde
Zutreibst gegen den Winter! Die Handelsschule beziehen
Und nach einigen Jahren, verbracht auf nützlichen Reisen,
An der Börse sich zeigen, um endlich den stolzen Gesichtern
Dich zu gesellen, auf die der Makler schaut, wie der Ackrer
Auf die Sonne, damit er das Wetter des Tages erforsche!
Das ist alles dahin!--Doch Magdalena erwidert
Glühend: Auch die Gefahr, im Pavillon2) an der Alster,
Von den andern verführt, durch Trinken und Spielen und Fluchen
Sich hervorzutun, noch ehe der Bart ihm gewachsen,
Und im zwanzigsten Jahre begraben zu werden, wie mancher,
Welchem der Rücken schon bricht, bevor er sein Kreuz noch gesehen!
Denkst du des Sohns nicht mehr, der an der Mutter Geburtstag
Und, ich schaudre noch heute, vor ihren eigenen Augen
Sich erschoß, weil ihn nichts auf Erden noch lockte und reizte?
Laß ihn schwitzen, wie wir, wo wird er gewiß nicht verderben,
Und was Menschen gebrauchen, das können sie immer verdienen,
Wenn sie die Mühe nicht scheun. Du weißt, ich bin nicht so ängstlich,
Wie du selber, obgleich ich zweifle, ob es den Meinen
Besser erging, wie den Deinen, was du ja beständig behauptest,
Um dir den fröhlichen Mut, der mich beseelt, zu erklären.
Nein, wir haben wohl auch, das glaube, gehörig gehungert,
Und im Sommer sogar, und ganze Tage die Hoffnung
Bloß auf den Wind gesetzt, ob dieser die Bäume des Nachbars,
Welche die Zweige zu uns herüberstreckten, nicht schütteln
Und uns einiges Obst bescheren werde. Wir lagen,
Ich und die Schwester, die lange dahin ist, unter dem Zaune,
Hielten Gras in die Höhe, die Luft zu prüfen, und wagten,
Wenn kein Halm sich bewegte und immer stärker der Magen
Knurrte, auch wohl den Wurf. Es mangelt mir nicht an Erfahrung,
Aber ich fürchte mich nicht, ich will dich mit Freuden begleiten
Und ertragen, was kommt, es wird mich trösten und stärken,
Daß ich mein Kind nicht verkaufte. Ich hätt's ja auch nimmer versprochen
Für die Äcker und Wiesen, ich tat's, um dich zu behalten,
Und ich dacht' es mir nicht so schwer. Doch seit ich es sehe,
Ach, was sage ich da, schon seit ich es fühle und spüre,
Ist mir zumute, als sollt' ich mich selber zerreißen und teilen
Und die Hälfte begraben! Ich habe gesündigt und will es
Büßen, wie du's verhängst, nur eines mußt du gewähren,
Ehe wir ziehen, es liegt mir schon längst auf dem Herzen, die Taufe,
Dann hinüber mit Gott, und lieber heute als morgen!
Christian lächelt und spricht: Die Taufe entscheidet auch alles,
Doch es möge geschehn, so wie die Felder bestellt sind,
Und du selber dein Haus so blank geputzt wie ein Kästchen!
Denn wir dürfen uns nicht den Wellen und Winden vertrauen,
Eh' wir die heiligste Pflicht erfüllten gegen den Knaben,
Und ich wag' es nicht früher, als bis wir, zur Reise gerüstet,
Aus der Kirche sogleich fortschleichen können zum Schiffe.
Beide rühren sich nun, wie nie, und schaffen in Tagen,
Was die andern in Wochen, doch ist die Eile auch nötig,
Denn es nahen die Pfingsten und mit den Pfingsten der Kaufherr,
Wenn er nicht früher kommt, gelockt von dem seltenen Wetter.
Endlich ist es getan, und mit den schwieligen Händen
Setzt sich Christian hin und stellt die Rechnung zusammen,
Zählt den baren Erlös von Obst und Korn bis zum Heller
Auf und nimmt für sich selbst den schmalsten Lohn, der dem letzten
Aller Knechte gebührt, für Magdalena desgleichen,
Was die niedrigste Magd im schlechtesten Dienste bekäme:
Gern erließen sie's ganz, allein sie müssen ja leben!
Nun bestellt er die Taufe, er bittet den Jäger zum Paten,
Sagt: wir müssen verreisen, ein frommes Werk zu verrichten,
Und ersucht ihn zugleich, anstatt den gehenkelten Taler
In die Wiege zu legen, indes sein Vieh zu besorgen
Und aufs Häuschen zu sehn. Mit Schmunzeln erwidert der Alte:
Darum also so eifrig und nicht aus Geiz, wie die Knechte
Murrten welche sich schämten, den Acker vor dir zu verlassen,
Und doch fluchten und wünschten, du möchtest die Beine dir brechen?
Dazu helf' ich mit Freuden! Denn pfleg' ich auch selber der Andacht
Leider nur selten, nur dann, wenn mich bei Streifen im Walde
Irgend ein Kreuz erinnert, für einen meiner Genossen,
Welchen der Wildschütz traf, mein Vaterunser zu beten:
Gern doch hab' ich's an andern, und geh' ich auch kaum noch zu Ostern
Selbst in die Kirche, so jag' ich doch immer die Knaben von dannen,
Wenn ich vorüberkomme, die während der Predigt sich balgen!
Noch viel williger ist der Pfarrer, die heilige Handlung
Vorzunehmen, er hat im Scherz schon lange getrieben
Und im Ernst sich verwundert, daß sie nicht von selber sich melden.
Nun ist alles vollbracht, und gleich der folgende Morgen
Wird bestimmt für die Flucht. Doch Magdalena, die abends
Spät noch zum Krämer will, erblickt zu ihrem Entsetzen
Einen Wagen im Tor des Gasthofs, welchem die Herrschaft
Eben entsteigt, und ruft, zu Hause fliegend, mit Beben:
Auf! Sie sind da! Nur hinaus, so wie wir gehen und stehen!
Christian sieht auf die Uhr und spricht: Sie werden nicht kommen,
Ehe der Morgen tagt, doch freilich müssen wir eilen,
Denn mir mangelt der Mut, den beiden ins Auge zu schauen,
Und das Kind ist getauft, denn wäre das nicht geschehen,
Weiß ich nicht, was ich noch täte, doch jetzt ist alles vorüber,
Darum fort auf der Stelle, der Jäger muß uns verstecken!
Früh erhebt sich am Morgen der Kaufherr samt der Gemahlin,
Und, am würzigen Hauch der Lüfte sich innig erquickend,
Lassen sie rasch sich vom Diener des Wirts zum Häuschen geleiten.
Bald auch stehn sie davor. Wie blank sind Fenster und Läden,
Und wie sauber und rein die Beete des Gartens gehalten,
Welcher es zierlich umgibt! Die Gattin bückt sich im Gehen
Über den niedrigen Zaun und pflückt sich eine Aurikel,
Um sie als erste Gabe dem Kinde zu reichen, indessen
Er mit eiliger Hand die Pforte öffnet und lächelnd
Winkt, ihm leise zu folgen, denn durch die hintere Türe
Denkt er das Paar zu beschleichen. Sie kommen auch leicht in die Küche,
Und, ein wenig verwundert, das Feuer nicht brennen zu sehen,
Auf den Zehen ins Zimmer. Doch alles ist leer und verlassen,
Und man sieht nicht die Spur des häuslichen Waltens. Der Nachbar,
Von dem Brunnen, an dem er sich wäscht, herübergerufen,
Ist erstaunt, wie sie selbst, doch löst er ihnen das Rätsel
Durch ein einziges Wort: er spricht von der gestrigen Taufe,
Und ein Brief auf dem Tisch, die wohlgeordnete Rechnung
Und die Lade mit Geld daneben bestätigen alles,
Was sie ahnen und fürchten, sowie sie's hören. Die Gattin
Ruft, im Tiefsten bewegt: So ist es also gekommen,
Wie ich's immer besorgt, sie können's und wollen's nicht geben!
Aber ich muß sie darum nur höher achten und lieben,
Wenn ich auch jetzt erröte, indem ich der Fragen gedenke,
Die mich in Hamburg erwarten, des Zischelns und Tuschelns und Lächelns,
Und ich werde nicht ruhig, bevor wir sie wieder gefunden,
Denn sie dürfen sich nicht in Not und Kummer verzehren,
Und sie zittern vor uns und denken, wir könnte es rauben!
Beide eilen zum Pfarrer, doch dieser weist sie zum Jäger,
Und das geflüchtete Paar, versteckt auf dem Boden und spähend,
Sieht sie kommen und glaubt sich verraten. Doch leugnet der Alte
Jegliche Kunde von ihnen, und ihre klopfenden Herzen
Schlagen schon weniger rasch, da schreit, vom Dunkel geängstigt
Und vom Rauche gequält, der Knabe. Man fragt nach dem Kinde
Und man wünscht es zu sehn. Der Alte holt es herunter,
Aber er sagt dabei, es sei sein Enkel, die Mutter
Liege im Bette krank. Sie herzen und küssen den Knaben,
Loben sein lockiges Haar und seine blitzenden Augen,
Geben ihm die Aurikel, beschenken den Alten und gehen.
Aber, freundliche Muse, die uns so treulich geleitet,
Knüpfe die Menschen doch gleich in Liebe wieder zusammen,
Welche so ängstlich sie suchen und wieder so töricht sie fliehen:
Hat sie das Kind, das sie trennt und eint, doch schon flüchtig verbunden!
Deutest du weiter? Es sei! Du führst auf längerem Wege
Sicher zum schöneren Ziel, und willig wollen wir folgen,
Denn du lächelst und nickst und legst die Hand auf den Busen!