Lange hielt er Frau van Loos Hand in der seinigen, bis er sie küßte, dankbar und voll Traurigkeit. — Der Wagen rollte davon, Frau van Loo wandte sich ins Haus zurück, zu Elfriedens Zimmer, und diesmal ließ sie Elfriede ein.
Viertes Kapitel.
Fox Sintrup ließ wie ein Taxator seine Blicke über die Möbel des besten Zimmers der alten, kleinen Frau Rechnungsrat Bornemann gehen, in dem sich die Reste einer besseren Zeit zusammenfanden. Er senkte sich gewichtig auf das Sofa nieder, um die Elastizität auszuprobieren, untersuchte die Aussicht aus dem Fenster und trat endlich vor den großen, goldenen Spiegel, der sein tadelloses Bild aus tadellosem Glase zurückwarf. Frau Bornemann stand still und klein in der Mitte des Zimmers, und schien, während sie ihm alles zeigte, weniger an ihn als an die Sachen selbst zu denken, denn sie vermietete zum ersten Male. Ihre wenigen Worte kamen aus einem Mündchen, das sich beim Sprechen noch mehr in sich selbst zusammenzog. Erst als er wirklich mietete, und sie ihm nun Haus- und Korridorschlüssel einhändigte, ließ sie einen etwas schüchternen Blick über ihn hingehen.
Famoses Zimmer! dachte er zufrieden, und eine reizende Tochter scheint auch da zu sein; zwar — wenn die denkt, ich würde irgend etwas unternehmen, dann irrt sie sich: die Töchter aus Bürgerfamilien sind — also: unantastbar, — aber immerhin: Ein hübsches Mädchen ist ein herzerfreuender Anblick, den jeder rein genießen darf!
Dieses Mädchen, das ihn neugierig auf der Korridorschwelle gemustert hatte, aus ihren dunklen Augen, war in Wirklichkeit keine Tochter, sondern eine Enkelin der kleinen Frau Bornemann und hieß Lotte Pfanz.
O das feine Leder! Großmutter, das feine Leder! sagte sie, als der Dienstmann Foxens Koffer brachte, und sah ihnen hochachtend und begehrend nach, wie sie in das neuvermietete Zimmer verschwanden. — Schnickschnack! sagte Frau Bornemann bedächtig, wann wirst du endlich vernünftig werden, Lotte. Leder ist die Haut von Tieren, der Mensch versündigt sich, wenn er sein Herz an eitle Dinge hängt. Kümmere dich nur um deine Seminararbeiten! —
Fox zog nun wirklich ein und wahrte in seinem Verkehr zu Lotte eine noch größere Distanz, als er sich ursprünglich vorgenommen, denn sie hatte ihn gleich bei der Vorstellung sehr beleidigt: Fox fragte, wie das denn möglich sei, daß sie die Enkelin von Frau Bornemann wäre, wenn sie Fräulein Pfanz heiße. Da sagte sie, Frau Bornemann sei eben die Mutter ihrer Mutter, und darauf sah er so perplex aus, daß ihr die Worte entfuhren: Sind Sie aber borniert! Frau Bornemann war zwar über das unhöfliche Betragen ihrer Enkelin zunächst sehr erschreckt, aber da es die Wirkung hatte, daß Fox sie in Zukunft zwar sehr höflich grüßte, im übrigen aber vollkommen ignorierte, so war sie im Grunde doch nicht unzufrieden; denn sie war so besorgt um ihre Enkelin! —
Die ersten Semester hatte Fox fast nur getrunken, indem er sich erinnerte, daß die Zeit der Freiheit nach dem Schulzwang eine Zeit des Gärens, des Sturmes und des Dranges ist. Jetzt wollte er arbeiten, aufwärts klimmen auf der Leiter, die ihn zu höchsten Stufen führte. Daneben hatte er die Absicht, einmal die Kunst einer gehörigen Revision zu unterziehen und seine Kräfte in diesem oder jenem Fach auszubilden. Er wollte es anders machen als sein Bruder Pitt, der stumpfsinnig aus seinen Semestern nach Hause kam und erst dann in etwas lebhaftere Bewegung geriet, wenn er wieder abreisen sollte.
Jetzt hatten sich beider Wege für eine kurze Zeit geeinigt, indem sie auf derselben Universität studierten. Frau Sintrup hatte dies durchaus gewünscht: Dann brauche ich nicht einmal hierhin und einmal dahin zu denken, sondern kann mit demselben Gedanken an alle beide zusammen denken, das ist doch viel einfacher!
Pitt, der nur nicht an dem Orte sein wollte, wo Elfriede war, hatte sich ohne Widerrede gefügt, und gelächelt, als sein Vater sagte: Dann kann dich Fox einmal etwas unter seine Fittige nehmen. Er dachte es sich ganz lustig, seinen Bruder etwas näher kennen zu lernen. Wo dies geschah, war ihm gleichgültig; nur seine ewigen Umzüge von einer Wohnung in die andere hatte er satt bekommen, obgleich die sich jetzt ziemlich leicht gestalteten. Sein Hauptkoffer stand noch immer in dem Zimmer des Herrn Könnecke, der ihm anfangs mehrere Male darüber schrieb; aber Pitt antwortete, er könne die Sachen augenblicklich nicht gut gebrauchen, und vertröstete auf ein späteres Wiederkommen, so daß Fräulein Nippe sich endlich entschloß, aus diesem Koffer einen reellen Zimmerschmuck zu machen: Ein dünner, bedruckter Stoff aus einem orientalischen Basar lag nun darüber, aus einem inneren Bedürfnis nagelte sie noch einen großen japanischen Fächer auf die Wand dahinter, und taufte das ganze auf den Namen „das Angßangbel“.