Ich habe es nicht gesagt, weil es sich von selbst versteht, daß die Sparsamkeit meines Weibes mit den Jahren zunahm, so daß sie zuletzt in jenen Geiz, der sich sein eigenes Fett nicht gönnt, ausartete. Der Wendepunkt trat ein, als sie, die immer gern geputzt ging, mir zum erstenmal das Anschaffen eines neuen Oberrocks, den ich ihr sonst regelmäßig zu Weihnachten verehren mußte, verbot. "Du kannst mir eine andere Weihnachtsfreude machen," sagte sie heimtückisch, "dadurch nämlich, daß du mir die kleine Pfeife schenkst, deren du dich in der Werkstatt bedienst." Will sie zu rauchen anfangen? dachte ich zuerst, und freute mich schon, in ihr einen Konsorten zu gewinnen; konnte sie doch mein Rauchvergnügen nicht mehr unnütze Verschwendung schelten, wenn sie selbst es teilte. Doch kam mir dies bald unwahrscheinlich vor, da mir ihre durch Keifen und Schmälen ruinierten Lungen einfielen, sie auch niemals, ausgenommen bei Zahnweh, mit Pfeife und Tabak in Verbindung getreten war. "Was kann sie denn mit der alten, halb zerbrochnen Pfeife wollen?" fragte ich mich, "wär's noch die mit dem Meerschaumkopf und dem Silberbeschlag, die du Sonntags trägst, aber dies elende Ding—" Ich schäme mich, zu gestehen, welch törichter Einfall jetzt plötzlich meine Gedanken unterbrach. "Ei, ei," dachte ich, "sie ist doch wahrhaftig nicht so ganz übel, deine Frau; wer hätte ihr solche Aufmerksamkeit zugetraut!" Ich glaubte allen Ernstes—wie war's möglich? frag' ich mich selbst, indem ich's erzähle, und schabe mir Rübchen—daß sie mir auch einmal eine Freude machen und mich am Weihnachtsabend mit einer Pfeife anbinden wolle. Der heilige Abend kam heran, die beiden feierlichen Wachskerzen, die wir dem Erlöser zu Ehren zu verbrennen pflegten, wurden angesteckt, der Rosinenpudding, nebst dem mit Lorbeerblättern aufgeputzten Schweinekopf, ward auf den Tisch gestellt; im Hintergrund drohte schon die große, unhöfliche, dick mit Eisen und Messing beschlagene Postille, die mir einmal, als ich noch ein Kind war, fast den Kopf zerschmettert hätte, indem das Ungetüm ungeschlacht vom Schrank herunterplumpte, und aus der Lene mir jetzt an hohen Festtagen gerne vorlas, teils um mich am Ausgehen zu verhindern, mehr aber noch, um Gelegenheit zu haben, mir unter dem Deckmantel eines längst vermoderten geistlichen Herrn allerlei Beleidigungen und Gehässigkeiten, die keineswegs im Buche standen, zu sagen. Bevor wir uns zum Essen niedersetzten, nahm ich meine Pfeife, legte sie, einen Bogen weißes Papier unterbreitend, auf einen Teller und überreichte sie mit einigen scherzhaften Redensarten meiner Frau. "Gut!" sagte sie, zerbrach die Pfeife und ward die Stücke gelassen aus dem Fenster. Statt aber mit dem erwarteten Gegengeschenk herauszurücken, machte sie mich darauf aufmerksam, daß ich von jetzt an wöchentlich zwanzig Kreuzer an Tabak ersparen werde. "Und was sollen denn die zwanzig Kreuzer?" fragte ich giftig. "Was sie sollen?" versetzte sie, "dadurch, daß sie da sind, erfüllen sie ihren Zweck, und um so besser tun sie das, je länger sie bleiben!"—"Ich sollte also nicht mehr rauchen?" fuhr ich auf. "Nein," erwiderte sie, "das heißt, du sollst dir nicht mutwillig die Schwindsucht zuziehen, und für den Fall, daß du sie schon hättest, wird uns über kurz oder lang deine Ersparnis trefflich zustatten kommen, dich davon heilen zu lassen. Glaubst du etwa, daß der Doktor dir die mit Dampf zerblasenen Lungen umsonst flickt?" Ich sagte nichts weiter, aber mein Entschluß war gefaßt; und hätte ebenso leicht aufs Atemholen, als aufs Rauchen Verzicht leisten können; denn für den Raucher ist die leidige frische Luft ungenießbar, er muß sich das flaue, nüchterne Element erst mit Dampf würzen, wenn es ihn nicht anekeln soll. Ich trug daher am Morgen stillschweigend meine Sonntagspfeife, die prunkend unter dem Spiegel hing, in die Werkstatt hinunter und erklärte meinem erstaunten Weibe, daß ich diese solange mit der höchsten Unbarmherzigkeit strapazieren werde, bis sie mir eine weniger kostbare Stellvertreterin anschaffe. Mitleid mit dem Silberbeschlag und den Bernsteintroddeln des Prachtstücks bewogen sie zur Nachgiebigkeit, doch gewann sie durch ihre List so viel, daß ich versprach, mich an den Wochentagen mit einer billigeren Sorte Tabak begnügen zu wollen. So war sie denn in allen Dingen. Wollte ich zum Beispiel einen Lehrjungen einstehen lassen, so ward er vorher bei uns zu Tisch gebeten, nicht, wie es schien, aus Generosität, sondern nur, um seinen Appetit auf die Probe zu stellen. Fand der junge Mensch unglücklicherweise sein Leibgericht vor, oder hatte er etwa einen Marsch gemacht und konnte für zwei Personen essen, so durfte ich ihn gewiß nicht annehmen; "wer setzt sich denn," sagte Lene, "selbst den Krebs in sein Fleisch?" Bei solchen Gelegenheiten trug sie ihr Bestes auf und legte eifrig vor; ich dagegen, der das schlaue Manöver kannte, spielte das Mitglied eines Mäßigkeitsvereins, machte auf das Schädliche dieser oder jener Speise aufmerksam und warnte vor Überladung, so daß die Uneingeweihten sie für die Gastfreiheit selbst, mich für den Neidhard halten mußten. Das Lächerlichste aber war wohl, daß sie sogar ihre Freundschaft und Liebe streng nach dem Grade der Eßlust und des Verdauungsvermögens ihrer Freunde und Verwandten abmaß. Klagte jemand über seinen schwachen Magen, wies er alles zurück, ausgenommen ein Glas Wasser und den Fidibus, so wußte sie nicht zutulich genug zu tun; "ach," hieß es dann, "welch ein honoriger Mensch, wie wird er doch liebenswürdiger mit jedem Tage!" War das Gegenteil der Fall, glaubte einer ein Gericht nicht besser loben zu können, als indem er zweimal davon nahm, so war er ein Subjekt ohne Lebensart, ein Kerl, der aus Schlund und Magen zusammengesetzt sei, wie andere aus Leib und Seele. Mit ihrer einzigen Jugendfreundin, einer Gärtnersfrau, die uns alle Sonntage besuchte, stand sie im Begriff, auf immer zu brechen, bloß, weil diese an der Auszehrung litt, und schüchtern, so wie ihre Krankheit zunahm, von drei Tassen Kaffee und einem Zwieback, womit sie sich anfangs begnügte, bis zu sechs Tassen Kaffee und drei Zwiebäcken aufstieg; um einen Grund zu bekommen, stellte sie sich eifersüchtig auf die lederndürre Todesbraut, eifersüchtig nämlich—ich muß dies wohl hinzufügen—wegen meiner. Die Person starb noch zur rechten Zeit, kurz vor Ausbruch des Ungewitters, das sie bedrohte, sonst würde sie's erlebt haben, daß man ihre Todesseufzer für verliebte und ihre Schwindsucht für ein Sehnsuchtsfieber ausgegeben hätte. Natürlich hatte von diesem Geiz niemand mehr zu leiden als ich, und was mich am meisten verdroß, war, daß er mit unserer Wohlhabenheit zunahm, daß das Essen, je mehr ich verdiente, um so schlechter wurde. "Wir haben nicht Kind noch Rind," sagte ich einst, durch eine Wassersuppe aufgebracht, zu ihr, "was wir hinterlassen, kommt an wildfremde Menschen, ich begreife dein Knickern, dein Schinden und Schaben nicht."—"Was?" versetzte sie lebhaft, "ist's denn keine Ehre für uns, wenn die Herren vom Gericht nach unserem Tode mit Verwunderung und Respekt in ihr Inventarienbuch schreiben: Der Silberschrank war so wohl versehen, daß auch kein Löffelstiel mehr hineinging, an Leinenzeug fand sich mehr vor, als die seligen Eheleute Christopher und Magdalena Schnock in dreißig Jahren hätten auftragen können, der Schornstein wollte bersten, so voll hing er von Würsten und Schinken? Ist das nicht eine Nachrede, die uns noch im Himmel freuen, ja, in der Hölle trösten muß? Oder möchtest du, daß es von dir hieße: Man kann den Hungerleider noch im Grabe pfänden, wenn man will; denn der Sarg ist nicht bezahlt, er hat sich aus der Welt gestohlen, wie ein Dieb aus dem Gefängnis, niemand kommt zu dem Seinigen, als etwa der Kirchhofwurm, wenn er sein Bankrottiererfleisch nicht verschmäht!" Sie beklagte es, daß wir nicht katholisch waren, bloß der vielen Fasttage wegen; "in dem Glauben", sagte sie, "können Leute doch was vor sich bringen, die Religion selbst bringt das Sparen mit sich, und naseweise Gesellen dürfen sich nicht mokieren, wenn der Tisch nicht immer unter Fleisch brechen will." Ja, sie ging zuletzt soweit, daß sie ihre ökonomischen Rücksichten auf meinen eigenen Körper ausdehnte und mir die unnütze Anstrengung desselben, wie sie sich ausdrückte, verbot, mir zum Beispiel die Erfüllung der ehelichen Pflichten nur selten verstattete; vermutlich, weil sie die Kosten einer Umarmung nach Heller und Pfennig abzuschätzen verstand und weil sie nun kalkulierte, daß ich meine Kräfte nützlicher und fruchtbringender im Handwerk anlegen könne, als in der Liebe. Es war daher gewiß kein Wunder, wenn ich sie auf alle Art zu betrügen und zu hintergehen suchte, doch glückte mir dies meistens nur bis zu dem Punkt, wo ich die Absicht nicht mehr leugnen konnte, wo mir die Frucht meiner List aber dennoch schmählich entging. Ich betrachte jedes Unglück, wovon ich höre, als einen näheren oder entfernteren Verwandten, als einen Vetter von mir, der über kurz oder lang bei mir einsprechen wird; ich habe Stunden, wo ich ordentlich darüber erstaune, daß ich noch keine greuliche Missetat begangen habe, die mich dem Halsgericht überantwortet; hat man doch Exempel, daß einer morgens unschuldig wie ein Kind aufsteht, und abends blutbespritzt wie ein bayrischer Hiesel zu Bette geht. Was hilft alle Vorsicht! Vorsicht ist der Ball, womit das Schicksal spielt. Der Teufel ist allenthalben, nur da nicht, wo man ihn sucht. Wer sollte glauben, daß ich das Ärgste, was mir bis jetzt begegnet ist, in meiner eigenen Speisekammer erleben mußte? Doch war es der Fall!

Aus Leckerei entschloß ich mich eines Abends, mich selbst, meinen eigenen Haushalt, zu bestehlen. Wir hatten nämlich unser Schwein eingeschlachtet, und es waren treffliche Würste gemacht worden. Von diesen Würsten erhielt ich so viel als nötig war, um in mir den unbändigsten Wunsch noch mehr zu erregen; dann mußte ich selbst sie in die Speisekammer tragen und sie dort so hoch aufhängen, als ob sie niemals wieder heruntergenommen werden sollten. Das Fenster der Speisekammer ging auf die Straße hinaus, unvermerkt klinkte ich es auf, ohne noch selbst zu wissen, weshalb. Die Nacht brach herein, und eine Pfanne voll magerer Kartoffeln, die mir vorgesetzt wurde, als ich zum Essen in die Stube kam, machte mich vollends desperat. "Der Teufel soll sie holen!" brauste ich auf, ich meinte die Kartoffeln. "Wen denn?" fragte Lene, ihren langen Gänsehals hinter dem Ofen hervorstreckend. "Die Zahnschmerzen!" versetzte ich, legte meine Gabel nieder und drückte ein Tuch an die Backen. Bald darauf stahl ich mich aus der Tür und umschlich leise und behutsam mein Haus. Es war finster genug, dicke Regenwolken verschluckten das sparsame Licht des Mondes, der verdrießlich hin und wieder aufdämmerte. Kaum hörte ich das Spinnrad meines Weibes schwirren, da stieß ich das Fenster der Speisekammer von außen auf und schwang mich mit einer Geschicklichkeit, als ob ich seit dreißig Jahren praktizierender Dieb gewesen wäre—Angst vor Ertappung gab sie mir—hinein. "Guten Abend!" ruft mir auf einmal mit hohler Stimme einer nach. "Still, still, um's Himmels will, still!" wisperte ich. "Sei unbesorgt, Kamerad," wird mir geantwortet, "aber hilf mir, daß ich auch hineingelange, das Fenster ist verdammt hoch." Was sollte ich tun? Sollte ich Lärm machen und mich von Kindern und Erwachsenen als einen Menschen, der bei sich selbst auf Diebereien ausgeht, verspotten lassen? Oder sollt' ich den Unbekannten, wie er's verlangte, zu mir hereinziehen, um ihn dann im Finstern durch gütliche Vorstellungen zu bewegen, wieder hinauszusteigen? Ich weiß noch nicht, was ich hätte tun sollen; meine Hand war eilfertiger als mein Kopf, sie ergriff, ohne auf höhere Order zu warten, instinktmäßig die Faust, die sich ihr entgegenstreckte, und zog den Kerl, dem dieselbe angehörte, herein. "Merkwürdiges Zusammentreffen!" sagte dieser und tappte herum. "Allerdings!" erwiderte ich mit einem Seufzer. "Ich hatte dem dicken Schnock auch einen Besuch zugedacht," fährt er fort, "und wollte nur erst das Auslöschen des Lichts abwarten, da sah ich dich das Fenster öffnen. Wie konntest du dies nur bewerkstelligen, ohne vorher eine Scheibe zu knicken?"—"Das ist ein Geheimnis!" versetzte ich zähneklappernd. "Was du mir mitteilen mußt," fällt er rasch ein, "ich will dir dafür eine neue Art Handschellen zu zerbrechen lehren. Wo hast du studiert?"—"Studiert?" frage ich. "Ja, auf welcher Ohnversität, in welchem Zuchthaus, meine ich?"—"Ich saß noch nicht in Zuchthäusern!" antworte ich. "Unglückseliger!" versetzt er, "so bist du noch nicht ein einziges Mal absolviert, schleppst dich noch mit allen deinen Sünden herum? Mich hat die Justiz schon dreimal rein gewaschen und neu frisiert. Was hast du denn alles auf'm Herzen? Ist etwas von Erheblichkeit, ein Mord, oder so was, darunter? Oder hast du deine Tugend für nichts und wieder nichts hingegeben?"—"Mensch, du sprichst, als ob du der Teufel selbst wärst!" stoß' ich vor Entsetzen hervor. "Wer sagt dir, daß ich's nicht bin?" sagt er mit einem Ernst, der mich im ersten Augenblick schaudern macht, "wahrlich, ich sage dir, ich bin der Teufel und ich will dir etwas vertrauen. Vor drei Monaten—" Mir wird bei diesen lästerlichen Redensarten gräßlich zumut, in der Ferne höre ich den Nachtwächter, auch klärt der Himmel sich auf, so daß der erste Vorübergehende das Offenstehen des Fensters bemerken muß; rasch, ehe der unheimliche Mensch sich dessen versieht, springe ich hinaus, beim Sprung kommt mir aber die Zunge zwischen die Zähne und ich zerbeiße sie dermaßen, daß Blut läuft und ich mich vor Schmerz nicht zu lassen weiß. Ich reiße die Tür auf und stürze mit dem lauten Geschrei: "Diebe, Diebe in der Speisekammer!" in mein Haus. Meine Frau, nebst meinem Gesellen—es war der größte, den ich jemals hatte, ein Mensch, der sich, wie er sagte, vor niemand fürchtete als vor sich selbst, vor seiner eigenen Wut nämlich—eilen schlaftrunken mit einem Licht auf die Speisekammer zu, ich—der Spitzbube, der sich für den Teufel ausgab, konnte in mir unmöglich den Konsorten erkennen, weil wir ja nur in der dicksten Finsternis Vertraute geworden waren—folgte ihnen mit einem Besenstiel. Wir finden nichts drinnen, keinen Dieb, aber auch keine Würste; Lene taumelt mir ohnmächtig in die Arme—nur Ohnmachten trieben sie noch zuweilen hinein—mein Gesell nimmt, dir fürchterlichsten Flüche ausstoßend, die allgemeine Verwirrung wahr und bringt ein Stück Speck auf die Seite, was mir freilich nicht entging, was ich dem Riesen jedoch hingehen ließ. Was geschieht am andern Morgen? Ein Knurren, Bellen und Beißen wie von zwanzig Hunden treibt mich vor der Zeit aus dem Bett; ich öffne das Fenster und sehe, daß sämtliche Würste, zu einer Art von Kranz ineinander verschränkt, vor unserer Tür aufgehängt sind, und daß die durch den leckeren Geruch herbeigelockten Köter, springend und einer den andern giftig beim Schwanz zurückzerrend, sich umsonst bemühen, eine oder einige davon zu erlangen. Ein solcher Ausgang war nun zwar erfreulich, aber noch mehr unbegreiflich. Ein paar Tage später erfuhr ich indes, daß ein Übeltäter aus unserem Ort wegen Wahnsinns aus dem Zuchthaus in die Irrenanstalt abgeführt, seinen Wächtern unterwegs entsprungen und erst nach längerer Zeit wieder eingefangen worden sei. Ohne Zweifel hatte ich die Bekanntschaft dieses Verrückten in meiner Speisekammer gemacht.

Drittel Kapitel

Zum Schluß

Der Morgen war angebrochen, der Wagen stand vor der Tür, reisefertig trat ich in das Gastzimmer, um von Schnock, der schon des Frühtrunks wegen gekommen war, Abschied zu nehmen. Schnock saß am Tisch und hatte mehrere leere und noch mehr volle Flaschen, sowie ein derbes Gabelfrühstück vor sich stehen; ihm gegenüber saß mein Wirt, der lange, dürre Postmeister, sich auffallend beeifernd, seinen Gast durch Anekdoten und muntere Geschichten zu ergötzen. Da war kein Jägerstückchen, kein Witzwort vom kleinen Korporal oder vom alten Fritz, das nicht vorgebracht wurde, ja, der Postmeister begnügte sich nicht, bloß sein Gedächtnis zu martern, er war unbarmherzig genug gegen sich selbst, seine eigene Phantasie Peitsche und Sporen kosten zu lassen, um ihr dies oder jenes Geistreiche abzujagen. Aber Schnock, der sonst so leicht und so gern lachte, verzog diesmal keine Miene und gab keinen Laut von sich; er schüttelte nur zuweilen, wenn der Postmeister recht ansetzte, verächtlich den Kopf, oder stieß einen Seufzer aus, und wenn er den Mund auftat, so geschah es einzig und allein, um ein Stück Fleisch oder etwas Ähnliches hineinzustecken. "Trinkt doch, trinkt!" sagte der Postmeister hitzig, "und dann knöpft die Ohren auf, jetzt will ich Euch eine Schnurre erzählen, die noch von meinem Großvater herrührt. Nicht darüber lachen, heißt den seligen Mann noch im Grab beleidigen; ich möchte der Schlingel nicht sein, der das täte; denn mein Großvater verdient Achtung, er war Schulmeister, und wenn einer von uns rechnen und schreiben kann, so hat er's von ihm gelernt." Die Schnurre war wirklich lustig, dennoch hielt Schnock an sich, obgleich sein Gesicht bersten wollte. "Schämt Ihr Euch nicht?" sagte der Postmeister; "für den Herrn Dr.", er deutete auf mich, "war das Ding gut genug, um darüber zu lachen, und Ihr sitzt wie ein Klotz? Der Teufel soll mich holen, wo ich mit Euch wieder eine Wette eingehe!"—"Worin besteht denn die Wette?" fragte ich neugierig. "Werdet Ihr so unhöflich sein, die Frage des Herrn Dr. unbeantwortet zu lassen?" sagte der Postmeister lebhaft zu Schnock; dieser aber sah mich an, legte den Finger auf den Mund und verharrte in Stillschweigen. "Nun," versetzte ich gleichgültig, "in Geheimnisse will ich nicht eindringen, lebt wohl, Meister Schnock!" Schnock stand auf und ergriff meine ihm dargebotene Hand, sie herzhaft drückend; dann nahm er das Stück Kreide, dessen sich die Billardspieler zu bedienen pflegten, und schrieb damit auf den Tisch, daß er mir eine glückliche Reise wünsche. "Ist der Mann stumm geworden?" fragte ich, aus der Tür tretend, den mich begleitenden Postmeister. "Nichts weniger als das, purer Egoismus!" erwiderte der Postmeister. "Wieso?" fragte ich stutzend. "Er will umsonst bei mir essen und trinken," gab der Postmeister zur Antwort, "darum spielt er den Stummen. Ich muß ihm heute nämlich, so haben wir gestern zur Nacht im Rausch gewettet, das beste aus Küche und Keller so lange unentgeltlich aufsetzen, bis er sich zum Lachen oder Sprechen hinreißen läßt. Lacht er oder spricht er ein Wort, so muß er—hierin liegt mein Vorteil—alles doppelt bezahlen; hält er an sich, nun freilich, dann weiß ich, wer sich noch heut Abend Haare aus dem Kopf reißt und mit dem Schädel gegen die Wand rennt. Aber, er mag sich hüten! Ich erlaube mir gegen ihn, was mir einfällt, und an Kniffen und Ränken fehlt's keinem aus meiner Familie. Ich will ihn schimpfen, bis er vor Ärger braun und blau wird, wie ein Kapaun; ich will dritte Personen herbeirufen und Schandgeschichten von ihm erzählen, denen er Widerspruch entgegensetzen muß, wenn er nicht will, daß alle Welt sie glauben soll; ich will Pistolen hinter seinem Rücken abfeuern; ich will seiner Frau, die wohl von der Wette nichts weiß, anzeigen, daß er bei mir schlemmt, damit ihm diese über den Hals komme, ich will mich stellen, als ob ich mich umbringen wollte; ich will—"

Mein Wagen fuhr ab.

Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Schnock" von Hebbel.