Allmählich hatte er sich nun genügend auf die Schauspielstunden vorbereitet. — Was jetzt noch zu tun ist, sagte er, ist Sache des Lehrers. Satz für Satz habe ich für mich ein ganzes Drama — das hier neulich scheußlich aufgeführt wurde — durchgenommen. — Da ist mir vieles aufgegangen; aber meine Stimme geht nicht so wie ich möchte, die Wirklichkeit bleibt hinter der Intention erschreckend weit zurück, nun heißt es: Technik erwerben, damit die Karre gut in Gang kommt. —
Es gab da einen Herrn von Sander, der wöchentlich einmal eine Annonce im Blatt erscheinen ließ: er habe eine Theaterschule. Diese wählte Fox aus ähnlichen Annoncen heraus, da er sich sagte, der Adel sei eine gewisse Bürgschaft für die Bildung dieses Mannes. Bildung vermißt man gerade unter den Theaterleuten so vielfach! Außerdem war Herr von Sander Mitglied des Schauspielhauses. — Fox suchte ihn auf, zunächst etwas verblüfft über die Erscheinung seines neuen Lehrers: weder Mann noch Frau, in einem unbestimmbaren Alter, mit etwas verwitterter Gesichtshaut, so stand Herr von Sander vor ihm, in seinem knappen, enganschließenden Jäckchen mit Seidenschnüren und Seidenaufschlägen. Fox versicherte ihm sogleich, daß er die Schauspielkunst nicht als Beruf ergreifen wolle, daß er Jurist sei und sich später der Regierungsbeamtenkarriere zuwenden werde. Herr von Sander ließ ihn einen berühmten Monolog vorlesen — das tat er jedesmal, wenn er einen neuen Schüler prüfte — und sagte am Schluß: An Ausdruck fehle es ihm nicht, nur wäre das nicht der Vortrag eines mittelalterlichen Anführers gewesen, sondern etwa eines modernen Leutnants. Aber er werde ihm seine Fehler schon herausbringen. Vor allem müsse seine Stimme geschult werden, damit sie das Knarrende, Schnarrende verliere und Biegsamkeit und Ton bekomme. Dann trug er ihm selbst jenen Monolog vor, in seinem Hausjöppchen und den saffianledernen koketten Schuhen. Mächtig rollten die R’s dahin, der Vortrag wuchs aus einem schlichten Erzählerton empor, bis zur Höhe allvergessender Begeisterung, um schließlich wieder herabzusinken und in einem gemäßigten Feuer zu enden. — Ja, das ist ja alles recht schön, sagte Fox, aber besser als meins war es auch nicht. — Nanu, aber erlauben Sie mal! Herr von Sander sprach wieder in seiner gewohnten Art, als ob er nie vorher anders geredet hätte. — Jawohl! sagte Fox, indem er ihn mit einem seiner umfassendsten Blicke ansah. Es kam darauf an, diesem Manne von Anfang an zu imponieren. — Glauben Sie, fuhr er fort, daß der Kerl damals wirklich so geredet hat? Ich nicht. So redet ein Schauspieler, aber kein Heerführer. — Aber wir sind doch auch Schauspieler! warf Herr von Sander indigniert ein. — Die Schauspielkunst, sagte Fox, soll ein Gemisch sein aus Natur und Kunst; ich gebe zu, daß mein Vortrag nicht gerade gut war; Ihrer war besser; technisch wenigstens; aber mir schwebt ein Kunstideal vor, das zwischen beidem steht. Natur und Kunst, verbunden zu höchster Einheit! Vielleicht können wir beide von einander lernen. Ich habe — also wirklich — ein Naturempfinden, das durch nichts getrübt ist. Lassen Sie es nun zur Kunst werden, ohne meine Eigenart anzutasten. — Der tritt ja gewaltig auf! dachte Herr von Sander, und Talent scheint er auch nicht viel zu haben. Aber immerhin: den verlangten höchsten Preis war Fox sogleich bereit zu bezahlen, und da Herr von Sander am Theater nur eine mittlere Größe war, und der Unterhalt mehrerer Beziehungen sehr viel Geld verschlang, so war er froh, einen neuen Schüler zu bekommen. Außerdem wollte der ja die Sache nur aus Luxus betreiben und keinen Broterwerb daraus machen; so war kein Anlaß da, ihm von der Kunst abzureden — was Herr von Sander sonst vielleicht allerdings auch nicht getan haben würde.
Vor allem erst mal ’ne Perücke auf, und ein Kostüm! sagte Fox zu sich selbst, der nun zu Hause vor dem Spiegel jenen Monolog im Sinne Herrn von Sanders fortwährend probte: Man muß sich selbst Illusionen machen, sonst geht es nicht. Die Perücke kaufte er, das Kostüm nähte ihm Fräulein Nippe aus einem Bettuch. — Ich habe es ganz allgemein im idealen Stil gehalten, sagte sie, indem sie es um seine Schultern hing, nun sehen Sie mal, da ist der Heros fertig, mitten in unserem trivialen, bürgerlichen Leben von heutzutage! — Fox probte von neuem, es ging entschieden schon besser. Aber den größten Schritt des Vorwärtskommens bemerkte er doch erst, als er sich endlich entschloß, das Zungen-R des Herrn von Sander und der Bühne überhaupt anzunehmen; zunächst erschien es ihm affektiert und unnatürlich, er kam sich fast lächerlich vor, aber dann dachte er: Sie machen es ja alle so, und folglich brauche ich mich vor niemand zu genieren. Und als er es dauernd übte, meinte er: was für ein Geheimnis doch oft in den unscheinbarsten Sachen steckt! Dies neue R ist doch wirklich beinah wie ein Zaubermittel! Alles klingt gleich wie in eine ganz andere Sphäre erhoben! Mit dem R hat er doch nicht so unrecht gehabt wie ich dachte. — Herr von Sander war nach den ersten Stunden nicht unzufrieden, Fox ging jetzt daran Rollen zu üben.
Er lernte nun auch Herrn von Sanders Schüler kennen. Da waren zwei junge Damen, die sich bereits jetzt Theaternamen beigelegt hatten, und ein Herr Eichinger, Sohn eines Sattlermeisters, der eigentlich eine Baritonstimme hatte, aber nicht Sänger wurde. Diese „Theaterschule“ hatte Fox sich anders gedacht: Alles spielte sich in dem kleinen Salon ab; wie in einer Menagerie stieg jeder über die Füße des andern hinweg; aber das lag daran, daß sie Anfänger waren; Herr von Sander sagte, auch der kleinste Raum gestatte freieste Entfaltungskraft. Er machte alles vor, setzte die Füße zierlich vor einander und verstand es wirklich, nirgends mit den Knien anzustoßen. Dann zog er sich wieder in seinen Winkel zurück, von wo aus er, das Buch in der Hand, die Übung überwachte. — Mehr Bewegung! Mehr Motion! rief er von seinem Klavierstühlchen aus, Herr Sintrup, Sie stehen da wie ein Stock! Ich bitte Sie: haben Sie denn noch nie in Ihrem Leben ein Mädel im Arm gehabt? Jetzt zeigen Sie doch mal, ob Sie „Natur“ in sich haben, von der Sie damals redeten! Noch einmal, von Anfang an! — Fox mußte sich wieder links stellen, die Dame rechts. Das rechte Bein vor, Herr Sintrup, nicht das linke! Die Zuschauer sitzen hier wo ich bin; denken Sie doch an die Wirkung! Also: Egon nähert sich ihr leidenschaftlich. Los! — Wenn Sie los sagen, so ist bei mir jede Stimmung vorbei, dann kann ich einfach nicht. — Mensch, wenn Sie Theaterblut haben, so müssen Sie können; auf der Bühne geht’s auch nicht anders; also: en avant, wenn Ihnen das besser paßt! — Fräulein Delorma lachte, nahm aber im selben Augenblick eine flehende Miene an und streckte zagend die Hände gegen Fox vor. — Gut, Mädel, nun du! — Sie! tönte Fox. — Ach was, lassen Sie sich nicht stören, wenn ich mal du sage; nachher nenne ich Sie Herr Graf, wenn Sie wollen. Also, Lilli, noch mal dein Stichwort. — Lilli gab es, Fox tat einen Schritt, Herr von Sander erhob sich, drängte ihn zur Seite und machte alles selbst vor: Wenn Sie sich im Leben so benehmen, lacht Sie doch jeder aus! Denken Sie doch gar nicht an die Bühne! Sie sind ja wie ein Klumpen! — Fox weigerte sich weiter zu spielen, wenn Herr von Sander nicht einen andern Ton anschlüge. Der bat ihn auch öfter nach den Stunden um Entschuldigung, und sagte, wenn er sich manchmal hinreißen ließe, so möge Fox das der Kunst zugute halten und seinem ehrlichen Bestreben, aus seinen Schülern wirklich etwas zu machen. Fox hörte dann knurrend zu, sah Herrn von Sander in sein ausgearbeitetes und doch zugleich wieder schwammiges Gesicht, aus dem sich auch nicht ein einziger Charakterzug herauslesen ließ, und dachte: Diese Theaterleute haben im Grunde doch etwas tief Antipathisches! — Die nächste Stunde befleißigte sich Herr von Sander eines andern Tones, aber dann vergaß er wieder vollkommen, daß Fox Regierungsbeamter werden wollte: Himmel! Mensch! wo bleibt denn Ihre Mimik? Haben Sie eine Maske vor? Lachen Sie mal! — Fox sah ihn mit bösen Augen an. — Haben Sie mich nicht verstanden? ich sagte, Sie sollen lachen! — Fällt mir doch gar nicht ein! — Herr von Sander klappte sein Buch zu: Dann können Sie sich einen andern Lehrer suchen; wenn ich verlange, daß Sie lachen sollen, dann müssen Sie lachen: es steht in der Rolle und ich habe ein Recht zu verlangen, daß Sie tun was in der Rolle steht. Sie denken viel zu sehr an sich selbst; wenn man eine Rolle spielt, muß man vergessen, daß man eigentlich ein anderer ist. Also wollen Sie nun oder nicht? — Ja, aber nur im Zusammenhang! Fräulein Delorma rief ärgerlich, es sei zu dumm, alles immer zu wiederholen, sie wolle vorwärts. — Also gut! sagte Fox mit einem Entschluß, sagte seine letzten Worte noch einmal und ließ ihnen ein ha ha ha folgen, wozu er seine Zähne zeigte. — Besser als gar nichts! meinte Herr von Sander, üben Sie das Lachen zu Hause vor dem Spiegel, wir müssen weiter.
Es geht Ihnen nicht in Fleisch und Blut über! meinte er einmal nach der Stunde; ich weiß auch woran das liegt: Talent haben Sie, das ist außer Frage; aber Sie denken zuviel an die Worte; es fehlt Ihnen der rechte Fluß, Sie stehen nicht über den Worten, Sie bemeistern sie nicht, kurz: Sie lernen zu wenig auswendig! Komisch, daß die Mädels immer besser lernen als die Herren. Ganz gleichgültig, ob Sie die Schauspielerei später als Beruf ergreifen wollen oder nicht, solange Sie wirklich dabei sind, müssen Sie auch mit Ernst arbeiten! Der Ernst fehlt Ihnen vorläufig noch! — Ich kann ja ebensogut auch wieder aufhören! sagte Fox geärgert, wie ein Kind, das schmollt. — Herr von Sander lenkte ein: Fox zahlte gut, er durfte ihn nicht verlieren. — Ich verstehe es ja, daß Sie sich der Sache nicht so ausschließlich widmen können wie die Lilli oder die Lisa oder der Eichinger. Aber ein Mensch mit wirklichen Zielen — die haben Sie ja doch — soll nichts halb tun. Was haben Sie davon, wenn Sie nach einem Jahr Ihr Geld für nichts herausgeworfen haben, und was habe ich davon, wenn ich meine Zeit für nichts an Sie verschwendet habe? — Ich zahle doch! — Gewiß, aber wenn Sie kein Geld hätten und dafür Talent und Energie, würde ich Sie auch gratis ausbilden, so wie die Lilli. — Na na, sagte Fox, da spielt wohl auch noch was andres mit. — Herr von Sander spitzte die Lippen und schlug ihn scherzhaft unter den Rücken. Fox runzelte die Stirn. — Sehn Sie, das nehmen Sie nun wieder übel! Es fehlt Ihnen der rechte Zusammenhang, die Solidarität mit uns! Die Mädels haben schon manchmal geklagt, daß Sie so hochmütig sind. Wir bilden hier doch alle zusammen eine kleine Gemeinschaft! Sie sollten sich nicht so abschließen. Gemeinsames Streben vereinigt doch! Mich wundert schon lange, daß Sie für die Lisa zum Beispiel gar kein Auge zu haben scheinen. Sie müssen doch merken, daß sie Ihnen Avancen macht. — Ich denke die hat den Eichinger? fragte Fox und setzte hinzu: Ich sage das nur ganz objektiv. — Herr von Sander lachte und antwortete: Dem brauchen Sie das ja auch nicht gleich unter die Nase zu halten. Passen Sie mal auf: Ich habe hier eine Photographie von ihr, da können Sie sie besser beurteilen als im Leben! Er holte sie aus seinem Taschenbuch hervor und zeigte sie Fox ganz im geheimen, obgleich niemand weiter zugegen war. Famos! nicht wahr? flüsterte er; diese vollendete Figur! Diese Hüften, dieser Hals und diese Büste! — Die Büste ist immerhin ganz präsentabel! meinte Fox mit nachlässigem Kennerblick; aber wie kommen Sie denn zu dieser Photographie? — — Diese Theaterwelt war doch verseucht, bis ins Mark hinein verseucht!
Er nahm sich nun vor, gegen diese Damen zwar äußerlich etwas kollegialer, innerlich aber ganz kalt zu sein. — Nie duldete er eine längere körperliche Berührung mit ihnen. — Au! sagte er mitten im Spiele Fräulein, ich verbitte mir, daß Sie mich so drücken! Es steht zwar in der Rolle: Preßt seine Hand — aber Sie quetschen mich ja geradezu! — Ihre Hand ist so dick, man kommt da unwillkürlich ganz tief hinein, außerdem fasse ich die Rolle des Klärchen eben viel feuriger auf: das darf ich wenn ich will, nicht wahr, Herr von Sander? — Quetsch ihn wenn ihr allein seid! rief Herr von Sander, der mit übergeschlagenen Beinen in seinen Saffianschühchen und dem beschnürten Hausjöppchen auf dem Klavierstuhl saß. — Quetschen Sie mich doch einfach wieder! rief sie Fox zu; überhaupt: Ihr Brackenburg ist ja gar kein Mann! — „Wenn wir nach Hause gingen“ — tönte Herrn von Sanders Stimme soufflierend. — Ach da ist er wahrscheinlich ebenso langweilig! — Wenn Sie zynisch werden, Fräulein, spiele ich überhaupt nicht mit Ihnen!! —
Nach der Stunde gingen sie meist noch ein Stück Wegs zusammen; Herr Eichinger, mit seinem grauen Schlapphut und hochgelbem Spazierstöckchen, die beiden Damen in großen Hüten mit ausgestopften Vögeln. Anfangs wurde Fox nicht recht klug aus ihrem Verhältnis zu Herrn Eichinger: Er ging mit allen beiden; die kleinen Finger ineinander gehakt, schlenkerten sie mit den Armen. Sie war doch — also wirklich verseucht, diese Theaterwelt! Nach einiger Zeit versuchte Fräulein Lisa, gereizt durch Foxens Widerstand und derbe Männlichkeit, sich immer deutlicher an ihn heranzumachen. Fox, innerlich entrüstet und zum Protest bereit, beschloß, scheinbar alles mitzumachen und dann mit einem um so gehörigeren Donnerwetter dreinzufahren. —
Es war nach dem Theater. Sie erwischte ihn in der Ausgangshalle, sagte, sie sei heute den ganzen Abend frei, und schlug ihm vor, mit ihr in ein Restaurant zu gehen. Sie wählte ein kleines Abteil, wo man ganz für sich allein saß, und veranlaßte ihn, Austern und Sekt zu bestellen. Mit der größten Unbefangenheit redete sie von Herrn von Sander und von Herrn Eichinger, daß sie den einen wegen seiner kostenlosen Stunden und den andern wegen seines Geldbeutels gern habe, aber wirklich lieben könne sie keinen von beiden, dazu sei Herr Eichinger im Grunde zu kutscherhaft und Herr von Sander zu wenig männlich. — Na, ich denke: Mann bleibt Mann! sagte Fox und machte ein selbstverständliches und überzeugtes Gesicht. Sie lächelte, indem sie den Rauch ihrer Zigarette in die Luft blies. — Deine Zigaretten sind gut! bemerkte sie; viel besser als die vom Eichinger! — Er wollte das „Du“ ablehnen, unterließ es aber. Sie sollte erst noch weiter gehen! Das tat sie auch, ihre Liebenswürdigkeit wurde stets bedeutender. — Du bist ja wie ein Stock! Ich glaube, du hast in deinem ganzen Leben überhaupt noch nichts erlebt! — Oho! rief Fox in ehrlicher Entrüstung, vielleicht noch mehr als du! und erzählte ein paar Geschichten, Erinnerungen an Erlebnisse aus seinem Freundeskreise. Sie rückte ihm immer näher, er kam bei seiner Geschichte mit Lotte an, die Erinnerung an das wirklich Erlebte wurde stark in ihm, er vergaß seine Moralpredigt in unmittelbarer Nähe dieses Mädchens, das sich jetzt so warm an ihn schmiegte, der Sekt half mit — kurz Fox unterlag in einem Strauß, den er siegreich zu bestehen gedachte.
Schadet nichts! dachte er am nächsten Morgen; wenn man nur selbst rein aus allem hervorgeht und seine Überzeugungen beibehält, das ist die Hauptsache. Angenehm ist es freilich nicht, daß ich die Person nun am Halse habe.
Aber als sie sich wiedersahen und nach der Stunde nebeneinander herschritten, wartete er vergebens auf irgend ein andeutendes Wort. Auch das übernächstemal geschah nichts, und endlich konnte er darüber nicht mehr im Zweifel sein, daß Fräulein Lisa ihre Beziehungen zu ihm mit jenem einzigen Abend als abgeschlossen erachte. Nun ärgerte er sich wieder darüber: Er hatte es sich so schön gedacht, sie noch ein paarmal zu bewirten, ganz als Kavalier, und sich unter ihrer Wohnung mit nachdrücklichem Anstand zu verabschieden. — Sie hat’s wohl gemerkt! tröstete er sich — und sich die Blamage ersparen wollen; diese Frauenzimmer sind schlauer als man denkt. —