Im Lauf der Zeit nahm Fox bis ins kleinste hinein die Sprechweise seines Lehrers an; er bildete sich ein, dies sei ein neuer Stil, sein Stil, den er sich erobert, zu dem er sich durchgerungen habe. — Mensch, ich gratuliere Ihnen! sagte Herr von Sander eines Tages in feurigem Konversationston, nun kann ich es Ihnen offen sagen: die allererste Zeit habe ich Sie nicht für sehr talentiert gehalten! Aber heute stelle ich Ihnen einen Garantieschein für die Zukunft aus! Ah, ich vergesse: Sie wollen ja gar nicht sich der Bühne zuwenden — es ist doch wirklich schade um Ihr Talent! Es ist erstaunlich, was Sie alles in der kurzen Zeit gelernt haben! Nur in den Bewegungen hapert es immer noch, doch das ist auch gar nicht anders möglich! — Ja! sagte Fox bedauernd, aber das liegt wahrhaftig nur an diesem Mauseloch von Salon, man kann seine Kräfte unmöglich frei darin entfalten. —
Eines Tages blieben Fräulein Lilli und Fräulein Lisa aus. Statt ihrer kamen nur Postkarten mit Beleidigungen. Was da vorgefallen war, konnte Fox nicht recht erfahren. Herr von Sander und Herr Eichinger besprachen die Sache lebhaft, ohne daß es ihm gelang einen Faden zu entdecken. Herr von Sander konnte sich nicht enthalten beider Talent auf das schärfste herunterzusetzen und die Worte herauszuschmettern: Es ist ein Jammer, wenn solche Wesen die Kunst diskreditieren! so daß das Klavier leise nachzitterte; Herr Eichinger pflichtete ihm in jedem bei, erzählte aber später den beiden Damen alles haarklein wieder. Nach einiger Zeit verlautete, sie seien zu einem Konkurrenten auf dem Gebiete der Theaterschule übergegangen. Sowie Herr von Sander dies erfuhr, schrieb er ebenfalls beleidigende, sinnlose Postkarten. Die Antwort hierauf waren zwei Briefe, die nichts enthielten als seine eigenen Karten. Jetzt geriet Herr von Sander in Raserei. Er schrieb zwei Briefe, in denen er seine früheren Ausdrücke noch überbot und den Damen ein ironisches „Bravo“ zurief für ihr „vornehmes“ Schweigen. Die Briefe ließ er von fremder Hand adressieren, nachdem er Fox vergeblich darum ersucht hatte. Jetzt kamen zwei eingeschriebene Briefe als Antwort: Jede der Damen habe die Sache ihrem Bräutigam, der Jurist sei, übergeben, und der dulde es nicht, daß irgendein hergelaufener Mensch seine Braut beleidige. Es war nicht ersichtlich, ob es sich um zwei, oder um einen gemeinsamen Bräutigam handle. Und nun tat Herr von Sander den letzten Schlag: Er schickte zwei Telegramme, die nur die Worte enthielten: Schließe mit einem „Pfui“ die Akten. — Hierauf waren alle füreinander tot. —
Zu Hause mußte nun Fräulein Nippe Foxens Übungen assistieren. Er brauchte einen lebenden Menschen, zu dem er die Worte sprach, die für lebende Menschen berechnet waren. Und Fräulein Nippe kam so gern! Sie mußte sich als Desdemona auf sein Sofa legen, wogegen sie sich erst schwach sträubte. Aber aus Liebe zur Kunst tat sie es doch. Wenn nur der lange Monolog erst vorüber wäre! Und doch! schön war der auch! Sie lag da und wartete, das offene Buch in ihrer Hand, denn auswendig konnte sie es nicht, es war so schwer! In Hemdärmeln beugte er sich über sie, selig schloß sie die Augen und bildete sich den Kuß ein, den sie nicht bekam. Aber dann wurde es anders! Fox rollte die Augen, sein Vortrag riß sie mit fort, mit Ausdruck las sie ihre Sätze, immer näher kam der Moment, und endlich war er da: Mit großer Bewegung streifte Fox seine Manschetten zurück, trat in zwei schweren Schritten nah an sie heran, und nun begann die Prozedur des Erwürgens! Es war angreifend, aber herrlich! Durchgerüttelt, selig erschöpft lag sie dann da, bis Fox wieder schrie: Nicht tot? Noch nicht ganz tot? und sich abermals auf sie stürzte. — Noch einmal! sagte sie, schnell atmend, es ging noch nicht so wie es muß! — Es greift mich zu sehr an, meinte Fox. — Dann wenigstens noch einmal das letzte. — Wenn es Sie nicht angreift? — O, ganz und gar nicht; ich merke nicht das geringste, Sie brauchen sich nicht zu genieren und können gern noch fester zugreifen. — Fox wußte nicht wie das kam: vor Fräulein Nippe spielte er immer viel besser als vor Herrn von Sander. —
Aber Selma, das geht doch nicht! sagte Herr Könnecke zu seiner Cousine, was soll denn Herr Sintrup von dir denken! — Nun bitte, sage mir, was meinst du denn was er denken soll?! Herrn Könnecke machte diese direkte Frage verlegen. Ich weiß es auch nicht, sagte er endlich. — Nun also, was sollen dann diese dummen Redereien! Du scheinst dir manchmal überhaupt nichts bei dem zu denken, was du sagst. — Fräulein Nippe war in der letzten Zeit zuweilen recht rücksichtslos gegen ihren Vetter. — Spiel du doch einfach mit, sagte sie einmal, dabei kannst du uns ja gleichzeitig beaufsichtigen; — und wollte ihn veranlassen, die Rolle der Emilie zu übernehmen. —
Nun, schreist du noch? fragte Pitt manchmal seinen Bruder, wenn er ihm begegnete. — Jedenfalls ist es besser ich schreie, als wenn ich gar nichts täte, so wie du! entgegnete Fox. Dann lachte Pitt, ohne die Spitze zu parieren. Fox sah ihn jetzt seltener, Pitt hatte sich vollkommen in die Juristerei vergraben und arbeitete den ganzen Tag durch. Dies war das beste Mittel seine Gedanken von sich selber abzulenken.
Seine unbestimmte Hoffnung, Elfriede wiederzusehen, hatte sich nicht erfüllt. Ihre Gestalt hatte sich ihm mehr und mehr verdichtet, als er all die alten Plätze wiedersah, die Unruhe trieb ihn die ersten Wochen herum, die Möglichkeit, ihr selbst irgendwo zu begegnen. Niemals geschah das; seine Spannung wich einer allgemeinen Melancholie, als er eines Tages zufällig durch Fräulein Nippe erfuhr, Elfriede sei überhaupt gar nicht mehr hier am Orte, sie befände sich schon lange in Paris und studiere dort am Konservatorium. Im ersten Augenblick traf ihn dies wie ein Schlag, indem ihm nun die Unmöglichkeit jeglicher Aussichten in die Zukunft diese Aussichten um so näher, um so sicherer erscheinen ließ, wenn Elfriede nicht in der Ferne geweilt hätte; dann machte er allmählich einen Kult aus dieser Liebe in die Ferne: Nachts, wenn er von der Arbeit müde sich nach frischer Luft sehnte, suchte er das Haus der van Loo auf. Manchmal lag es still im Mondschein da, die vielen Scheiben seiner wenigen Fenster spiegelten sich silbern im Lichte, manchmal strahlte es im eigenen Glanz, und Equipagen hielten vor seiner Tür. Er suchte auch die Bank auf, wo er Elfriede einst in ihrem Knabenkostüm traf, und setzte sich still neben den Platz, auf welchem sie damals gesessen hatte; aber schließlich erschien ihm dies Ganze sentimental und albern: Was hatte er von diesen Rückblicken in die Vergangenheit? — Ich könnte ja nun auch einen Lottekult unternehmen und jeden Tag Kirschtörtchen mit Schlagrahm in der Konditorei essen! — Was hatte doch Fräulein Nippe gesagt?: Ja ja, Sie zwei Brüder haben schwer zu tragen! Das hatte er damals ganz überhört. Liebte Fox unglücklich? und hatte er Fräulein Nippe zu seiner Vertrauten gemacht? Plötzlich erinnerte er sich, daß Fräulein Nippe rot bei diesen Worten geworden war. Weshalb war sie rot geworden? Weil sie gedankenlos die Diskretion gegen Fox gebrochen hatte? Das stimmte nicht zu ihrem Wesen. Offenbar hatte sie sich irgendwie selbst verraten. — Sie hat wahrscheinlich — dachte er — irgend einmal, oder auch öfter, an der Tür gehorcht. —
Fräulein Nippe betrachtete Fox jetzt zuweilen mit halb neugierigem, halb fragendem Blicke. Es waren stumme, sprechende Blicke, wie wenn sie in seiner Natur grüble und zu keinem Resultate komme. Sie wartete, Fox solle ihr sein Herz eröffnen. Konnte er denn das so allein mit sich herumschleppen? Brauchte er denn keine teilnehmende Seele, die ihn verstand, nach deren Rat er sich sehnte? Hatte er denn kein Vertrauen zu ihr? Fox bemerkte diese Blicke nicht, oder er legte sie sich falsch aus. Durch ihre gemeinsamen Schauspielübungen kameradschaftlicher geworden, faßte er sie dann wohl gutmütig im Nacken und sagte: Hast du zu Nacht gebetet, Desdemona? — so daß sie etwas zusammenknickte und dankbar zu ihm aufsah. Aber damit war es dann auch aus, keinen einzigen sorgenvollen Gedanken schien sich dieser prachtvolle junge Mann zu machen!
Das arme Mädchen! Was soll nur werden! so sagte sie zu sich selbst, auf seinem Sofa sitzend und einen gelesenen Brief auf ihrem Schoße haltend. Seit einiger Zeit besaß Fräulein Nippe einen zweiten Schlüssel zu Foxens Schreibtisch, das erleichterte die Teilnahme an der Korrespondenz wesentlich. — Immer aufgeregter wurden diese Briefe, immer verzweifelter, da er nicht wiederkam, und in dem letzten hieß es, wenn er sich von ihr trennte, wäre es ihr Tod; sie würde sich dann wahr und wahrhaftig das Leben nehmen. Aus einigen Stellen war zu ersehn, daß Fox versucht hatte sie zu trösten, daß sie aber allmählich nicht mehr an diesen Trost glaube. Und das gute, gute Kind! In ihrem letzten Briefe schickte sie ihm eine Photographie von sich, ganz klein, billig, armselig, auf einem Jahrmarkt gemacht, aus Blech, und dazu schrieb sie, dies Bild solle ihm ihre Züge wieder ins Gedächtnis rufen. Und diese Züge waren doch so lieb, so nett, soweit man nach dem schlechten Ding urteilen konnte. — In alle vier Ecken des Briefbogens hatte sie das Wort „Vergißmeinnicht“ verteilt — nein das war in einem der vorigen Briefe, die ebenfalls auf Fräulein Nippes Knien lagen. Dieser letzte enthielt nichts von solchen Kindlichkeiten, er war ganz ernst, so ernst, daß Fräulein Nippe die Tränen in die Augen traten. Mit keinem Wort war es erwähnt — und doch konnte man sie deutlich zwischen den Zeilen lesen, diese böse Tatsache, die sich langsam vorbereitete und das Mädchen so verzweifelt machte.
Fox sprach zu niemand von diesem Briefwechsel. Zu Anfang hatte Pitt ihn zuweilen nach Lotte gefragt; er hatte geantwortet, die Beziehungen zu ihr habe er abgebrochen, schon damals, als er fortging.
Ihre erste große Enttäuschung, daß er jetzt nicht wiederkam, milderte er mit dem festen Versprechen im übernächsten Semester zurückzukehren. Dann wurden seine Briefe immer spärlicher, und schließlich, da er gar nicht mehr wußte was er ihr schreiben sollte und sie doch immer auf seine Antworten wartete, erzählte er ihr Anekdoten und Witze, die er aus den Fliegenden Blättern für sie abschrieb. Damit war sie auch zu Anfang ganz zufrieden, denn sie mußte über alles lachen. Sie baute auf sein Versprechen, später zurückzukommen, und machte sich Vorwürfe so ungeduldig zu sein. Denn Fox hatte doch extra geschrieben, er dürfe jetzt nicht kommen, da sein Studium einen ganz geregelten Gang habe und gewisse Vorlesungen an der fremden Universität unumgänglich notwendig seien dafür, daß er sein Examen später mit Auszeichnung bestand.