Eines Tages schrieb Pitt an Fox, er möge ihn abends besuchen, und zwar ohne Mantel und Schirm. Er hatte die Absicht, ihm jene von Frau Bornemann geliehenen Stücke um- und anzuhängen und ihn damit zu ihr zurückzuschicken. Fox sah in jenem Ansinnen nur eine der bekannten verrückten Marotten seines Bruders, und nahm aus Opposition außer dem Mantel auch noch einen Schirm mit, obgleich der klarste Sternenhimmel war. Verständigt von dem Plane seines Bruders, weigerte er sich mit Entschiedenheit, die Sachen zurückzutragen; er könne sie durch einen Dienstmann schicken, den er ihm gern bezahlen wolle, wenn Pitt kein Geld habe. Und überhaupt: Fox spitzte plötzlich seinen Geist und sah Pitt mit fragenden und großen Augen an: Weshalb willst du denn die Sachen nicht selbst hinbringen? — Pitt antwortete nicht, sondern sah nur gleichmütig in die Lampe. — Aha! dahinter steckt was! Ihr seid also endlich auseinander, was? — Du kannst es so nennen, wenn du willst; sagte Pitt. Ich würde es nicht so nennen, denn wir waren ja nie zusammen. — Na na, sagte Fox und lachte ungläubig und überlegen, mir brauchst du das nicht aufzubinden. Gut — fügte er nach einer Pause hinzu, gut, daß du dich besonnen hast, wenn es auch ein bißchen lange gedauert hat; wirklich, ich habe es von Anfang an nicht schön gefunden, ich habe es dir ja auch damals voll und ganz gesagt. Übrigens, du kannst vollkommen ruhig sein, ich schwatze nicht darüber, ich meine: die zu Hause brauchen nie was davon zu erfahren, dafür sind wir doch Brüder, was? Brüder sollen doch immer zusammenhalten, wie? Und seine „wie“ und „was“ rissen sich so schneidig von seinen Lippen, daß Pitt fragte: Bist du die letzte Zeit viel mit Offizieren zusammen gewesen? — Allerdings! sagte Fox mit einem unklaren Bedauern, daß dies wirklich der Wahrheit entsprach, und das dem noch unklareren Gefühl entsprang, man hätte aus dieser imponierenden Tatsache irgendwie zwei machen können, neben der ersten noch eine erfundene, denn die erfundenen imponierten ihm selbst noch mehr als die wirklichen. Weshalb frägst du denn das? — Da Pitt die Frage zu überhören schien, verbreitete er sich wieder über den ersten Gegenstand: Nun wisse er auch, weswegen Lotte die letzten Tage so verweinte Augen gehabt habe. Hm hm, also so stehen die Tatsachen! setzte er nachdenklich hinzu. Na — leb wohl und mach solche Dummheiten nicht wieder. Menschlich ist schließlich jeder mal, aber dafür gibt es dann auch Einrichtungen, die der Staat selbst sanktioniert hat. — Übrigens, setzte er nach einem Nachdenken abermals hinzu, ich könnte die Sachen doch am Ende mitnehmen, dann brauchst du nicht noch erst einen Brief zu schreiben; pack sie mir mal gehörig ein, schließlich: Bei Nacht sind alle Katzen grau. — Pitt tat es und Fox entfernte sich mit dem Paket.
Er gab es Lotte persönlich in die Hände. Als sie die alten Sachen wiedersah, die ihr durch Pitt so gewohnt geworden waren, hielt sie mit Mühe die Tränen zurück. — Armes Kind! sagte Fox und sah sie bieder an. Da war es um ihre Fassung geschehen; ihre Tränen liefen ungehindert, sie wurden zum Schluchzen, als Fox väterlich und sanft den Arm um ihre Schulter legte. — Armes Kind! sagte er wiederum. Jaja, jaja!
In diesen wiederholten Ausrufen war mehreres zusammengeballt: Abgeklärtes Überschauen, vormundartiges Mitleid, allgemeines Bedauern menschlicher Schwächen, leise Bitterkeit gegen irgend jemand, und eine stille Resignation. — Wissen Sie denn alles? fragte sie, noch fassungslos. Er nickte langsam und gedankenschwer: Ich habe das alles kommen sehen, alles, alles! Aber ich dachte mir: Sie muß von selber dazu kommen. — Wozu denn? fragte sie verwirrt und ängstlich. — — Na, um zu erkennen, daß das doch nichts war. Ich weiß doch, daß mein Bruder von einer richtigen Liebe keine Ahnung hat, ich kenne ihn doch genügend! Alles dieses wollte Fox eigentlich gar nicht sagen, aber die Worte kamen wie von selbst. — Ja, seufzte sie, das ist es, das fehlt ihm! Und ohne es zu wollen, nur im Drange nach dieser Liebe, die sie all die Zeit ersehnte, lehnte sie sich in seinen Arm, dachte nur an Pitt dabei, und dann fiel ihr ein, daß es ja sein Bruder war, der sie so hielt und tröstete, sein Bruder, der von demselben Fleisch und Blut war wie er, und unwillkürlich lehnte sie sich noch fester an ihn und bildete sich ein, er sei es selbst. — Armes Kind! sagte er wiederum, als sie stiller geworden war; dies Wort wirkte wie eine Formel, die ihre Tränen von neuem fließen ließen. — Sie muß sich ausweinen, ganz ausweinen! dachte er, und dabei war es doch nichts weiter als die Macht seines Wortes, die er genoß. Und dann sagte er wiederum: jaja, jaja! und nach einer Pause setzte er hinzu: jaja, jaja! — Ganz in Gedanken zählte sie diese vielen Jas, und plötzlich mußte sie lachen, ihre arme angespannte Seele suchte nach einem Ausweg aus all dem Schmerz. — Nanu? sagte Fox, was lachen Sie denn! — O nichts, antwortete sie, ich dachte nur gerade daran, wie ich Sie einmal borniert genannt habe. — — Aber liebes Kind, Sie sind doch wirklich recht kindisch! Ich tröste Sie hier — — Ich weiß ja, ich weiß ja, entgegnete sie dankbar und eifrig, ich fühle ja, daß Sie es wirklich gut mit mir meinen, und daß Sie ein viel besseres Herz haben als Ihr Bruder! — Das wollte ich auch meinen! sagte er nachdrücklich, nahm ihr Taschentuch und trocknete ihr die Wangen; dabei sah er sie so gutherzig und ehrlich an, daß sie dachte: O wenn mich doch Pitt ein einziges Mal so angesehen hätte!
Fox drückte sie an sich und sagte gar nichts. Beide schwiegen eine Zeitlang, Fox drückte heftiger, wenngleich noch väterlich. — Ich muß jetzt gehen, zu Großmutter, sie wird sonst mißtrauisch! sagte Lotte endlich, machte sich leise frei von ihm und strich die Haare aus dem Gesichte. Er reichte ihr die Hand, sie nahm sie dankbar, und dann drückte er einen Kuß auf ihre Stirn. Ihr Blick ging scheu an ihm empor, halb abwehrend und halb wehrlos. —
Als sie draußen waren, dachte Fox über alles nach: Wie standen denn nun die Dinge? Jetzt gehörte doch Lotte eigentlich ihm, da war kein Zweifel, — das heißt: das hing immer noch von ihm ab. Sollte er oder sollte er nicht? Ein wenig dämpfte sein Selbstgefühl die Überlegung, daß er im besten Falle nur ein Nachfolger seines Bruders sein könne. Aber immerhin: Er würde sich niemals Vorwürfe zu machen haben: Wenn er sich jetzt mit ihr einließ, so blieb die Schuld der ersten Verführung immer auf seinem Bruder haften. Außerdem: Wenn er sie jetzt nicht nahm, so nahm sie einen andern! Ein Mädchen, das von seinem Liebhaber verlassen wird, nimmt einen andern, aus Verzweiflung oder sonst was; das war ihm unumstößlich; und irgend einem Menschen in die Hände zu fallen — dazu war diese Lotte denn doch zu gut! Wer weiß was für schlimme Erfahrungen er ihr ersparte! Gerade jetzt, wo ihre erregte Leidenschaft blind auf Gott weiß wen losgehen würde! Er hatte geradezu die Pflicht, sie zu übernehmen, denn durch seine Schuld, durch die Kraft seiner Rede Pitt gegenüber war sie in diesen gefährlichen Zustand gekommen! Pitt war eigentlich ein Schafskopf, daß er dies famose Mädchen so ohne weiteres aufgab; das heißt, eigentlich war es ja sehr ehrenvoll von ihm und es zeugte davon, wieviel Gewicht er den Worten seines Bruders beimaß. Aber die Resultate sehen eben manchmal doch anders aus als man vorher berechnet. Einen Hauptfaktor hatte er übersehen: Die einmal erregte Leidenschaft! Aber wie gesagt, er wollte seiner Verantwortung jetzt nachkommen! —
Alles kam so wie er wollte. Lotte war in ihrer Verlassenheit widerstandslos geworden, sie glaubte Fox tötlich zu beleidigen, roh und undankbar zu sein, wenn sie sich nicht von ihm in die Arme nehmen ließ, und bildete sich in ihrer Hilflosigkeit ein, ihn zu lieben; dazu kam noch eine Bitterkeit gegen Pitt, der, wie Fox immer wieder sagte, die Liebe gar nicht kannte und „schnöde mit ihr gespielt habe“. — Und das, worum Pitt erst stumm gerungen, und worauf er dann verzichtete, nahm Fox mit einer Leichtigkeit, über die er selbst erstaunte. Ahnungslos, ohne die geringste Vorstellung ließ sie sich von ihm leiten, wohin er wollte. Erst hart an der Pforte in das unbekannte Gebiet wehrte sich ihr Instinkt mit einer irren, allgemeinen, heftigen Angst, und nun zeigte sich eine so bodenlose, groteske Unkenntnis ihrer Vorstellung, daß Fox verblüfft, verdutzt war, daß er sich dies nicht zusammenreimen konnte mit der Vergangenheit. Auf sein Fragen kam heraus, daß sie nichts, gar nichts wisse, daß sie niemals zu Pitt in Beziehung gestanden hatte noch gestanden haben konnte, daß sie ein reines, unberührtes Kind war. — Ach du großer Gott! sagte Fox, das habe ich allerdings nicht gewußt — wenn ich das gewußt hätte — — aber sie flüsterte: Sage doch jetzt so etwas nicht — und bedeckte die Augen mit beiden Händen.
Diese Entdeckung ließ ihm seine Beziehungen zu Lotte nun in einem ganz andern Licht erscheinen. Zwar war er nun wissentlich in jenen Fall gekommen, den er seinem Bruder irrtümlicherweise vorwarf, aber hierüber half ihm die Erwägung hinweg, daß — wie er sich schon vorher sagte — ein andrer zugriff, wenn er dies nicht selber tat. Im übrigen kam er sich nun seinem Bruder vollkommen überlegen vor, ja triumphierend über ihn. Daß er etwas hingenommen hatte, was Pitt verschmähte — diese Vorstellung lag vollkommen außer seinem Gesichtskreise; er hielt sich nur an die Tatsache, daß er dieses Mädchen hatte und daß Pitt es nicht gehabt habe.
Lotte überstand den Schritt aus der Kindheit heraus ohne große Erschütterungen. Sie wunderte sich nur, daß alles so schön sei und gar nicht so entsetzlich wie ihre unklaren, phantastischen Vorstellungen es ihr früher hatten erscheinen lassen. — Wußtest du denn wirklich nichts, gar nichts? fragte Fox einmal. Sie schüttelte den Kopf: Großmutter hat mir nur einmal den Faust erzählt. — Kennt denn den deine Großmutter? — Nein, gelesen hat sie ihn nicht, aber sie weiß was drin vorkommt. Und dann sprach sie immer so, daß ich Angst bekam, von Höllenpfuhl und Lotterbett, o Gott, wenn sie Lotterbett sagte, dachte ich immer an einen betrunkenen Esel mit hölzernen Beinen, ich weiß selber nicht warum. —
Oft dachte Lotte noch an Pitt; aber sie verdrängte diese Gedanken, aus Pflichtgefühl gegen Fox. Manchmal dachte sie: Warum wohl Pitt nie so zu mir war wie er? Ob er wohl auch gar nichts gewußt hat?! — Sie wurde nun wieder frisch und heiter; sie wollte das alte Leben wieder anfangen, mit Fox ausgehen, und zwar in die Konditorei. — Da bin ich mit Pitt auch immer gewesen! gab sie als Erklärung an. Aber darauf ließ er sich nicht ein. Das wäre außerdem wie eine Nachahmung gewesen! —
Nur mit Großmutter zusammen unternehmen wir etwas! — Und Großmutter ging mit in Theater, Konzerte, Restaurationen. Sie hätte nie gedacht, daß sie noch zu einem solchen Glücke kommen würde. Manchmal meinte sie, es würde doch ein bißchen teuer, aber Fox sagte, darüber brauche sie sich keine Sorgen zu machen. Seinem Vater käme es nicht drauf an monatlich ein paar Mark mehr zu schicken, der verliere überhaupt kein Wort darüber. Und ohne Geld sei einmal nichts zu haben auf der Welt, — worauf die beiden letzten Hauptworte sie veranlaßten mit dem Kopf zu nicken und zu sagen: Ja ja, Geld regiert die Welt, und wer keine Schuhe hat zu kaufen, der muß auf bloßen Socken laufen. —