Lotte hatte ihre ganze Erfindungskraft aufbieten müssen, um Frau Bornemann erklärlich zu machen, daß sie nicht an ihrem ursprünglichen Ziele weile, sondern wo anders. Dort sei die Cholera aufgetreten, so schrieb sie, und da habe ein Onkel ihrer Freundin sie sämtlich eingeladen, auf sein Gut, das sich hier in der Nachbarschaft der großen Stadt befände; auch werde die Post jeden Tag von dem Geschäftshaus des Onkels her — sie nannte Herrn Könneckes Wohnung — hinausgeschickt. Es sei einfacher, alle Postsendungen immer an den Onkel selbst, Herrn Könnecke, zu adressieren, da die Postverbindung zum Gut hinaus sehr unzuverlässig sei und Herr Könnecke immer abends alles in seiner Equipage mitbringe. Diese langatmige Situation erfand sie, und wieder kam sie sich unsäglich schlecht vor, die alte, gute Großmutter so zu hintergehen. Aber sie war einmal in die Hintergehungen hineingeraten und mußte vorwärts. Fox wußte von diesen Täuschungen, und er wollte sie zu einer Art witziger Geistesübung machen, worauf Lotte jedoch nicht einging. — Dann nicht! sagte er; es scheint dir seit einiger Zeit überhaupt alles egal zu sein, was ich vorschlage. — Er hatte ein bitteres, gekränktes Gefühl gegen sie, und lediglich nur deshalb, weil sie das Kind erwartete. — Fox verlangte mehr Geld von seinem Vater; der begann ihm Vorwürfe zu machen wegen seiner vielen Ausgaben, die sich steigerten, und auf Pitt hinzuweisen, der nicht einmal die Hälfte von dem brauchte, was Fox bekam. Diese Vorwürfe erschienen Fox ungerecht und kränkend, denn das Geld wanderte ja nun zu einem großen Teil in die Hände Fräulein Nippes. Lotte war zwar sehr bescheiden in dem was sie brauchte, aber immerhin mußte er sich ihretwegen doch sehr einschränken. Auf die Dauer jedoch wurde ihm dies unmöglich; er begann Schulden zu machen, und anstandslos borgten oder lieferten ihm Restaurateure und Geschäftsleute, da er ihnen allen schon so viel zu verdienen gegeben hatte. Von dem einen Gegenteil verfiel er nun ins andere: Er wollte sich entschädigen für alle Unbill, er zog wirklich aus und mietete sich für die kurze Zeit seines Aufenthaltes — denn inzwischen war das Semester vorgerückt und bald nahte es seinem Ende — in einer der schönsten Straßen ein. — Wie alles werden sollte, wenn erst die großen Summen kamen für Lotte, die er dann zu bezahlen hatte, wußte er vorläufig nicht. Aber daran dachte er jetzt noch nicht. — Weniger und weniger sah er Lotte; das „Problem des Weibes“ war entschieden interessanter als sie. — Lotte selbst vermißte ihn nicht, ja sie war froh, daß er nun bald ganz fortging. In den ersten Zeiten wollte sie sich das nicht eingestehen, aber mehr und mehr ahnte sie, daß auch ihre Liebe schwand. Ihre Zukunftsbilder beschäftigten sich nie mit ihm. Schmerzlich war es ihr, daß er niemals von dem Kinde zu ihr redete, daß er sagte: Wenn es da wäre, dann sei immer noch Zeit dazu. — Da wirft sie mir nun Kälte vor! Gesagt hat sie es ja nicht, aber ich fühle es durch, ich fühle es durch! so dachte Fox; und Pitt scheint sie für den zartfühlendsten Menschen zu halten! Was mir da Fräulein Nippe erzählt hat über die Art, wie er sich bei Lotte zu Anfang über die Vaterschaft des Kindes erkundigte — sie scheinen beide nichts dabei zu finden — nun, das weiß ich: Niemals wäre mir ein solches Wort über die Lippen gekommen! Neinnein, niemals! Ich finde das zynisch, ohne jede weitere Entschuldigung.
Um so wohltuender war es Lotte, daß Fräulein Nippe so oft von dem Kindchen zu ihr redete. In ihren freien Stunden saß sie bei ihr und häkelte und strickte mit ihr zusammen Sachen für das zu erwartende kleine Wesen. Einmal sagte sie: Es ist mir beinahe so, als ob ich selbst das Kind erwartete! Ach es muß doch zu schön sein, so ein wonniges kleines Ding im Arm zu halten, das einem ganz allein gehört!
Und Lotte begann sich leise auf diesen Augenblick zu freuen. Allmählich, ganz allmählich war Ruhe über sie gekommen, die furchtbare Angst um das Unabänderliche war von ihr genommen, sie erschien sich nicht mehr, so wie früher, wie das verruchte Gegenteil einer Mörderin etwa, indem sie, anstatt zu töten, einem Wesen widerrechtlich das Leben gab. Pitt sah sie nicht besonders häufig. Ihre Gefühle zu ihm waren ganz schwesterliche geworden. Wärme und Kühle gingen bei ihm durcheinander, das empfand sie wohl, aber er war der erste Mensch gewesen, der ihr half, der sie verteidigte, und das vergaß sie ihm niemals. Ab und zu besuchte sie ihn noch, ging mit ihm ein wenig spazieren und dachte nicht mehr daran, daß sie ihn belästigen könnte; dazu war sie zu ernst, zu ruhig, ihrer selbst zu sicher geworden. Unter den Bäumen, die nun ihr goldenes Laub bereits langsam zur Erde sinken ließen, saß sie manchmal mit ihm zusammen, auf einer Bank, und während sie sich still von der Mittagsonne bescheinen ließ, dachte er: Nun gibt sie bald einem Kinde das Leben! Was wird sein Schicksal sein? Und wenn es mein eigenes wäre — was für ein trostloser Gedanke, sich selbst noch einmal auf der Welt zu sehen; und dieses Kind wächst dann heran, wird groß, und sieht sich später wieder in anderer Gestalt durchs Leben schreiten, und das geht immer so fort, immer so fort, und war von allem Anfang so.
Also Lotte, sagte Fox eines Tages, indem er wieder, so wie damals beim ersten Abschied, in seinen roten Glacéhandschuhen, den steifen Hut in der Rechten, vor ihr stand, also Lotte, laß es dir gut gehen. Ich reise heute ab. Ich habe meinen Aufenthalt hier schon weit über Gebühr verzögert und kann nun nicht mehr länger warten. Meine Eltern werden ungeduldig. Ich habe Fräulein Nippe noch eine gehörige Summe für dich hinterlassen, wenn die zu Ende ist, wird sie mir schreiben; die Summen werden sich jetzt allmählich häufen, ich weiß noch nicht wie sie geschafft werden sollen, aber geschafft werden sie, das garantiere ich. Du sollst dir nicht zu allem übrigen auch noch Sorgen um das leidige Geld machen. Wo du das Kind hintun wirst, wie es versorgt wird, das schreibst du mir später wohl, natürlich postlagernd. Ich komme für alles auf, ich bin ein verläßlicher, anständiger — Vater. Ja ja, Lotte, manche Fehler rächen sich im Leben; es ist der Fluch der bösen Tat, daß sie — na und so weiter. Hab nur keine Angst, wird sich schon alles überstehen! Und was unsere Zukunft betrifft — deine und meine — so kann ich dir beim besten Willen noch nichts Näheres sagen, ich habe in den nächsten Jahren große Pläne vor mir, und diese Pläne erfordern — aber Lotte unterbrach ihn: Ich weiß das alles; mach dir nicht so viel Mühe, Fox. — Na ja, sagte er, etwas verlegen; also dann: Leb wohl, Lotte! Er hielt ihre Hand einen Augenblick, indem er darauf wartete, daß sie ihm die Lippen zum Kusse bieten würde, dann nahm er ihre Wangen zwischen seine Hände und drückte seinen Mund zart und schützerisch auf ihre Stirn.
Fräulein Nippe sagte ihm allein adieu. Sie hatte Tränen in den Augen, hielt seine beiden Hände gefaßt und nannte ihn einen Ehrenmann; es tue ihr ja so leid, daß dies alles für ihn gekommen sei; ein junger Mann müsse unbeschränkt die goldne Freiheit genießen; sie verstehe es ja so gut, daß er gegen Lotte mehr Ungeduld als sonst etwas empfinde; andere könnten es gefühllos nennen — aber es sei das Recht der sieghaften Jugend! Wieviel besser es doch gewesen wäre, wenn dieses ganze Unglück seinen Bruder Pitt getroffen hätte, der — na seien wir offen, zu Ihnen darf ich schon ein freieres Wort reden! — im Grunde ein wenig stumpfsinnig dahinlebe! — Absolut nicht, absolut nicht! sagte Fox, dessen Familienstolz sich regte, aber im Herzen dachte er: Recht hat sie! Endlich doch mal ’ne Person, die mich versteht! — Mein Vetter, fuhr sie fort, sitzt nun in seiner Schule und kann Ihnen nicht adieu sagen, leider. — Ist auch gar nicht nötig, dachte Fox, denn seine Sympathie für Herrn Könnecke war in der letzten Zeit wesentlich herabgemindert. —
Und du, sagte er zu Pitt, willst du nun wirklich ganz hier bleiben in den Ferien? Ja du kannst dir das schon leisten; ich muß zurück zu den Alten, ich bin Pleite, absolut Pleite! — Er hinterließ ihm noch einen Haufen Aufsätze, die er in den letzten Monaten zusammengeschrieben hatte, und die zumeist über das Bühnenwesen handelten. — Ich habe da erst mal mit groben Besen gekehrt, die feineren kommen später dran, und die eigentliche positive Arbeit beginnt erst, wenn dieser Augiasstall einmal ganz ausgemistet ist! Mein Lehrer hat mir vorgeschlagen, ich solle Dramaturg oder Regisseur werden, aber solche Tätigkeit ist doch eine zu untergeordnete. —
So räumte Fox wirklich das Feld. Zu Hause ist es doch am besten, man mag sagen, was man will! dachte er, als er im heimatlichen Bahnhof abstieg: Die Heimat ist ein Hafen, in den man sich allzeit flüchten kann vor den Miseren des Lebens. Und die praktische Bestätigung dieses Ausspruches sollte er erfahren, als er sich endlich entschloß, sich seiner Mutter anzuvertrauen, da er beim besten Willen nicht mehr wußte, wie er nun das viele Geld für Lotte schaffen solle. — Du bist mir ja ein schöner Windbeutel, du bist mir ja ein sauberes Früchtchen! so sprach Frau Sintrup und ließ diesen Bildern noch mehrere folgen, die gleichfalls dem Gebiet der Konfitüren entlehnt waren. Aber dann verstand sie sich doch dazu, Fox die Summe zu bewilligen, um die er bat. Alles mußte er ihr erzählen, von Anfang bis zu Ende, und wie es nichts mehr zu fragen und zu erzählen gab, sagte sie, sie wolle nicht in nähere Einzelheiten eindringen, die Tatsache sei ihr genug. Ähnlich sprach sie zuweilen zu Herrn Sintrup, wenn der ihr seine Erlebnisse beichtete, aus einem innern Gefühl der Anständigkeit und aus einer Forderung des Gemüts heraus. —
Lotte wartete der Zukunft entgegen, die Zeit verging. Frau Bornemann schrieb seit einigen Wochen mahnende Briefe, es sei nun die höchste Zeit, daß sie zurückkomme, der Lehrkurs des neuen Halbjahres beginne bald, und mit bescheidener Frivolität fragte sie endlich an, ob Lotte sich etwa verliebt habe und darum nicht zurückkomme? Sie hätte ja dem Kind so gerne den Lehrberuf erspart! Ach, wenn sie sich doch verlobt hätte! —
Und Lotte wartete in dieser stillen Zeit ihrem Ereignis entgegen, mit immer größerer Ungeduld, so wie man in kostbaren freien Tagen draußen den zögernden Frühling erwartet, ehe man in die dunkle Stadt zurück muß und in das graue Einerlei des Lebens, das nichts von den Herrlichkeiten da draußen weiß. Alle Angst hatte sie verloren, sie war zuversichtlich still und beinah glücklich. — Es handelt sich nur noch um Wochen! sagte Fräulein Nippe zu Herrn Könnecke, und setzte sich mit einer Frau in Verbindung, da sie sich diesem Dienste nicht gewachsen fühlte.
Lotte war viel für sich allein; sie suchte die Einsamkeit. Sie dachte an die eigne Kindheit, an ihre Eltern, die nun schon lange tot waren, an die Großmutter, die ihr nun alles ersetzte. Und stärker als früher war das Gefühl in ihr, sie handle unrecht, indem sie diese Frau hinterging, die stets nur das Beste für sie gewollt hatte. — Lotte hatte sich an ihren Zustand, an den Gedanken, der ihr anfangs selber so unfaßbar war, gewöhnt; alles Schreckliche lag so weit hinter ihr, daß es nur noch als ein Schatten in die ruhige Wirklichkeit hineinragte. Unwillkürlich übertrug sie diese Ruhe auch in die Vorstellungen, die sie von ihrer Großmutter hatte: Vielleicht, wenn sie doch einmal alles erfuhr, wie Pitt immer sagte, vielleicht würde es sie dann viel mehr schmerzen, daß Lotte kein Vertrauen zu ihr gehabt hatte, daß sie zu andern, zu fremden Menschen ging. Vielleicht würde sie, wenn Lotte jetzt zu ihr kam, ehe das Kind geboren war, sie zwar sehr traurig aufnehmen, aber doch wenigstens froh darüber, daß sie ihre Furcht und Angst besiegte und Vertrauen bei ihr suchte; sie war doch die Mutter ihrer Mutter! Es traten Lotte die Tränen in die Augen; die Sehnsucht nach ihrer Großmutter wurde immer stärker, es wurde ihr zu immer größern Gewißheit, zu immer dringenderer Forderung, daß sie fort, daß sie zu ihr müsse. Fräulein Nippe redete ihr ab: Das sei so eine vorübergehende Stimmung; wenn sie ihr folgte, würde sie es wahrscheinlich bitter zu bereuen haben. Sie rief ihr ihre erste Angst, ihre Furcht zurück, aber Lotte sagte: Großmutter kann mich ja gar nicht verfluchen, sie hat mir ja nie, nie das geringste Wirkliche gesagt, sie müßte sich ja selbst verfluchen! — Aber Fräulein Nippe blieb bedenklich und sagte: Kind, ich kenne die Leute besser; das ist ja alles schön und richtig, aber die Scheuklappen, die sie andern um die Augen legen, werden zu schweren Eisenpanzern, in die sie ihre eigenen Seelen hüllen, und unbarmherzig ziehen sie daraus das Flammenschwert des Gerichtes hervor, mit dem sie ihr Opfer dann umgarnen! Tun Sie es nicht, tun Sie es nicht!