Seine Aussichten auf die große Karriere standen ihr wieder vor dem Gedächtnis, die durfte sie nicht stören; sie mußte ein vernünftiges Mädchen sein, das ihrem Geliebten die Wege ebnete, oder, da sie nur ein unbedeutendes und aller Mittel und Verbindungen bares Wesen war, bescheiden zuwarten und ihm wenigstens die Wege nicht noch schwieriger machen als sie ohnehin schon waren. Dazwischen begann sich zuweilen leise die Frage einzuschleichen, ob Fox sie wohl wirklich so liebe, daß er sie später heiraten werde. Dann schalt sie sich aber sogleich töricht und sogar undankbar gegen seine Liebe, daß sie an ihr zu zweifeln wage. — Großmutter meinte, sie arbeite zu viel, sie solle weniger arbeiten; sie sei nervös. Unruhig, matt, gereizt wurde Lotte, und doch fühlte sie sich nicht eigentlich krank. Aber was war das nur? Was hatte sie nur? Frau Bornemann meinte eines Tages lächelnd: Es ist ja fast als ob du guter Hoffnung wärst; das heißt ich versündige mich mit solchen Reden! — Wie ist denn das? wollte Lotte gerade neugierig fragen, aber sie fing den Satz gar nicht an — denn auf einmal war es, als bliebe ihr das Herz stehen vor einem plötzlichen, eisigen Schreck.
Ihr erstes Gefühl war so fürchterlich, daß ihr leise schwindelte; dann dachte sie: dies ist ja nicht möglich, ich stehe ja noch hier und lebe. — Und nun begann eine Zeit des Grausens, des Zweifels, der vollkommensten Rat- und Hilflosigkeit, der fürchterlichsten Furcht vor dem Unsichtbaren, von dem sie nicht wußte: war es in ihr oder war es nicht in ihr. — Jetzt schlich sie sich, so oft sie konnte, in Foxens früheres Zimmer, wenn der neue Mieter abwesend war. Angstvoll saß sie bald über diesen, bald über jenen Band des Konversationslexikons gebeugt. Alle Zeichen stimmten! — Und doch, trotz allem: Es konnte, es konnte ja nicht möglich sein! Dies war so entsetzlich, daß es nicht möglich sein konnte! Sie geriet wieder in Zweifel, alles erschien ihr für Momente wie ein furchtbarer Traum, aus dem sie schon halb erwacht war; sie schalt sich kindisch, sie suchte über ihre Angst zu lachen, und doch stand schon von neuem das Grauen über ihr, um sie im nächsten Augenblicke anzufallen. Und endlich konnte gar kein Zweifel mehr bestehen. Jetzt schrieb sie jene Briefe an Fox, daß sie sich das Leben nehmen werde, wenn er sie verließe. Und schließlich hatte sie nur noch den einen Gedanken: Fortgehen, zu Fox gehen; Großmutter darf nichts erfahren. Fox mußte Rat schaffen, er hatte dazu die Verpflichtung. Und sie baute fest auf ihn wie auf einen Fels; er war doch viel klüger als sie, er hatte doch dies alles kommen sehen, er mußte ja alles eigentlich schon wissen! —
Sie müsse fort, sagte sie zu Frau Bornemann, sie halte ihren Zustand nicht mehr aus, sie sei überarbeitet, sie müsse sich erholen, sonst reibe sie sich vollends auf. Und da sie die letzten Monate, um über die Trennung mit Fox hinwegzukommen, wirklich über das Maß gearbeitet hatte, so glaubte ihr Frau Bornemann aufs Wort. Glücklicherweise sprach sie nicht davon, den Arzt kommen zu lassen; sie war der Meinung, alle Ärzte seien doch nur unwissende Schurken, und hatte dafür viele Beweise aus ihrem langen Leben. So kramte sie denn nur in ihrer Hausapotheke, gab ihr bald dieses bald jenes harmlose Mittelchen und kochte ihr Kräutertees. Lotte aß und trank alles, nicht ganz in der Hoffnung es könne helfen, aber doch um wenigstens alles zu tun was ihr geboten wurde. Wie glücklich erwies es sich jetzt, daß sie in so sehr bescheidenen Verhältnissen lebten! Frau Bornemann klagte, daß sie sie nicht begleiten könne, es gehe aber beim besten Willen nicht, und sie müsse doch schon des Zimmerherrn wegen am Orte bleiben. Lotte sagte, sie solle dann auch ja für die Zeit ihres Fernseins ihr eigenes Zimmerchen, das dann leer stünde, vermieten. — Na, so lange bleibst du nun hoffentlich nicht fort! meinte Frau Bornemann bedächtig, und Lotte sagte: Nein, so lange bleibe ich wohl nicht fort — und hatte keine Ahnung, wie lange sie nun fernbleiben müsse. — Sie ging zum Atlas, und suchte Städte auf, die ungefähr ebensoweit von ihrem Wohnort entfernt lagen wie Foxens Aufenthalt — des Billettpreises wegen. Dann nannte sie eine kleine Stadt, fast einen Marktflecken. Dort wohne eine Freundin von ihr, mit der sie auf der Schule gewesen sei, bei der könne sie umsonst wohnen, sie habe sie schon öfter eingeladen, sie werde sich furchtbar freuen wenn sie käme. Dorthin wolle sie reisen, es sei da die herrlichste Landluft. Frau Bornemann freute sich hierüber; sie ging auf alles ein, sie war von einer Ahnungslosigkeit, daß Lotte sich ganz schlecht gegen sie vorkam.
Sie schrieb noch einen Brief an Fox, sie habe ihm etwas mitzuteilen, was sie ihm nur mündlich sagen könne, und nannte den Zug, mit dem sie am nächsten Tage eintreffen werde. — Gerade als sie abreiste, zog nun doch ein neuer Mieter in ihr Zimmerchen, Frau Bornemann lobte Gott, der sich ihr so sichtbar gütig erweise.
Fräulein Nippe überreichte jenen Brief Fox persönlich, und las ihn hinterher an seinem Schreibtisch. Also nun ist es wirklich entschieden! dachte sie; das arme Mädchen! und der arme junge Mensch! So jung, und durch solche Bande gekettet. —
Fox war diesen ganzen Vormittag nicht zu Hause. Fräulein Nippe verfolgte alle Stadien des Wiedersehens: Jetzt läuft der Zug ein! dachte sie, auf die Uhr sehend; und sah die beiden jungen Leute sich im Geist umarmen. — Jetzt sind sie wohl schon im Wagen. — Ob er sie wohl gleich hierher bringt? — Mehrmals ging sie ans Fenster, um hinabzusehen, wenn eine Droschke nahte. Aber keine hielt vor ihrem Hause. — Endlich läutete es. Geschwind lief sie zur Tür:
Ein dunkeläugiges, einfach gekleidetes Mädchen stand da allein. Sie erkannte sie sofort. — Ist Herr Sintrup zu Hause? fragte sie halblaut und etwas stockend. — Ja hat er Sie denn nicht abgeholt? sagte Fräulein Nippe erstaunt. Lotte war durch all die Aufregung, durch ihre Enttäuschung am Bahnhof, durch die Erregung des Augenblicks, jetzt dicht vor dem Wiedersehen, so hingenommen, daß sie nicht einmal darüber verwundert war, daß diese fremde Dame Bescheid wußte. Sie schüttelte nur den Kopf und zwang ihre Tränen zurück. Aber sie sagte, sie wolle nun hier auf ihn warten. Fräulein Nippe setzte ihr sogleich ein Gläschen von dem stärkenden Wein vor, den ihr Herr Könnecke zum Geburtstag geschenkt hatte. Ihr Herz trieb sie, dieses arme Mädchen zu streicheln und zu trösten, aber es fiel ihr ein, daß ihr ja hierzu jede Motivierung fehle. Sie durfte offiziell von nichts wissen. Lotte fühlte aber doch ihre Wärme durch, und dachte, sie selber lasse sich zu sehr gehen. Das allerschlimmste war ja auch vorläufig überstanden, sie war glücklich von zu Hause fortgekommen, fühlte etwas wie vorläufiges Ausruhen in sich — und dann, dann mußte Fox dafür sorgen wie es weiter gehen würde.
Zu Mittag erschien Fräulein Nippe, die sich diskret zurückgezogen hatte, wieder, und setzte ihr etwas zu essen vor. Noch immer saß das Mädchen ganz genau so da, wie sie sie verlassen hatte! — Lotte wollte zuerst nichts nehmen, aber Fräulein Nippe redete so herzlich, daß sie verstummte und sie nur dankbar anblickte.
Wieder verging eine Zeit, da erschien Fox endlich. Er hatte Lotte strafen wollen für ihre unüberlegte, zwecklose Reise, über die er sich nur ärgerte, um so mehr, als er sie nicht verhindern konnte, da ihr Brief erst am Morgen eingetroffen war. — Diese Mädchen lassen sich doch immer von ihrem Gefühle leiten und setzen den Verstand beiseite! Was um Gottes willen wollte sie ihm sagen, was sie ihm nicht schon tausendmal gesagt hatte! —
Wie hatte sich Lotte dieses Wiedersehen ausgemalt! Und nun war alles anders. Sie fühlte kaum den Mut auf ihn zuzugehen. Na? sagte er, nachdem er die Tür geschlossen hatte, du darfst mir schon noch einen Kuß geben! — Sie überwand das Gefühl der Kühle, das sie bei seinen Worten empfand, und legte beide Arme um ihn. — Ist ja nicht so schlimm! meinte er tröstend, weine doch nicht, das hat doch gar keinen Zweck! Du stellst dir alles viel zu schwer vor. In einem halben Jahr wirst du wieder ganz lustig sein. — Also du hast es doch erraten! sagte sie leise, dann brauche ich es dir nicht erst zu sagen. — Erraten? fragte Fox, da ist doch gar nichts zu erraten; ist doch alles klipp und klar! — Ihr taten diese Worte wehe; aber sie bezwang sich und wiederholte: Dann brauche ich es dir nicht erst zu sagen. — Aber ich bitte dich: Wozu denn diese Feierlichkeit?! Und dann möchte ich dich doch fragen: Bist du wirklich extra hergereist, um mir zu sagen, was ich doch längst weiß: daß du — daß ich — also ich meine: daß wir uns lieben? so fragte er in einem beinah konstatierenden Ton; das ist doch wirklich kindisch von dir, einfach kindisch! — Also weißt du es doch nicht! sagte sie und löste sich etwas aus seinem Arm und sah ihn staunend an. — Nee, was anderes weiß ich nicht! antwortete er mit einem plötzlich unbehaglichen Gefühl, da sei etwas, das ihm unangenehm werden könne. — Ist deine Großmutter tot? — Sie schüttelte den Kopf. — Oder — habt ihr euer Geld verloren? Das wäre, dachte er, wirklich fatal. — Sie schüttelte wieder den Kopf, und dann flüsterte sie ihm ein paar Worte ins Ohr. — Er fuhr zurück und sah sie mit großen Augen und offenem Munde an. Daran hatte er allerdings niemals auch nur im entferntesten gedacht. Wie konnte das denn außerdem möglich sein! — Ist ja nicht wahr! sagte er endlich, mit der Ungläubigkeit, womit ein junger Mann eine solche Tatsache, die seinem eigenen Erleben so fremd ist, aus dem Munde seiner Geliebten, wenn sie seine erste Geliebte ist, entgegennimmt. Aber nun brach sie in Tränen aus und beteuerte, daß es wahr und wahrhaftig sei. Er umfaßte ihre Figur mit einem Blicke und sagte dann: Wirklich? Nach einer Pause fügte er hinzu: Ja, dann reise nur bald nach Hause, — zu Hause hat man es ja doch immer am besten. — O nein, Großmutter darf nie etwas davon erfahren, Großmutter weiß gar nichts, sie würde mich ja verfluchen! — Unsinn, Großmütter verfluchen nie. Deine Großmutter wird höchstens ein paar Stunden weinen, und dann ergibt sie sich ins Unabänderliche. — Aber Lotte sagte, eher ginge sie ins Wasser als nach Hause. — Aber wohin willst du dann gehen? — Das weiß ich ja nicht, das mußt du mir sagen, deshalb bin ich doch hergekommen! — Er bestand darauf, daß sie zu ihrer Großmutter zurückginge, und das Blut lief ihm zu Herzen, als sie sagte: Nein, ich will immer bei dir bleiben! — Das geht noch viel weniger, du kannst mir doch nicht immer nachziehen, mal hierhin mal dahin! Nächstes Jahr zum Beispiel mache ich eine Weltreise! — Da könnte ich doch mit! sagte sie, ganz verzweifelt. Hätte er gesagt, er gehe an den Nordpol, so würde sie auch gesagt haben: Da könnte ich doch mit! — Aber mein Gott, rief Fox, was denkst du dir denn eigentlich? Jeder Mensch hat doch seine Freiheit! Er war ganz in Affekt geraten, das letzte Wort kam voll und rund heraus, Herr von Sander hätte seine Freude daran gehabt. — Ein jeder Mensch hat doch seine Freiheit! wiederholte er, aus dem Bedürfnis heraus, etwas, das ihm unbewußt geglückt war, noch einmal als bewußte Leistung zu genießen. Aber das zweitemal gelang es nicht so gut. — Was meinst du denn damit? fragte sie angstvoll und unsicher; du willst mich doch nicht etwa verstoßen? — Fox wiegte den Kopf und bewegte stirnrunzelnd die Lippen, als schmecke er etwas Unangenehmes. Verstoßen! sagte er, was für ein romanhaftes Wort! Klingt so nach Treppe und hageren Armen. Ich denke doch gar nicht dran dich zu verstoßen! — Also heiraten wir uns doch! fragte sie wieder, angstvoll und schnell. — Fox ging im Zimmer auf und ab. Muß denn, so fragte er, muß denn eine Liebe stets von der Obrigkeit sofort beglaubigt, gestempelt und besiegelt werden? Ist sie nicht vielmehr etwas — also etwas Leichtbeschwingtes, dem die leiseste Berührung von außen den Schmelz abzustreifen droht?! Ich will ja gar nicht sagen, setzte er hinzu, daß ich dich nicht heirate, das hängt ganz von uns beiden ab, aber wenn du mir damit ewig in den Ohren liegst, so kannst du mir nicht verdenken, daß mich das endlich verstimmt. — Aber es ist doch das erste, das allererstemal, daß ich danach frage! — Na ja, du weißt eben nicht, was du manchmal sagst. Jedenfalls kann jetzt von Heiraten noch lange nicht die Rede sein. Aber wenn du mich lieb hast, wahrhaft lieb hast, so tust du was ich dir sage: Du gehst zu deiner Großmutter zurück. — Lotte schüttelte den Kopf. — Gut, dann nehme ich an du liebst mich nicht mehr, und dann ist es eben aus; dann haben wir uns heute zum letztenmal gesehen. — Aber ich kann doch nicht, ich kann doch nicht! wiederholte sie immer und immer wieder. — Fox sah nach seiner Uhr. — Ich muß hart sein mit ihr, äußerlich hart — so dachte er — das ist in der Wirkung wohltätiger für sie als wenn ich ihrem Gefühl nachgäbe, was ja für mich viel bequemer wäre. — Ich muß jetzt in die Stunde! sagte er, überlege dir alles bis zum Abend, du hast die Entscheidung selbst in der Hand, das sage ich dir ganz ausdrücklich. — Was soll ich denn hier tun? fragte sie; ich kenne doch keinen Menschen, kann ich dich nicht begleiten? Ich kann ja unten warten bis deine Stunde zu Ende ist! — Das fand er stumpfsinnig; sie müsse etwas tun was sie zerstreue. Er schlug ihr vor, sie könne ja in der Stadt herumgehen und die Sehenswürdigkeiten in Augenschein nehmen, davon gebe es hier genug auf den Straßen und Plätzen. Und da sie gar nichts anderes wußte, sagte sie endlich ja, das wolle sie. —