Sie lebten noch eine Zeitlang miteinander fort, scheinbar in der alten Selbstverständlichkeit, aber er verlor mehr und mehr von seiner Natürlichkeit, er wurde gekünstelt, sein Bild wurde ihr zur Karikatur. Und mehr und mehr drängte ihre gesunde Natur, sich zu befreien von diesem Gewicht, das immer schwerer auf ihr lastete. Eines Tages faßte sie den Entschluß, den sie seit langem erwogen hatte, der der einzige Ausweg aus diesem Irrsal war: Alles mit einem Hiebe durchzuschlagen.

Er beschwor sie, flehte, sie blieb fest. Er warf ihr vor, sie liebe ihn nicht mehr. — Im Gegenteil! rief sie: da ich dich so sehr liebe, muß ich allem ein Ende machen; ich will nicht, daß etwas, das mir hoch steht, herabgezogen wird, bis es schließlich triviale Gewohnheit wird, die man bestehen läßt, weil sie einmal bestanden hat; auf diese Weise führen viele Verhältnisse unter den Menschen endlich zu einer Ehe; von der reden wir schon lange nicht mehr, aber so wie alles ist, bin ich mir auch zu gut, überhaupt ein solches Leben weiter zu führen, wie wir es tun. — In ihm begannen die festen Gedanken sich aufzulösen; das ganze Zimmer, jedes einzelne Möbel schien sich plötzlich zu einer unerhörten Bedeutung vorzudrängen; er sah mit einem Male, daß hier ein Bild etwas schief hing, daß dort die Kante am Sekretär ein ganz wenig abgestoßen war, daß jener Stuhl nicht ganz so schön mehr wäre, wenn seine Lehne sich nicht eben in diesem ganz besonderen Winkel an den Sitz anfügte — und doch dachte er nur an seine Angst, an sich und Herta. — Ich liebe dich, wie ich nur überhaupt einen Menschen lieben kann, rief er, und blitzschnell schoß der Gedanke dazwischen: die vielen i’s im Anfang meines Satzes! Ich werde verrückt, was um Gottes willen ist dies! An Gott glaube ich nicht einmal. — Wie du nur überhaupt einen Menschen lieben kannst, das ist wohl leider wahr! rief Herta, und seine Augen richteten sich nun auf sie, indem er ihre Gestalt für einen Augenblick fast wie einen Maßstab der ganzen Höhe des Raumes ansah, obgleich er verzweifelt auf sie blickte. — Alles Glück, fuhr sie fort, ist dir nur eine Selbsttäuschung, du bist überhaupt unfähig einen Menschen zu lieben. Ich bereue nicht mit dir zusammengelebt zu haben, aber das weiß ich: Die Erinnerungen, so warm sie sind, werden niemals Macht über mich bekommen, ich bin zu kräftig, als daß ich nicht alles überwinden könnte. Ich habe Mitleid mit dir, soviel ein Mensch nur haben kann für einen andern, aber ich muß weiter; ich kann nicht bei dir bleiben, es ist unmöglich. Ob ich jemals einen andern heirate weiß ich nicht, aber das ist gewiß: Du bist nicht der letzte Mensch, der in mein Leben eingetreten ist, ich habe einen zu festen Willen zum Leben.

Alles an ihr atmete Kraft und Schönheit wie sie so sprach. Er war vollkommen in die Gegenwart des Augenblicks zurückgekehrt; ein Schmerzgefühl durchriß ihn, und fast mit Wollust empfand er seinen Schmerz: ich bin nicht empfindungslos, dachte er, o Gott, wie könnte ich sonst so empfinden! Und er stürzte an ihre Brust, in aller Angst vor der Leere, die von neuem vor ihm lag. Er fühlte ihre Arme, aber sie umschlossen ihn nicht mit der alten Kraft. — Ich kann nicht von dir fort, rief er heftig, du mußt bei mir bleiben, du wirst sehen, daß du dich in mir getäuscht hast, ich bin anders als du denkst, ich schwöre dir, daß ich anders bin, nur laß mir Zeit, dies ist ja ein Wahnsinn! —

Er preßte seine Wange an ihren Kopf und starrte über ihre Schulter hinweg ins Leere, begegnete aber seinen eigenen Augen, die ihn aus einem gegenüberhängenden Spiegel ansahen. — Herta schwieg und er ward beruhigter. — Fasse wenigstens nicht jetzt einen Entschluß, fuhr er fort, ohne sein Spiegelbild aus den Augen zu lassen, nicht jetzt, wo du dir selbst nicht klar bist über alles, — und mitten zwischen die Worte, die er sprach, schob sich der Gedanke: Sie ahnt nicht, daß ich ihre Gestalt von hinten sehe. — Warte wenigstens einen Tag, zwei, drei Tage. Laß mich diese drei Tage dich nicht sehen, und dann laß mich wiederkommen, und was du dann beschlossen hast, dem werde ich mich fügen, ohne Widerspruch. — Die Lippen des Spiegelbildes schlossen sich: während der Zeit war es Pitt so gewesen, als wenn der da drüben redete und nicht er selbst, obgleich er wußte, daß er sprach. Jetzt kehrte er den Blick hinweg, sah Herta in die Augen und — als erwache er aus einem dumpfen Traum, packte ihn mit einemmal die helle Angst, er umklammerte sie und brach in Tränen aus. Er fühlte ihren Körper und wußte plötzlich mit schrecklicher Deutlichkeit: Dies ist ein wirkliches Stück Leben, das sich von mir losreißen will, das einzige lebendige, das ich besitze. — Sie strich über sein Haar hin. Du hast recht! sagte sie, vielleicht sehe ich dann alles anders. — Aber sie dachte: Es ist doch alles vorbei. Fühlte er wirklich stark zu mir, er würde mich nicht bitten, er würde mich zwingen. In drei Tagen werde ich ihm dasselbe sagen müssen wie heute. Er löste sich aus ihren Armen, sie reichte ihm die Hand und geleitete ihn so zur Tür. Sie sahen sich lange in die Augen, als wollten sie sich in die Seelen sehen, und beide empfanden für einen Augenblick den Schauer offener und doch verschlossener Welten. — Wie mit einem Entschluß schlang sie heftig die Arme um ihn, und er fühlte ihre Lippen auf den seinen.

Sowie er draußen auf der Straße war, löste sich die Spannung in ihm. Es war ihm wie nach einer langen Krankheit, die die Krise überstanden hat. Die augenblickliche Gefahr schien vorüber, und, wie es bei solchen Krisen zuweilen geht, daß der Patient, noch eben Abschied nehmend von einem Leben, das ihm, nun er es verlieren soll, als das kostbarste Kleinod erscheint, dieses selbe Leben, wenn es ihm zurückgeschenkt ist, als etwas Selbstverständliches hinnimmt — — so richteten sich Pitts Gedanken schnell wieder auf die ihm gewohnte Wirklichkeit. Daß Herta nach drei Tagen noch bei ihrem Entschluß verharren würde, glaubte er nicht. Und er selber: Er würde sich Mühe geben, daß sie mit ihm zufrieden war. Sie würden miteinander sprechen, er würde ihr sagen, daß es wirklich für sie beide besser wäre, wenn sie sich nicht so sehr oft sähen — denn schon wieder regte sich in ihm ein kleines Unbehagen bei dem Gedanken, daß sie vielleicht wieder tagtäglich beieinander wären — und damit war dann alles Schlimme beseitigt. — Aber trotz aller beruhigender Gefühle empfand er eine Leere, und dann dachte er: Was ist eigentlich geändert gegen früher?

Der nächste Tag verging, der übernächste auch, der dritte begann. Hatte Herta seinen Vorschlag ganz wörtlich aufgefaßt? Mehr und mehr hatte sich diese letzten Tage eine tiefe Niedergeschlagenheit seiner bemächtigt. — Es ist nur das Wetter schuld, — dieser ewige Nebel! dachte er, obgleich er Nebelwetter mehr liebte als jedes andere. —

Am Abend ging er hin zu ihr, im rötlichen Dämmer der Laternen, deren Lichter wie flimmernde trübe Kugeln im Grau zu schweben schienen.

Wenn sie nun auf ihrem Entschluß bestände?

Eine alte Frau öffnete auf sein Läuten. Mit schlürfendem Schritt ging sie ins Zimmer und kam mit einem Brief zurück, den das gnädige Fräulein für ihn hinterlassen habe. Wo ist sie denn? Kann ich sie denn nicht selber sprechen? fragte Pitt schnell und hastig. — Verreist! antwortete die alte Frau, und da sie nichts hinzuzufügen hatte, zog sie sich wieder zurück und schloß die Tür.

Es war ihm, als habe er mit flacher, harter Hand einen Stoß vor die Stirne bekommen; noch auf der Treppe, unter einer Lampe, las er den Brief; er las ihn zweimal, dreimal. Er empfand keinen Schmerz, keine Trauer, aber ein dumpfes, stumpfes, gespenstisches Gefühl war in ihm. Wie ein Traumwandelnder trat er endlich auf die Straße. Er sah nicht, welchen Weg er ging, er setzte Schritt vor Schritt, ohne Aufhören, als sei das Gehen das einzige in der Welt was er noch tun konnte. Die matten Laternen blieben allmählich hinter ihm, dann befand er sich in einem endlosen stummen Grau. Endlich stieß er mit dem Fuß gegen etwas Festes, gegen eine Bank, auf die setzte er sich, und blieb dort sitzen, den Blick ins Nichts geheftet. —