Es ist doch scheußlich, dachte Fox, als sie sich getrennt hatten und er allein die Straße hinabschritt, in was für zweideutige Situationen man gerät ohne es zu wollen! Aber was soll ich machen!! Auch die Ärzte spiegeln ihren Kranken vor, ihr Zustand sei nicht so schlimm; und was für eine wohltätige Wirkung liegt in der Suggestion! Jetzt dachte Lotte wirklich, er ginge zur Stunde. In Wahrheit mußte er eine Verabredung mit einer neuen Schülerin des Herrn von Sander einhalten, ein Mädchen, das er gerade noch vor den Händen des Herrn Eichinger gerettet hatte, der doch ein notorischer Lüstling war!! — Scheußlich! wirklich unsympathisch scheußlich! dachte er, da geht man nun von einer Geliebten zur andern und setzt sich der schlimmsten moralischen Beurteilung vor sich selber aus! — Seinen innern ernsten Zustand ließ er die neue Freundin fühlen, indem er einsilbig war und manchmal tragisch zerstreut in die Büsche starrte. —
Wie Lotte so allein war und ratlos und unschlüssig nach rechts und links blickte auf all die grellen, sonnebeschienenen Häuserreihen, die ihr so fremd waren, wurde ihr noch öder und leerer zu Sinn. Aber da unten am Ende der Straße schien ein Denkmal, ein Reiterdenkmal zu stehen. Das konnte sie sich ja ansehen, damit sie später Fox etwas zu antworten wußte, wenn er sie fragte. — Sie ging auch wirklich hin, merkte sich den Namen von dem, den es darstellte, und von dem, der es gemacht hatte, und dann wußte sie wieder nicht was sie tun sollte. Plötzlich fiel ihr Pitt ein. Der wohnte ja auch hier in der Stadt. Wenn sie nun zu dem ging und ihm ihr Leid klagte? Aber sie wußte seine Adresse nicht; vielleicht wußte sie die Dame, bei der Fox wohnte. — Sie kehrte wieder um und läutete nach einigem Zögern. Ein Herr von mittleren Jahren öffnete. Sie brachte ihr Anliegen vor, er sagte sie möchte lauter reden, er verstände sie nicht. Und um ja alles recht gut zu machen, schrie sie das Gesagte noch einmal, im Glauben, der Herr sei schwerhörig. — Ach so! sagte Herr Könnecke, Sie brauchen nicht so zu schrein, ich bin nicht taub. — Entschuldigen Sie bitte viele Male, bat sie mit unterdrückter Stimme, um ja alles recht gut zu machen und niemand zu beleidigen. Herr Könnecke sagte ihr nun den Namen und die Nummer der Straße, erst müsse sie links gehen, dann rechts, dann zwei Straßen überschlagen, dann wieder in eine Straße einbiegen, bis eine Anschlagsäule käme. — Also wie? Erst soll ich rechts gehen, dann links, dann wieder rechts, und dann bin ich da? Herr Könnecke sah gutmütig in ihr verängstigtes Gesicht. — Warten Sie mal! sagte er und sah nach der Uhr; es ist zwar noch ein bißchen früh für meine Stunde, aber ich kann doch mit Ihnen gehen, es ist kein Umweg für mich. Gleich bin ich wieder da! — Sie wartete, und als er wiederkam, meinte er gründlich: Ich mußte mir nur erst einen reinen Kragen umbinden! — Sie gingen nun zusammen die Treppe hinab und die Straße hinunter. Herr Könnecke war ein wenig neugierig, weshalb dies Mädchen wohl zu Pitt Sintrup wolle, und warum sie so verängstigt und verschüchtert war. Zum Mittagessen hatte er sich verspätet, seine Cousine war bereits ins Geschäft gegangen, als er heimkam. Aber er fragte nichts, nur erfuhr er, daß sie hier fremd am Orte sei.
An einer Straßenecke wartete ein Schüler. Er wußte, daß Herr Könnecke etwa um diese Zeit hier vorbeikommen mußte. Sein blasses, gespanntes Gesicht rötete sich mehr und mehr, je näher Herr Könnecke kam. Einen Augenblick schien er zu schwanken, die Gegenwart der jungen Dame verwirrte ihn, aber dann brach er in Weinen aus: Ach Herr Könnecke, erlassen Sie mir doch die Strafe, nur diesmal, ich will es ja auch ganz gewiß nie wieder tun! — Herr Könnecke war stehen geblieben, Lotte ging einige Schritte weiter und wartete. Ganz zerknirscht stand der Junge da, in der hellen Nachmittagssonne; Herr Könnecke zögerte, dann sagte er: Na ja, dann will ich es dir diesmal noch erlassen! — Und plötzlich getröstet, wie wenn eine Last mit einemmal von seinen Schultern herabgenommen sei, sah das Kind dankbar, glücklich zu ihm auf. —
Man weiß gar nicht, sagte Herr Könnecke im Weiterschreiten zu Lotte, wie tief so ein Kind eigentlich empfindet! Da hat der arme Junge nun die ganze Woche seine Angst mit sich herumgetragen, daß er morgen, am Samstag, nachsitzen soll, und er hat noch niemals nachgesessen, er war immer ehrlich! Und heute, am letzten Termin, hält er es nicht mehr aus; immer hat er es hinausgeschoben, von einem Tag zum andern, und nun, im letzten Augenblicke, kommt er. Das Nachsitzen selbst ist ja nicht das schlimmste, aber der Strafzettel, die Eltern, die Unehrlichkeit! Na, diesmal ist er ja noch drum herumgekommen! — Ja, sagte Lotte, diesmal ist er noch drum herumgekommen. — — So, da wohnt Herr Sintrup! meinte Herr Könnecke endlich, also adieu, Fräulein, grüßen Sie Herrn Sintrup von mir, Könnecke ist mein Name. — Ich bin Lotte Pfanz. — Er zog seinen Hut, sie streckte halb ihre Hand aus, wollte sie wieder zurückziehen, fast gleichzeitig machte Herr Könnecke eine ähnliche Bewegung, schließlich streckten sie sie beide wieder vor, er ergriff die ihrige und schüttelte sie herzlich. — Ein sonderbares Mädchen! dachte er im Weitergehen, die sah ja so traurig aus, und so blaß! Es ist doch gut, daß ich sie begleitet habe; sonst liefe sie vielleicht noch wer weiß wie lange in der heißen Sonne herum. —
Pitt war aufs äußerste überrascht, Lotte plötzlich vor sich zu sehen. Sie konnte zu Anfang kein Wort vorbringen und bat um ein Glas Wasser. Dann erzählte sie ihm ihr Geheimnis, mit einfachen Worten, die ganz von selbst und ohne jede Befangenheit über ihre Lippen kamen. Im Gegenteil, sie fühlte sich erleichtert durch ihre Mitteilung. Pitt sagte lange nichts. Die Vergangenheit zog an ihm vorüber, während sein Blick ins Leere gerichtet war. Dann fand er sich in die praktischen Fragen der Gegenwart zurück. — Eines mußt du mir sagen, sprach er nach kurzem Nachdenken; du darfst mir meine Frage nicht übelnehmen und meinen, ich dächte deshalb etwa schlecht von dir: Bist du sicher, daß du dich nicht irrst — ich meine, daß es wirklich Fox ist — — sie ließ ihn nicht zu Ende reden, sondern unterbrach ihn lebhaft mit der Versicherung, dessen sei sie so gewiß, wie man einer Sache überhaupt sein könne: Außer ihm habe ich ja in meinem ganzen Leben noch niemand geliebt! Sie errötete, als sie seinen stillen, grauen Augen begegnete, und fuhr fort: Ich meine, du verstehst mich doch, du weißt doch was ich sagen will! Und nun will er durchaus, ich soll zu Großmutter gehen und ihr alles sagen. — Ja, sagte Pitt, das halte ich auch für das beste. Schließlich hat doch deine Großmutter, als sie jung war, dasselbe durchgemacht. — Aber da war sie doch verheiratet! — Ach so, ja ja, und das bist du nicht, das ist richtig. Trotzdem halte ich es für das beste. — Und er zählte ihr alle Gründe auf, und als schwerstwiegenden, daß, wenn alles jetzt so abliefe, wie sie wolle, das Geheimnis trotz allem Geheimhalten irgendwann einmal an den Tag kommen werde; die Scherereien mit den Gerichten, die Sorge für das Kind selbst, später — das alles könne sie viel leichter übernehmen, wenn sie es nicht noch dazu verbergen und geheim halten müsse. — O Gott, wenn das bekannt wird — ich kann ja niemals Lehrerin werden! — Dies leuchtete ihm ein, und nach einer neuen, reiflicheren Überlegung schien es ihm nun wirklich besser, sie bliebe hier. — Vielleicht kann ich eine Freistelle bekommen! meinte sie schüchtern. Aber diesen Glauben zerstreute er ihr. Außerdem habe sie dann nicht die Bequemlichkeiten, die sie beanspruchen könne. Das ist ja auch das wenigste, fügte er hinzu: Fox hat doch die selbstverständliche Verpflichtung, dich auf das anständigste verpflegen zu lassen. Das wird dem guten Jungen noch teuer zu stehen kommen! Pitt lächelte, indem er das verstimmte Gesicht seines Bruders vor sich sah, der sich nun wohl mit seinen Delikateßbüchsen und guten Weinen etwas einschränken mußte, in Zukunft. — Er sagte aber, wenn ich ihn lieb hätte, so müßte ich nach Hause gehen, sonst wäre es aus zwischen uns; es sei ein Prüfstein für meine Liebe! — Ach?! meinte Pitt, aufhorchend: dieser Prüfstein ist ja recht interessant! — Eine leise Bitterkeit gegen Fox stieg immer deutlicher in ihm auf: Das hatte er nun aus diesem Mädchen gemacht! Freilich suchte sein Verstand dies Gefühl sogleich zu zerstreuen, und er dachte: Vielleicht wäre es mir ebenso gegangen. — Heute abend gehen wir zusammen zu ihm, sagte er, bis dahin bleibst du wohl bei mir! — Lotte fühlte einen so tiefen Dank gegen Pitt, sie legte ihre Arme um seine Schulter und drückte ihn leise und zärtlich. Seit sie ihn gesehen und gesprochen, war sie um ein großes Stück erleichtert, sie fühlte einen Schutz, sie wußte, daß nun nichts mehr geschah, was gegen ihren Willen war. — Pitt streichelte ihr brüderlich über die Wange: was er für sie empfand, war Mitleid, nur tiefes Mitleid. Alle übrigen Gefühle, alles Halbklare, Zerrende war gänzlich erloschen. — Wo gehen wir nun hin? fragte er, und als er sie ansah, glaubte er einen Wunsch in ihr zu erraten: In die Konditorei? Sie errötete und sagte, das sei kindisch. Aber ich halte dich doch von nichts ab? fragte sie wieder und wieder. Sie hatte Angst, sie könne ihm lästig sein, und das wollte sie unter keinen Umständen. Und nachdem sie wirklich in der Konditorei gewesen waren, schlug sie vor, er solle nun nach Hause gehen, sie wolle sich hier auf eine Bank setzen. Für zwanzig Pfennige könnte sie sich ein Buch kaufen und es lesen. Er schüttelte den Kopf. — Aber es kostet doch nur zwanzig Pfennige! Er blieb dabei, sie solle mit ihm gehen. So schritt sie wieder neben ihm, ihre innere Gespanntheit löste sich mehr und mehr. — Du machst ja so ein glückliches Gesicht? fragte Pitt plötzlich. Sie hatte für einen Moment alles Schreckliche vergessen, wie ausgelöscht war es gewesen, sie hatte gerade etwas Lustiges sagen wollen, aber nun stand alles auf einmal doppelt schrecklich wieder vor ihr. Wie ist es nur möglich, wie ist es nur möglich! dachte sie. — Willst du vielleicht etwas schlafen? fragte Pitt, als sie oben im Zimmer waren. — Nein, das wollte sie nicht. Unklar dachte sie, das mache irgendwelche Umstände. — Oder wenigstens ruhen? — Nein, das wollte sie auch nicht. Doch, das wollte sie, sie wollte auch schlafen! Sie fühle sich wirklich müde! — Es fiel ihr plötzlich ein, daß sie Pitt ja am wenigsten zur Last war, wenn er sich nicht mit ihr zu unterhalten brauchte. Sie legte sich auf sein Sofa, er bedeckte sie sorglich, und nach einigen Minuten fiel sie wirklich in einen tiefen, segenvollen Schlaf. Von seinem Schreibtisch, an dem er arbeitete, trat er auf den Zehenspitzen zu ihr hin. Mit kindlichem, reinem Ausdruck lag sie da, tief und ruhig atmend. Er ging wieder zurück an seinen Tisch.
Die Holzrouleaus ließen das Licht des Tages nur gedämpft herein; es war still; eine Fliege summte an der Fensterscheibe. Pitt las in den Pandekten, aber seine Gedanken irrten ab und wurden immer träumerischer. Er hörte auf das Summen der Fliege an der Fensterscheibe, und ihm war als läge da draußen gar keine Straße, sondern ein baumüberschatteter Weiher, und dahinter kamen Ställe und Scheunen. Das Haus aber war ganz klein, und er befand sich in der Stube zu ebener Erde; kein Geräusch war um ihn, nur die Fliege summte gegen die Scheibe, die heiß war von der Sonne. Sie wollte hinaus ins Freie; nun, sie würde es aufgeben, denn hier drin war es auch gemütlich, und all die Blumensträuße in den Fenstern verbreiteten Duft. Wer hatte sie dort hingestellt? Zwei blonde kleine Knaben mit kurzem Haar; es waren Zwillinge und seine eigenen Kinder. Da standen sie schon vor ihm, in ihren kurzen Lederhosen und weißen Hemden, und wie sie jetzt lachten, sah er ihre spitzen Eckzähne. Wo hatte er nur solche Zähne gesehen? In der Luft lag ein Geruch von frischer Milch, und aus einem der Nebenräume drang das leise Stampfen eines Mörsers. — Er hörte auf den fernen Klang und sog den Duft ein — und die Fliege summte noch immer an der Scheibe. Draußen aber lag Sonnenlicht und alle Bäume bewegten sich glitzernd, und ganz ferne krähte ein Hahn. — Das Essen ist angerichtet! sagte eine bekannte Stimme, — vor ihm stand ein großes, blondes Mädchen mit einer schneeweißen Schürze. War das Elfriede? — Unbeweglich lächelnd sah sie auf ihn, er fühlte, daß er schlief und daß sie ihn nicht wecken wollte, und doch hatte er die Augen offen und sah ganz deutlich diese schneeweiße Schürze. Da war es, wie wenn ein Ton fern verklänge, die Gestalt schien zurückzuweichen — und er starrte in sein aufgeschlagenes Pandektenbuch. — Plötzlich tat er einen Ruck. — Ich glaube fast, ich habe geschlafen! sagte er und sah auf seine Uhr, während er sich erhob. Und das ganze Traumbild zog noch einmal klar an ihm vorüber, wie er so unbeweglich dastand. — Sonderbar, sonderbar! sprach er zu sich selbst, was für Dinge liegen einem im Unterbewußtsein, von denen man keine Ahnung hat. —
Er sah zu Lotte hinüber, machte eine Bewegung als wenn er alles von sich abtue und trat langsam zu ihr hin.
Sie rührte sich nicht. Er legte zart seine Hand auf ihre Stirn. Sie lag nach wie vor bewegungslos. Er nannte ihren Namen; ihr Atem ging tief, in immer größeren Zügen, plötzlich schlug sie die Augen auf.
Wir müssen gehen! sagte er leise. — Gehen? zu wem? — Zu Fox. — Sie dachte einen Augenblick nach, sagte dann: o es war so schön, und schloß noch einmal die Augen. — Es muß sein; sagte sie endlich mit einem Entschlusse und erhob sich.
Fox runzelte die Stirn, als Pitt mit Lotte zugleich ins Zimmer trat; er ahnte, daß es jetzt Kämpfe geben würde. — Er wollte wieder mit seinen alten Argumenten kommen, ja er redete sogar von Großmutter- und Enkel- und Urenkelliebe, von den natürlichen Banden der Verwandtschaft, von Heimatsgefühl, das neuerdings auch in der Kunst so lebhaften Ausdruck fände, von liebgewordenen Betten, in denen man geboren sei und die doch auch zu Hause zur Verfügung ständen, und als das alles nichts half, rief er: Ja Kinder, und an die Hauptsache denkt ihr alle beide nicht, an die Kosten! Wer soll denn das bezahlen, wenn Lotte jetzt hier bleibt? — Du natürlich! — Ich?! — Ja wer denn sonst? — Aber mein lieber Freund, das sind doch horrende Summen! Das kann ich ja gar nicht, so gern ich möchte; wir kosten doch unserem armen Vater sowieso schon Geld genug! — Sie redeten hin und her. —