Herta war immer frisch, immer schaffensfreudig, immer voller Pläne für ihre eigene Kunst. Er sah jetzt auch viele ihrer früher gemalten Bilder. Eines nach dem andern stellte sie vor ihn hin, und erzählte wo sie dieses, wo sie jenes gemalt hatte, merkte aber, daß ihn dies nicht sonderlich interessierte, obgleich er sich Mühe gab ihren Erinnerungen zu folgen und selbst etwas von ihren Gefühlen zu empfinden. — Du hast recht, sagte sie; all dies hat ja im Grunde mit den Bildern nichts zu tun und es wäre schlimm, wenn man ihnen von diesen Gefühlen etwas anmerkte; aber in der Erinnerung habe ich sie doch; dafür bin ich auch kein Mann.
Höre, sagte sie eines Morgens zu ihm, mir scheint, du wirst jetzt faul; gestern hast du mich eine Viertelstunde vor deinem Hause warten lassen, und heute ebenfalls; weißt du, das geht nicht; wenn du das öfter tust, mußt du mich künftig abholen! Du mußt dich an eine ganz regelmäßige Tageseinteilung gewöhnen, ohne die kommt man nicht aus im Leben. — Am nächsten Morgen war sie überrascht, ihn vor ihrem Hause zu sehen. — Sie lachte, wie sie sein halb zerstreutes, halb verschlafenes Gesicht sah: so war es nicht gemeint von mir, außerdem ist es für dich doch ein Umweg! — Er nahm sich vor, nicht mehr in solche Unregelmäßigkeit zurückzufallen, und abends, wenn sie sich trennten, freute er sich auf den Morgen. Doch kam es immer häufiger vor, daß er dann am Morgen mit dem Gefühl aufwachte: Jetzt sollen wir schon wieder zusammen sein! Wir waren doch erst eben zusammen! Manchmal schwebte es ihm auf den Lippen zu sagen, ob sie sich nicht lieber jeden zweiten Tag zum Spazierengehen treffen wollten, aber er wußte, daß sie ihm dann Energielosigkeit vorwerfen würde. Fast mißmutig kam er zuweilen die Treppe herab; aber wenn er dann dieses Mädchen vor sich sah, das, unbekümmert um Wind und Wetter, wie ein junger, herrlicher Baum vor ihm stand, und wenn ihn dann das Gefühl überkam: Sie gehört mir und niemand anders — und wenn er ihre kräftige Hand fühlte, die frisch und warm in der seinen lag, dann vergaß er das Gefühl, das ihn zuvor beherrscht hatte. Wieder und wieder sagte er sich, wie dankbar er dem Schicksal sein müsse, daß dieses vollendete Geschöpf sein eigen sei. Und doch — wenn sie dann zusammen durch die Felder gingen, wünschte er sie manchmal fort. Mitunter fühlte er sich geradezu beklommen durch ihre nahe Gegenwart. Er suchte sich dies Gefühl auszureden, aber es kam wieder. Dann wurde er einsilbig und zerstreut, und sie, die sich das nicht deuten konnte, fragte ihn, was ihm sei. Er antwortete nicht und sah aus wie ein Mensch, von dem eine Krankheit langsam Besitz zu nehmen droht, die ihre Vorboten vorausgeschickt, leise eine unverstandene, allgemeine, dumpfe Angst verbreitend. — Laß mich allein! sagte er einmal, mitten auf dem Wege stehen bleibend, ich weiß nicht was es ist — aber ich muß allein sein, jetzt! — Wie sie dann wirklich gehen wollte, hielt er sie wieder zurück und sagte: nein, bleibe hier, wenn du fortgehst, fühle ich noch viel mehr Angst. —
Ähnliche Stimmungen wiederholten sich abends, unverhüllter, freier. — Wir sehen uns doch morgen wieder! du mußt doch jetzt schlafen! — Sie sah ihn ganz verständnislos, mit großen Augen an: Gerade jetzt, jetzt wollte er gehen, wo alles in ihr drängte, noch länger mit ihm zusammen zu sein, um langsam, mit ihm zusammen, sich wieder in die Wirklichkeit zurückzufinden? — Er zögerte und blieb, oder ging, je wie es ihn trieb.
Ich weiß es nicht, sagte sie manchmal und betrachtete ihn sinnend, zuweilen bist du mir ganz nah, und auf einmal habe ich das Gefühl, du seist mir in Wirklichkeit ganz fern. — Er widersprach alsdann mit großer Heftigkeit, denn ihre Worte machten ihm innere Angst, sie sprachen nur das aus, was er selber fühlte und nicht fühlen wollte.
Ich glaube, sagte er, als er einmal in etwas freierer Stimmung neben ihr herging, wir sehen uns zu oft, wir dürfen unser Gefühl nicht abstumpfen. — Das verstand sie nicht: Mein Gefühl wird nicht abgestumpft; und wie denkst du es dir denn wenn wir später einmal vielleicht wirklich dauernd zusammen leben? — Da war es, wie wenn etwas in ihm, das leise und allmählich angewachsen war, mit heftiger Bewegung an das Licht drängte. — Wie und wann dieses Schreckliche begonnen hatte, wußte er nicht mehr; er hatte es vor sich selber abgeleugnet, aber es meldete sich stärker und immer stärker und ließ sich nicht mehr bezwingen; was er seit geraumer Zeit schon ahnte, und nicht ahnen wollte, sah er mit immer quälenderer Deutlichkeit: daß sein Glück den Höhepunkt überschritten hatte, daß es mit langsamem Schritte abwärts ging. Die erste große Zeit, wo alles unfaßlich, neu, als reiches Geschenk über ihn gekommen war, diese erste Zeit war längst vorüber, das Größte war ihm zur Gewohnheit geworden. Manchmal schien es ihm, als sei alles von Anfang an eine Täuschung gewesen, als wäre er im Grunde stets allein geblieben. Aber nun wehrte er sich mit Verzweiflung gegen sich selbst, denn was sollte werden, wenn alles wirklich so war wie er es dachte, und wenn er dann wieder allein sein würde?
Wenn er Herta wiedersah, konnte er ihr zu Anfang kaum in die Augen blicken, es war, wie wenn er seinen Makel offen auf der Stirne trüge.
Was ist es denn?! Was hast du denn?! fragte sie, wenn er ihr so stumm gegenübersaß und in eine Ecke starrte. — Er sah sie an wie ein hilfloses Tier.
Langsam begann sie die Wahrheit zu erkennen. — Liebst du mich nicht mehr? fragte sie einmal. — Er antwortete nicht. — Weißt du es selber nicht? — Ich liebe dich, wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe. So sprach er und suchte in diesem Wort selbst einen Halt. — Was ist es dann, was kann es dann sein, das dich so furchtbar niederdrückt? — Ich glaube, sagte er, es ist die Angst vor der Zukunft, wie du sie manchmal hinstellst, dort oben, in deinem Lande — das Haus — deine Familie — wir selbst, auf immer verbunden — — Es überlief sie kühl. Vor all dem hast du Angst? Es braucht ja nie zu sein! sagte sie halblaut und ihre Augen nahmen einen halb traurigen, halb stumpfen Ausdruck an. — Ja, sagte er und sprang auf, aber das alles kann ja wieder vergehen, du weißt doch wie ich bin, es ist alles so schnell über mich gekommen, ich kann mein Wesen nicht in einem Nu von Grund aus ändern, du hast soviel Geduld mit mir gehabt und mußt sie weiter haben, du weißt doch selbst am besten, wie sehr du mich schon geändert hast, das hätte außer dir niemand, niemand vermocht! — Sie trat dicht zu ihm heran, und wie er ihre Arme fühlte, war es, als sei alles Schlimme vergessen.
Aber am nächsten Tage war es wieder da. — Wenn ich jetzt nicht glücklich bin, so habe ich kein Recht auf Glück! Dieses Wort, das er sich schon früher vorgesagt hatte, verlor seine suggestive Kraft, es kam ihm phrasenhaft und hohl vor. Er ging wie in einem bösen Traum umher. — Bin ich denn verrückt geworden, sprach er zu sich selbst, wie und wann ist denn dies alles gekommen? Liebe ich sie denn wirklich nicht mehr? Aber sogar diese Selbstgespräche verloren an unbewußter Ehrlichkeit, er hörte sich wie einen andern, er wußte kaum selber mehr, was echt, was unecht an ihm war. — Mehr und mehr ahnte Herta die Wirklichkeit. Es begann eine Zeit der Kämpfe für sie, der ewigen Selbstverleugnung, der Überwindung und der angespanntesten Geduld. Noch immer glaubte sie, alles könne vorübergehend sein. Manchmal empfand sie es selber, daß es besser sei, sie sähen sich nicht so oft, und sie hielt ihn ein paar Tage fern. Wenn sie dann wieder zusammen kamen, war sie doppelt liebevoll, während für ihn die Ferne eine andere Wirkung hatte: Sie näherte sein Gefühl nicht, sie entfernte es nur mehr. Ihr Stolz begann allmählich zu leiden. Sie begann zu fühlen, daß auch dieses Erlebnis zu einem Ende führen würde, nicht durch sie, sondern durch Pitt selber, und dies gab ihr ihre Kraft zurück. Mehr und mehr lehnte sich ihr eigenes Wesen gegen das seine auf, das ihr im Grunde so sehr fremd war. — Ich weiß es, sagte sie, daß du mich nicht mehr liebst; du bestreitest es, du sagst, dein Gefühl für mich sei so wie sonst, und du habest nur Angst vor der Zeit, wo wir vielleicht einmal verbunden sein würden. Ich will nicht sagen, daß ich mit einem Menschen, den ich liebe, nur dann zusammen leben kann, wenn ich später dauernd mit ihm verbunden werde; du weißt aus meinem früheren Leben, daß ich nicht so denke: Aber mit jemand zusammen leben, der in einem späteren Zusammenleben nur etwas Schreckliches, Entsetzliches erblickt, dem alles andere das nicht aufwiegen könnte, was es an äußeren Unannehmlichkeiten im Leben gibt — denn um die handelt es sich nur — das kann ich nicht! Von einem solchen Menschen weiß ich: Seine Liebe ist nicht so wie sie für mich nötig ist! — Es ist nur dieses Eine! rief er; diese Furcht vor der Zukunft! Du nennst das äußere Unannehmlichkeiten — für mich sind sie untrennbar vom Leben überhaupt!
Sie glaubte ihm noch halb, da sie die Sehnsucht hatte ihm zu glauben. Seine entsetzliche, plötzlich wie wahnsinnig ausbrechende Angst vor einem späteren, gebundenen, bürgerlichen Leben, nachdem er eine große Zeit lang alles überwunden zu haben schien durch ihre Liebe — war dies nicht vielleicht wirklich, wie er selber sagte, nur wie das letzte Aufzucken eines Lichtes, das erstickt schien, das heimlich weiter schwelte und qualmte, das nun am Verenden war und für einen Augenblick noch aufflammte? Konnte nicht doch alles noch gut werden?