Auf Lene machte dies freilich Eindruck, aber er war anderer Art, als ich beabsichtigt hatte. Statt vor mir, wir vor einer gefüllten Pulvertonne, zurückzuschaudern, schien sie immer mehr Geschmack an mir zu finden: ich glaube, ich hätte der Teufel selbst sein können, ihr wär's recht gewesen, sie mochte sich's zutrauen, selbst den Teufel zu bändigen. So war mir's denn ziemlich gleichgültig, als der Plan, den ich eines Sonntagsmittags—Sonntags mußt' ich sie spazieren führen—auf einen großen, uns begegnenden Pudel baute, zu Wasser ging. Sie hatte mir nach ihrer Unart eben ins Ohr gesagt: "Ich hab' dich doch recht lieb, Christoph!"—"Der Pudel da," dacht' ich, "soll dich von der verdammten Liebe etwas kurieren und dir einigen Respekt vor deinem künftigen Man einflößen; ich will dir's zeigen, daß ich's nicht bloß mit Mäusen und Kätzchen aufnehme, sondern, seines giftigen Gebisses ungeachtet, auch mit einem Hund." Also schritt ich, ohne ihm, wie sonst, auszuweichen, frisch auf den Pudel zu. Es war eine drückende Hitze; der Pudel, halsstarrig bis zur Faulheit, verfolgte, zwar noch nicht knurrend, aber doch schon frech und unverschämt zu mir aufblickend, in gerader Linie seinen Weg. Lene wollte ausbiegen. "Ei was!" rief ich, sie festhaltend, "du wirst doch den niederträchtigen Köter nicht fürchten?" Ich holte wie vom Teufel besessen mit dem Spazierstöckchen aus zum Schlag. Der Pudel zieht sich nicht zurück, herausfordernd die Zähne fletschend sieht er mich an. Gereizt schlage ich wirklich zu. Sollte man's glauben? Die aufsätzige Bestie schnappt mir nach den Waden, statt sich auf die Flucht zu begeben. Da überwältigt mich meine Natur, ich reiße mich von meiner Braut los und springe über den Graben. Scham ergreift mich, als ich mir des unwillkürlichen Ausreißens bewußt werde, ich wage kaum, mich umzusehen. "Die Gefahr ist vorüber!" ruft laut lachend Lene mir zu; zu meinem großen Ärger bemerke ich, daß sie den Hund richtig mit Steinwürfen vertrieben hat und ihm, mir zum offenbaren Hohn, noch einige nachsenden will. "Liebes Kind," sag' ich, "nimm dich in acht, bedenkst du denn nicht, daß wir in den Hundstagen sind? Er ist ja toll!"—"Was?" ruft sie, plötzlich erschreckend, aus und läßt ihre Steine zu Boden fallen. "Allerdings," versetze ich und kehre wieder an ihre Seite und; "bemerktest du nicht, wie ihm der Schaum vorm Maul stand, wie er den Schwanz zwischen die Beine klemmte, wie häßlich rot seine Augen waren, welch unnatürlich Gelüst er zum Menschenfleisch trug?" In diesem Augenblick ging der abscheuliche Pudel, heiß, wie er vom Rennen sein mochte, zu Wasser, mich in seiner tierischen Dummheit Lügen strafend. Doch Lene ward es nicht gewahr; sie schoß einen wütenden Blick auf mich, den ersten, wenn mir recht ist, und rief mit vor Zorn und Schreck fast erstickter Stimme: "Und das sagtest du mir nicht gleich?" Wunderbar ist meine Gabe, die Lüge spitz zu kriegen, wenn's darauf ankommt, mich herauszulügen. "Kind," antwort' ich und pflücke für sie, um mich ihren, gleich zwei geladenen Pistolen, auf mich gerichteten Augen zu entziehen, am Rand des Grabens ein Vergißmeinnicht, "konnt' ich's denn wissen, daß du's nicht gelesen hast, was im Kalender über tolle Hunde steht?"—"Nun," erwidert wie mit der ihr eigenen, unweiblichen Gefaßtheit und steckt die Blume, die ich ihr galant überreiche, an die Brust,"den Hals hat's ja nicht gekostet. Hoffentlich hast du bei dem kühnen Sprung die Knochen nicht verrenkt?" Dies war Spott, ich merkt' es gleich und antwortete nichts.

"Im Wein ist Wahrheit!" sagt das Sprichwort. Es gilt aber nur von der einen Hälfte des menschlichen Geschlechts, von der männlichen; die Weiber beichten niemals, auch nicht dem Wein. Das hab' ich noch an demselben Sonntag erfahren. Mit List bracht' ich Lene in den Hinckeldeyschen Garten. "Wir können dort Kaffee oder Tee trinken", sagt' ich, ich wußte aber wohl, daß außer Wein, Rum und ähnlichen Mauerbrechern nichts zu haben war. Als der herbeigerufene Kellner dies erklärte, stellt' ich mich verwundert und sah Lene mit einem verdrießlichen Gesicht an. "Nun," sagte sie, "so lass' Wein bringen, aber für mich Wasser dabei."—"Herrlich geht's", dacht' ich und rieb mir vergnügt die Hände; dann bestellt' ich Vierundachtziger, der, wie ich wußte, stark und schnell zu Kopfe stieg, auch eine reichliche Portion Zucker; denn durch den verführt man die Weiber am leichtesten zum Trinken. "Deine Gesundheit!" rief ich, ihr das volle Glas, in das ich viel Wein und wenig Wasser gegossen hatte, hinreichend. Sie wollte es nur halb austrinken, ich ließ das aber nicht gelten, und weil die letzte Hälfte wegen des Bodensatzes von Zucker süßer war, als die erste, so ließ sie nicht gar zu lange in sich dringen. Höflich, ich hatt' es erwartet, sagte sie dann: "Jetzt aber auch deine!" Rasch schenkte ich die Gläser wieder voll. "Unmöglich," rief sie, "kann ich's ganz leeren, mir wird schon so wunderlich! "—"Dann", versetzte ich, "hast du mich auch nicht lieb." Einen Augenblick sah sie vor sich nieder in den Schoß; dann trank sie langsam, mir die Hand über den Tisch gebend,—ich saß nicht an ihrer Seite, sondern ihr gegenüber—und mich fest ansehend, das Glas aus. Es ward ihr schwer, das sah ich. "Nun wird sie bald übersprudeln," dacht' ich, "saubere Dinge werd' ich erfahren, aber gut ist's, wenn man's weiß, woher der Wind weht, man kann sich danach richten." Ich trat ihr, wie aus Versehen, auf den Fuß und hoffte, sie sollte's übelnehmen; sie hielt's, angetrunken, wie sie war, für ein Liebeszeichen. "'s tut nichts," dacht' ich, "die Bosheit wird wohl zum Vorschein kommen, wenn die Besinnung noch mehr schwindet; schon tritt ihr ein verdächtiges Rot auf die Wangen, ihre Augen schwimmen. "—"Aber meine Mutter!" sagt' ich und schenkte noch einmal die Gläser voll. "Ja, deine Mutter," erwiderte sie lebhaft, "aber ich nippe nur ein wenig!"—"Besser etwas, als gar nichts!" dacht' ich und ließ es dabei bewenden. Jetzt sah sie fast gar nicht mehr auf, sondern lächelte in einem fort still vor sich hin. Aufmerksam paßt' ich auf jede ihrer Bewegungen. Recht zur glücklichsten Stunde stellte sich, schnüffelnd im Garten herumkreuzend, ein Pudel ein. "Der wird die Mühle in Gang bringen", dacht' ich und pfiff dem Hund. Nicht ganz hatte ich mich verrechnet. "Nimm dich doch in acht, mein Schatz," rief sie, sowie sie bemerkte, daß ich den Hund lockte, "er kann toll sein, oder es werden." Dabei lachte sie, daß ihr Tränen in die Augen traten. Aber es erfolgte weiter nichts. Aus Unvorsichtigkeit stieß ich die Wasserflasche um, das Wasser, an allen Seiten vom Tisch herabströmend, näßte, bevor sie ausweichen konnte, ihr Kleid ein. "Ach, Herr Jesus!" rief sie und flog von ihrem Sitz auf. "Nun kommt's!" dacht' ich und spitzte die Ohren; doch der Herr Jesus war der bloße Vorläufer eines gutmütigen "Es tut nichts, es ist ja kein Wein!" Ärgerlich mich in die Lippen beißend, begann ich, auf mich selbst zu schimpfen und mich herabzusetzen. "Ungeschickt", fing ich an, "bin ich, wie ein Schulkind. Als ich—dies war nicht erlogen—das letztemal zum Abendmahl ging, plumpte ich, solltest du's glauben, vor dem Altar, da ich eben aus dem Kelch nippen sollte, nieder, wie ein zu schwer beladener Mülleresel."—"Pfui!" unterbrach sie mich und rümpfte die Nase. "Ja," fuhr ich mit Lebhaftigkeit fort, "als ich das Kind meines Vetters zur Taufe hielt, ließ ich den armen Wurm aus den Kissen gleiten und auf den Taufstein fallen, wo er sich an einer Ecke jämmerlich den Kopf zerstieß."—"Wie? was sagst du?" fragte sie, als ich ihr, verächtliche Blicke, Kopf schüttelnd u. dgl. mehr erwartend, keck und mit Lüsternheit in die Augen sah. Mit Übertreibungen wiederholte ich die ohnehin nur halbwahre Taufgeschichte. "Ach," seufzte sie, "ich hab' so viel Kopfweh, hätt' ich doch den Wein nicht getrunken!" Ich ward immer hitziger, wie ein Jäger, wenn er oft abdrückt und niemals trifft, und warf mich nun ganz in die Lüge. "In Bremen", erzählt' ich, "stieß ich einem Bäckergesellen, mit dem ich zusammenschlief, nachts beim Umwenden im Schlaf mit dem Ellbogen das Auge aus."—"Das ist ja fürchterlich!" fuhr sie auf. "Du könnt'st ja wohl, wenn du schläfst und träumst, das Haus in Brand stecken!"—"Gewiß!" fuhr ich heuchlerisch-ruhig fort, "nachtwandelnd hab' ich mich in Frankfurt a. M. ohne irgendeinen vernünftigen Grund einmal erhenkt. Der Strick war mürbe und zerriß; sonst säß' ich hier wohl nicht und tränke auf deine Gesundheit."—"Du treibst Possen!" sagte sie, laut auflachend, und hielt mir die Hand vor den Mund. "Es ist die reine Wahrheit," versetzt' ich mit einem Ernst, dem sie Glauben schenken mußte, ich bin nun einmal solche in Unglücksmensch; was mir passiert, passiert so leicht keinem zweiten." Ich seufzte kläglich, dann fragt' ich schlau: "Nicht wahr, Lene, wenn du gewußt hättest, wie's eigentlich um mich stünde, du würdest dich für einen solchen Mann bedankt haben?"—"So etwas ist freilich schlimm," gab sie zur Antwort, "doch das wollen wir schon kriegen!"—"Wieso? wie meinst du?" fragt' ich schnell und lauernd. "Ach was!" sagte sie, stand auf und gab mir, worum es mir am wenigsten zu tun war, einen Kuß. Und zu Loch war die Schlange und ließ sich nicht wieder heraustreiben. Nichts erfuhr ich von ihren Tücken und Ränken, nichts von den Plagen und Quälereien, die sie mir in so reichlichem Maße zugedacht; ja, gefallen mußt' ich mir's lassen, daß sie mir, als ob sie so nüchtern gewesen wäre, wie sonst, gleich nach dem Kuß ins Ohr flüsterte: "Ich hab' dich dessenungeachtet doch lieb!" Ich hatte ihr Herz, wie einen Wetterkalender, aufzuschlagen gehofft und wurde abgespeist mit dem schönen Einband.

An dem Abend jenes nämlichen Tags hab' ich zum ersten—und letztenmal in meinem Leben einen Geist gesehen. Ich sage das nicht, weil ich mir was drauf einbilde, sondern nur, weil es doch immer eine Merkwürdigkeit ist. Es war gegen elf Uhr, da ging ich über den Magdalenenkirchhof, um für meine Mutter, die von einem leichten Fieber befallen war, Kamillen zu holen. Man muß nämlich über diesen Kirchhof gehen, wenn man zur Apotheke will. Ich dachte—ich kann's beschwören—nicht an Geister und Gespenster, sondern nur daran, wie angenehm es sein würde, wenn ich erst wieder zu Hause wäre; ich lief, als ob meine Mutter zu Tod daniederläge, und sah nicht links noch rechts. Dennoch erblickt' ich plötzlich etwas Weißes, was lang und sonderbar in die Höhe ragte; ich wurde zu Eis, und doch—so ist der Mensch—blieb ich stehen; hätte der Geist mir gewinkt, ich wäre—das glaub' ich—gehorsam, wie ein Hund, zu ihm herangekommen. Aber, er bekümmerte sich nicht um mich, sondern schwebte, ohne nach Art der Geister ein Zeichen oder einen gräßlichen Ton von sich zu geben, langsam, langsam über die Gräber fort. Wird man's begreifen? Erst, wie er verschwunden war, kam mir die eigentliche Angst, da erst fiel mir's ein, wieviel Unheil er mir bei bösartigerer Gemütsbeschaffenheit hätte zufügen können. Kalter Schweiß brach mir aus, nun ich ihn nirgends mehr sah, glaubte ich ihn allenthalben zu sehen, wenn der Westwind mir in den Nacken blies, hielt ich's für einen Hauch von ihm und erwartete ärgere Mißhandlungen. Als ich das greuliche Ereignis am andern Morgen erzählte, fand sich gleich, wie das denn nie ausbleibt, ein Mann, der den Schlüssel dazu hatte. Der Prahlhans, der versoffene Barbier, der zuletzt im Hospital verreckt ist, wollte nämlich auf dem Magdalenenkirchhof—er nannte ihn seinen Garten, weil er daran wohnte—der Abendkühle wegen im Schlafrock und in der Nachtmütze spazieren gegangen sein. Es war dem Kerl bloß um die Ehre, er wollte sich rühmen können, für einen Geist angesehen worden zu sein; man wird's mir aber wohl glauben, daß ich auch im Dämmerlicht einen Barbier von einem Geist zu unterscheiden weiß; denn das ist keine Kunst! Übrigens war selbst diese Geistererscheinung noch nicht das letzte Abenteuer jenes merkwürdigen Tages. Wie ich von der Apotheke zurückkehrte, vermied ich natürlich den mir doppelt unheimlich gewordenen Kirchhof und machte einen Umweg, der mich an einem tiefen Teich vorbeiführte. Wie ich mich dem Teich näherte, kam auf einmal ein Mensch dahergerannt, der, soweit ich beim schwachen Mondlicht darüber klar werden konnte, mit nichts als seinem Hemde bekleidet war und sich höchst sonderbar gebärdete. Bald starrte er ins Wasser hinein, dann sah er zum Himmel empor, endlich brach er in ein wildes Gelächter aus und sprang, wie unsinnig, in den Teich. "Was soll das?" rief ich ihm in einer wahren Todesangst zu oder vielmehr nach, "nehmt Euch in acht, niemand ist in der Nähe, der Euch wieder herauszieht!" Keine Antwort. Ich schritt bis an den Rand des Teichs vor, das Wasser bewegte sich in großen Kreisen, der Wind flüsterte im Schilf, von dem Menschen war nichts mehr zu sehen. "Ist das Spaß oder Ernst?" rief ich, die Zähne klapperten mir, ich vermochte kaum noch zu stehen. "Heda! Ihr dort unten, steigt herauf!" Stille, wie vorher! "Gott im Himmel! es ist richtig ein Selbstmörder!" brach ich jetzt aus, als ob ich den Menschen bisher für einen Taucher gehalten hätte, "wer ein Christ ist, springt ihm nach und holt ihn mit Gewalt wieder herauf!" Wenig fehlte und ich hätt' es getan! man hat in solchen Augenblicken ein Gefühl, als ob man's nicht lassen dürfte. Ich nahm auch wirklich einen Anlauf, da aber fiel mir ein, daß er ja jedenfalls schon tot sei, und daß nur ein Narr sein Leben eines Kadavers wegen aussetze. Gedanken anderer Art drängten sich mir auf. "Wer ist's?" fragt' ich mich. Antwort: "Vielleicht dein Gesell!" Das kam mir bald äußerst wahrscheinlich vor, und was knüpfte sich nicht alles daran! "Wird man nicht glauben," dacht' ich, "du hast ihn hineingestürzt? Wird man nicht wenigstens behaupten, daß du, der du ihm fast zur Seite standest, aus absichtlicher Bosheit nichts für seine Rettung getan hast? Und hat das eine nicht Grund, wie das andere?" Ich sah mich nach allen Seiten um, ob noch außer mir jemand Zeuge dieses Selbstmordes gewesen sei, und beschloß, als ich mich des Gegenteils versichert hatte, den Vorfall zu verschweigen, um allen Verfänglichkeiten zu entgehen. Nun entfernte ich mich rasch, ward aber gleich, sowie ich am ersten Wirtshaus vorüberkam, von der schwersten meiner Befürchtungen befreit; denn mein Gesell saß drinnen bei einer Kanne Bier und schwur eben mit lauter Stimme, daß er sich an meinem Hochzeitstage schon vor Sonnenaufgang betrinken und mir jeden Schabernack spielen wolle, der ihm während des Rausches in den Sinn käme. Den nächsten Morgen klärte sich das Ereignis auf. Der kranke Müller war seinem Wärter, dem man schuld gab, daß er fahrlässig gewesen und eingeschlafen sei, entkommen und hatte seinem Leben in einem Anfall von Verzweiflung ein Ende gemacht. Man sagte, er habe vom Krankenbett aus Dinge von seiner Frau gesehen, die er nicht wieder hätte vergessen können. Ich zweifle nicht daran.

Am auffallendsten war mir's, daß Lene jene Heuchelei und Verstellung noch monatelang im Ehestand fortsetzte; geradeso, als hätte sie sich einen Reiter zum Vorbild genommen, der sein Roß, das er hinterher durch Sporn und Peitsche genugsam plagt, beim Besteigen klatscht und streichelt. Nichts konnte im Haushalt geschehen, Schnock mußte erst befragt werden. "Meinst du nicht, Christopher," hieß es, "daß der Spiegel an jener Wand besser hinge? Ist's dir recht, wenn der rote Koffer seinen Platz verändert? Kann der Lehrbursch wohl einmal flink zum Krämer springen und mir etwas Seide holen, oder siehst du's nicht gern? Liebst du die Pfannkuchen braun gebraten, oder nicht?" Anfangs lacht' ich, wenn sie mit dem spitzbübisch-unschuldigsten Gesicht von der Welt Fragen der Art an mich richtete, und sagte: "Geh mir!" Zuletzt aber ging ich auf den Spaß ein, erklärte gravitätisch, wie Könige im Puppenspiel, meinen Willen und ergötzte mich nicht wenig, wenn die Suppe mittags wirklich so auf den Tisch kam, wie ich sie morgens beim Frühstück, wo ich, würdevoll den Großvaterstuhl ausfüllend, meine lächerlichen Instruktionen erteilte, bestellt hatte. Genau weiß ich mich noch des Tags zu erinnern, an dem die Herrlichkeit ein Ende nahm und mein Drache seine eigentliche Natur zum ersten Male hervorkehrte. Es war Mittwoch und Markttag, und ich hatte einem Gesellen die Arbeit aufgekündigt, als Streit mit ihm bekommen, d. h. gelinden, wo man sich bloß gegenseitig die Versicherung gibt, daß man einer ohne den andern leben könne. Ich glaube, alles ist in Ordnung, und freue mich, als mit einem Male der Gesell, da ich eben mein Lieblingsstück: "Wer nur den lieben Gott läßt walten usw." zu pfeifen anfange, vor mich hinspringt, mit geballter Faust auf die Hobelbank schlägt, daß etliches Gerät herunterfliegt, und mit Ungestüm verlangt, ich sollte sagen, was ich an ihm auszusetzen habe, er sei nicht von gestern und kenne die Welt. "Der glaubt am Ende," besorg' ich, "du hast ihn im Verdacht der Dieberei;" um ihn zu begütigen, sag' ich: "Die Fensterrahmen dort, die Ihr gemacht habt, können mir unmöglich gefallen, sie sind krumm und schief."—"Ich habe in Hamburg in einer der ersten Werkstätten gearbeitet!" fällt er mir trotzig ins Wort. "Drei Tage!" versetz' ich gedankenlos, aber dem Inhalt seines Wanderbuchs gemäß. "Was? Foppen wollt Ihr mich?" fährt er auf, "da soll Euch denn doch—" er unterbricht sich selbst, doch nur um den Rock abzuwerfen, dann dringt er auf mich ein. Ich kenne das Ende einer Prügelei zu gut, um den Anfang abzuwarten, und ziehe mich zurück, erst bis auf den Flur, dann, da er mich fluchend und schimpfend verfolgt, bis in die Küche, wo meine Frau gerade Rüben schabt. Die wirft auf mich einen Blick, daß ich denke, sie wird sich mit dem unsinnigen Menschen vereinigen, um meine Niederlage vollständig zu machen; aber, weit gefehlt, sie ergreift die Feuerzange und wirft sie dem Gesellen, der sich dessen wohl so wenig versah, wie ich, an den Kopf; er will nicht weichen, da fliegt ihm die Fleischgabel ans Schienbein, daß er laut aufschreit: "Ein Weib wie der Teufel!" und sich wendet, so daß er der Aschenschaufel, die gleich hinterdrein fährt, glücklich entgeht. Jetzt kehrt sich die Lene, zufällig war ich hinter ihr zu stehen gekommen, zu mir um und sieht mich an. "Das war recht," stottre ich, "der Lump, der Hundsfott"—"Oh," unterbricht sie mich, "bist du auch ein Mann!" und rot wie ein gesottener Krebs, setzt sie sich wieder zu den Rüben nieder, ich schleiche mich fort. Wenige Minuten darauf rief sie: "Hans!" So hieß mein Lehrjunge. "Er ist draußen im Garten", antwortete ich ihr. "So ruf ihn," herrschte sie mir zu, "aber schnell, er soll für mich aus!"—"Jetzt fängt's an!" sagt' ich, als ich ging, ihren Befehl auszurichten. Ich irrte mich keineswegs; seit jenem Tage hab' ich aus ihrem Munde selten ein freundlich Wort gehört, dafür traktiert sie mich fast stündlich mit Bonbons, wie diese sind: "Ich will's so!" oder "Du sollst nicht!" oder "Untersteh' dich's noch einmal!" u. dergl. mehr. Nun, das ist nicht so unbequem, als es scheint; was ich seitdem tue, ist, als ob sie's getan hat, sie hat von meinem Tun und Lassen mehr Plage, als ich selbst, ich bin fett geworden, sie ist mager und dürr geblieben. Ein Spaßvogel sagte, sie könnte für mich zur Beichte gehen; gewissermaßen hat er recht.

Einmal—ich hüpfe in der Dornenhecke meines Lebens von Busch zu Busch—hatt' ich, wie man denn im Trunk so leicht Narrheiten begeht, versprochen, ich wolle meine Frau an einem ausdrücklich dazu festgesetzten Abend tüchtig ausschmälen, so daß man's draußen unter den Fenstern hören solle. "Wirst du's dir gefallen lassen?" fragt' ich sie beim Zuhausekommen, im Vertrauen auf die gute Wirkung eines offenen Geständnisses und ihren Geiz, "sonst kostet's mir drei Flaschen Wein; denn ich habe gewettet."—"Oh, gerne, gerne!" erwiderte sie; sie war nämlich—ich wußt' es—weichmütig, weil ihr nachmittags ein Brief die Nachricht gebracht hatte, daß ihr Bruder gestorben sei. Der Abend kam heran, mich befiel ein Zittern, ich verfluchte mich selbst und mein Saufen. Den ganzen Tag hatte in ihrem Gesicht etwas Versteckt-Heimtückisches gelegen; jetzt—sie saß hinter dem Ofen im Großvaterstuhl, aus dem ich natürlich längst vertrieben war—entlud sich's in einem spöttischen Gelächter und in der höhnischen Frage: "Wird's bald?" Deutliches Husten und Flüstern verkündete mir, daß man draußen schon mit Ungeduld harre; dennoch sagt' ich: "Kind, es hat ja keine Eil'!"—"Wie lange soll ich denn warten?" fuhr sie auf. "Pst, pst, Engel!" wisperte ich, "man muß sich ja doch erst besinnen."—"Hätt' ich nur 'nen Hund", dacht' ich, "oder 'ne Katz' zur Hand, auf die würd' ich losfahren, und die da unter der Wand glaubten, es gelte ihr." Lautes Räuspern und In-die-Hände-Klatschen der Saufbrüder bringt mich zur Verzweiflung. Nichts fällt mir bei, über mein Zögern erbost, sieht Lene mich giftig an. "Schlag' der Teufel drein!" fluch ich und hoffe, dabei in den Gang zu kommen. "Was fehlt dir, lieber Mann?" fragt sie spottend. "Kind," versetz' ich drängend, "schmälen und schimpfieren soll ich und weiß nicht, worüber." Ich wußt' es wohl, aber wer bürgte mir für ihre Gelassenheit, darum sucht' ich alles in einen Scherz zu verwandeln; denn gegen Scherz war sie nicht völlig abgehärtet. "Gib mir einige Gründe an die Hand und dann schlag die Augen nieder, sonst gelingt's mir nimmer."—"Gut," erwiderte sie, "so sprich mir nach, was ich dir vorsage, aber grimmig, im Ton eines Bären: Ungetreue—"—"Der Teufel sprech's dir nach," unterbrech' ich sie, "schändlich würd' ich ja wohl lügen!"—"Oder," fährt sie fort, "zänkische, boshafte—"—"Mäßige dich, Kind!" fall' ich ihr ins Wort. "Willst du bald?" fährt sie auf, und wiederholt: "Zänkische, boshafte Wetterhexe, alter, vermaledeiter Brummkater!" Angst ergreift mich; denn das sind Redensarten, deren ich mich zuweilen im Traum gegen sie bediente. In diesem Augenblick klopfen die da draußen ans Fenster. In der Verwirrung reiß' ich, mich stellend, als ob ich meine besten Freunde für Straßenbuben halte, das Fenster auf, und schimpfe wütend hinaus: "Hundezeug! verfluchtes Gesindel! was gibt's hier zu horchen?"—"Bravo, bravo, Schnock!" geben sie zur Antwort, Lene schlägt ein Gelächter auf, ich bin wie tot.

Ärger noch—das nicht—aber ebenso arg ging's mir, als ich—unter dreien hatte gerade mich das Los getroffen—den Pfarrer wegen einer anzüglichen Predigt, die so sichtlich auf uns gemünzt war, daß man in der Kirche mit Fingern auf uns zeigte, zur Rede stellen mußte. Gleich nach der Frühstückszeit—frühstücken konnt' ich nicht—macht' ich mich auf den Weg, die Konsorten, die mir in solchen Dingen wenig trauten, lauerten mir nach. "Hinein mußt du," sagt' ich, mir gewissermaßen selbst den Weg vertretend, ich empfand nämlich ein Gelüst, an der Pfarre vorbeizuschleichen, "sonst kommen die Hinteren dir auf den Hals."—"Er ist wohl zu irgendeinem Kranken geholt oder zu einer Taufe!" denk' ich und öffne die Tür. Statt der Magd—während des Anmeldens verstreicht doch immer, wenn man zu solchen Herren geht, einige Zeit, die man zur Vorbereitung verwenden kann—tritt mir der Pfarrer selbst, eben mit brennender Pfeife aus der Küche kommend, auf dem Flur entgegen. Er sieht mich an, ich ihn. "Schönes Hündlein", sag' ich endlich, mich zu dem Schoßhund seiner Frau, der munter dahergesprungen kam, niederbeugend und ihn streichelnd. "Wollt Ihr nicht eintreten, Meister Schnock?" sagt der Pfarrer und öffnet die Tür seines Studierzimmers. Ich trete ein. "Wollt Ihr Euch nicht niedersetzen?" Ich setze mich. "Und Euer Begehren ist?" fragt er endlich, verwundert und ungeduldig. "Ich—ich komme!" versetz' ich noch ziemlich deutlich und hörbar, aber da befällt mich plötzlich das niederträchtigste Stammeln und Stottern, und ich mag mich abarbeiten, wie ich will, ich bring' es nicht weiter als bis zum: "Ich komme—ich wollte—ich sollte—"—"Lieber Mann," fährt der Pfarrer zuletzt, meinen Zustand mißdeutend, auf, "Ihr habt wohl schon getrunken, kommt wieder, wenn Ihr nüchtern seid." Erwünschteres hätte mir in meiner Lage nicht kommen können, als diese Grobheit des Pfarrers, ich nehme schnell meinen Hut und eile fort, froh, daß die Höllenvisite abgetan ist, und mich über ihren Ausfall gegen die anderen nur dunkel, und so, daß sie mich mißverstehen müssen, auslassend.

Dennoch hab' ich trotz der Friedfertigkeit meiner Natur zweimal in meinem Leben Ohrfeigen ausgeteilt, die eine im Finstern, die zweite im Licht, und beide an meinen leiblichen Vetter, den Stellmacher Vinckel. Auf Vinckel war ich nämlich im höchsten Grade erbost, und dazu hatte ich guten Grund. Wer einmal eine lächerliche Geschichte von mir erzählt, dem reich' ich vielleicht noch, sowie er mir wieder begegnet, die Hand zum Gruß, wenn ich sie ihm auch nicht mehr drücke. Niernhäutl, der Wesselbur'ner Pächter, wird mir's bezeugen. War er's nicht, der's ausschwatzte, daß ich einst vor seinem kalekutschen Hahn ausgerissen bin, der es aber verschwieg, daß ich's nur der roten Weste wegen tat, die ich gerade anhatte? Doch es geschah beim Bier, es geschah eine halbe Stunde nach Mitternacht, und er kam nie wieder auf die Dummheit zurück. Wer es zweimal tut, dem nick' ich zwar noch zu, wenn er mir in den Weg kommt, aber ich huste dabei, um ihm nicht in klaren deutlichen Worten einen guten Tag wünschen zu müssen; wer sagt denn auch zur Brennessel: Wachse und gedeihe! Wer aber gar nicht aufhört, wer, sowie er zu einer Kindtaufe oder einer Hochzeit geladen ist, entweder stumm und dumm dasitzt, wie die Wand, an die er sich mit seinem Rücken lehnt, oder seinen albernen Witz auf meine Kosten Bocksprünge machen läßt, der wird mir am Ende so verhaßt, daß sich in mir das Oberste zu unterst kehrt und ich mir Luft machen muß, zumal, da es in der Natur des Menschen liegt, sich so lange zuzurufen: Du traust dir nicht genug, bis er übermütig wird und sich zuviel zuzutrauen anfängt. Das war aber mit Vinckel der Fall, und es kam noch hinzu, daß wir als Verwandte uns überall trafen, daß wir uns gar nicht vermeiden konnten. Er wurde nicht müde, auf den Besuch zu sticheln, den wir beide auf der Wanderschaft in der Tierbude zu Bremen abgelegt und bei dem wir uns allerdings sehr verschieden benommen hatten; er wie ein unwissender Flegel, der zwischen den lebendigen Ungeheuern drinnen und den gemalten auf der Wachsleinwand am Eingang nicht zu unterscheiden wußte, ich wie ein vernünftiger Mensch, der sich auf diesen Unterschied verstand. Ich muß den Besuch erzählen, damit man sieht, daß ich bei Gelegenheit desselben nichts tat, als was jeder andre, der nicht eben ein Vinckel war, auch getan hätte, und daß ich höchstens wegen meines Fürwitzes, denn ich hätte ja auch fortbleiben können, einen Vorwurf verdiene.

Es war ein heitrer Sonntagnachmittag, und ich ging mit Vinckel über den Marktplatz, wo die Bude stand. Der niederträchtige Tierführer trat eben heraus und verkündigte mit lauter Stimme, die Bestien sollten gefüttert werden, wer es sehen wolle, möge eintreten. Nun hatt' ich unglücklicherweise am Tage zuvor mit meinem Begleiter über jene Tiere gesprochen und ihm, um ihm von meiner Herzhaftigkeit eine gute Meinung beizubringen, gesagt, ich gedächte sie nächstens in Augenschein zu nehmen. "Hörst du," rief er mir zu, "die Tiere werden gefüttert, laß uns hineingehen, es kostet ja nur einen Groschen. "—"Ei, was," versetzte ich, "morgen ist auch ein Tag, und ob ich sie fressen sehe oder nicht, das ist mir ganz einerlei. Ohnehin hat man sie hier alle ausgestopft auf dem Museum!" Leider hatte der Tierführer, wie denn ein solches Gesindel immer mäusescharf hört, unser Gespräch belauscht; er trat auf uns zu und sagte: "Meine Herren, morgen mit dem frühsten reis' ich ab, wollen Sie also dies wirklich sehenswürdige Kabinett mit Ihrer Gegenwart beehren, so schieben Sie es nicht auf." Komm, komm, drängte mein Begleiter und zeigte auf das Aushängeschild, es sind, wie du siehst, zwei Tiger darin, ein Löwe—"—"Die Riesenschlange, das seltene Exemplar eines weißen Bären, die Hyäne und die köstlichen Affenarten nicht zu vergessen!" unterbrach ihn der Tierführer. Der dumme Schlingel glaubte, mich durch Aufzählung all der Scheusale, die in der Höllenbude ihr Unwesen trieben, zum Eintritt reizen zu können, während ich an den beiden Tigern und dem Löwen, deren mein Gefährte erwähnte, schon mehr als genug hatte. "Die Tiger sind wohl noch jung?" fragte ich. "Den Teufel auch," antwortete der Esel, "völlig ausgewachsen, und feurig, wie in Afrika." Mich schauderte. "Jedenfalls ist diese Boaschlange klein wie ein Regenwurm und wird hinter dreifachem Eisengitter verwahrt?"—"Umgekehrt, lang wie ein Schiffsankertau", versetzte jener. "Sie ist in Europa noch niemals größer gesehen worden, und die Kunst besteht gerade darin, daß ich sie mit den Händen aus ihrem Kasten herausnehme und frei hinlege. Treten Sie nur ein, es wird Sie nicht gereuen." Mir war, als ständ' ich vor meinem Grabe. Ganz kleinlaut fragt' ich: "Wie steht's denn mit der Hyäne? Auch so groß, wie ein Pferd?" Dummstolz lächelnd erwiderte der Kerl: "Sehen Sie jenen alten, grauen, lahmen Hund, der die Straße heraufwatschelt? Größer ist die Hyäne nie und sieht so unbeholfen aus wie der."—"Was fragst du lange," sagte mein Begleiter, "wir können das alles ja sehen." Ich ließ mich nicht stören. "Es sind doch wohl oft schon Unglücksfälle in Ihrer Bude passiert?" fuhr ich fort, "der Löwe hat sich losgerissen, die Schlange hat Menschen erdrückt? Es kann nicht anders sein. Ich habe im Wochenblatt davon gelesen!"—"Sie sind sehr furchtsam!" versetzte der Tierführer frech. "Gar nicht furchtsam, durchaus nicht furchtsam," fuhr ich hitzig auf, "aber bekannt genug ist's, daß—Löwen und Schlangen nach Menschenfleisch lüstern sind," hatt' ich sagen wollen, doch der Tierführer unterbrach mich. "Kommen Sie herein, meine Herren," sagte er, "ich darf mit der Fütterung nicht länger zögern, die Tiere sind hungrig."—"Hungrig!" rief ich entsetzt; dann flüsterte ich meinem Begleiter ins Ohr: "Hörtest du das? Die Beester sind hungrig!"—"Um so interessanter wird's sein," gab der unverständige Mensch zur Antwort, "komm nur!" Er zog mich mit sich fort, und wenn ich keinen Skandal machen wollte, mußt' ich folgen. Ein widriges Geräusch der unangenehmsten Stimmen drang uns entgegen, ein Gebrüll, Gequäke, Geschnatter, Gepiepse zum Umfallen. Anfänglich macht' ich die Augen zu, bloß um mich an die Ungeheuer zu gewöhnen. Doch bald bedachte ich, daß ich mich gerade dadurch den größten Gefahren aussetzen und in die Nähe der schauderhaften Schlange, die ich am meisten fürchtete, geraten könne, und öffnete sie wieder. Mein erster Blick fiel auf die greuliche Kropfgans, die in wenigen Sekunden einen halben Kessel voll Fisch verschluckte und dann in ihren Käfig zurückkehrte. Hu! Solchen Tiere sollten billig erst vierundzwanzig Stunden vor dem Jüngsten Tag geschaffen worden sein! Wer würde sich dann aus dem Untergang der Welt noch was gemacht haben! Jetzt wurde ich den Löwen gewahr, der entsetzlich brüllte; schnell wandte ich den Blick, allein nun sah ich die beiden blutdürstigen Tiger, die in ewiger Unruhe in ihren Käfigen auf und nieder rannten und mit den Schweifen an die Stäbe schlugen, daß sie erbebten. Die bunten Farbenringe, die diesen Scheusalen um den Leib laufen, kamen mir, besonders wenn ich blinzelte, wie aufgerollte Schlangen vor, die auch wohl herunterspringen können; dabei macht' ich die wenig beruhigende Entdeckung, daß sämtliche Käfige aus Holz gezimmert waren. Auf einmal entstand hinter mir ein grausiger Spektakel; als ich mich umsah, erblickte ich die hohläugige, grinsende Hyäne, die sich vergebens anstrengte, ein Stück Fleisch, welches der Wärter ihr vorhielt, zu erhaschen. Ich beschwor den Menschen, das Tier um Gottes willen nicht zu necken; in frevelhaftem Mutwillen versetzte er aber: "Nur unbesorgt, ich und Bunku verstehen uns!" Zugleich hielt er seinen Mund an das Gitter und rief: "Bunku, einen Kuß!" Schnell wandt' ich das Gesicht ab und erwartete, im Augenblick Jammertöne und Geschrei, des zerfleischten Menschen nämlich, zu vernehmen. Ich vernahm nichts; statt dessen hörte ich ein sonderbares Geplapper und Geplärr gerade über meinem Kopf, und als ich emporschaute, sah ich eine Menge häßlicher Affen mit ungestalteten Gliedmaßen und weiten Mäulern, die die Zähne fletschten und mich mit Unrat bewarfen. Diese vergnügten mich einigermaßen, da sie klein waren und possierliche Grimassen schnitten; sie wurden mit Äpfeln gefüttert, und ich mußte lachen, so wenig ich auch sonst zum Lachen aufgelegt war, als ich bemerkte, daß einige sich in ihrer Gefräßigkeit das Maul so voll stopften, als ob es eine Vorratskammer wäre. Wie ward mir aber zumut, als ich mich zufällig umkehrte und auf einer Kiste, an die ich mich mit dem Rücken gelehnt hatte, die entsetzliche Boaschlange, keine zehn Zoll von mir entfernt, erblickte. Da lag sie, lang hingestreckt, die greuliche, blutsaugende Bewohnerin der Waldungen eines fremden Weltteils—ein Sprung, und sie umwand mich, sie zermalmte meine Knochen, sie mästete sich von meinem Mark. Sie zog sich zusammen, ich tat einen lauten Schrei und sprang zur Tür. Langhalsige Vögel, Strauße nannte sie der Tierführer, reckten mir hier, als hätten sie's auf meine Augen abgesehen, aus einem Käfig, über den ihre Köpfe hoch hinausragten, die spitzigen Schnäbel entgegen. Ich gab nicht viel um die Nachbarschaft dieser Riesenvögel und näherte mich der Schlange wieder um einen Schritt; kaum aber stand ich still, als mich ein Geklapper ängstigte, welches sich über mir vernehmen ließ. Himmel, gerade über meinem Haupte hing ein Käfig mit einer Klapperschlange. Ich kann es gar nicht beschreiben, wie furchtbar mir dies zwei Fuß lange Tier mit seiner ekelhaft-bunten Haut und mit den abscheulichen Tönen, die es von sich gab, vorkam. Starr blickt' ich zu ihr auf; plötzlich klopfte mein Begleiter mich auf die Schulter und sagte: "Was ist denn an dem kleinen bunten Ding zu sehen? Gib nun acht, die große Schlange wird nun sogleich ein Kaninchen verzehren, der Wärter bringt es schon." Obwohl mich ohne Unterlaß kalte Schauder überliefen, konnt' ich mich doch bei diesen Worten eines leichten Lächelns nicht erwehren; der Mensch glaubte, ich betrachtete die Klapperschlange, während ich doch bloß ihren Käfig untersuchte, um mich zu vergewissern, daß sie nirgends durchschlüpfen könne. Als ich mich hiermit noch beschäftigte, gab die Klapperschlange, wie es mir—ich kann mich irren—wenigstens vorkam, ein feines Gezisch von sich; eine weiße Masse fiel mir auf den Rock, und da ich glauben mußte, diese weiße Masse rühre von ihr her, schrie ich laut auf: "Hilfe! Gift! Gift!" Erschreckt sprangen mehrere der Anwesenden auf mich zu; ich, keines Wortes mächtig, zeigte auf den weißen Fleck auf meinem Rock, alle standen mit offenem Munde. Der Tierführer kam gleichfalls herbei; kaum aber hatte dieser meinen Rock angesehen, als er laut auflachte und sagte: "Das Gift kommt von dem unartigen Papagei, der dort oben hängt!" Jetzt wurde das Gelächter allgemein; ich besichtigte die weiße Masse näher und lachte dann selbst von ganzem Herzen mit. "Du bist ja ein wahres Kind," rief mein Begleiter mir zu, "da will ich dir was anderes zeigen." Der Waghals trat zur Boaschlange heran, die eben mit entsetzlicher Wollust, welche ihr sichtlich durch den langen häßlichen Körper zuckte, dem armen Kaninchen das Blut aussog, und berührte sie mit der Hand. Doch sie fuhr zusammen, als würde sie mit Nadeln gestochen, und Vinckel, der Held, flog so schnell zur Tür wie ich; ich nahm Übrigens diese Gelegenheit wahr, ihn, bevor er wieder zur Besinnung kommen konnte, mit herauszuziehen. Als ich mich wieder in der freien Luft sah, verdroß mich's doch, daß ich den Bären gar nicht gesehen hatte; ich hätt's um denselben Preis gehabt.

Das war der Besuch. Es war keine Kunst, ihn im Zimmer hinter dem Ofen, wenn man von brüllenden Löwen und zähnefletschenden Tigern so weit, wie von Afrika und Amerika, entfernt war, zu verdrehen und dabei zum Beweis der eigenen Herzhaftigkeit dem unter dem Tisch auf den Knochenabfall harrenden armen Haushund einen Tritt zu versetzen. Es war noch weniger ein Wunder, daß mich das verdroß. Als Vinckel es eines Abends wieder getan hatte und ich im Finstern mit ihm und einigen anderen zu Hause ging, gab ich ihm endlich einmal, wie ein gärender Bierkrug, den Pfropfen abstoßend, einen Derben hinter die Ohren. So wenig hielt er mich trotz der mir zugefügten Beleidigung der Rache fähig, daß er ausrief: "Schnock, man schlug mich, wer war's?" Als ich kurz antwortete: "Kann ich's wissen, wenn du's selbst nicht weißt!?" versetzte er: "Nun gut, so tritt du nur beiseite, denn du hast's gewiß nicht getan!" Ich folgte, heimlich lachend, seiner Weisung, dann rief er: "Wenn einer was erhält, der's nicht verdient hat, so bitt' ich im Voraus um Verzeihung!" Nun drosch er auf die übrigen, die verdutzt stehengeblieben waren, wie ein Unsinniger los und bekam natürlich, was er austeilte, mit Zinsen zurück, so daß ich, der ich gelassen, wie die Unschuld selbst, dabei stand, die vollkommenste Satisfaktion erhielt. Aber die Sache blieb bei alledem wie sie war; denn wenn ihm den nächsten Tag auch ein Zahn fehlte: er ahnte nicht, daß er ihn noch haben würde, wenn er seine Zunge im Zaum gehalten hätte, und ich mußte mich entschließen, das im Dunkeln begonnene Werk bei Licht zu Ende zu bringen, da seine Späße, was ich freilich voraus hätte wissen sollen, auch jetzt noch nicht aufhörten. Ich schleppte ihn daher eines Sonntagabends ins Wirtshaus, machte ihn betrunken—ich selbst war's schon vorher—stellte eine Menge Gläser vor ihn hin, von denen ich glaubte, daß sie ihn am schnellen Hervorkommen hinter dem Tisch hindern würden, schloß ihn zum Überfluß auch noch mit Stühlen ein und sagte dann zum Pächter Niernhäutl: "Es wird hier noch etwas geben!" Er sah mich an und antwortete: "Mit wem denn?"—"Mit dem da!" sagt' ich und warf einen vernichtenden Blick auf Vinckel. "Wer hat denn was mit dem Knirps?" fragte der Pächter, der die Menschen, wie ein Werbeoffizier, nach ihrer Leibeslänge abzuschätzen pflegte, und lachte. "Ratet einmal!" versetzt' ich. Er riet hin und her, es verdroß mich, daß er immer so greulich vorbeischoß, und ich kehrte ihm unwillig den Rücken. Er gab mir einen Klaps an einer unanständigen Stelle; ich zeigte ihm meine geballte Faust und rief: "Meint Ihr, daß in der allein keine Kopfnüsse wachsen? Wieviel verwettet Ihr auf eine, die in einer Viertelstunde reif sein muß?" Durch Wetten hab' ich mich nämlich oft in die Courage hineingehetzt, aber Niernhäutl ließ sich auf nichts ein, sondern sagte bloß: "Wir werden sehen!"—"Gewiß!" versetzt' ich und trat an den Schenktisch. Ich forderte mir ein Glas Punsch, ich ließ noch ein zweites einschenken, und trat damit zu meinem Widersacher, der den Kopf ermüdet auf den Tisch lehnte, heran. Er lag völlig schlaggerecht und ich ging mit mir zu Rate, was ich tun, ob ich die Gelegenheit benutzen, oder noch einige Minuten verstreichen lassen solle. "Des Grimms", dacht' ich, "kannst du heut abend nicht genug entwickeln, laß dir Zeit und denk an alles, was er dir getan hat!" Da sah ich, daß Niernhäutl verächtlich die Achseln zuckte und seinen Hut suchte. Der mußte Zeuge sein, ich stürzte das zweite Glas Punsch herunter, die Knie schlotterten mir, aber mit lauter, donnerähnlicher Stimme rief ich, während ich zugleich mit geballter Faust auf den Tisch schlug: "Heda!" Vinckel hatte einen Totenschlaf, er merkte nichts von Ruf und Schlag, und zu meinem Verdruß kam ein einfältiger Aufwärter herbei und fragte, was ich befehle. Der Flegel hatte meine Herausforderung zum Kampfe für ein Zeichen, das ihm gelte, angesehen. Dies alles brachte meine Wut aufs höchste; ich nahm alle meine Kraft zusammen, schlug noch einmal, indem ich zugleich die beiden leeren Punschgläser beiseite schob, auf den Tisch und rief: "Heda!" Jetzt erwachte Vinckel, gähnte unanständig und fragte mich: "Ist's Zeit zu Hause?" Ich suchte ihm durch Blicke verständlich zu machen, wie er mit mir daran sei, als dies aber nichts half, und er Miene machte, wieder einzunicken, schrie ich ihm laut entgegen: "Wie steht's mit der Klapperschlange?" Ich meinte jene in der Bierbude. Niernhäutl versicherte mir hinterher, ich sei hiebei zur Leiche erblaßt, ich glaub's ihm herzlich gern, mir war, als läg ich im Fieber! Vinckel glotzte mich merkwürdig verdutzt an; ich aber, noch kühner werdend, wiederholte meine Frage: "Wie steht's mit der Klapperschlange?"—"Sie ist längst verreckt und ausgestopft, sei ohne Sorgen!" war die Antwort, die mich, da ich nun einmal so weit gegangen war, nicht begütigen konnte. Sowie nun Vinckel die auf mich gerichteten Augen nur wieder abgewandt hatte, versetzte ich ihm, mich über den Tisch lehnend, die ihm zugedachte Ohrfeige; dann zog ich mich eilends zurück, griff nach meinem vor dem Fenster stehenden Hut und lief, so schnell es ging—daß ich angetrunken war, sagt' ich schon—der Tür zu. Er aber schrie überlaut: "Was? was ist das?" und ohne sich an das Zerbrechen der Gläser im geringsten zu kehren, warf er den Tisch um und stürzte mir nach. Ich gestehe, das lag außer meiner Erwartung und Berechnung, ich stand starr und machte keine Anstalten, dem Verfolger zu entfliehen. Er faßte mich bei den Haaren und warf mich zu Boden; einige Fußtritte, die ich erhielt, schienen mir ein bloßes Vorspiel des Hauptangriffs. Ich blieb ruhig liegen, und wenn ich an etwas dachte, so war's meine Frau, der das Unglück ja nicht verborgen bleiben konnte. Endlich wollten der Wirt und der Pächter Niernhäutl mich aufrichten, ich sträubte mich aber aus Leibeskräften dagegen, und gar nicht, wie sie glaubten mochten, aus Eigensinn, sondern nur, um Vinckel, dessen Toben und Fluchen nachzulassen schien, vielleicht, weil er mich für tot hielt, nicht durch Aufstehen zu reizen. Doch ihre vereinten Kräfte überstiegen die meinigen, und ich befand mich früher wieder auf den Beinen, als ich befürchtet hatte. Mein erster Blick fiel in einen mir gerade gegenüber hängenden Spiegel. Ich sah, daß ich stark blutete, ich war nämlich beim Niederschlagen auf eine scharfe Kante des Tischfußes gefallen und hatte mich verletzt; schnell wischte ich mir das Blut übers ganze Gesicht und erhielt dadurch ein herzbrechendes Ansehen. In diesem Augenblick wurde Vinckel mich gewahr, und ich ihn; er kam auf mich zu, mich übermannte die Furcht und ich eilte in schnellen Sprüngen aus der Tür. Hier aber glitschte ich aus und fiel abermals zu Boden; das Weinen war mir nahe, doch Vinckel rief mir zu: "Ei, warum läufst du so vor mir, ich komme ja bloß, um mich wieder mit dir zu vertragen; denn wenn ich's näher bedenke, so hast du so großes Unrecht nicht gehabt, und mich freut's, daß du's endlich fühlst!" Dabei gab er mir die Hand, und richtete mich auf, ich konnte kein Wort hervorbringen, er aber zog mich an den Schenktisch, und wir tranken Vertrag miteinander, was ich gerne tat, ob ich gleich dem Frieden wenig traute. "Es tut mir leid," sagte er, "daß du dir das schändliche Loch in den Kopf gefallen hast!"—"Das heilt schon wieder!" versetzte ich höflich und nahm meinen Hut, um mich in der Stille davonzuschleichen. Schon war ich glücklich bis an die Haustür gekommen, als er mir nachrief: "Willst du zu Haus? Wart, ich begleite dich!" Die Begleitung eines wilden Tieres, eines Freundes aus der Bremer Bude, wär' mir ebenso lieb gewesen; aber, was war da zu machen? In wenigen Sekunden stand er bei mir und nahm meinen Arm. Ich konnte mir nicht viel Gutes versprechen, zu meinem Glück schien der Mond recht hell, auch blies der Nachtwächter schon in den Straßen. Ich faßte Mut, besonders, als es mir gelang, Vinckeln meinen Arm wieder auf sanfte Weise zu entwinden. Ich war meinem Hause bereits nah, da fragt' er mich: "Wie kam dir die Rachsucht aber so plötzlich?" Konnt' ich was darauf antworten? Ich schwieg still und erwartete das Weitere. Er aber—so unausstehlich der Mensch ist, so liegt doch mehr Gutmütigkeit, als man denken sollte, in seiner Natur—er sagte: "Nu, nu, wir wollen nicht weiter davon sprechen", gab mir die Hand und schied von mir vor meiner Haustür. Nun galt's. Ich zögerte die Tür aufzumachen, und ließ langsam mein Wasser. Der Stellmacher kam die Straße wieder herunter; er hatte vielleicht im Wirtshaus etwas vergessen, mir konnt' es aber nicht wünschenswert erscheinen, nochmals mit ihm zusammenzutreffen, und ich trat schnell in mein Haus. "Ist's geraten," dacht' ich, "sogleich auszuglitschen, etwa über eine Kartoffel, die dort liegt, und dich zu stellen, als ob du in deinem eigenen Hause den Kopf zerschlagen hast, oder—" Doch, meine Frau, die das Klingeln der Haustür nie überhört, trat schon aus der Stube, und ich mußte auf etwas Haltbareres sinnen. "Mein Gott, wie siehst du aus?" rief sie mir überlaut entgegen und fügte noch manches hinzu, was ich vergessen haben will. "Wer dich beschimpft, der hat's mit mir zu tun," versetzt' ich trotzig, "hast du eine Tasse Tee für mich? Ich bin stark angegriffen!" Damit wollt' ich in die Stube treten, meine Frau gab's aber nicht zu. "Es ist jemand darin," erwiderte sie, "und du—" Sie trieb mich in die Küche, wo ich mich waschen und abtrocknen und ihr erzählen mußte, was sich zugetragen habe. Ich log entsetzlich; denn es galt eine ruhige Nacht. "Eine Sau", sagt' ich, "hat er dich genannt!"—"Wer? wer denn?" unterbrach sie mich heftig. "Hast du's nicht gehört?" versetzte ich, "wer anders, als der da am Markt, der Stellmacher."—"Der Schelm, der schieläugige Hund, der Nichtsnutz!" schrie sie so laut, daß es mich erschreckte; konnt' ich doch gewiß sein, daß die Nachbarn das alles auf mich beziehen würden, obgleich ich keineswegs schiele. Dann ballte sie die Hand und rief: "Wart! sein Weib ist drinnen, und er wird sie abholen; kommt er, so soll ihn—" In diesem Augenblick ging die Haustür, und an den raschen Fußtritten erkannte ich Vinckel auf der Stelle. "Da ist er schon!" kreischte sie und wollte ihm entgegenstürzen. Ich vertrat ihr den Weg und sagte: "Lene, soll's Straßenlärm geben? Bedenke, daß es spät ist, und daß sich morgen auch etwas abmachen läßt!"—"Laß mich los, laß mich los, oder—" Sie ergänzte ihre Rede durch einen Stoß auf die Brust, den sie mir beibrachte. Ich aber, ich hatt' ihre Hand gefaßt, hielt sie, kaum wissend, was ich tat, fest. "Ich hab' dich ja schon gerächt," stotterte ich, "er hat Abbitte getan, und ich hab' ihm vergeben."—"Was? Was hat du getan? Ihm vergeben?" Sie vergaß sich so weit, mir einen Schlag ins Gesicht zu versetzen; ich verfluchte meine Lüge, und doch konnt' ich mich nicht überwinden, sie zu widerrufen. "Ich bitte dich, Weib, tu mir zum erstenmal einen Gefallen—" Meine Bitten halfen nichts, sie riß sich los und stürzte in die Stube hinein. Ich stieg zu Boden und stellte mich hinter den Schornstein. Droben konnt' ich denn alles deutlich hören. Erst ein mörderisches Schimpfen; dann kam's zur Balgerei, und Vinckel—wer an meiner Stelle hätt' einige Schadenfreude unterdrückt?—schrie mehr als einmal: "Kratzt mir nur kein Auge aus, ich hab' nur zwei!" Endlich flogen fast zugleich Stuben—und Haustüre auf, und Vinckel, samt seiner Frau, die sich unkluger—obgleich natürlicherweise mit in den Handel gemischt hatte, hinaus. Ich hatte alle Ursache, mit meiner Lene zufrieden zu sein; denn in der Wut hatte sie Vinckels Frage, was er ihr getan, zu meiner unsäglichsten Freude mit einem spöttischen "er wiss' es wohl selbst" beantwortet. "Der glaubt sicher," dacht' ich, als ich wieder vom Boden herunterstieg, "es ist aus purer ehelicher Liebe, wegen deiner Kopfwunde, geschehen; das schadet nicht!" Übrigens hat Vinckel die Tierbuden-Geschichte seit jenem Abend wirklich niemals wieder aufgerührt, und es ist schwer zu sagen, ob er das aus Respekt vor meiner Lene oder vor mir selbst unterläßt. Freilich kam dabei für mich nicht viel heraus; denn die Schulkinder wußten sie schon auswendig, aber, das muß ich doch zu seiner Ehre anführen, wenn man ihn jetzt zum Zeugen aufruft, so antwortet er mit einem Schlag!

Sollte sich's ein Christenmensch vorstellen, daß ich einmal nahe daran war, aus Zaghaftigkeit, die mich abhielt, zur rechten Zeit mit einer ablehnenden Erklärung einzuspringen, ein Mörder und schnöder Giftmischer zu werden? Ich sitze eines Abends im "Goldenen Schaf" hinter dem Tisch und denk' an nichts Arges, an gar nichts nämlich; da tritt ein Fremder, wunderlich, sonst gut gekleidet, herein, fordert sich Wein und setzt sich zu mir. Er begrüßt mich und sieht mich mit einem Blick an, als ob er mich gut kenne. "Das ist", denk' ich, "wieder ein Bekannter und Herzensfreund, dessen Gesichtszüge und Namen nichtswürdigerweise deinem Gedächtnisse entfallen sind; lächle wenigstens und stell' dich erfreut übers glückliche Zusammentreffen." Ich tu's, und wirklich ist bald zwischen uns ein Gespräch im Gange, wie zwischen alten Bekannten, obwohl wir's, wie ich denn doch merke, nicht sind. Wir sprechen über allerlei Unglücksfälle, wie sie sich zutragen; ich erzähl' ihm von einigen, die sich im letzten Jahr erhenkten und sonst entleibten; dann kommen wir aufs Einschlagen des Blitzes bei Gewittern und darauf, daß solch ein Feuer gar nicht zu löschen ist. "Ja," seufz' ich, "die Welt ist ein Jammertal, man muß sich wundern, daß man bei all dem Elend doch über die Vierzig hinauskommt."—"Leute wie Ihr," entgegnet er, "können's wohl aushalten; denn, wie das Schäfchen auch sei, ist's nur ins Trockne gebracht, so gibt's Milch und Wolle, aber unsereiner—" Nichts ist mir verdrießlicher, als wenn man mich für einen Glückspilz hält, für ein Sonntagskind, dem jeder Wind in die Segel weht; unmutig unterbrech' ich den Fremden durch die Frage, wer und was er denn sei. "Ich bin Kammerjäger," versetzt er mit unbeschreiblicher Aufrichtigkeit, "und also in jetzigen Zeiten, wo das Ungeziefer so schläfrig und langsam heckt, als ob sich's erst trauen lassen müßte, wie verliebte Menschen, von Haus aus ein geschlagener Mann." Auf Kammerjäger hab' ich von jeher wenig gehalten, zumal auf solche, die, wenn sie einem anständigen Bürger begegnen, statt die Augen demütig niederzuschlagen, ihn frech anstieren und wohl gar grüßen, ja, einen Diskurs anknüpfen, ich hab' sie eigentlich mehr verachtet, als Bettelvögte; solch eine Antwort, die ein Prinz, der sich zu erkennen gibt, nicht zuversichtlicher hätte vorbringen können, mußte mich also billig befremden. "Wagen sich Leute der Art ins "Goldenen Schaf?" denk' ich und werfe auf den Fremden, der ruhig, als ob noch alles zwischen uns beim alten wäre, seine Pfeife ausklopft, einen Blick, wie etwa unser Amtmann auf mich, wenn er an mir vorbeireitet. Doch sag' ich zu mir selbst: "Laß den Menschen heut abend den Standesunterschied nicht empfinden; morgen, wenn er die Rattenjagd anstellt, weiß er sich ohnehin zu bescheiden."—"Nun, was sagt Ihr zu meinem Metier?" fragt er dann. "Beneidenswert ist's wohl nicht," erwidere ich, "aber vermutlich hat's Euch am Heiraten verhindert, und das ist doch auch für etwas anzuschlagen."—"Drückt Euch der Schuh da," versetzt er höhnisch, "nun, das ist das Schicksal in Mausgestalt. "—"Narr!" hätt' ich ihm gern grob geantwortet, "versuch's erst einmal, wie ich, dreiundzwanzig Jahre, dann reiß' elende Witze!" Doch unterlass' ich's; denn man muß sich gegen Fremde nie zu weit herauswagen. "Wenigstens denk' ich," fährt er fort, "ein Unglück, das den Menschen zum Kapaun herausfüttert, kann so groß nicht sein." Dabei streicht er mir mit unangenehmer Zudringlichkeit über den Bauch. Gereizt versetz' ich: "Eben darin kann das Unglück liegen; meint Ihr, daß ein Mann, der durch Schläge fett wird, sich über seine niederträchtige Natur freut? Zum Teufel! ist's denn unverschämt, wenn man für ewiges Plagen, für Ärger und Verdruß ohn' Ende, ein sieches, Mitleid erregendes Gesicht und einen baufälligen Körper verlangt, der einen nicht durch hämische Dicke Lügen straft, sobald man einmal das Herz ausschütten will? Ich frage noch einmal, ist's unverschämt?"—"Ist Euch das Weib zuwider," gibt er zur Antwort, "so schafft's ab. Pa!" Dabei jagt er den Dampf durch die Pfeife, daß er bald mit seinen gelben Katzenaugen dasitzt, wie ein Hexenmeister, wenn er den Bösen beschwört. Ich entgegnete: "Wenn Euer Hund da"—ich zeigte auf seinen großen, schwarzen, mit langen Zottelhaaren, der sich mir mit einer Frechheit, als ob er auch Kammerjäger wäre, gerade vor die Füße gelegt hatte—"bissig ist, so könnt ihr ihn fortjagen, aufhängen, ersäufen; so ist's aber in Christenlanden nicht mit Ehefrauen."—"Hört, lieber Mann," sagt er mit geheimnisvollem Gesicht und greift nach meiner Hand, die ich unglücklicherweise aus der Tasche gezogen, "Euch ist zu helfen, nämlich, wenn Ihr Mut habt." Der Teufel hat Mut genug, einzugestehen, daß er keinen hat. Ich bejah' es nicht direkt, aber ich werfe mich in die Brust, trommle auf den Tisch und zwinge mir einige verwegene Blicke ab. "An gewissen grauen Pulvern, die ich bei mir führe," flüstert er mir nun mit schrecklicher Stimme ins Ohr, "verrecken nicht bloß Ratten." Er nickt mir zu und drückt mir, als ob sich jetzt alles andere von selbst verstände, die Hand; weniger aus Verwirrung, als aus Angst vor dem furchtbaren Menschen, nick' ich auch und erwidere den Druck. "Wir sind also einig," sagte er dann, "nun aber auch keine Silbe mehr, Meister Schnock!" leider hatt' ich ihm meinen Namen vorher schon verraten; "solche Geschäfte", entsetzlich klang mir das Wort, und der greuliche Mensch lachte dabei, als hätte er nicht einen Vergiftungsplan, sondern einen Spaß gemacht, "lassen sich nicht in Wirtshäusern weitläufig besprechen, morgen in der Frühe komm' ich zu Euch. Gute Nacht!" Er steht auf und taumelt. "Gott im Himmel!" denk' ich, "besoffen ist der Kerl auch—" allerdings war's kein Wunder; denn solange er neben mir saß, hatte er ununterbrochen getrunken—"noch ein Glas—" eben bemerk' ich, daß er sich's einschenken läßt—"so läuft's über, dann hat er, im Rausch geht's nicht anders, gerade so viel Freunde um sich, als Menschen, und das erste, was er ausschwatzt, ist der Vergiftungsplan." Richtig gerät er gleich mit dem Wirt in ein Gespräch; mich schaudert. Er läßt was fallen von Krepieren; eiskalt überläuft's mich. Der Wirt schiebt sich die Nachtmütze weiter ins Gesicht und spricht von Gefahr; "nun ist's heraus!" denk' ich und spüre schon was von Kopfabschlagen im Nacken. Plötzlich klingen Himmelstöne durch von Ratten und von Speisekammer; da wird's mir klar, daß bis jetzt nicht von meiner Lene, sondern vom Ungeziefer des "Goldenen Schafs" die Rede gewesen ist; unwillkürlich falt' ich die Hände, aber gleich darauf fordre ich gebieterisch ein Glas Wein, um die verfänglichen Konferenzen zwischen dem Wirt und dem Fremden durch einen Gewaltstreich abzubrechen. Der Wirt bringt mir hurtig den Wein: tierisch voll taumelt der Fremde, ungeschickt mit dem Arm gegen den Türpfosten rennend, fort, ohne sich, als ob er mich schon völlig vergessen hätte, nach mir umzusehen. Er hatte mich vergessen; denn am andern Morgen kam er nicht, und schon am Mittag ward er zu meiner Satisfaktion wegen seiner miserablen Hantierung und wegen Mangels an Paß und aller sonstigen Legitimation, die unsere Polizei mit Recht von Kammerjägern fordert, aus dem Ort gebracht. Übrigens hätt' ich, wenn er auch nicht ausgeblieben wäre, meiner stillschweigenden Zusage ungeachtet, nimmermehr zur Mordtat die Hand geboten, und ihm das zu verstehen gegeben; wer wird denn auch seine Frau umbringen, bloß, weil er es einem Rattenfänger versprochen hat!