Es war unausbleiblich, daß Lotte schließlich doch den Wandel in seinem Gefühle bemerkte. Sie litt darunter und fragte sich vergebens, was wohl die Ursache sei. Einmal fiel es ihr ganz plötzlich ein, daß er sie ja gar nicht mehr küsse. Sie fragte ihn danach. — Es hat doch eigentlich gar keinen Sinn, sagte er, wenn du zum Beispiel verlobt wärest, so dürften wir uns gar nicht küssen. — Aber ich bin doch gar nicht verlobt! — Eben deshalb! sagte er ganz ernsthaft. — Wieso? sie verstand das nicht in aller Schnelligkeit: gerade weil ich doch nicht verlobt bin, — das heißt — — — Nun? fragte er in aller Seelenruhe. Aber da mochte sie nicht weiter reden. Und zum ersten Male kam ihr der Gedanke: Faßte Pitt denn ihr Verhältnis als eine einfache Freundschaft auf? Das war doch gar nicht möglich! Wie sehr hatte er sie immer geküßt! Waren das alles Freundschaftsküsse gewesen? — Er will mich nur auf die Probe stellen, ob ich ihm treu bleibe! so sagte sie sich, und dachte sich wirklich etwas dabei. Wenn wir uns nicht küssen ist unsere Liebe viel idealer. Aber sie konnte es doch nicht hindern, daß sie sich nun, wo sie sie nicht mehr bekam, nach seinen Küssen sehnte, bei denen ihr immer so unbestimmt wohlig zumute gewesen war.
Sie gingen nun nicht mehr regelmäßig spazieren; dafür sah er sie aber fast jeden Tag einmal hier, einmal da, wo er sie gar nicht vermutete. Sie kannte allmählich seinen Stundenplan und trug ihn immer bei sich, auf dem Herzen. Dann begleitete sie ihn bis zu seinem Hause. Mit jedem Tage machten sie den Weg in kürzerer Zeit; Pitts lange Beine schritten rüstig aus, mit lebhaftem Atem sprang sie bald links bald rechts von ihm, schalt auf das schmale Pflaster und die vielen Passanten, beklagte sich aber niemals. Pitt dehnte seinen Aufenthalt in der Bibliothek länger aus, aber das half nichts: Suchend trat sie in den Lesesaal, setzte sich, ohne daß er sie bemerkte, ihm gegenüber, und wenn er endlich mechanisch von seinem Buche aufschaute, freute sie sich über seine Überraschung sie zu erblicken. Dann ging er wortlos neben ihr her.
Allmählich begriff sie, daß es mit ihren Zukunftsträumen ein für allemal nichts war. Sogleich setzte sie aber auch in Gedanken bescheiden hinzu, daß sie vielleicht auch viel zu nichtig und unbedeutend sei für ihn und redete sich ein, daß sie selber für ihn ja auch von Anfang an nichts als reine Freundschaft empfunden hatte. — Du sollst nicht denken, sagte sie das nächstemal, daß ich etwa verliebt in dich wäre, gar nicht, was ich dir gebe ist ein reiner Freundschaftskuß! und ehe er etwas erwidern konnte, fühlte er ihre Lippen auf den seinen, und sie machte ein ganz schwesterliches und festes Gesicht dabei. Aber als sie ihm das nächstemal wieder einen Schwesterkuß gab, hatte sie schon die Arme um seine Schulter gelegt, er dauerte länger als der erste, und bei dem dritten, den er bekam, wollte sie ihn überhaupt nicht mehr loslassen. — In ihm regte sich etwas von den vergangenen Gefühlen, aber er machte sich frei von ihr und sagte, Geschwister küßten sich nicht; er erinnere sich zum Beispiel nicht daran, daß er und Fox sich je geküßt hätten. Nun begann sie seine Hände zu drücken und ihn dabei verlangend anzusehen; sie wurde immer ruheloser. Nachts träumte sie jetzt viel von ihm, da war er ganz, ganz anders, so wie er früher war, oder war er früher nicht so, hatte sie sich das nur eingebildet? — In die Konditorei gingen sie schon lange nicht mehr; das Wort hatte einen wehen Klang für sie bekommen, sie vermied es; sie wußte auch, daß Pitt sie selbst vermied; aber sie konnte nicht anders: wenn sie ihn in der Ferne sah, lief sie hinter ihm her, bis sie ihn eingeholt hatte.
Sie gab ihm einen „Freundschaftsring“; den hatte sie von dem ersparten Geld, das nun nicht mehr in die Konditorei wanderte, gekauft, ein armes silbernes Ding mit einem Vergißmeinnicht darin. Sie mußte irgend etwas für ihn tun, etwas für ihn opfern. Er wollte ihn erst nicht nehmen. Sie beteuerte nochmals, es sei ja nur ein „Freundschaftsring“, und wenn er ihn nicht immer trüge, wäre es aus zwischen ihnen. — Aus zwischen uns! wiederholte er, das klingt so, als ob irgend etwas „zwischen uns“ wäre! Ich sehe nichts, absolut nichts! — Es ist ja auch gar nichts zwischen uns, erklärte sie in ihrer Angst, aber du mußt ihn trotzdem tragen, ich schenke ihn dir doch nur so! O Gott, du quälst mich so, Pitt, du quälst mich so! —
Pitts Gedanken liefen zurück in vergangene Zeiten, und eine gespenstische Stimmung kam über ihn. Diese Worte hatte er schon einmal gehört, es war, als ob das Leben sich schattenhaft wiederhole. —
Er mußte ein Ende machen. Ich verreise morgen! — Für wie lange? — Das weiß ich noch nicht. — Er hatte die Absicht, ihr nach einigen Tagen zu schreiben, daß es das beste wäre, sie sähen sich nicht wieder. Sie sagte ihm gefaßt adieu, und wie sie so schlicht und zurückhaltend vor ihm stand, und doch so voll von Liebe, nahm er sie ein letztes Mal in seine Arme. Er fühlte, daß es jetzt keines Wortes mehr bedürfe, um sie sich ganz zu eigen zu machen, er fühlte, wenn er sie länger halten würde, ein Wanken seiner Festigkeit, und er machte sich los von ihr. Sie ging getröstet und dachte: Alles wird noch gut! — Wohin er wohl reisen würde? Sie war doch eigentlich sehr neugierig. Am nächsten Tage bezwang sie sich noch; aber am übernächsten fragte sie Fox danach. Sie habe gehört, erklärte sie, von einer Freundin, die einen Bruder habe, dessen Freund mit Pitt zusammen studiere, daß er verreist sei. Wohin er wohl gereist sei? — Fox sah sie mit runden Augen verständnislos an; dann sagte er, der Bruder von der Freundin wisse mehr als er selber; er sei Pitt noch heute morgen auf dem Gang in der Universität begegnet. Wenn er das nicht selbst gewesen wäre, müsse es wohl sein Geist gewesen sein. — Waren die Beziehungen zwischen Lotte und Pitt immer noch nicht aus? —
Am selben Abend ging sie in Pitts Wohnung. Fast unvermittelt stand sie in seiner Tür. — Du bist noch da? fragte sie erstaunt. Schon wieder! log er mit schneller Geistesgegenwart. Sie wollte sich gerade darüber freuen, als ihr plötzlich alles, sie wußte selbst nicht wie, klar wurde. Sie war mehr gekränkt als empört. Als ob ich ein kleines Mädchen wäre! rief sie. Wenn du mich einmal ein paar Tage nicht sehen magst, so kannst du mir das doch ruhig sagen! Ich bin doch vernünftig genug, das zu verstehen! Aber so eine Komödie zu machen, dazu sind wir doch beide zu erwachsen! — Du hast recht, sagte Pitt, der sich über sich selber ärgerte, aber ich fand es zu grausam dir die Wahrheit geradezu ins Gesicht zu sagen! — Welche Wahrheit denn? fragte sie, indem ihr das Blut zu Herzen lief. — Mein Gott — daß ich dich nicht liebe. — Sie beherrschte sich mit Mühe. Aber ich liebe dich doch auch nicht — gar nicht, wir mögen uns doch nur sehr gern! Deshalb braucht man doch nicht gleich wegzureisen — oder vielmehr nicht wegzureisen — der Faden ihrer Gedanken schwand ihr einen Augenblick spurlos, bis sie ihn wieder hatte. Also du willst mich die nächste Zeit nicht sehen? — Doch. — Im nächsten Moment ärgerte er sich wieder über sich selbst. — Morgen? — Pitt seufzte. Wie oft hatte er das nun schon gehört, dieses kleine, halb hingeworfene Wort mit dem unsichtbaren Haken daran. Sie sah seine Miene und sagte schnell: Also ich sehe doch, daß du morgen nicht möchtest, weshalb sagst du denn nicht einfach: übermorgen! Ich bin doch keine Klette! —
Ich muß den Verkehr mit ihr abbrechen; dachte er, als er allein war. Wie alles jetzt ist, ist es würdelos; ich quäle sie, dieser Verkehr ist eine ewige Hin- und Herzerrerei. Wenn ich es ihr sage, tut es keine Wirkung, weder auf sie noch auf mich; sie schlingt dann ihre Arme wieder um mich, und in dem Moment, wo ich sie so dicht an meinem Körper fühle, verwirren sich mir die Gedanken und alles, was ich klar und sicher weiß, erscheint wie Unsinn; ich muß ihr alles schreiben, und zwar muß ich lügen und hart mit ihr sein, sonst ist alles was ich schreibe umsonst.
Als sie sich wiedersahen, überreichte er ihr einen Brief; sie möge ihn zu Hause lesen. Sein Inhalt war kurz und klar. In der Hauptsache sagte er ihr nur, sie habe sich von Anfang an getäuscht in ihm und er wünsche den Verkehr mit ihr abzubrechen. — Darauf war sie nicht gefaßt gewesen. Einen ganzen Tag lang weinte sie; Frau Bornemann versuchte sie zu trösten: Es werde schon alles noch gut; sie sei doch fleißig, das könne jeder mal passieren, daß sie im Französischen eine schlechte Note bekomme, sie solle den Kopf nicht hängen lassen, sondern ihn oben behalten wie der Vogel Kakadu. —
Auf den Gedanken, Pitt zu antworten, kam sie gar nicht; alles war nun aus, einfach aus. Die nächsten Tage vergingen schwer, sie konnte sich nicht daran gewöhnen, daß nun alles vorbei war. Oft stand sie abends unten auf der Straße und sah zu seinem erleuchteten Fenster hinauf, und dann verzog sich ihre Miene wie bei einem Kinde und ihre Tränen begannen wieder bitterlich zu fließen. Sein Stundenplan auf ihrem Herzen behielt noch eine Art selbständigen Lebens, das langsam verzuckte: Bald war sie hier, bald da, um Pitt zu sehen, doch vermied sie es auf das ängstlichste, daß er sie zu Gesicht bekam. Dann wollte sie ihn vergessen; aber sie konnte es nicht ändern, daß ihre nächtlichen Bilder sich weiter mit ihm beschäftigten; endlich wurden diese Bilder unpersönlicher, allgemeiner, und eines Nachts war sie sehr erstaunt, als sie, aus ihrem Traum erwachend, mit ausgebreiteten Armen in die Höhe fuhr und undeutlich einen Menschen vor sich sah, der mit Pitt auch nicht die geringste Ähnlichkeit mehr hatte. Wenn ich nur wüßte, wer es gewesen ist! dachte sie und nahm sich vor, im nächsten Traume ganz genau aufzupassen.