Eine Annonce stand noch aus; sie hatte sie an jenem Abend, als sie Herrn Feihse zum letzten Male sah, noch rasch verfaßt und am nächsten Morgen auf die Redaktion getragen. Von dem Erfolge dieses Schrittes wollte sie ihr Schicksal abhängig machen. Und diese letzten Tage und Stunden waren schwer für sie. Zwei Bilder schaukelten in ihrer Seele, das Bild Herrn Feihses und das des idealen Mannes, den sie fast ganz deutlich vor sich sah: Wenn es ihn wirklich gab, so mußte er jetzt endlich erscheinen. — Aber er erschien nicht. Mit leeren Händen eilte sie von der Redaktion wieder ins Geschäft oder in die Wohnung. — So war der dritte Tag beinah verstrichen. Ein letztes Mal war sie auf der Redaktion. Sie war bereits geschlossen, sie rüttelte vergeblich an der Tür. Dann aber dachte sie: Wenn diese Tür sich mir verschließt, so weiß ich nun eine andere, die eine unsichtbare Hand mir weist, keine mit Farbe gemalte, wie diese herzlose Hand hier, die nur auf Bureautüren deutet, sondern die Hand des Schicksals selbst! — Vorher aber wollte sie noch einmal ins Leben untertauchen, ins wildeste Leben. Wie hatte sie gesagt: Wenn die Mitternacht des dritten Tages anbricht ... Mit dem Schlage der Mitternacht würde sie Herrn Feihses Nachtglocke anläuten, und vorher wollte sie mit ihrem Vetter und mit Lotte in den Zirkus; die beiden hatten schon mittags davon gesprochen, ohne daran zu denken, sie selber aufzufordern. Da wollte sie Abschied nehmen von dem jubelnden reichen Leben! —
Ich gehe heute abend mit euch! sagte sie, als mache sie den beiden ein großes Geschenk damit. — Aber Herr Könnecke schien nicht erfreut darüber. — Du darfst es uns doch nicht übelnehmen, sagte er, als sie allein waren, daß ich endlich einmal auch ein Vergnügen mit Lotte allein haben möchte. Überall bist du dabei, es ist ja fast gar nicht so als ob wir verheiratet wären! — Ich springe aus dem Fenster! schrie Fräulein Nippe plötzlich, in der mit einem Male alle Bitterkeit, alle Wut gegen das herzlose Schicksal überkochte — und sie rannte durchs Zimmer und schwang sich wirklich auf die Fensterbank. — Komm da mal gleich wieder runter! sagte Herr Könnecke erschrocken. — Diesmal, rief sie, ist es mißlungen, aber das nächstemal wirst du mich nicht hindern. Rühre mich nicht an! fuhr sie heftig fort, wir haben keine körperliche Gemeinschaft! — Sie war wieder unten, und überhäufte ihn mit Vorwürfen. Sie habe Lotte von der Gasse aufgelesen, und durch Lottes Schuld seien ihm nun die Nägel zu Geierskrallen gewachsen, die er einschlage in sie armes wehrloses Opfer. — Das verbitte ich mir! sagte er in bestimmtem Ton, du bist absolut nicht objektiv! — Schon wieder dieses herzloseste aller Worte, das die Gefühle auf eine Wage legt und gegeneinander abwägt! Bei lebendigem Leib wird man seziert, aufgeschnitten, daß Herz und Lunge und Eingeweide klopfen! — Also du kannst ja mitgehen, wenn du durchaus willst, sei doch nur endlich ruhig! — Nein, nun will ich nicht! rief sie heftig, das ist die rechte Art! Erst lechzt man nach einem Trank, und kriegt ihn nicht, dann spuckt der andere hinein und sagt: nun trink! — ich danke bestens! — Jetzt ging die Tür auf, die alte Frau Bornemann zeigte sich auf der Schwelle, das Kindchen auf dem Arm, sah kurzsichtig von einem zum andern und sagte mit enttäuschter feiner Stimme: Es war mir vorhin so, als würde hier gesungen! Aber ich muß mich wohl geirrt haben. Ich höre Lieder für mein Leben gern, aber wie mein Mann-selig in die Grube fuhr, wurde auch’s Klavier verkauft. Gott, was waren das für schöne Zeiten! Aber wir wollen nicht klagen: Lotte ist glücklich verheiratet mit’m Kind, ich bin bei ihr geblieben, das Kind wächst und gedeiht zu seines Schöpfers Ehre, und ich zahl’r meine Miete, wie sich’s gebührt! Und ein Liedchen trällernd, wie es schon zur Zeit ihrer Altvordern gesungen wurde, zog sie auf ihren Filzpantoffeln mit dem Kinde wieder ab.
Es geht nicht, es geht nicht für die Dauer! dachte Herr Könnecke, und ahnte nicht, wie nahe die Wendung in Fräulein Nippes Geschick war.
Fräulein Nippe verließ das Haus: Nun würde sie sogleich zu Herrn Feihse gehen! Herr Könnecke und Lotte aber gingen nun auch nicht in den Zirkus, da ihnen die Stimmung verdorben war.
Sie läutete an Herrn Feihses Wohnung, sie hörte seinen rhythmischen, erregten Gang, er öffnete, mit Tränen in den Augen stand sie vor ihm und sah ihn an mit verheißungsvollem Blick. Er tastete in sein Zimmer zurück, sie folgte ihm. — Tapferer Mann! sagte sie, Sie haben sich Ihr Glück erkämpft! Ich bin die Deine! Kannst du mir ein wenig gut sein? — Herr Feihse keuchte so, daß er sich setzen mußte; er ergriff ihre Hände, auch ihm rollten die Tränen über das Gesicht; dann wollte sie einen Satz vom Lebensglück sagen, in dem das Wort „basiert“ vorkommen sollte. Aber sie brachte ihn nicht heraus; und überhaupt: Welcher Mensch denkt denn in Augenblicken, wo man den Pulsschlag des Lebens fühlt, an Fremdwörter?! Und dann sagte sie statt dessen mit vor Rührung halb erstickter Stimme: Armer Mann! Du hast einmal in einem Moment der Bitterkeit gesagt, wenn du stürbest, so würde kein Hahn danach krähen; — du sollst dich getäuscht haben! —
Herr Könnecke saß mit Lotte und Frau Bornemann beim Abendessen. Fräulein Nippe kam nicht; sie erschien erst, als alle gerade zu Bett gehen wollten. Herr Könnecke hielt es für angebracht, etwas darüber zu sagen, daß sie zuviel die Hausordnung verletze; sie hätten sich alle um sie geängstigt; sie möge doch ein wenig rücksichtsvoller sein!
Fräulein Nippe war gerade recht in der Stimmung sich Vorwürfe machen zu lassen! — Ihr kaltherziges Philisterpack! rief sie, was wißt ihr denn überhaupt von dem, was in der Seele eures Nächsten vorgeht! Ahnst du denn, was mich die letzte Zeit bewegt hat? Hast du wohl soviel Interesse gehabt, darüber auch nur nachzudenken? Ihr alle habt keinen Funken von Interesse oder Intelligenz! Wollt ihr wissen, was es ist? Und dann legte sie ihr ganzes Triumphgefühl, die ganze Wucht ihres Schlages in die Worte: Verlobt habe ich mich! Ha, da können die Spießbürger die Mäuler aufsperren! Aber plötzlich wurde sie weich und sagte: der Geist der Liebe soll uns alle verbinden! umarmte einen nach dem andern und weinte wieder.
Neuntes Kapitel.
Fox Sintrup saß in einem Coupé vierter Klasse und fuhr nach irgend einem entfernten kleinen Orte, den er nicht kannte. So mußte es gemacht werden, das war romantisch-echte Ziel- und Zwecklosigkeit, das unbestimmte Schweifen in die Ferne. Jetzt gilt es der Not fest in das Auge zu sehen! sprach er zu sich selbst. Er erinnerte sich, daß er noch eine echte Havanna aus dem Niedergang gerettet hatte, fand sie auch wirklich in seiner Rocktasche, etwas abgeblättert, aber immerhin noch rauchbar, das vertrieb den schlechten Duft, der um ihn war. Ihm gegenüber lagerte ein junger Mann, fast noch ein Knabe, mit dunklen Augen; neben ihm saß eine alte Frau; sie hatte sich zu ihm gesetzt, obgleich sie nicht zu ihm gehörte. Ihre Augen waren starr und sie bewegte sich kaum. Dann kamen Arbeiter mit dumpfen Gesichtern. Fox würdigte sie alle kaum eines Blickes; es dunkelte und wurde Nacht, er suchte zu schlafen, wurde aber bald geweckt durch die Töne einer Harmonika. Der junge Mensch spielte ein langsames trauriges Lied, während er die Augen, ohne etwas zu sehen, zum Fenster hin gerichtet hielt. — Das ist doch noch Poesie! dachte Fox, echte Poesie; da suchen die Dichter immer ihre Stoffe in erträumten Fernen, und überblicken die nächste Realität! Wie leicht könnte ich jetzt hieraus ein Gedicht machen! Ein Gedicht, in der denkbar schlimmsten äußern Zwangslage geschaffen, und doch ein echtes Gedicht! Da sieht man wieder, daß es wahr ist: Kunst entsteht aus Not! Unsere heutigen Dichter aber sind Faulenzer auf dem Sofa: Bei dem Rauch einer Zigarette dichten sie über Waldesduft und Blätterrauschen; der heutigen Generation ist das Gefühl der Natur abhanden gekommen. Die Frau da hinten! Sitzt sie nicht da wie die menschgewordene Frau Sorge, drängt sich nicht einem geradezu Zeile um Zeile eines Gedichtes auf? Mal sehen. Er runzelte die Stirn: — Tief eingesunken starren meine Augen, die nur zum innern Sehn noch taugen! Das sollte ihm mal jemand nachmachen! So ganz aus dem Stegreif; — na und so weiter. Sollte er wohl eigentlich ein Dichter sein? Daran hatte er noch nie gedacht. Auch Dichter lernen das Elend kennen, Grabbe trank sogar, und doch kam sein Name auf die Nachwelt. Und Trinker werden wollte Fox ja nicht einmal. Das war alles vergangene Epoche. Was wollte er jetzt nur eigentlich in diesem Städtchen, dem er zurollte, mit jeder Sekunde sieben Meter? — Peter der Große hatte auf Schiffswerften gearbeitet. Hier war aber gar kein Meer. — Er mußte irgendwie seine Kenntnisse verwerten. Als Schreiber bei einem Rechtsanwalt? Alles sträubte sich dagegen in ihm. Aber in Amerika wurden sogar Hochadelige Kellner! Das war authentisch! Graf Zitzewitz zum Beispiel! — Sollte er doch Schreiber werden, sich nebenbei auf das Examen vorbereiten und seinem Vater später auf die Schulter klopfen und sagen: Siehst du mein Lieber, es ging auch ohne dich?! Fox traute sich schon einiges zu, übers Jahr würde er dann Referendar sein — er war dann allerdings schon 28 Jahre — aber dann ging es mit Riesenschritten in die große Karriere hinein.
Am nächsten Morgen kam er in seinem kleinen Bestimmungsorte an. Ein Bahnhof lag da, aus traurigen roten Backsteinen erbaut. Hühner wandelten, ernsthaft nach Würmern pickend, hin und her. Bei dem Anblick der Hühner fiel ihm ganz ohne Vermittlung das Fräulein ein. Er hatte vollkommen vergessen ihr adieu zu sagen! Nun, auch sie gehörte einer vergangenen Lebensepoche an. — Die wenigen Aussteigenden hatten sich verlaufen, Fox sah sich nach rechts und links um. — Was soll ich denn hier? fragte er sich halblaut, dies scheint ja eine Dreckstadt zu sein! — Er überlegte, ob er weiterfahren solle, nach der nächsten Großstadt — aber das Geld! — Er überzählte seine Barschaft. — Das genügt doch nicht! Ich kann doch nicht all mein Geld verfahren für nichts und wieder nichts! All dies sprach er zu sich selbst, als sei er eigentlich gedoppelt, als habe ihn ein anderer in diesen Sumpf hineingelockt, dem er nun die Torheit, den Blödsinn dieses Schrittes vorhielt. — Er suchte sich das beste Hotel, in der Überlegung, es werde guten Eindruck machen bei den Rechtsanwälten, die er aufsuchen wollte. — Vier Vertreter dieses Standes fand er in dem dünnen, magern Adreßbuch, alle vier besuchte er, alle vier sagten, es sei kein Posten frei. — Aber so schaffen Sie mir doch einen! Ich bin eine horrende Kraft! Ich habe akademische Bildung! Ich bin kein gewöhnlicher Schreiber! Ich bin was Besseres! Einer gab ihm ein Geldstück. Fox nahm es, ohne zunächst den Zusammenhang zu begreifen, dann sah er es aufmerksam an und führte darauf einen so ausdrucksvollen Blick unter seinen emporgezogenen Augenbrauen auf den Geber, daß der in ein lautes Gelächter ausbrach und es gutmütig zurücknahm. — Wieder ein anderer — es war der letzte der vier, die in Betracht kamen, riet ihm, er möge sich ans Amtsgericht wenden, da sei gerade ein Portierposten frei. Bei diesem Wort war es, als wenn Fox in die Länge und die Breite wüchse: Wüßten Sie, sagte er mit traurigen, strafenden Augen, wen Sie vor sich haben, so hätten Sie das nicht gesagt! Der andre sah ihn ganz verwundert an und lachte dann ebenfalls. Dann war er wieder auf der Straße, auf dieser abscheulichen kleinstädtischen Straße, und dachte: Und was wird nun?! — Vor einem Hause war ein Auflauf, viele Kinder drängten sich am Tor, zuweilen wich alles zurück, dann kam ein Herr oder eine Dame heraus, zierlich und auffallend herausgeputzt. Gruppen von Erwachsenen standen auf dem gegenüberliegenden Fußsteig, auch sie sahen voll Interesse herüber, und aus den Fenstern der verschiedenen Stockwerke unterhielten sich Menschen mit den Untenstehenden. — Hermann Steinert, Theaterdirektor, las Fox an der Tür, auf einem Schild. — Schmiere! dachte er verächtlich; so tief bin ich noch nicht gesunken. Dann ging er wieder weiter und ärgerte sich, daß er überall an allen Ecken dieselben Menschen traf.