Christian atmet wieder, und Magdalena erhebt sich,
Denn sie hatte gekniet, so wie sich die beiden entfernen,
Aber der Alte spricht: Ich folge ihnen ins Städtchen,
Um zu erfahren, was ferner geschieht, und werd' es euch melden.
Als er zurückkehrt, sagt er: Sie sind beim Richter gewesen,
Und, ich merkte es wohl, was dieser nur irgend an Spähern
Aufzubieten vermag, das ist auch heimlich zu Gange,
Doch ich lache darüber, es ward noch keiner ergriffen,
Welchen der Jäger beschützt, und scheint dies alles auch seltsam,
Eure Gesichter sind gut, und also helf' ich euch weiter!
Redlich hält er auch Wort und schafft sie über die Grenze,
Wo er, ohne zu fragen und ohne auch nur zu gestatten,
Daß sich Christian ihm vertraute, wie es ihn drängte,
Sie dem Himmel empfahl und mit dem Dukaten beschenkte,
Welchen der Kaufherr ihm gegeben hatte. So sind sie
Mit sich selber allein. Die Berge treten allmählich
Mit den Wäldern zurück, und offen breitet die Straße
Durch die Ebne sich aus, doch Christian meidet sie ängstlich,
Weil ihn neben den Spürern und Streifern zu Fuß und zu Pferde,
Die im Dienst des Gesetzes den Frevel belauern und packen,
Auch die Zungen der Erde, die Telegraphen, erschrecken,
Welche Städte mit Städten und Länder mit Ländern verbinden
Und den Tod, wie das Leben, von einem zum andern befördern.
Selten erscheint ihm ein Weg so abgelegen und düster,
Daß er ihn nicht betritt, um diesem in Eisen gegossnen
Spinnennetz zu entschlüpfen, an dem die Könige weben,
Und so ziehn sie einher, als wären sie Schelme und Diebe,
Tragen unendliche Last und Mühe bei Tage und müssen
In den ödesten Schenken die traurigsten Nächte verbringen.
Welch ein verändertes Los für beide! Wie hart und wie bitter!
Doch je härter der Druck, je bittrer so manche Entbehrung,
Um so ruhiger wird's der flüchtigen Mutter im Busen,
Christian aber fühlt sich getröstet durch den Gedanken,
Daß er doch alles teilt, und daß sie nicht ohne ihn irren.
Sie ist noch immer so reich, ihr hungriges Kind zu erquicken,
Er noch immer so stark, sein zitterndes Weib zu beschirmen,
Und so oft es auch scheint, als wäre man ihnen im Nacken:
Immer sind sie so glücklich bei Nebel und Nacht zu entkommen.
Eins nur peinigt sie noch: Die Summe verringert sich täglich,
Die sie brauchen in Bremen, um überfahren zu können,
Und sie prüfen schon oft die überflüssigen Kleider,
Die sich verkaufen lassen, um dieses Lücke zu decken.
Eines Abends geschieht es wieder, da flucht's vor der Türe,
Und mit vielem Gelärm, er konnte die Klinke nicht finden,
Tritt ein Gesell herein, in dem sie, den Augen nicht trauend,
Endlich den Tischler erkennen. So bist du im Lande geblieben?
Ruft ihm Christian zu. Zurückgekehrt aus der Traufe
In den Regen--versetzt er--und habe das Leben gerettet,
Welches der Schmied verlor. Es ist noch ärger da drüben,
Und wir Deutsche besonders, wir müssen uns ducken und drücken,
Wie die Hunde bei uns! Denn wäre der Schmied nur ein Franzmann,
Oder ein Beefsteak-Fresser, so würden schon ganze Armeen
Über die See geschickt, doch auf der Leiche des Deutschen
Legt der Mörder sich schlafen, und keiner stört ihm die Ruhe,
Wenn er nicht selber niest und sich weckt. Wir wollten hinüber!
Wirft ihm Christian ein. So laß dich warnen! erwidert
Lachend der andre und schleudert den Ranzen hinter den Ofen,
Fordert sich Wein und rückt heran. Wir haben uns drüben,
Wie in Ägypten die Juden, vermehrt und werden, wie diese,
Weil sie uns fürchten und hassen, gehetzt und vertilgt. In Europa
Mußt du stehlen, bevor man dich hängt. Dort wirst du gehangen,
Eh' du gestohlen hast! Und was dich immer auch jage:
Bleibe daheim. Es wird bei uns auch, ehe wir's denken,
Anders werden und besser. Du blickst erstaunt und verwundert?
Bruder, das ist nicht geprahlt, ich kehre zwar nackter und ärmer,
Aber auch klüger zurück. Man hat mir vernünft'ger gepredigt,
Als in der Jugend geschah. Du weißt doch, daß man dich einmal
Schändlich bestahl? Wo hast du Güter? Wo stehen die Häuser,
Die du vermietest? Wo wiehert dein Gaul? Wo melkst du die Kühe?
Schurken haben dir alles entrissen, noch eh' du geboren
Wurdest, und halten es fest. Das hat der klügste Franzose
Ausgespürt: wer besitzt, ist ein Dieb, und so viele Dukaten,
Ebensoviele Verbrechen! Doch wird's nicht lange mehr dauern,
Denn das jüngste Gericht ist nah. Du mußt nicht erwarten,
Daß in den Wolken die Engel mit ihren Posaunen erscheinen,
Diesen hat man die Flügel gestutzt, wir blasen uns selber,
Statt des Zeichens zu harren, und schleifen inzwischen die Äxte!
Deinen Jungen beneid' ich! Er wächst ins goldene Alter,
Wie in den Frühling hinein, und wird nur im Tanze noch schwitzen.
Aber, wie kommst du mir vor? Du machst ein Gesicht, wie ein Reicher!
Bist du's etwa geworden? Ich hörte so manches in Hamburg.
Hast du im Trüben gefischt, und eilst, dich sicher zu stellen?
Freund, entdecke dich mir! Vor einem Jahre noch hätt' ich
Dich beim Kragen gepackt und laut nach dem Büttel geschrien,
Heute sage ich dir: noch ehe die dummen Gesetze
Dich erreichen, wonach der Dieb den wahren Besitzer
Straft, sind alle getilgt. Das habe ich selber von Weitling3),
Dem es Christus vertraute, denn der ist lange schon unten,
Und sie sehen sich oft und sind die besten Bekannten.
Christian schlägt mit der Faust auf den Tisch, er kann sich nicht halten,
Aber der andre trinkt und spricht: Ich sollte doch meinen,
Daß ich dir Gutes verkünde, du selbst gehörtest ja früher
Zu den Schluckern, für welchen die weißen Haare des Scheitels
Hunger und Kummer bedeuten, und dich am wenigsten hätt' ich
Auf der Seite der Schwelger vermutet, doch ganz nach Gefallen!
Daß sie Soldaten haben, das wissen wir alle und machen
Auf den Kampf uns gefaßt, doch daß sich ihren Soldaten
Toren mit knurrenden Magen gesellen, um die zu bestreiten,
Welche das Essen bringen, das hat wohl keiner erwartet.
Aber, du tust auch nur so, ich weiß ja von Wilhelm und Anna,
Daß man dich sucht, und man trifft die Leute mit sauberm Gewissen
Nicht auf heimlichen Straßen, wie arme Teufel vom Handwerk,
Welche fechten und schnurren, und nicht in Schenken, wie diese.
Deine besten Bekannten in Hamburg schütteln die Köpfe,
Und die Feinde und Neider erzählen sich schlechte Geschichten:
Sag' doch nur, was es ist, man denkt sich schon lange das Ärgste!
Denn ein Millionär verschmerzt die geringen Verlüste
Bis zu Hundert mit Lachen und bis zu Tausend mit Flüchen,
Doch sie haben sich so, besonders die Frau, wie ich höre,
Euch zu erwischen, als gälte es Diamanten und Perlen!
Christian aber erhebt sich und spricht die gelassenen Worte:
Wenn es ist, wie du sagst, und wenn sie so wenig uns schonten,
Daß uns die geifernden Zungen den ehrlichen Namen belecken,
Nun, so geh' ich hinüber, und das noch morgen! Denn nimmer
Soll man die redlichsten Eltern in ihrem Sohne beschimpfen,
Oder dem ärmsten der Kinder sein einziges Erbe verkürzen,
Und es komme, wie's will, die Ehre werd' ich mir wahren!
Was dich selber betrifft und deine verworfenen Lehren,
So verlaß dich darauf, ich würde, wenn Ihr Euch regtet,
Selbst den Wuchrer beschützen, und wären wenige Stunden
Früher mein Weib und mein Kind vor seiner Tür verhungert,
Und ich hätt' nur noch Kraft zu einem einzigen Schlage.
Denn ihr seid ja ärger, als Feuer und Wasser und alles,
Und wer fragt, wenn es brennt, nach Freunden und Feinden beim Löschen?
Dieses wäre gesagt--und nun für immer geschieden!
Aber der Tischler versetzt: Das nenn' ich von oben gesprochen,
Doch ich glaube dir nicht, und wär' ich, wie du mich schilderst,
Würd' ich erwidern: mein Held, ich will dich nach Hamburg begleiten,
Daß du dein Ziel nicht verfehlst, ich habe die Zeit, und ich werde,
Wenn ich dich bringe, vielleicht noch eine Belohnung erhalten.
Aber, ich wünsche dir Glück auf allen Wegen und Stegen,
Die du auch wandeln magst, und werde dir sicher nicht nachsehn,
Wenn du dich morgen entfernst, wir haben zusammen getrunken.
Christian schweigt, er fühlt sich von diesen Worten getroffen,
Doch Magdalena erglüht und ruft: Ich will es dir sagen,
Was uns treibt, daß du's weißt! Wir haben für Mittel zur Heirat
Ihnen den Knaben versprochen, und fliehen nur darum so ängstlich,
Um ihn nicht geben zu müssen, denn dieses würde mich töten.
Aber der Tischler lacht und spricht: Da sieht man aufs neue,
Daß ihr die Welt nicht kennt! Wie könnt ihr Toren nur glauben,
Daß man euch zwingen kann? Doch nun begreife ich alles!
Hieß es ja doch, sie hätten den sehnlichst erwarteten Erben
Endlich in fremden Landen bekommen und wieder verloren
Und sie gingen in Trauer! Mich dünkt, ich sehe den Toten!--
Rasch nun geht es nach Hamburg, und schon in wenigen Tagen
Sehn sie die Türme der Stadt. Als Magdalena erzittert
Und ihn bittet, sie selbst mit ihrem Knaben im Dorfe
Über der Grenze zu lassen, erwidert Christian ruhig:
Nein, der Tischler hat recht, uns zwingt kein Gesetz, ihn zu geben,
Wie ein verhökertes Kalb. Auch habe ich minder den Richter,
Als sie selber gefürchtet, sie schienen mir beide so edel,
Daß ich mich meiner schämte, so wie ich ihrer nur dachte:
Aber, da sie uns wirklich, wie grobe Verbrecher, behandeln,
Hat das alles ein Ende, und ruhig werde ich fragen,
Wenn ich sie sehe, und kühn dabei die Augen erheben:
War die Rechnung nicht richtig? Sie fühlt sich selber ermutigt
Durch das entschlossene Wesen des Gatten und, ohne zu zaudern
Oder ängstlich zu tun und hin und wieder zu blicken,
Folgt sie ihm in das Tor. Wie jubeln Wilhelm und Anna,
Als die beiden auf einmal die reinliche Stube betreten,
Welche sie jetzt bewohnen. Sie rufen: Nun haben wir hundert
Taler mehr im Vermögen, denn diese sind uns versprochen,
Wenn wir verkündigen können, wo ihr euch befindet! Da seid ihr,
Und nun brauchen wir bloß die Türe zu schließen, so haben
Wir euch selber gefangen! Doch seht, noch brodelt der Kessel,
Und wir wollen uns erst durch einen tüchtigen Kaffee
Für die Hochzeit bedanken, denn sicher seid ihr doch durstig.
Christian grollt und spricht: So wurden auf unsere Köpfe
Auch schon Preise gesetzt? Das tut man bei Räubern und Mördern!
Wenn es euch aber gelüstet, das Geld zu verdienen, so haltet
Nicht beim Feuer euch auf und tändelt mir nicht mit dem Knaben,
Eilt, so sehr ihr nur könnt, ich kam, mich selber zu melden,
Und ich hoffe sogar, am Galgen vorüber zu kommen.
Manchen Späher bemerkt' ich und manche verdächtige Schenke
Hab' ich betreten, und doch entging ich den Fallen und Netzen;
Wenn ihr mich heute erblickt, so kam ich aus eigner Bewegung,
Statt mich nach Bremen zu wenden, denn nichts verschloß mir die Straße.
Wohl dir, daß du es nicht getan, entgegnet ihm Wilhelm,
Nur mit Mühe zum Ernst sich zwingend und feierlich blickend,
Denn man hätt' dich in Bremen nicht fortgelassen, die Häfen
Waren alle besetzt, und jeglicher wurde gemustert!
Christian ballt die Faust, doch Anna verschließt ihm die Lippen
Mit den Fingern und spricht: Es wäre doch besser gewesen,
Wenn du in irgend ein Netz gegangen wärest, du hättest
Weniger Sorgen gehabt, auch würde der Knabe nicht husten,
Denn du flohst vor dem Glück, und haben sie Späher gesendet
Oder Preise gesetzt, so ist das alles geschehen,
Um dir Kunde zu geben, das haben sie selbst mir beteuert,
Daß sie die Schuld dir erlassen, ich weiß nicht, welche sie meinen,
Aber das Gut dir schenken! Nun brauch' nach Belieben die Zunge.
Christian deckt sein Gesicht mit beiden Händen, ein Zittern
Überkommt ihn, er ist nicht eines Wortes noch mächtig,
Und ein jegliches Glied will reden; endlich beginnt er:
Nun, so bin ich nicht wert, daß Sonne und Mond mich bescheinen,
Und ich rufe die Flüche, die eben, was sollt' ich's verhehlen,
In die Kehle mir stiegen, als du den Mund mir verschlossest,
Auf mein eigenes Haupt herab und vollziehe sie selber!
Magdalena jedoch, der längst die Tränen entströmten,
Schließt ihn rasch in die Arme und küßt ihn und zeigt ihm den Knaben,
Dem sie die Händchen gefaltet und dessen verwundertes Lächeln
Über sich selbst und die Mutter sein Rasen bändigt, so daß er
Sich nicht schlägt und zerrauft, wie er wollte, im Wüten der Reue;
Wilhelm ergriff indes den Hut und eilte von dannen.
Aber der Kaufherr sitzt mit seiner Gattin beim Frühstück,
Und sie fragt mit den Augen, doch nicht mit den Lippen, ob wieder
Keine Kunde gekommen. Er spricht: Es kann ja nicht fehlen,
Daß wir's endlich erfahren, wie sehr sie sich immer verkriechen!
Wär's für den Reichen schon schwer, sich ganz und gar zu verbergen,
Wenn die Grille ihm käme, so kann es dem Armen noch minder
Glücken: er muß sich ernähren und also heraus um die Arbeit,
Und wir wissen's am besten, wie wenig der dürftige Pfenning,
Den sie nahmen für sich, genügt, sie Monde und Jahre
Zu erhalten, so tröste dich jetzt, was du früher beklagtest!
Sie erwidert darauf: Und kann der Knabe nicht sterben?
Oder können sie nicht in fremde Länder entkommen?
Nein, ich ängstige mich zu Tode! Je länger es dauert,
Um so weniger dürfen wir hoffen, sie wieder zu finden!
Ich vernehme vielleicht, damit mich das Bitterste treffe,
Wo sie erlagen, und kann die Gräber mit Blumen verzieren,
Aber ich werde sie nicht für ihre erduldeten Leiden,
Wie ich hoffte, belohnen, mich wird ein Engel verdrängen.
O, wie werd' ich gestraft! Ich wußte mein Glück nicht zu schätzen!
Wie, wer nie noch die Luft auf Augenblicke entbehrte,
Garnicht weiß, was sie ist, und aus dem eitelsten Grunde
Hab' ich mit drückende Schuld mir die Seele belastet! Denn nimmer
Wär' ich dem Doktor gefolgt, auch hätt' er's gewiß nicht geraten,
Wenn nicht die törichte Scham vor anderen Müttern, verbunden
Mit dem sündlichen Neid auf ihre blühenden Kinder,
Mich seit Jahren besessen und in der versuchenden Stunde
Mir das Herz in der Brust verhärtet hätte! Mich quälen
Jetzt die schrecklichsten Bilder, ich sehe die blassen Gesichter
Ausgewanderter Mädchen und Knaben, wie sie mich früher
Oft am Hafen entsetzten, und all die vermessenen Wünsche,
Die ich so lange gehegt im ungeduldigen Busen,
Lösen sich auf in dem einen: das Kind gerettet zu wissen,
Das ich frevelnd ins Leben gerufen, doch wird's nicht geschehen!
Da erschallt vor der Tür die laute Stimme des Doktors,
Jubelnd tritt er herein und ruft: Gefunden! Gefunden!
Und, er hat sie sogleich durch Wilhelm, der's ihm gemeldet,
Holen lassen, verwirrt und blöde folgen die andern:
Magdalena voran, im Arm den lieblichen Knaben,
Christian hinterher, die Augen zu Boden geschlagen,
Wilhelm und Anne zuletzt, und nur bis zur Schwelle sich trauend,
Jene dem heiligen Paar vergleichbar, diese den Hirten.
Aber die Gattin faltet die Hände und hebt sie zum Himmel,
Preßt dann Mutter und Kind ans Herz und schluchzt: Ich genieße
Jetzt die seligste Stunde des Lebens durch reichste Erfüllung
Meines heiligsten Wunsches und opfre mit Freuden die andern.
Ja, nun sag' ich mit dir, sie wendet sich innig zum Gatten,
Unsere Kinder sind die Armen, doch bleibt mir von allen
Dieser Knabe der nächste, denn ihm verdank' ich den Frieden,
Den ich nie noch gekannt, und den die Erde nicht mindert,
Wenn man ihn einmal errang, und selbst der Himmel nicht steigert.
Doch, was ist das? Ich konnte bisher vor Tränen nicht sehen!
Diese lockigen Haare und diese blitzenden Augen
Soll ich kennen! Ja! ja! Das ist der Enkel des Jägers!
Herr, ich kann dich verstehn! Du wolltest im Feuer mich läutern,
Darum durft' ich nicht gleich ihn finden! Doch schütztest du selbst ihn
Mit allmächtiger Hand! Für alles sei mir gepriesen!