Sie konnte sich diese Worte leicht gestatten, denn ihr Vorsatz, Herrn Feihse nicht zu heiraten, verdichtete sich noch. Er aber faßte ihre Worte ganz anders auf, und nun trat das ein, was Fräulein Nippe visionär voraus gesehen: Er küßte ihr zwar nicht beide Hände, aber wenigstens doch eine. — Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! Sie finden für alles einen so schönen und dichterischen Ausdruck! Dann setzte er hinzu, sein Schaden habe schon öfter bei einer Ehe, die er zu schließen gedachte, zu seinen Ungunsten den Ausschlag gegeben. Noch nie habe er eine Dame kennen gelernt, die so vorurteilslos sei wie Fräulein Nippe. — Sie wollte entgegnen, aufklären, aber sie schwelgte so sehr in der Vorstellung, die er von ihr hatte, daß sie es nicht vermochte. —

Sehen Sie, erzählte er, Sie würden nicht das geringste bemerken, wenn ich damals gut geheilt worden wäre! Aber lieber Gott, woher sollten meine armen Eltern das Geld nehmen! Auf dem Glatteis bin ich gefallen, damals in der Neujahrsnacht, wie ich als Knabe meine Streichhölzer verkaufte, zitternd vor Kälte, daß ich sowieso nicht fest auf meinen Beinen stand. Wenn da außerdem noch ein Betrunkener kommt und einen anrennt — — — ja ja, ich habe eine harte Schule durchgemacht! — Fräulein Nippe tat dieser Mann leid. Sie sah ihn teilnahmsvoll an und dachte: Heute kommt doch viel mehr Herz raus als damals auf der Bank! Man kann doch den Menschen niemals ansehen, was in ihnen steckt! Ein eigenartiger, interessanter Mensch ist er auf alle Fälle! — Und er erzählte weiter, wie er sich später vom Lehrling an in einem kleinen Seifengeschäfte langsam, langsam emporgearbeitet habe: Aber Unehrlichkeit, falsches Wesen duldete ich nie und nimmer! Dadurch habe ich die Menschen viel vor den Kopf gestoßen, dadurch habe ich meine besten Freunde verloren; ich verstehe nun mal nicht zu schmeicheln! Das haben Sie ja selbst auch schon bemerkt; ja ich tue noch viel bärbeißiger als ich bin. Es ist mir das ein Prüfstein für die Menschen! Aber die Menschen wollen nun einmal nicht die Wahrheit hören. So bin ich allmählich ganz vereinsamt. Sehen Sie, wie ich mich abends in meinen Mußestunden beschäftige! — Er hinkte, sich etwas zusammennehmend, auf das Eckschränkchen zu und brachte ein Schächtelchen zurück, das lauter kleine geschnitzte Knochengegenstände enthielt. — Das ist ein Geduldspiel! erläuterte er, und damit spiele ich jeden Abend den Gott werden läßt, und freue mich wie ein Kind daran. Ich möchte ja so gern manchmal was anderes tun — Sie lächeln über meine Einfachheit! — zum Beispiel gern einmal ein gutes Buch lesen, aber wer nennt mir denn ein gutes Buch?! Es fehlt mir die geistige Anregung! Und dann: wenn ich ein Buch lese, so möchte ich mich auch gern darüber aussprechen, andere Meinungen hören und aus ihnen lernen. Sehen Sie, so geht es mir! — O, Bücher lese ich genug! sagte Fräulein Nippe lebhaft; was halten Sie zum Beispiel — nun, sagen wir mal: — Ach bitte! unterbrach sie Herr Feihse, fragen Sie mich nicht! Ich müßte mich wahrscheinlich vor Ihnen schämen! — — Zum Beispiel — nun, sagen wir mal — — der Kampf um Rom! Den kennen Sie doch! — Er schüttelte den Kopf. — Nicht?! Aber Faust, das kennen Sie doch natürlich! — Wo der Teufel drin vorkommt? Ja, ich habe wenigstens davon gehört! — Oder — Hasemanns Töchter! Herr Feihse bewegte etwas ungeduldig den Kopf. — Aber jetzt passen Sie mal auf, jetzt nenne ich was ganz Leichtes, wenn Sie das nicht kennen ... Herr Feihse war rot geworden und sagte erregt: Haben Sie mich denn nicht verstanden? Lassen Sie doch die Fragen! Was soll denn das eigentlich? Bin ich hier in einem Examen? Wollen Sie mit Ihren Kenntnissen prunken?! — Unter andern Umständen wäre Fräulein Nippe einfach aufgefahren. Aber sie hatte einen viel besseren Blitzableiter: Oho! dachte sie, ich lasse das Barometer einfach wieder sinken! und sie machte ein so eisiges Gesicht, wurde so einsilbig, daß Herr Feihse traurig, aber mit fester Stimme sagte: Ich sehe, wir passen nicht zueinander! — Und, wie das erstemal, lenkte Fräulein Nippe auch jetzt wieder ein. — Falls Sie noch einmal wiederkommen, sagte Herr Feihse zum Abschied, indem er sie still ansah, so bringen Sie mir doch mal so ein Buch mit! Ich bin dankbar, wenn ich von Ihnen lernen kann! Sie wollte antworten, daß es wohl besser wäre, sie sähen sich nicht wieder. Aber schließlich: wenn sie wiederkam, so verpflichtete sie das ja zu gar nichts! Und sie hätte so gern gehört, was er über Hasemanns Töchter dachte. —

Sie kam auch wieder, sie lasen Hasemanns Töchter mit geteilten Rollen, sie fand Gelegenheit zu belehren, ihr überlegenes Wissen anzubringen, hinzudeuten auf Größeres: die echte Kunst sei noch etwas ganz anderes; dies hier sei so wie die kleinen Hügel am Gebirge, ehe die eigentlichen, die Riesen kämen: Shakespeare als die gewaltigste Zacke inmitten eines niedrigeren, aber immer noch erhabenen Getümmels. Und sie begann herzusagen, was sie noch von ihrer Desdemona wußte. Herr Feihse war entzückt und konnte nicht genug betonen, eine wie goldne Jugendlichkeit sie sich bewahrt habe, eine wie große Frische und Lebendigkeit des Interesses! Auch ihr sehe man es ja mit Deutlichkeit an, daß das Leben nicht liebevoll mit ihr verfuhr, aber sie habe sich den jugendlichen Kern keusch und rein bewahrt!

Er nahm nun leise einen andern Ton an, einen Ton, gemischt aus Verehrung und chevaleresker Höflichkeit und einem leise neckischen Elemente, das mit besonderer Prägnanz in seiner Anrede zutage trat: Fräulein Desdemona! so nannte er sie, erst nur scherzhaft und gelegentlich, bis sie ihn bat, sie doch immer so zu nennen. Sie lasen dann das Werk zusammen, und nun wollte er, daß sie ihn auch Othello nennen solle; aber sie erklärte, dies sei zu plump, und außerdem: Es wäre eine schlechte Vorbedeutung! Sie sah ihn halb kokett von der Seite an. In letzter Zeit hatte sie derartige Andeutungen öfter gemacht. Dann wieder, wenn er sich solche Andeutungen erlaubte, ging sie mit einem Gesichte, als verstände sie sie nicht, darüber hinweg, mit einem Ausdruck, als habe er eine Zweideutigkeit gesagt, die sie offiziell ignoriere. Herr Feihse wußte schließlich nicht was er denken sollte. — Will sie mich nun oder will sie mich nicht? So fragte er sich oft, wenn sie ihn verlassen hatte. Kennen gelernt hatten sie sich eigentlich genügend; und wenn sie ihn fragte: Er würde mit einem reinen und lauteren Ja antworten! — Oft nahm er sich vor, sie geradezu und ehrlich zu fragen, aber immer wich sie aus. Schließlich ertrug er dies nicht länger: Fräulein Desdemona — er zwang sich zu dieser scherzhaften Anrede — Fräulein Desdemona! Wir kennen uns nun schon lange genug und haben Vertrauen zueinander gewonnen! Ich wiederhole jetzt endlich die Frage, die ich schon einmal — damals auf der Bank im Parke — an Sie richtete: Wollen Sie die Meine werden? Ich werde Sie auf Händen tragen! — In diesem Augenblick zog Fräulein Nippe ein Tüchlein aus der Tasche, das sie zu einer kleinen Kugel zusammenpreßte und zum Munde führte, indem sie mit dem Ausdruck eines scheuen Rehes auf Herrn Feihse blickte, während ihr linker Arm anzudeuten schien, daß hier ihres Bleibens nicht sei. — Bleiben Sie, Fräulein Nippe, bleiben Sie! Sie haben nun genügend Zeit gehabt zur Überlegung, all die Wochen hindurch; Ihr Entschluß muß gefaßt sein! Bitte, jetzt ist es an Ihnen! — Fräulein Nippe streckte zagend ihr Tüchlein vor: Was soll ich tun — man drängt mich — man bestürmt mich — Ich bestürme Sie nicht und ich bedränge Sie nicht! sagte er in einem so ruhigen, sachlichen Tone, daß ihre poetische Stimmung wieder zu verschwinden drohte. O schweigen Sie, o schweigen Sie! bat sie mit halblauter Stimme, überlassen Sie mich ganz der Wonne dieses Augenblickes! — Also Sie lieben mich?! Er tat einen Schritt vorwärts. Sie streckte abwehrend den Arm aus, er wollte ihn ergreifen, aber sie zog sich schnell in den äußersten Winkel des Zimmers zurück. — Lassen Sie mich, lassen Sie mich! Ich kann Ihnen jetzt unmöglich antworten! — Aber wann werden Sie mir denn endlich antworten? — In — in drei Tagen! Ehe die Mitternacht des dritten Tages anbricht, haben Sie meine Antwort! Dann zog sie sich zurück, mit einem stumm-beredten, rätselhaften Blick verschwand sie. —

Herr Feihse blieb in der größten Erregung zurück. Er wußte nicht, wie er sich dies Benehmen deuten solle. Sie war doch äußerst interessant! —

Fräulein Nippe ging mit tragischer Miene zu Hause herum, und dachte: Wenn ihr wüßtet, welches Schicksal in mir kreißt!

Schon früher hatte ihr vieles Fortbleiben von zu Hause Verdacht erregt. Herr Könnecke, der ihr auf vergangene leidenschaftliche und heftige Ausbrüche erwidert hatte: ich habe dich ja immer noch gern, aber Lotte steht mir nun doch mal näher als du, daran ist nichts zu ändern — Herr Könnecke dachte in seinem guten schlechten Gewissen: Sie fühlt sich nicht wohl bei uns, sie will sich nicht aufdrängen, sie zieht sich ganz bewußt von uns zurück. Aber Frau Bornemann, die jetzt das neubezogene Heim ihrer Enkelin und ihres „Herrn Schwiegersohnes“ teilte, meinte bedächtig: dahinter steckt was ganz Besonderes: Es sollte mich gar nicht wundern, wenn die auf Freiersfüßen ginge!

Schon früher hatte sie ihr geraten, doch einmal die Heiratsofferten in den Blättern durchzusehen, solche Ehen würden oft die glücklichsten, war dann aber sehr entrüstet, als Fräulein Nippe bissig fragte: Sie haben Ihren Mann wohl auch durch die Zeitung gekriegt? — Frau Bornemann und Fräulein Nippe waren sich durchaus nicht wohlgesinnt, ohne daß man recht wußte, wo der Grund lag. Gelegentlich sagte eine von der andern: Sie könnte sie nicht sehen.

Sollte sich Fräulein Nippe ihrem Vetter anvertrauen? Nein, sie mußte sich bis ans Ende allein durchringen! Und welches war dieses Ende?! Bisher hatte sie mit dem Gedanken an die Ehe mit Herrn Feihse nur gespielt, so wie ein Kind mit einer Kugel spielt, ja, ganz genau so war es! Sie malte sich dieses Bild weiter aus: Diese Kugel, anfangs leicht und durchsichtig, war unter ihren Händen gewachsen, hatte an Gewicht zugenommen, und während sie sie noch ahnungslos in die Luft warf, um sie wieder aufzufangen, lief sie Gefahr, unter ihrem zentnerschweren Gewicht zu Brei zermalmt zu werden! Oder diese Kugel war ein Feuerzeug, mit dem sie spielte, und unversehens stand sie selbst in Flammen! Oder war es vielleicht doch nur ein mildes, wärmendes, beglückendes Feuer, das diese Kugel — oder dieses Feuerzeug — auf sie niederregnen ließ?! War es ein befruchtender Tau oder war es ein reißender Gebirgsstrom, den es ausgoß, ein Strom, der sie erfassen würde, mit sich fortnahm in gefahrvolle, unbekannte Gegenden, der sie an Felsgestein mit dem Kopf anrennen lassen würde, bis sie endlich als unkenntliche Leiche irgendwo ans Land geschwemmt wurde? —

Fräulein Nippe hatte in den letzten Wochen mehrere Male auf eigene Faust in den Zeitungen inseriert, da sie ja Herrn Feihse eigentlich doch nicht heiraten wollte, aber irgendwo hatte es stets gehapert: Da war kein Millionär, kein Graf mit rabenschwarzem Haar, kein Künstler, der sie hätte anregen können, kein frisches junges Blut, dem sie auch so ans Herz gestürzt wäre; nichts, nichts von alledem fand sich in dem Netze vor, das sie — wie sie sich vor sich selbst ausdrückte — mit jenen Annoncen in die Welt geschleudert hatte. Ach Gott, das Leben war kaltherzig und grausam, heimtückisch und ungerecht! — Und Herr Feihse wartete! Die letzten Nächte hatte sie in ihrem Bett geweint, indem sie an ihr freudloses Leben dachte, daß es keinen Menschen gab, der ganz von selber an ihr Herz flog, dem sie alles hätte sein können: Freundin, Geliebte, Mutter. — Herr Feihse hatte durchblicken lassen, daß, wenn sie ihn nun nach ihrem wirklich intimen Seelenverkehr doch noch ausschlüge, dieses der schwerste Schlag sei, den das Leben ihm versetzen könne! Er wolle lieber auch noch das andere Bein brechen als das erleben! Der arme Mann! das klang fast wie ein Selbstmordgedanke! Wie war er aufgeblüht unter ihrer liebevollen Pflege! Mehrere Male war er krank gewesen, zu Anfang, als sie ihn kennen lernte. Konnte sie nicht sein rettender Engel werden? Und wenn er immer kränker wurde, konnte sie sich nicht aufopfern, konnte sie ihn nicht pflegen, bis er tot war? — Sie sah ihn sterbend in seinem Bette liegen, sie selbst stand ihm zu Häupten und seine schon halb erlöste Seele hielt sie in ihrem lichtweißen Kleide für einen wirklichen, echten Engel des Himmels! Und dann würde er voll Liebe aus dem Jenseits auf sie herabsehen! Sie wollte ja nicht, daß er stürbe, aber wenn er es doch tat, so stand im Hintergrunde ein ganz hübsches kleines Vermögen! Das war nicht schlecht von ihr gedacht, das war ganz selbstverständlich und natürlich. Und doch weinte sie wieder, wenn sie an dies alles dachte, und wußte nicht was sie tun sollte.