Pitt mietete jetzt einfach eine Schlafstelle. Er wollte mit seinen Zimmern möglichst wenig zu tun haben. — Und deine Bücher? fragte Fox. Dies bot keine Schwierigkeit, im Gegenteil: Bücher bekommt man auch in Bibliotheken, und in einem Lesesaal sitzt es sich viel besser als in einer Schlafstelle. Pitt beschloß den ganzen Tag im Lesesaal zu sitzen; er machte dies auch wahr; ursprünglich nur, um zu zeigen, daß man sehr wohl ohne eine Wohnung auskommen könne; dann gewöhnte er sich daran. Auch die praktischen Einrichtungen dort gefielen ihm weit besser, so daß er seiner Wirtin wie ein Geist vorkam.

Fox schuf sich in Bälde einen Verkehrskreis. Zunächst besuchte er den Rektor der Universität, eigentlich nur in dem Gefühle, ihm zu versichern, daß er da sei, wenigstens konnte er keinen wirklichen Grund für sein Kommen angeben. Es knüpften sich auch keine weiteren Folgen an diesen Besuch, und Fox bedauerte, daß die große Universität ein so stumpfsinniges Oberhaupt besitze. Dagegen lobte er diesen und jenen Dozenten, in deren Jours ihm einzudringen gelang. Er verstand es zuzuhören, zu schweigen, bescheidene Fragen zu tun, zu lernen, und da dies an einem jungen Mann seltene Eigenschaften sind, gewann er vielfach Wohlwollen und neue Empfehlungen. Sein großes Anpassungsvermögen ließ ihn in die verschiedensten Kreise eindringen. Bald kannte er außer Leuten der Wissenschaft auch Künstler, Kunststudierende, Architekten, Sportsleute. Viele wußten gar nicht, wo und wie sie seine Bekanntschaft gemacht hatten. Es kam vor, daß er einem ganz fremden Herrn auf der Straße die Hand schüttelte und dann auf irgendein Gespräch zurückkam, das er gar nicht mit ihm geführt hatte: Sie sagten mir damals ... so begann er, und ließ es darauf ankommen, wie weit sich der andere erinnerte oder zu erinnern glaubte. Oft gelang ihm seine Absicht ohne weiteres, indem er sich sagte: In einem großen Salon, wo viele durcheinander sprechen, weiß man nicht, zu wem man dies, zu wem man jenes sprach. Stutzte jedoch der andere, so wog Fox mit großer Geschicklichkeit den Grad dieses Stutzens ab; entweder wußte er ihm dann vollkommen zu suggerieren, daß er damals mit ihm selber sprach, oder aber er sagte etwa: Teufel noch mal — Sie haben recht! Das Gespräch interessierte mich so sehr, daß ich mir wahrhaftig jetzt einbildete, Sie hätten es mit mir geführt! Was Sie damals sagten, war wirklich famos ... wirklich ganz famos! — Die Folge war, daß man sich grüßte, daß man sich wieder sprach. In Bildergalerien, Ausstellungen folgte er unbemerkt irgendeiner anerkannten Größe durch die Säle, merkte sich die Bilder, vor denen sie besonders lange verweilte, trat näher, wenn er ein Gespräch erhaschen konnte, bewahrte es gut in seinem Gedächtnis und gab es später wieder von sich als sein eigenes Urteil, mit zögernder Stimme, mit kleinen Kunstpausen, in denen er das bezeichnende Wort zu suchen, sich zu ihm durchzuringen schien. Zuweilen stellte er sich auch dicht neben einen solchen Mann, ließ dessen Blicken seine eignen folgen, und murmelte ergriffen: Kolossal! Ab und zu gelang es durch solch ein hingeworfenes Wort eine Anknüpfung zu finden. Dann erzählte er später, er kenne diesen Maler, jenen berühmten Bildhauer, vor den und den Kunstwerken hätten sie ihn angeredet: Und dabei war der Mann so bescheiden! so einfach! so ganz und gar — also doch wirklich — bescheiden! — Pitt machten solche Erzählungen große Freude: mit anscheinender Bewunderung hörte er zu, wenn Fox die Bilderpreise aus dem Katalog ablas und sie zu hoch oder zu niedrig fand. Manchmal hatte er dem Künstler selbst geraten, den Preis herabzusetzen, und es wäre fast zu einer Verstimmung zwischen ihnen gekommen! Lieber Gott, das ist ja auch natürlich! Pinselt der arme Kerl da Tag für Tag an seiner Leinwand herum und verwechselt schließlich die Mühen seiner Arbeit mit ihrem Wert als Kunstwerk! — Fox durfte es sich bereits erlauben, unter seinen Freunden und Bekannten auch minderwertige zu besitzen. — Am meisten aber freute sich Pitt, wenn sie in Konzerten nebeneinander saßen. Fox hatte zu Hause bei dem teuersten Klavierlehrer Stunden gehabt und galt in der Familie als musikalisch. — Bei den ersten Tönen führte er die Hand vor die Augen, er schien alles um sich her zu vergessen, er seufzte nach dem Schluß des Satzes leise und starrte vor sich hin, im nächsten Satze dirigierte er fast unmerklich mit, ungeduldig beschleunigend, dann wieder unmutig retardierend; und vor dem letzten Satz sah er Pitt mit großen Augen an und flüsterte, jetzt komme das Erhabenste, was überhaupt geschrieben worden sei. Seine Augen wurden immer starrer, er vergaß die Wimpern wieder zu schließen, und endlich lief ihm eine Träne die Wange herunter. — Für den Fall daß Pitt sie nicht bemerkt haben sollte, konnte es nicht schaden später zu gestehen: Solche Zähren sind erlösend.

Was ist denn das? fragte Pitt, als er zum erstenmal das Zimmer seines Bruders betrat. Es war vollkommen illuminiert mit Schwarz-weißdrucken, die den Inhalt einer Bildermappe bildeten, auf die Fox neuerdings abonniert war. Fox belehrte ihn: Ich hänge die Bilder nicht hin zu meinem Vergnügen, sondern zu meiner Erziehung. Wenn ich lange gearbeitet habe und mein Geist nicht mehr recht vorwärts will, dann sehe ich das Bild da vorne an, den Philosophen oder was es ist, von Rembrandt. Wenn ich eine Kritik schreiben soll über Mozartsche Opern, kucke ich nach dem Dings da hinten von Watteau, der mir die ganze Grazie des Mozartschen Zeitalters vor die Seele ruft und mir die Melodien des Meisters überhaupt ganz von selbst erklingen läßt. — Du schreibst Kritiken? — Natürlich! Fox nagelte Pitt mit einem Blicke fest und holte langsam aus seiner Rocktasche einige beschriebene Papiere vor. — Lies das mal zu Hause durch; zwar bist du ja nicht eigentlich musikalisch, aber immerhin ist deine Stimme die eines Unbefangenen. — Ganz im geheimen hatte Fox eine bessere Meinung von Pitt als von sich selbst. Und wenn Pitt Ausstellungen zu machen hatte an seinen Gedanken, — — so brauchte er sich ja einfach nicht nach ihm zu richten! — Er richtete sich aber dann doch danach. — Dieses Semester will ich mich einmal ganz auf die Musik werfen, neben meiner Jura. Nächstes Semester kommt die Schauspielkunst dran; da werde ich mich selbst einsetzen mit meiner ganzen Persönlichkeit. Jeder Mensch muß die Fähigkeiten in sich ausbilden, die da sind. Wie? Was? —

Fox übernahm für einige Wochen die Opern- und Konzertkritiken an einem kleinen Blatte. Der eigentliche Rezensent war krank geworden und hatte Fox, der immer noch mehr wußte als er selbst, der Redaktion zur Aushilfe empfohlen. Fox kaufte sich in Antiquariaten Sammelwerke alter Kritiken, nach denen arbeitete er. Er lebte sich ganz in den Journalistenton ein, nannte die Saison den „Winter unseres Mißvergnügens“ und redete von „goldnen Früchten, auf silbernen Schalen dargereicht“. Ehe die Kritiken erschienen, lud er Pitt zum Kaffee ein und las ihm alles vor. — Der Satz ist gut! sagte Pitt und nickte beifällig. Fox sah ihn mißtrauisch an, doch ohne Grund: Pitt hatte längst vergessen, daß dies ein Ausspruch war, den er selbst einmal getan hatte, eine Sentenz, die hier für sich allein stand, aus dem übrigen etwas herausfiel. Den Gedanken, sagte Pitt, hättest du zum Mittelpunkt machen und ihn entwickeln sollen. So für sich allein wirkt er eigentlich unverständlich, am Schluß widersprichst du dir sogar.

Fox begann auch Buchbesprechungen zu machen: Lies das mal zu Hause, du hast mehr Zeit als ich, es kommt mir nur darauf an, die leitenden Gesichtspunkte zu finden. Die kannst du mir mal aufstöbern, ich werde sie dann verarbeiten. Pitt belustigte dies alles, aber er bestärkte Fox in seinen Schreibereien und sagte mehrmals, es gehöre ein besonderes Talent dazu, derartiges zu machen; er selbst könne das nicht, er habe zu wenig anhaltende Energie und Spannkraft. — Ja, das ist die Hauptsache! bestätigte Fox bedauernd. Pitt erschien immer häufiger bei ihm. — Ich dachte, du hättest vielleicht heute wieder eine Kritik zum Vorlesen. — Nee, heute nicht, sagte Fox bedauernd-gönnerhaft. — Pitt ging, läutete aber nach zwei Minuten abermals und fragte: Hast du morgen eine? —

Manchmal öffnete ihm Frau Bornemann, manchmal aber auch Lotte, und sie wollte er sehen. — Dies ist ein Mädchen, dachte er, das ich vielleicht lieben könnte. Lotte öffnete stets vergnügt ihren roten Mund, wenn sie ihn sah, und blickte ihn mit unverhohlenem Wohlgefallen an, und wenn Großmutter auf das Läuten hinausging, spähte sie durch die Zimmertür. Einmal bemerkte Fox an Lottes Brust eine Rose, und wußte mit Sicherheit, daß Pitt am selben Morgen — wenn es nicht dieselbe war — mindestens ganz genau eine gleiche in der Hand getragen hatte. Halloh! dachte er, sollten seine häufigen Besuche mit dem Mädchen in Verbindung stehen? Sollte da irgendwas im Anzug sein? Hier unter meinen Augen gleichsam? Das reine Kind? Die dunkeläugige Blume?! — Sein Ehr- und Selbstgefühl regte sich. Vielleicht hatte Pitt keine schlimmen Absichten — aber immerhin: Man konnte nicht wissen was daraus erwuchs. Er selbst aber fühlte sich als Schirmherrn der kleinen Familie, er würde jede drohende Wolke verscheuchen! Wenn jemand ausersehen war, ihr Freund zu sein — ganz in Ehren natürlich — so war er selbst das doch, wo er sowieso im Hause wohnte — und dann: Überhaupt, er hatte moralischere Rechte. — Ich habe die folgenden Wochen stark zu arbeiten, sagte er zu Pitt, und kann dich kaum gebrauchen — und wenn es läutete, stürzte er die nächsten Tage selbst zur Tür. —

Pitt kam nicht mehr. — Es schadet im Grunde auch gar nichts, dachte er, Gott weiß, in was ich mich da verstrickt hätte. Dafür kam Fox mit seinen Kritiken jetzt zu ihm: Mein Ofen raucht! sagte er.

Fox machte sich Vorwürfe, daß er Lotte bis jetzt so wenig beachtet hatte. Er mußte ihr Vertrauen gewinnen, und das Vertrauen der alten Frau Bornemann ebenfalls. Deren Geburtstag bildete die passende Einleitung zur Annäherung. — Er ließ sich bei ihr melden und verehrte ihr einen Hummer zum Wiegenfeste. Frau Bornemanns Augen wurden naß, sie wollte ihn erst nicht nehmen, da er doch gewiß sehr teuer sei, und hielt die Hände in die Schürze geknüllt, wie ein schüchternes Mädchen. Dann nahm sie ihn aber doch, bereitete eine Sauce dazu nach ihren Erinnerungen einer besseren Zeit, und lud Fox später zögernd zu dem Mahle ein, obgleich Lotte meinte, sie wollten das Tier lieber allein verzehren. Auf Lotte war dieser Hummer eigentlich berechnet. Fox wußte, daß sie gerne etwas Gutes aß. Er hatte das öfter bemerkt, wenn er an der Küche vorbei ging. Da stand sie an dem rohen Brettertisch, hielt eine seiner nicht ganz ausgeleerten Delikateßbüchsen in der Hand — Fox liebte es nicht von Resten zu leben — stocherte die Fischlein mit der Gabel heraus und verzehrte eines nach dem andern, andächtig, ohne Brötchen. Frau Bornemann, erst zurückhaltend, taute doch allmählich auf. Sie klagte, daß sie hier wie in einem Meer von Steinen säße, die Straßen verwirrten sie, sie kenne kaum jemand, alle ihre natürlichen Berater, Kinder und Schwiegersöhne, seien tot, man nütze ihre Unkenntnis in geschäftlichen Dingen aus, sie fühle sich der Welt preisgegeben, und Lotte wisse noch weniger als sie selbst, obgleich sie doch das Seminar besuche. Und dann sagte sie, das Großstadtpflaster sei doch nichts für junge Mädchen, obzwar sie ja auf Lotte wie auf einen Felsen bauen könne, denn im Grunde sei sie brav und gut — und ihre Rede floß weiter, leise und bescheiden wie ein ganz kleines, spärliches Wässerchen. Fox sagte zu allem: jaja, jaja, blickte nachdenklich und fürsorglich drein und versprach, er werde ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen, sie möge sich nur in allen schwierigen Fragen an ihn wenden. Das tat sie in Zukunft auch wirklich, erzählte ihm lange Geschichten über ihre bescheidenen Bankpapiere, und fragte: Nun sagen Sie, was soll ich tun?! — Er hörte stirnrunzelnd zu, versprach, sich die Sache im Kopf herumgehen zu lassen, besprach sie dann mit Leuten, die davon mehr verstanden als er selbst, meinte zustimmend, dasselbe habe er ungefähr auch schon gedacht, und legte dieses Selbe später der Frau Bornemann als Resultat seines vierundzwanzigstündigen Nachdenkens vor. Lottes Wohlwollen erwarb er sich dadurch, daß er ihr nun ab und zu auch noch intakte kleine Leckereien verehrte, und Frau Bornemann hatte nichts dagegen, denn sie sah ja nun: Ihr Mieter war brav und meinte es gut mit ihnen. Und diese Überzeugung wurde besonders rege in ihr, wenn er Lotte, die zuweilen merkwürdig frei redete, ohne sich dabei im geringsten etwas zu denken, nachdrücklich zurechtwies: So etwas paßt sich nicht für ein Fräulein! Zuweilen lud er sie ein, mit ihm in eine Bildergalerie, in ein Museum zu gehen. Er erklärte ihr, daß es „Schulen“ gäbe unter den alten Meistern; das glaubte sie erst nicht, ließ sich dann aber belehren, und erzählte zu Hause alles Großmutter wieder. — Lies ihm doch mal deinen neuen Aufsatz vor! Er interessiert sich doch für unser Wohl und Wehe! — Aber das wollte sie nicht, sie wußte selber nicht warum. Sie hatte ihn ja ganz gern, und verehrte ihn, weil er alles wußte, aber — ihre Aufsätze vorlesen, — nein, das wollte sie nicht. — Weshalb sein Bruder wohl gar nie mehr kam? Der sah so interessant aus! Ob der wohl noch viel mehr wußte als Fox? Manchmal wollte sie Fox fragen, weshalb er sich gar nicht mehr sehen ließe, aber sie unterließ es, aus einem unklaren Gefühle.

Eines Tages stand Pitt plötzlich vor ihr, unter der Tür. Es regnete stark, er hatte weder Schirm noch Mantel und wollte sich beides von seinem Bruder borgen. — Er ist nicht zu Hause! sagte Lotte, aber kommen Sie nur herein, vielleicht ist er bald da! Pitt sah in ihre lebhaften und erfreuten Augen und ließ sich hineinziehen. Er saß ihr nun gegenüber, und es war, als habe sich da ein ganz besonderer interessanter Vogel neben ihr niedergelassen, den sie bisher nur flüchtig und im Fluge sah. — Was er für schöne tiefe Augen hatte! Gewiß hatte er furchtbar viel Interessantes erlebt. — Ich soll mich auf mein Lehrerinnenexamen vorbereiten! erzählte sie sofort, wir haben nicht viel Geld und ich muß einen Broterwerb ergreifen! — Sie sollten lieber heiraten! sagte er, ich glaube dazu passen Sie viel besser. — O Gott, das möchte ich ja so gern! Aber wen? ich weiß ja keinen! — Sie holte Großmutters Visitenkartenschale, die nun Zimmerschmuck bei Fox geworden war: Mit was für vornehmen Leuten Ihr Bruder verkehrt! Sehen Sie, hier ist ein Baron, da ein Graf! Sie nahm die Karten achtungsvoll aus der Schale. — Furchtbar schade, daß die immer kommen, wenn ich im Seminar bin! — Diese Karten hatte Fox selbst importiert, um sein Renommee zu heben. In Salons für einen Moment allein gelassen, pflegte er zuweilen die Visitenkartenschalen zu revidieren. — Ihr Herr Vater wird ja nun auch bald Graf! — Mein Vater? — Natürlich! Der Kaiser wartet nur auf die nächste Gelegenheit, und dann wird er Graf! — Hat Ihnen das Fox erzählt? Sie nickte und fand gar nichts Verdächtiges in seiner Frage. —

Es klopfte leise und bescheiden. Frau Bornemann hatte an Foxens Zimmertür gehorcht und drinnen Lottes Stimme und eine andere, männliche gehört; wenn Lotte auch nichts Unrechtes tat: Es schickte sich nun einmal nicht. —