Harald und Hedwig befreundeten sich wieder. Elfriede bekümmerte sich nicht mehr wie sonst um ihn, und er mußte jemand haben, der sich mit ihm beschäftigte. Sie ritten zusammen, er bewunderte ihre gute Haltung, und die Eleganz, mit der sie über Gräben hinwegsetzte. Sein größter Ehrgeiz war es nun, von ihr ein Lob zu verdienen, das sie sehr spärlich austeilte; die geschnürte Taille, über die er anfangs so gespottet hatte, erschien ihm jetzt im anderen Lichte, ja „durchaus notwendig“ für eine vornehme Reiterin, wie er sich bei Tisch ausdrückte. Die beiden kamen immer sehr frisch von ihren Ritten zurück. — Weshalb reitest du eigentlich niemals mit? fragte Frau van Loo Elfriede; du bist immer blaß und kommst zu wenig an die frische Luft; deine Übungen werden immer unerträglicher. — So sprach sie, und dachte: lange sehe ich dieses nicht mehr mit an. Aber Elfriede fand stets Ausflüchte, bis ihre Mutter ihr eines Morgens stillschweigend ein Pferd satteln ließ; wohl oder übel mußte sie mitreiten, anfänglich ganz froh, dann immer stiller; und wie erst der Wald zwischen ihr und dem Gute lag, daß sie das Haus nirgends mehr finden konnte, faßte sie eine große Unruhe, sie blieb hinter Harald und Hedwig zurück und ward erst ruhiger, als das Schlößchen wieder in der Ferne vor ihren Blicken lag. Sie strengte ihre Augen an, sie zählte alle Fenster, ihr Blick blieb auf einem haften während der ganzen Zeit ihres Rückwegs. — Es greift mich zu sehr an, sagte sie, absteigend, zu ihrer Mutter, und fiel ihr fast in die Arme. Das erstemal, fügte sie, sich zusammennehmend, hinzu, ist es immer mehr eine Arbeit als ein Vergnügen; ich werde morgen wieder reiten! Aber sie ritt nicht wieder, sie saß wieder am Flügel, und wenn eine Tür ging, zuckte sie zusammen. Wenn sie allein war mit den andern, war sie stumm und gedrückt; trat Pitt ins Zimmer, ward sie lebhafter; als wäre es selbstverständlich, war sie stets an seiner Seite, sie antwortete nur halb dem was er sagte, ihre Stimme hatte einen belegten, trockenen Klang. Und schließlich konnte sie auch nicht mehr üben; alles schien seinen Sinn verloren zu haben.

Leise näherte sich ihr Frau van Loo; aber wie sie nur das erste Wort sagte, fiel Elfriede erregt ein: es sei schrecklich, daß man nicht mehr eine Freundschaft haben dürfe, bis jetzt habe sie geglaubt, daß ihre Mutter wenigstens natürlich und einfach dächte, nun werde sie auch noch von Hedwig angesteckt! Ich muß es doch am besten wissen, was ich fühle! — Also ist es noch zu früh; dachte Frau van Loo und wartete. — Elfriede beherrschte sich die nächsten Tage, aber langsam, ohne daß sie das geringste dagegen tun konnte, kam es wieder über sie.

Sie vermied jetzt jede Berührung mit ihm; wenn er ihr morgens die Hand reichte, nahm sie sie nur flüchtig. Harald bemerkte Elfriedes Traurigkeit einmal, als er sie allein in einem Zimmer überraschte. — Habt ihr euch gezankt? fragte er Pitt: Elfriede ist so traurig. — Ja, sagte Pitt, sie ist traurig, und ich bin traurig darüber. Diese Worte kamen ihm ganz einfach über die Lippen, da Harald so warm und selbstverständlich sprach. — Harald teilte dies sofort Elfriede mit: sei doch wieder gut mit ihm, Pitt ist so furchtbar traurig! Elfriede hielt mit Mühe die Tränen zurück. Aber Haralds Worte taten ihr wohl, und die Hoffnung kam in ihr Herz zurück. Als sie Pitt wiedersah, erwartete sie ein Wort von ihm über das, was er zu Harald gesagt hatte; aber es war als habe er es nie gesprochen, oder schon wieder vergessen. In seinem Wesen schien kein innerer Zwang zu sein, nichts schien einem Gesetz zu folgen.

Dennoch wurde sie für kürzere Zeit heiterer, indem sie dachte: So weiß ich es doch wenigstens, wenn er es mir auch nicht selber sagt. Aber lange hielt diese Stimmung nicht an: ein kleines Wort von ihm genügte, sie von einem Gefühl ins andere zu werfen. Eine geringe Veränderung in seiner Miene machte sie traurig oder froher. Sie hatte Angst, wenn er zu Tisch kam, ob er sie zuerst ansehen oder ob er nur im allgemeinen guten Tag wünschen würde; wenn geredet wurde und sie selber etwas sagte, sah sie hin zu ihm, ob der Klang ihrer Stimme irgendeine Veränderung auf seinen Zügen hervorrufe; wenn man vom Tische aufstand, beobachtete sie, wohin er seine Schritte wende, ob er gleichgültig irgend einen Gegenstand anfaßte, oder ob er wie selbstverständlich zu ihr kommen würde. Gingen sie alle miteinander spazieren, suchte sie seine Gedanken zu ergründen, wenn er vorausschritt. Mit Mühe bezwang sie sich, aber gegen ihren Willen schritt sie schneller, bis sie an seiner Seite war. Wenn sie abends alle nach dem Tee zusammensaßen und Hedwig Geschichten von Bällen, Rennen und Gesellschaften erzählte, wenn überhaupt irgend jemand länger sprach, irrten ihre Gedanken sogleich ab, ihre Augen suchten seine Augen, ob sie sich nicht in ein heimliches Einverständnis mit ihr setzten, das über die Erzählungen hinweg sie und ihn in eine glückliche Stille führe, — und wenn er dann endlich zu ihr herübersah, da er empfand, daß sie sich nach einem Zeichen von ihm sehne, dann ließ ihre Spannung etwas nach.

Pitt wurde dieser Zustand unerträglich. Es war ihm, als habe er seine Freiheit verloren, er begann fast einen Widerwillen gegen Elfriede zu empfinden. Ihr Wesen erschien ihm verzerrt und fremd, es drohte all seinen Schimmer für ihn zu verlieren.

Die Erwägung, daß dies alles seinetwillen war, half ihm nicht darüber hinweg. Wieder nahm er sich vor, abzureisen, aber schon bei dem Gedanken daran stieg ihm Elfriedes Bild so wie es war und wie er es liebte, hemmend vor die Seele. Er geriet in einen Zwiespalt mit sich selbst, wußte nicht mehr was er tun sollte. Aber schließlich raffte er sich zu einem Entschlusse auf: Ich reise morgen! — Du reist morgen? Elfriede erblaßte. Ist es dir denn ganz gleichgültig, ob du hier bist oder wo anders? — Pitt sah ins Leere und seine Augen wurden feucht. — Siehst du, du denkst selbst nicht im Ernst daran. — Sie stand vor ihm, hob die Hand, ließ sie aber gleich wieder sinken. — Oder ist es dir doch gleichgültig? — Sie sah ihm fast flehend in die Augen. — Es war als käme er aus einem Traume zu sich. Er blickte ihr ins Gesicht, unklar, zweifelnd, grübelnd, und er blieb. — Aber ihre Gegenwart bedrückte, beengte ihn mehr und mehr, er fing an ein Alleinsein mit ihr überhaupt zu vermeiden und schloß sich an Harald an, mit dem er nachmittags zusammen arbeitete. Harald hatte gesagt, daß ihm die Mathematik so schwer werde, und daß dies eine wahnsinnig dumme Wissenschaft sei. Jetzt, unter Pitts Anleitung, wurde sie ihm plötzlich nahgerückt und interessant; denn Pitt verstand es, aus ihr eine Kunst zu machen, die sich auf den einfachsten Grundlagen aufbaute. Dinge, die Harald früher unbegreiflich erschienen waren, lösten sich unter seinen Worten und Beschreibungen zu durchsichtigster Selbstverständlichkeit auf; es lockte geradezu, auf diesen schwanken Brettern und Balken herumzusteigen, neue Brücken und Verbindungen zu schlagen, und wenn man einmal leichtsinnig oder unüberlegt abstürzte, so tat der Sturz nicht weh, man erhob sich als sei man niemals heruntergefallen, und sah sich das nächstemal etwas vorsichtiger um. — Pitt ist ganz anders als andere Menschen! sagte Harald zu seiner Mutter; man schämt sich nie vor ihm. Wenn ich etwas Dummes sage, dann ist es immer so, als ob er es eigentlich gesagt hätte und dann nur gleich das Richtige fände. Er sagt alles so klar und einfach in den Stunden, und dann hinterher, wenn wir uns unterhalten, muß ich mich manchmal durcharbeiten durch seine Worte, wie durch ein Gestrüpp, hinter dem der Sinn sitzt. —

Eines Spätnachmittags gegen Abend, als sie wieder lange zusammengesessen hatten, trat Elfriede ein. Sie hatte Pitt an diesem Tage fast noch gar nicht gesehen, und hielt ihren Zustand nicht mehr aus. Mit stumpfen Augen stand sie da — er konnte diese Augen fast nicht mehr ansehen — und bat ihn, mit ihr ins Musikzimmer zu kommen; sie habe unter den Noten ein schönes altes Stück gefunden, das sie ihm früher einmal vorspielte, und das ihm so gut gefallen habe. — Im selben Augenblick, wo sie so unter der geöffneten Tür stand, schlug das Fenster zu. Draußen hatte sich nach der schwülen Tageshitze ein Wind erhoben, es drohte ein Gewitter. Pitt sagte, sie möge vorangehen, er wolle nur noch oben in seinem Zimmer das Fenster schließen. — Sie dachte: das können doch auch die Mädchen! antwortete aber nicht und begab sich stumm zum Flügel, schlug das Stück auf und horchte von ihrem Sitz aus auf den Gang hinaus, zur Treppe. Schließlich begann sie Akkorde anzuschlagen, ohne Zusammenhang, nur um die Zeit des Wartens hinzubringen. Aber Pitt kam nicht. Eine Viertelstunde war vergangen, endlich erhob sie sich. Sie horchte wieder. Schließlich schritt sie langsam die Treppe hinauf, bis vor seine Tür, zögerte einen Augenblick, öffnete sie dann aber in dem sicheren Gefühl, daß Pitt doch nicht im Zimmer sei, und stand bewegungslos und fragend auf der Schwelle.

Pitt saß am Fenster, den Kopf in die linke Hand gestützt, und zeichnete Figuren. Sie sah dies wie ein lebendes Bild, das nur einen einzigen Augenblick andauerte, denn im nächsten hatte er den Kopf zu ihr gewendet, und sah sie ebenfalls bewegungslos und fragend an. — Ach so! rief er, indem er aufsprang, das hatte ich ganz vergessen. Mir fiel vorhin ein einfacherer Beweis für Harald ein, ein neuer, den ich selbst gemacht habe, und dazu zeichnete ich gerade die Figur. — Sie hatte die Tür hinter sich geschlossen und trat näher; sie sah ihn so sonderbar und ernst an, daß er wußte: Jetzt kommt die Entscheidung. Eine nervöse Unruhe überfiel ihn, er wollte langsam an ihr vorbei, blieb aber auf halbem Wege stehen. — Was hast du denn? fragte er, nur um etwas zu sagen, und doch wußte er, daß diese Frage gerade die schlimmste von allen war. — Sie antwortete noch immer nichts und hielt ihre traurigen Augen unausgesetzt auf ihn gerichtet. Sie wollte sprechen, sie vermochte es nicht. In dem Gefühl, etwas tun zu müssen, worauf sie wartete, wonach sie sich sehnte, legte er sanft den Arm um sie und zog sie an sich. Da lösten sich ihre Tränen.

O, du quälst mich so! — — diese Worte schienen das Zimmer noch zu füllen, nachdem sie längst verklungen waren. —

O, du quälst mich so! wiederholte sie langsam, heftiger, und er fühlte, wie ihr Körper in verhaltenem Schluchzen bebte. Ihre Arme, die ihn ganz umfaßt hielten, umschlangen ihn noch enger. Es war, als wollten sie ihn nie wieder loslassen. Sie hatte die Augen geschlossen, sie vergaß alles um sich her, sie wußte nur, daß sie ihn in ihren Armen hielt.