Als Klavierlehrer könnte ich mich doch hier niederlassen! dachte er plötzlich, als er ein schlechtes Instrument vernahm, dessen Töne durch irgendein Fenster hinaus die ganze Straße zu füllen schienen; — dazu braucht man nichts als ein Klavier und ein sicheres Auftreten. Das Klavier bezahle ich nicht und das Auftreten habe ich. Ich will mich schon einführen! Ich setze mich einfach abends zu den Honoratioren an den Tisch im Gasthaus, an dem die Kerle alle beieinander hocken! Seine Idee, Bureauschreiber zu werden, erschien ihm mit einem Male lächerlich. Aber wenn ihn unter den Stammgästen die vier Rechtsanwälte erkannten? Dann war sein Renommee dahin! Er ließ sich Backen- und Schnurrbart abnehmen, und als er sich nun glatt und bartlos im Spiegel betrachtete, beunruhigte ihn der Gedanke, ob er sich damit nicht irgend einen andern Beruf zerstört habe, für den der Bart vielleicht unumgänglich nötig sei.

Als er gegen Abend ins Hotel zurückkehrte, blieb das Zimmermädchen auf der Schwelle stehen. — Wann fängt denn der Theater an? fragte sie endlich langsam und neugierig. — Der Theater? Fox zog die Augenbrauen hoch und ließ den Blick groß zu ihr hingehen. — Sie stieß einen unterdrückten Lachton durch die Nase. — Sind Sie der Komeker? fragte sie, und ihre Augen glänzten schon vor Freude. — Komeker?! Machen Sie, daß Sie rauskommen! sagte Fox. — Er kleidete sich nun auf das peinlichste um, nichts sollte an seinen früheren Zustand erinnern. — —

Wann fängt denn der Theater an? fragte der Kellner diskret beim Servieren. — Heute! sagte Fox geärgert. Der Kellner nahm das als einen Scherz hin. Nach dem Essen suchte Fox den Portier auf und fragte nach dem Stammlokal der ersten Bürger. Der Portier sah ihn etwas verwundert an, nannte es und sagte dann: Herr Steinert hat wirklich Glück gehabt! Fast hätte er doch nun auf alle Lustspiele und Possen verzichten müssen! Gestern telegraphiert ihm sein Komiker er käme nicht, und heute hat Herr Steinert bereits Ersatz gefunden. Er kann die Saison ruhig beginnen! Wirklich ein rühriger Geschäftsmann! — Und woher wissen Sie, daß ich der Komiker bin? — Sie haben es doch selbst dem Zimmermädchen gesagt! — Fox zuckte die Achseln; es war ihm nicht der Mühe wert diese Leute aufzuklären, daß er Regierungsbeamter — nee, was war er denn? Schreiber — Kammervirtuose — Fox wußte im Augenblick selbst nicht was er war. Er trat auf die Straße. Mochten sie denken, was sie wollten. Kommt alles durch den Bart, der weg ist! Hopla, dies verfluchte Pflaster! Und diese elende Straßenbeleuchtung! Es fiel ihm auf, daß fast alle Häuser dunkel waren. Um wieviel Uhr gehen denn die Leute hier zu Bett?! so dachte er, unwillkürlich stehen bleibend. Da schnarcht ja was im Parterre! Hinter der Gardine! Ich höre es ganz genau, durch die Fensterscheiben! Da schnarcht was!! — Plötzlich befand er sich vor dem bezeichneten Restaurant. Das hatte ihm der Portier auch so beschrieben, als wenn es Gott weiß wie weit bis dorthin wäre. Ein Katzensprung! Nichts weiter! —

Drinnen saßen lauter Männer mit Bärten, die meisten auch noch mit Brillen. Es war ein geräumiges, niedriges Zimmer, in dem ein schlechter Tabaksdunst herrschte. An einzelnen Tischen wurde Karten gespielt. Alle sahen auf, wie Fox hereintrat, neugierig wurde er gemustert. Jetzt galt es!: Mit rascher, großer Gebärde legte er seinen Mantel ab, setzte sich an einen freien Tisch und trommelte mit den Fingern. Dann fragte er den Kellner, ob Freiherr von Strambach keine Nachricht für ihn hinterlassen habe: Von Sintrup, Kammervirtuose. Der Kellner verneinte bedauernd und interessiert. Nein!? rief Fox und fuhr vom Stuhl empor. Dann gab er sofort ein Telegramm auf: Freiherr Strambach nicht hier, alles vorläufig sistieren. Die Adresse lautete wieder an seinen alten Freund, den Kriegsminister. Und er lachte innerlich, denn der alte Herr hatte inzwischen schon öfter Nachricht von ihm bekommen, und diesmal wurde er gar durch ein Telegramm aus dem Schlafe alarmiert. — Er erreichte was er wollte: Im Nu war alles im Lokal bekannt, und der Kellner kam im Auftrag der Herren, ihn an ihren Tisch zu bitten. Diskret ward er nach dem Kriegsminister gefragt; er sagte, Freiherr Strambach sei ein Freund von ihm und nannte die Sache, um die es sich handelte, „eine leidige Angelegenheit“, in der er den Vertrauensmann spiele. Der Kriegsminister habe übrigens eine reizende talentvolle Tochter, die er im Klavierspiel unterrichtet habe. Man fragte ihn nun ob er hier konzertieren wolle. Fox schüttelte den Kopf und sagte, seine Tourneen gingen immer nur über größere Städte. — Ach das ist aber schade, äußerst schade! Nebenan im Zimmer ist ein Klavier, wollen Sie uns nicht einmal die Freude machen, wenn es nicht unbescheiden ist? — Fox machte ein bedauerndes Gesicht; seit Monaten habe er keine Taste angerührt, jetzt gehe es seinen Nerven allerdings etwas besser. — Nun sehen Sie! na, wenn es jetzt besser geht — — Fox ließ sich noch etwas bitten, dann verschwand er mit resigniert-freundlichem Gesichte im Nebenzimmer und alsbald donnerten die Eingangsklänge der Holländerballade, die Fox konnte. —

Die Suggestion des Kammervirtuosentumes wirkte, unterstützt durch übrige Kritiklosigkeit, Fox kam wieder aus seinem Zimmer heraus, als wenn er dort gerade gebadet habe und sich vor Zug in acht nehmen müsse, und ward mit Bravos empfangen. Er schimpfte auf das scheußliche Klavier. Einige nahmen das Klavier in Schutz, andere verwiesen auf das bessere im eigenen Hause. — Wenn Sie hier am Orte bleiben, müssen Sie uns unbedingt einmal die Ehre geben! — Meine Frau sucht schon lange einen Partner im Vierhändigspielen, keiner ist ihr gut genug, sie macht eben künstlerische Ansprüche! — Mein Sohn klagt immer, zu was er denn Violine lerne, wenn er das Dings immer solo spielen müsse, viel kann er ja noch nicht, aber Talent hat er. — Ich spiele selber Cello! und ärgere mich, daß meine Frau so absolut unmusikalisch ist! Ich möchte ja immer gern mit der Frau Sekretär zusammen spielen, aber da sollten Sie mal das Gesicht von meiner Frau sehen! So flogen die Rufe durcheinander.

Fox erklärte sich zu allem bereit, falls er sich länger hier am Orte aufhalte, was noch fraglich sei. Es käme auf die Luft an, die hier herrsche. — Übrigens, setzte er hinzu, werde er eventuell auch einige Stunden erteilen, — auf Honorare verzichte er, es sei ihm ein Bedürfnis, junge Menschen, die Talent hätten, zur Musik auszubilden. — Diese Worte sprach er jenem Rechtsanwalt ins Gesicht, der ihm am Morgen den Portiersposten empfahl, und der nickte und sagte: Bravo, das ist wahrhaftig philantropisch! Schade, daß ich keine Kinder habe, ich würde sie sofort von Ihnen unterrichten lassen, allerdings nicht gratis, das versteht sich von selbst. — Sprechen Sie doch mal mit meiner Frau! Unser Gretchen hat zwar Stunden, aber wir sind beide nicht zufrieden. Natürlich auch nicht gratis — wenn Sie nicht übermäßige Forderungen stellen. Fox sagte, er wolle es versuchen, über das Honorar könnten sie sich ja einigen, allerdings: wenn der Fehler an Ihrem Gretchen liegt ...! —

Er wartete noch auf andre Anträge, und dachte dabei: Weshalb meldet sich niemand? Klavier lernt doch heutzutage jedes Rindvieh in den Windeln! Jedoch nur ein magerer Offizial stellte sich vor, griff aber auf Foxens Worte von der Honorarfreiheit zurück. —

Fox runzelte die Stirn und hielt es für besser, das ganze Thema vorläufig fallen zu lassen. Hätte er nur wenigstens soviel Geld gehabt, ein paar Monate auch ohne Stunden leben zu können, dann würde er sich schon langsam eingeführt haben, daran zweifelte er keinen Augenblick; selbst wenn es sich herausstellte, daß er in Wirklichkeit nur sieben Stücke konnte. Auf eigene Virtuosität kam es beim Stundengeben gar nicht an; die besten Virtuosen waren oft die schlechtesten Lehrer, und umgekehrt! Den Vater von dem Gretchen konnte er doch auch nicht gleich um Vorschuß bitten! — Er erwog einen anderen Plan, zu Geld, und zwar sofort zu Geld zu kommen. Die Herren spielen? fragte er; und dann spielte man. Man setzte ganz kleine Summen. Er erzählte von den Offizierkasinos, in denen er verkehrt habe, dort seien die Goldstücke beim Spiel nur so geflogen; ob man denn hier immer nur um Nickel spiele? Immer! lautete die Antwort, und ein älterer Bureaubeamter warf ihm einen ernsten Aktenblick durch seine Brille zu und knurrte: er hoffe, der Geist des Leichtsinns werde seinem Städtchen ewig fern bleiben. Mit dieser Bande ist nichts anzufangen! dachte Fox, Pfennigfuchser, niedrige, schmierige Gesellschaft! — Und wie früh ging dies Volk zu Bett! Das Lokal hatte sich schon sehr gelichtet. Was sollte er selbst noch hier? Und wie wurde es morgen? Undeutlich sah er sich wieder auf der Bahn, zu seinem Vater reisen. — Während er so seinen Gedanken nachhing, bemerkte er mit einem Male, wie zwei von seinen vier Rechtsanwälten in einen Winkel traten und sich leise unterhielten; der eine drehte aufmerksam den Kopf zu Fox hinüber, schüttelte ihn dann aber, indem er wieder zu seinem Kollegen sah. — Fox wurde es unbehaglich. Er verabschiedete sich von seinem Tisch; dann war er wieder auf der Straße.

Vor dem Hotel stand der Portier, der die Gäste des Abendzuges erwartete, denn vielleicht konnten welche eintreffen. Er unterhielt sich mit einem der vier Rechtsanwälte. Fox grüßte schweigend und ging schnell hinauf, bemerkte aber, wie die beiden ihm angelegentlich nachsahen. — Sein Zimmer lag nach vorn heraus. In diesem Nest, wo um elf Uhr alles totenstill war, konnte man jedes Wort auf der Straße viele Meter weit hören. Fox ließ das Zimmer dunkel und öffnete vorsichtig das Fenster ein wenig. Was? hörte er den Herrn dort unten fragen, Komiker ist er? — Jawohl, ich kann es Ihnen auf das bestimmteste versichern; heute früh ist er angekommen, heute nachmittag hat er sich den Bart abnehmen lassen, und dem Zimmermädchen hat er es ja selbst erzählt! — Also doch! Ich habe ihn doch gleich auf den ersten Blick erkannt! Herr Apotheker, Herr Apotheker! Ich gratuliere Ihnen zum Klavierlehrer von Ihrem Gretchen! Ein ganzer Rudel Bierheimkehrender kam die Straße daher. Pst! sagte der Portier und lugte vorsichtig am Hause hinauf, da er aber kein Licht sah und das Fenster geschlossen schien, beruhigte er sich. Aber was soll dieses alles? fragte einer, nachdem auch Foxens Besuch bei den Rechtsanwälten durchgesprochen war; ist der Mensch verrückt?! — Was dieses soll? fragte einer von den vieren: Mir ist die Sache vollkommen plausibel: Mystifiziert hat er uns alle miteinander, er wollte sich sofort am ersten Tage in unserm Städtchen populär machen, und ich muß sagen, er hat seine Rolle meisterhaft durchgeführt! Ein Komiker darf sich manches erlauben, was andere nicht dürfen, ich sage Ihnen: wie er heute morgen mein Geldstück ansah, das ich ihm gab: Gebrüllt hab ich vor Lachen! Und heute abend als nervenkranker Künstler — ein bißchen zu dick ist er ja, aber dafür kann er nicht! Und er hat doch wirklich famos gespielt! Klavier meine ich. Ein Prachtexemplar! Wenn der zum ersten Male auftritt, nehme ich mir den besten Platz, das ist mal sicher; das ist ein Original! —

So redete man da unten, bis der Hotelwagen leer zurückkam und die Untenstehenden veranlaßte, zurückzutreten, was dann wieder den Anstoß zu Trennung und Weitergehen gab. Fern verlor sich das Gelächter.