In ihm gingen die verschiedensten Gedanken wirr durcheinander. Zum erstenmal fühlte er ihren Körper dicht an dem seinen, zum erstenmal empfand er mit aller Heftigkeit das, was er bisher nur mit seinen Augen gesehen und mit den Ohren gehört hatte. Und jetzt empfand er zum erstenmal in aller Stärke den Unterschied in seinem und ihrem Gefühl, beängstigt, beklemmt, ähnlich wie schon früher, nur viel stärker. Einzelne Bruchstücke ihres früheren Beisammenseins tauchten in seiner Seele auf und verschwanden wieder, ohne daß sich ein selbständiger Gedanke an sie heftete. Sie tauchten empor und sanken unter wie Bilder, die man nur als Zuschauer betrachtet. Dann dämmerten ganz frühe Eindrücke in ihm auf, Landschaften, die er als ganz kleiner Knabe gesehen und die aus seiner Erinnerung geschwunden waren. Sie verrannen wieder, dichtes, feines Stabwerk schwebte ihm vor Augen, wie wenn es anatomisch wäre, verschlungene zarte Röhren; aus ihnen brachen kleine runde Knospen, halb traumhaft dachte er: Das sind die Gedanken, die sich im Gehirne bilden — — — und dann war er wieder in der Wirklichkeit und fühlte Elfriedes Körper.

Draußen trieb der Wind den Regen gegen die Scheiben. Elfriede sprach noch immer nichts; sie wartete auf ein Wort von ihm, das sie befreien mußte; noch immer wollte sie nicht sehen, was doch klar vor ihrer Seele stand. — Ihm wurde dieses Schweigen schrecklich, so schrecklich, daß er es brechen mußte. Aus ihrem Traum schon halb erwacht, kam sie ganz zu sich und in die leere Wirklichkeit zurück, als er sie endlich fragte: Willst du mir nicht jetzt die Musik vorspielen? — Jetzt?! fragte sie verständnislos, mit großen Augen. — Er schwieg wieder. — Was soll nun werden? fragte sie endlich tonlos. — Ich reise ab. — Das Blut lief ihr zu Herzen. Nein, das darfst du nicht! rief sie schnell, du sollst hier bleiben.

Noch vor einer Stunde war es ihr unmöglich erschienen, länger mit ihm zusammen zu leben; jetzt, wo er das Wort der Trennung aussprach, widersetzte sich ihr ganzes Gefühl dagegen. Von der schrecklichsten Last wenigstens fühlte sie sich befreit, er wußte nun, daß sie ihn liebte, und so gab es doch etwas wenigstens, das sie und ihn in der Tiefe verband. —

Komm! sagte er. Sie starrte auf das Tuch von seinem Ärmel, dicht vor ihren Augen, sie fühlte, daß Pitt sich von ihr lösen wollte, obgleich er nach wie vor bewegungslos blieb. Sie täuschte sich vor, daß er ihr diese armselige kleine Zeitlang ganz gehöre, sie wußte, daß dieser Augenblick nie wieder kam. Sie hob den Kopf und sah ihm mit aller Inbrunst in die Augen. Komm! sagte er befangen, und sie fühlte seinen leise abwehrenden Druck.

Mit einer plötzlichen, heftigen Bewegung befreite sie sich von ihm. Für einen Moment ruhten ihre Augen mit einem andern Ausdruck auf den seinen, es war als ob sie etwas sagen wollte, aber sie schwieg, ging an ihm vorbei und verließ das Zimmer.

Pitt blieb zurück in einer dumpfen Betäubung. Draußen prasselte der Regen gegen die Scheiben, er starrte hinaus in die Landschaft und fühlte sich verlassen, ausgestoßen, heimatlos. Heute abend würde er Frau van Loo, sowie er sie allein sah, mitteilen, daß er fortging.

Frau van Loo begegnete Elfriede auf der Treppe. Elfriede kehrte das Gesicht fort. In ihrer ersten Überraschung wollte ihre Mutter stehen bleiben, so verändert hatten Elfriedes Züge ausgesehen. — Aber dann tat sie, als habe sie nichts bemerkt und stieg langsam an ihr vorbei, die Treppe hinauf. — Elfriede ging in ihr Zimmer, und als Frau van Loo, da sie nicht zum Abendessen kam, an ihre Tür klopfte, die verschlossen war, sagte sie von innen, sie fühle sich nicht wohl und sei bereits zu Bett gegangen; sie lasse niemand herein. — Auch mich nicht? — Nein. — Elfriede horchte von innen, dann hörte sie, wie sich das feine, seidene Geräusch von der Tür entfernte, langsam und gemessen. —

Elfriede hat Kopfweh! sagte Frau van Loo in einem Ton, der gleichmäßig allen Anwesenden galt; sie hat das von mir geerbt, nur daß mir die Glieder vor dem Gewitter schmerzen, und ihr erst hinterher. Pitt war einsilbig und ernst. Hedwig ahnte einen tieferen Zusammenhang und suchte sich mit ihrer Mutter durch Blicke ins Einvernehmen zu setzen, aber Frau van Loo tat als sähe sie das nicht. Ihr Plan war schon gemacht. —

Dieser unerhörte Regen! sagte sie, als man von der Tafel aufstand und sich in das Wohnzimmer begab; ich glaube wahrhaftig, wir müssen heizen. — Sie ließ den Diener kommen, und bald prasselte ein Feuer im Kamin. — Das einzige, was einem in diesem unfreundlichen Klima übrig bleibt, fuhr sie fort, ist, es sich möglichst behaglich zu machen, und andere Gegenden zu betrachten, in denen es schöner aussieht als bei uns. — Sie ließ durch Harald eine Mappe bringen, darin lagen große, vergilbte Photographien. — Das ist Batavia! sagte sie, und hier ist unser Landhaus; o diese Palmen! und dieser Himmel! — Pitt sah zerstreut seitwärts mit hinein in die Mappe, auf die langgestreckten, einstöckigen weißen Häuser, auf die riesigen, überhängenden Blätter, von denen ein einziges viel größer war als die Menschen, die unter ihnen standen in ihren weißen Anzügen und den großen Strohhüten, oder fast unbekleidet in ihrer eigenen dunklen Farbe. Da war auch ein Bild von Frau van Loo selbst; in einem weißen faltigen Kleide saß sie unter einem fremdartigen, großblütigen Strauche. Wie schön mußte sie gewesen sein! — Harald aber interessierte das nicht; er sah die Bilder jede Ferien an. — Hol die braune Mappe vom obersten Brett! sagte sie, da wirst du Dinge finden, die du noch nicht kennst, es ist eine Sammlung, die dein Vater aus Italien mitgebracht hat. — Harald holte sie und betrachtete die einzelnen Blätter. Riesige Kuppeln wechselten mit schlanken Türmen, reiche Paläste mit großwandigen, kleinfenstrigen Häusern, die irgendwo aus einer Gegend herauszuwachsen schienen, und hinter ihnen ragten schwarze Baummassen wie spitze Flammenbündel in den Himmel. — Er geriet in immer größeren Eifer. — Möchtest du einmal nach Italien? fragte Frau van Loo. Harald war sehr überrascht. Wenn seine Mutter so etwas fragte, so stand auch jedesmal eine Gabe im Hintergrunde. — Ich würde dich gerne einmal hingehen lassen, meinte sie, denn es ist für deine Erziehung sehr erfreulich. — Er stürzte ihr zu Füßen und umschlang ihr Knie. — Aber du mußt erst älter sein, so alt, daß ich dich ohne Sorgen ziehen lassen kann. — Ach so! rief er gedehnt und enttäuscht; ich dachte du meintest gleich! — Jetzt, sagte sie, würde sich wohl keine Gelegenheit finden, denn ich glaube, es gibt niemand, der mit dir ungezogenem Buben reisen möchte. Harald stand einen Augenblick in Gedanken. Er dachte nur darüber nach, ob er niemand wisse, mit dem er gerne reisen würde. — Pitt! sagte er plötzlich, und sah ihn an, als ob der gerade vom Himmel gefallen wäre. — Der wird sich wohl bedanken und lieber hierbleiben, wo es für ihn viel gemütlicher ist. — Hierauf schwieg Frau van Loo und lehnte sich zurück. Was jetzt noch zu tun blieb, war Sache Haralds. — Pitt hatte im Laufe ihrer Worte gemerkt, worauf Frau van Loo abzielte. So frei und warmherzig ihr Anerbieten war — er schwankte keinen Augenblick es auszuschlagen. — Ich muß nach Hause, sagte er, und seine Worte waren gleichmäßig, so ruhig wie seine Augen blickten; ich habe heute morgen von meinem Vater einen Brief bekommen, daß es meiner Mutter sehr schlecht geht! — Das ist nicht wahr! rief Harald, worauf er entgegnete: würde ich es sonst sagen? und ihn so sicher anblickte, daß Harald nun wirklich bestürzt war. — All die schönen Pläne waren so schnell vernichtet, wie sie entstanden waren.

Am nächsten Morgen war Elfriede um die gewohnte Zeit beim Frühstück, blaß und ruhig. Sie hatte sich gefaßt und war entschlossen, niemand etwas merken zu lassen. Pitt trat ein, das Blut lief ihr zu Herzen, aber sie nahm seine Hand, ohne ihre Miene zu verändern, nur daß sie ihn nicht ansah. Sie erfuhr, er würde reisen, sie blickte auf das Tischtuch unter sich, einen Augenblick war es, als ob sie etwas halten wollte, das sich schon halb losgerissen hatte und jetzt ins Dunkel zu verschwinden drohte, — dann ließ sie alles in sich sinken. Gleich nach dem Frühstück ging sie wieder in ihr Zimmer. Pitt sah sie nicht zum Abschied.