Ich will dies nicht mehr mit anhören! sagte Lotte, die wortlos in einem Winkel gestanden hatte, ich werde ja hier verhandelt wie — wie ich weiß nicht wie! — Ja, lieber Pitt, ich möchte dich auch bitten, etwas mehr Rücksicht auf Lottes Gegenwart zu nehmen. — Ich will nicht dabei sein! sagte Lotte leidenschaftlich. —
In diesem Augenblick klopfte es an die Tür. — Ach! Fräulein Nippe! rief Fox, als sie sich auf der Schwelle zeigte, ich muß gerade etwas Wichtiges mit meinem Bruder bereden — wären Sie wohl so freundlich — Lottchen, du gehst wohl für einen Moment hinüber, du kannst ganz ruhig sein, die Leute sind furchtbar nett und freuen sich nur, wenn sie Besuch bekommen. —
Kommen Sie, Fräuleinchen, kommen Sie! sagte Fräulein Nippe und zog Lotte hinaus.
Die beiden Brüder standen sich gegenüber.
Du hast mindestens ebensolche Verpflichtungen wie ich! sagte Fox; sie hat es zwar entschieden in Abrede gestellt, jemals nah zu dir gestanden zu haben, aber das ist auch ganz selbstverständlich; das tut jedes Mädchen; ich nehme ihr das auch durchaus nicht übel. Wenn wir die Kosten zu tragen haben, so haben wir sie gemeinsam zu tragen! — Fox redete mit vollster Überzeugung; die Einbildung, in die er sich hineinredete, beherrschte ihn so stark, daß er sie für die Wahrheit nahm. Er wußte plötzlich wieder, daß seine früheren Verhöhnungen Pitts, als habe sich der vergeblich um Lottes Gunst bemüht, nicht der Wahrheit entsprachen. Und da die Wahrheit ja das Gegenteil der Unwahrheit ist, so kam er jetzt dazu, seine Forderungen mit einer Art von moralisch-überzeugtem Pathos aufzustellen. Pitt überging dies erst, aber als Foxens Stimme nun einen fast predigerartigen Ton annahm, ging er auf ihn zu, sah ihm dicht in die Augen, und fragte halblaut: Bist du eigentlich verrückt geworden? Besinne dich doch, was du sagst! — Fox sah ihn mit unsicheren Augen an; dieser durchdringende klare Blick brachte ihn allmählich zu sich, die Tatsachen, wie sie waren, rückten sich in seinem Geist zur Wirklichkeit zurecht, wurden zu einer Macht, die ihn beherrschte, und er sagte mit unsicherer Stimme: Na ja, ist doch alles klar! Mach doch die Sache nicht noch komplizierter als sie ist. Ich leugne ja absolut nicht, daß du recht hast, nur finde ich es durchaus nicht nötig, daß du dich mir gegenüber so aufs hohe Pferd setzt! Ich bezahle selbstverständlich, ich begreife nicht, weshalb du darum ein solches Geschrei machst! Ich finde es unvornehm, um Geld ein solches Geschrei zu machen! Pitt überlegte. Dies Benehmen seines Bruders grenzte schon hart ans Pathologische. War es ganz und gar ausgeschlossen, daß sich solche Zustände eines Tages wiederholten, und daß Lotte dann in die größten Verlegenheiten kommen würde? Dem mußte vorgebeugt werden.
Bitte, setz das schriftlich auf. — Er holte Feder und Papier. Fox sah ihn verblüfft an und weigerte sich tief gekränkt. — Ich erniedrige mich dadurch. — Du brauchst dich deshalb nicht vor mir erniedrigt zu fühlen; es ist reine Formensache. — Vor dir?! absolut nicht! aber vor Lotte, vor der Familie! — Die Familie wird das Papier niemals zu sehen bekommen, auch Lotte soll nie etwas davon erfahren. Also bitte schreib, es ist nur, um dein eigenes Gedächtnis frisch zu erhalten! — Fox weigerte sich noch immer, sagte, dies sei eine Komödie, ein gesprochenes Manneswort bedürfe keiner schriftlichen Garantie, und ob er sich jemals in seinem Leben ehrlos benommen habe?! — Bitte, schreib. — Als Fox sich noch immer weigerte, griff Pitt zu einem letzten Mittel, von dem er sicher wußte, daß es wirkte: Wenn du nicht schreibst, werde ich mir Garantien von unserem Vater verschaffen. Seine Augen blickten nach wie vor durchdringend auf ihn hin. Fox ergriff mechanisch die Feder, indem er sagte: Ein schönes Mittel! Dies grenzt ja an Erpressung! Pitt lachte innerlich, dann diktierte er, aber Fox sagte: ich weiß schon selber was ich zu schreiben habe. — Da hast du den Wisch! sagte er endlich. Pitt las das Papier aufmerksam durch, faltete es dann sorgfältig zusammen und steckte es in seine Tasche. — Nun will ich aber nichts mehr von dir hören! sagte Fox diktatorisch, und mit Lotte werde ich über diese triviale Angelegenheit auch bloß ein paar Worte sprechen. Mir gehen weiß Gott andere Dinge genug im Kopfe herum! Und er dachte an Herrn von Sanders Schülerin, mit der er sich heute am Nachmittag angeregt und geistreich unterhalten hatte über das Problem des Weibes. — Dieser Abstieg in die platteste Misere des Lebens war zu erbärmlich! —
Lotte war inzwischen in Fräulein Nippes Zimmer, erschüttert durch die neuen Aufregungen, in Tränen ausgebrochen. Fräulein Nippe war so teilnehmend, so liebevoll, es drängte Lotte, ihr, einer Frau, ihr ganzes Herz auszuschütten, und sie tat es. Alles, alles erzählte sie, kaum etwas, das Fräulein Nippe noch nicht wußte, aber so im Zusammenhang erhielt sie doch einen besseren Überblick. — Armes Kindchen! sagte sie und streichelte ihre Hand, nein, zu Ihrer Großmutter dürfen Sie nicht zurück, das ist ausgeschlossen, aber hier — wenn Sie hier unter ganz fremde Menschen gehen — ach, das Herz krampft sich mir ja zusammen, so’n junges Blut unter kalten, herzlosen Berufsmenschen, die die heiligsten Dinge als ein alltägliches Geschäft ansehen! Nein, Kindchen, das dürfen Sie nicht. Wenn ich nur etwas anderes wüßte! Fräulein Nippe tat plötzlich eine Bewegung: Ein rettender Gedanke war ihr gekommen: Hier sollen Sie bleiben, hier bei uns! Ich lasse Sie nicht wieder fort, bis Sie alles glücklich überstanden haben. Ich weiß allerdings noch nicht wie ich Platz schaffen soll, aber wir müssen Platz schaffen. — Lotte faßte wie gerettet ihre Hand und küßte sie, Fräulein Nippe aber nahm sie in ihre Arme und hielt sie fest, und nannte sie eine arme verängstigte Taube, die sich vor den Krallen des Geschicks an ihre Brust geflüchtet habe. Sie fühlte sich so stolz, so glücklich wie noch nie in ihrem Leben. — Warten Sie hier, ich gehe hinüber zu den Herren und bespreche alles mit ihnen! — Sie huschte hinaus, und dann stand sie klein, aber sicher vor den beiden großen Brüdern und teilte ihnen ihren festen Entschluß mit. — Bravo, Fräulein Nippe, bravo! rief Fox warmherzig und lebhaft, und dann wandte er sich vorwurfsvoll an Pitt: Siehst du, so benehmen sich großherzige Menschen in großen Augenblicken!! — Das Pekuniäre, sagte er hierauf wieder zu Fräulein Nippe, mache ich später mit Ihnen genauer aus! — Ach das ist ja das wenigste, meinte sie, Sie werden sie wohl nicht zu kurz kommen lassen! — Absolut nicht, absolut nicht! sagte er feierlich protestierend gegen die Möglichkeit eines solchen Verdachtes; im Gegenteil, ganz im Gegenteil! — und als Fräulein Nippe weiter sagte, er solle nun hinübergehen und ein paar Worte mit Lotte sprechen, nickte er: Sofort, gewiß, jawohl, versteht sich! und wanderte sogleich hinüber. Auf den Gedanken, daß es eigentlich nicht schön sei, Lotte nun immer in so unmittelbarer Nähe um sich zu haben, kam er jetzt noch nicht. — Na, Lottchen, sagte er, also du bleibst ja nun vorläufig hier, — und streckte ihr die Hand entgegen; du weißt doch, daß ich es gut mit dir meine! Hier ist es am besten für dich! Ich habe mir das überlegt, obgleich es nicht leicht ist für mich, das kannst du dir wohl denken! Also, Lotte, — na, gibst du mir nicht die Hand? Sagst du gar nichts Freundliches zu mir? — — Danke! sagte sie.
Sechstes Kapitel.
Lotte blieb nun wirklich in dem Heime Fräulein Nippes und Herrn Könneckes. — Herr Könnecke hatte tiefes Mitleid mit dem armen Mädchen, und wenn er ihr einen Teil seiner Bequemlichkeit opferte, so sagte er sich, er begehe dafür auch eine gute Tat: Er trat ihr sein eigenes Zimmer ab und teilte in der Folgezeit die Stube mit Fox. Der war anfangs über dieses Ansinnen tief verletzt. Herr Könnecke schlug ihm darauf vor, er könne sich ja ein anderes Zimmer mieten. Verstimmt, sich von Herrn Könnecke, vom Schicksal, von allen schlecht behandelt fühlend rief Fox bitter: Natürlich! Ist ja ganz einfach, ich habe ja Geld wie Heu! Ich kann mir ja auch gleich eine ganze Wohnung mit einem Tanzsaal mieten! — Sie können doch nicht verlangen, sagte Herr Könnecke, daß ich mit meiner Cousine in einem Zimmer schlafe! — Ich verlange garnichts! antwortete Fox und dehnte das letzte Wort betonend, bedeutend, zurechtweisend. Meinetwegen ziehen Sie in mein Zimmer, aber reden Sie wenigstens nicht vorher davon. — Herr Könnecke verschluckte seinen Ärger, und am nächsten Tage war die Stube für zwei eingerichtet. Sie war ganz vollgestopft mit Möbeln. — Ich kann überhaupt niemand mehr hier empfangen! rief Fox gereizt in die Luft hinaus, als er sein Zimmer in dem neuen Zustand erblickte.
Mit Lotte war er sehr wenig zusammen; ihr war es im Grunde recht, daß sie sich so selten sahen, denn sie empfand ihm gegenüber eine Scheu, die sie nicht mehr vertreiben konnte. Zu allen andern redete sie unbefangen; trat Fox ins Zimmer, so verstummte sie. Herr Könnecke widmete ihr viel von seiner freien Zeit und brachte ihr zuweilen eine Frucht oder eine andere kleine Überraschung mit. Und wenn sie traurig war, wenn diese schrecklichen Stimmungen wiederkamen, tröstete er sie, brachte er Bilderbücher, Photographiealbums, Geduldspiele herbei. — Selma, zeig ihr doch mal wie man Patienzen legt! Selma, wollen wir ihr nicht mal ein Theaterbillett schenken? Selma, ich finde, nächsten Sonntag Nachmittag könnten wir mal alle drei eine Partie zusammen machen! — Herr Könnecke war so gut, so sehr gut zu ihr! Und immer, wenn sie an ihn im allgemeinen dachte, kam ihr wieder jenes erste Bild vor die Augen, damals auf der Straße, als er zu dem Jungen sagte: Na ja, dann will ich es dir diesmal noch erlassen! — Immer hatte er Geduld mit ihr, auch wenn sie manchmal gereizt war, ganz ohne daß sie es wollte; sie bat ihn auch jedesmal hinterher um Verzeihung und sagte: Ich weiß ja, daß Sie es gut mit mir meinen! — Es war schließlich so, als wenn er und Fox die Rollen getauscht hätten, als wäre Fox ein Außenstehender, er selbst aber ihr natürlicher Schutz und Berater. Fox, unbewußt ganz zufrieden damit, fühlte sich doch in seinen Rechten zuweilen beleidigt. Herr Könnecke schenkte Lotte ein Billett zu einer Posse. Nein! sagte Fox, ich erlaube dir nicht, daß du hingehst. Das Stück ist ganz frivol, paßt nicht für junge Mädchen! — Du brauchst ja auch nicht hinzugehen, antwortete sie, in Gegenwart Herrn Könneckes mutiger. — Fällt mir auch gar nicht ein, aber du gehst ebenfalls nicht hin, ich will es nicht haben, also tust du’s nicht! — Jetzt schritt Herr Könnecke ein. Zu viel hatte er sich von dem jungen Manne bieten lassen. Wieviel hatte er schon stillschweigend heruntergeschluckt, gar nicht davon zu reden, daß er jetzt abends seine Pfeife nicht mehr rauchte, aus Rücksicht auf Fox, der, wie er sagte, seinen schlechten Knaster nicht vertragen konnte. — Ich habe ihr das Billett geschenkt, sagte er mit fester Stimme, und ich kann es verantworten, daß sie das Stück auch sieht. — Lotte, also ich sage dir — wenn du mich lieb hast — — Ach sei doch still! unterbrach sie ihn heftig, aber gleich darauf kam sie zu ihm hin und fuhr fort: Ja, Fox, wenn du es nicht willst, so gehe ich nicht! Aber nun war er beleidigt, zuckte die Achseln und sagte: Meinetwegen tu was du willst — wenn du andern Leuten mehr glaubst als mir — und verließ grollend das Zimmer. — Ich will nicht gehen! Sie blickte ratsuchend auf Herrn Könnecke. — Wie Sie wollen, sagte er ruhig. — Nein, nun kränke ich Sie auch noch, und Sie haben sich das so schön für mich ausgedacht! Ich gehe doch, aber Sie müssen Fox sagen, daß ich nur gehe, weil Sie sich das so schön für mich ausgedacht haben! — Sie ging wirklich, und merkte sich den Inhalt der einzelnen Akte ganz genau, um Großmutter später davon zu schreiben. —