Etwas überrascht war er über die Veränderung, die mit Fräulein Nippe vorgegangen war: Sie trug jetzt durchaus fußfreie Kleidung und eine jugendlichere Frisur; eine Korallenkette hatte sie um den Hals, der noch immer frei war. Sie begrüßte ihn erst allein an der Tür, innig und herzlich, und sagte, nun solle er auch ihren Mann sehen: Erschrecken Sie nicht, ich bereite Sie darauf vor: Jung und schön ist er nicht! Es fiel Fox auf, daß sie dieses alles in gedämpftem Tone sagte, daß sie ihn schon an der Tür empfing, als wenn etwa ein Schwerkranker in einem der Zimmer liege. — Kommen Sie, kommen Sie, junger Freund, sagte sie jetzt mit lauterer Stimme, indem sie ihn zur Stube zerrte, hier drinnen finden Sie alte liebe Menschen, die Ihnen nur wohlwollen!
Da war ein großer Kaffeetisch, da saß Lotte, mit ahnungslosem Gesicht, neben ihr ein alter Herr, der einen Jungen auf dem Schoße hielt, gegenüber Herr Könnecke und Frau Bornemann, die soeben noch den Kuchen gelobt hatte. Alle blickten erstaunt auf Fox, Fräulein Nippe aber — oder jetzt Frau Feihse — weidete sich an ihrer Überraschung, und rief: Habt euch lieb! Ach, ich konnte es ja nicht übers Herz bringen: Was auch die Vergangenheit über euch alle brachte — es ist ja doch begraben und vergessen, und die Stunde der Versöhnung hat geschlagen! Lotte, da ist dein alter Freund, von dem du den lieben süßen Jungen hast, Frau Bornemann, da ist der gute, junge Mann, der Ihnen als männlicher Beistand ratend zur Seite stand — Wilhelm, du hast mit ihm das Lager geteilt, als ihr zusammen wohntet — habt euch nun alle, alle lieb und laßt mich an eurem Glücke teilnehmen!
Fox war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten, Lotte, bestürzt in Scham und Überraschung, hatte das Gesicht zur Seite gekehrt, die andern saßen starr und blickten regungslos auf Fox. Der ergriff das Wort: Gnädige Frau, wandte er sich aus der Ferne an Lotte, es ist nicht meine Schuld, daß dies uns allen peinliche Zusammentreffen erfolgte, gestatten Sie, daß ich mich auf der Stelle wieder zurückziehe! Er wandte sich zum Gehen, mit einer formellen Verbeugung, aber Frau Feihse verschloß die Tür und zog den Schlüssel ab.
Der Kleine war von Herrn Feihses Schoß herabgesprungen, auf Fox zugegangen, sah ihn mit großen, etwas dreisten Augen an und fragte: Mama, wer ist der Onkel? — Hört, hört! rief Frau Feihse, die Stimme der Natur läßt sich nicht bändigen, sie bricht hervor mit elementarer Gewalt, wenn man ihr den Mund verstopfen will! Schämt euch ihr Großen, und nehmt euch ein Beispiel an diesem unmündigen Kinde! Jetzt erhob sich Herr Könnecke, nach einem stummen Blickaustausch mit Lotte, wortlos, mit strengem Blick verlangte er von Frau Feihse den Schlüssel, und dann verließ er mit seiner Frau das Zimmer, während der Kleine hinterher lief und mit eigensinnig-lauter Stimme wiederholte: Ich habe gefragt, wer der Onkel ist! —
Frau Bornemann hatte sich ebenfalls erhoben, aber ehe sie den andern folgte, trat sie dicht zu Fox heran und sagte: Da mich der Himmel noch einmal mit Ihnen zusammen geführt, sollen Sie auch hören, was er mir für Sie aufgetragen hat: Sie gottloser Ehrabschneider — gehe in dich, suche den Weg des Heils! — Um irgend etwas zu tun, und gleichzeitig um dem Herrn Feihse, der peinlich erregt in seinem Stuhle saß, zu zeigen, daß er in allen Lebenslagen die Form zu wahren wisse, machte Fox ihr eine steife, ernsthafte Verbeugung; die kurzsichtige kleine Frau Bornemann wußte erst nicht recht was dieses heißen sollte, dann aber, halb noch erregt und halb schon wieder im Banne des täglichen Lebens mit seinen Anforderungen an gute Lebensart, erwiderte sie seinen Gruß durch einen etwas schüchtern-linkischen Knix, worauf sie den übrigen nachging.
Jetzt kam Herr Feihse auf Fox zu: Er entschuldigte vor allem seine Frau, deren Stimme man draußen leidenschaftlich reden hörte, und lud ihn ein, nun wenigstens nicht sogleich aufzubrechen, sondern bei einem Schälchen Kaffee sein ehrenwerter Gast zu sein. Er fuhr selbst mit auf und ab zitternder Hand zur Kanne hinüber, um einzuschenken. Draußen flog eine Tür ins Schloß, mit hochrotem Gesicht trat Selma ein: Bürgerpack! sagte sie, kleinliche Menschen mit Gefühlchen, ohne jeden Sinn für freie und vornehme Auffassung des Lebens! — Herr Feihse bemerkte, sie habe aber auch nicht recht gehandelt, ihre Zartheit werde zuweilen geradezu ins Gegenteil gedeutet. — Das heißt, fuhr sie auf, daß du mich für unzart hältst! — Herr Feihse sagte vorsichtig, das habe er nicht behauptet. — Sie fuhr mit dem Zeigefinger auf Fox los: Hat er es gesagt oder nicht? Sie sind Zeuge! — Aber Selma ich bitte dich, laß doch die Szenen! Ich habe nicht von mir geredet, jedenfalls dachte ich dabei nicht an mich! — Sehen Sie, sehen Sie, so ist er! Hinterrücks versetzt er einem einen Hieb, und wenn man sich dann umdreht, macht er ein unschuldiges Gesicht, und tut, als ob es ein anderer gewesen wäre! — Herr Sintrup, ich habe mit vieler Freude gehört, daß Sie eine so interessante Stellung an einer Zeitschrift haben! — Nein! davon wird jetzt einmal nicht geredet! Sehen Sie wie er ablenkt! Bleib bei der Stange! Also du hältst mich für unzart. Meine Haare wären nicht echt, sagte er, als wir das erstemal zusammen waren, vor unserer Verlobung. Ist das Zartheit?! Außerdem war es gar nicht wahr! — Aber Selma ich bitte dich! rief Herr Feihse erregt, wenn du schon keine Rücksicht auf mich nehmen willst, dann nimm sie wenigstens auf unsern Gast! — Hören Sie es? Er wirft mir Rücksichtslosigkeit vor! Bitte, Herr Sintrup, bin ich rücksichtslos? — Ja; sagte Fox trocken, — wenn Sie mich direkt danach fragen! — Sie sah ihn erst verdutzt an, dann nickte sie: Natürlich, wenn zwei Männer zusammen sind mit einer Frau, dann nimmt ein Mann immer Partei für den andern. Ach diese Männer von heutzutage! Sie sollten erst einmal die gewöhnlichste Höflichkeit gegen uns Frauen lernen, von der Galanterie des achtzehnten Jahrhunderts ganz zu schweigen! Jetzt will ich knapp und deutlich wissen: Was ist denn eigentlich mein Verbrechen? Gutes stiften wollte ich! Es gibt soviel böse Gesinnung der Menschen untereinander, daß jeder Christenmensch die Pflicht hat, sie nach Kräften in seinem Umkreis auszurotten und statt ihrer den Geist der Liebe zu säen, und das habe ich getan! — Du hättest die Herrschaften nicht so unvorbereitet konfrontieren dürfen, sagte Herr Feihse. — Ach! sieh mal! Nun, und wenn ich sie vorbereitet hätte, wären sie dann etwa gekommen? — Aber du siehst doch, sie sind ja doch auch so ohne weiteres auseinandergegangen! — Nun, und was ist da der Unterschied?? — Herr Feihse sah sie etwas blöde an; es verwirrte sich sein Denkvermögen, er wußte ganz genau, daß da irgendein Unterschied war, und wenn sie ihn allein hätte nachdenken lassen, würde er ihn auch gefunden haben. Aber unter ihren leidenschaftlichen Reden und Gebärden wurde er stets verwirrt; seine Gedanken lösten sich dann geradezu auf. — Ich habe wirklich mit großer Freude gehört, daß Sie jetzt eine so außerordentlich interessante Stellung einnehmen! wandte er sich wieder an Fox. Aber Fox erhob sich und sagte, er müsse leider aufbrechen. — Herr Feihse machte keine Anstalten ihn zum Bleiben zu bitten: Er war dies gewohnt, die Leute zogen sich von ihm zurück, da er ein einfacher, schlichter Mann war, der ihnen nichts Interessantes zu bieten vermochte. Er hatte es gelernt die Enttäuschungen des Lebens zu ertragen; die letzte, schlimmste Enttäuschung allerdings, die das Leben ihm gebracht hatte, die — das fühlte er so deutlich — würde ihn ins Grab bringen, langsam, Schritt für Schritt. Er wollte Fox hinausbegleiten, seine Frau verhinderte es und er trat zurück, aus Angst, die spätere Szene, wenn sie allein waren, würde dann noch heftiger werden. Und bei solchen Szenen regte er sich stets so furchtbar auf! Dann brach alles plötzlich los in ihm — und er durfte das seinem kranken Körper nicht zumuten, und den Nerven seiner Frau ebenfalls nicht; denn diese Nerven — das sagte sie selber — zerrten und rissen an ihr wie eine Meute Hunde an ihren Ketten.
Daß wir uns nun gar nicht einen Augenblick allein gesprochen haben, ganz intim! sagte Selma an der Korridortür; ich hätte Ihnen so gerne manches mitgeteilt. Das Leben ist ein Jammertal, aber mir speziell hat es Bergeslasten aufgelegt, jetzt noch diesen kranken alten Mann, den ich aus purem Mitleid geheiratet habe. Er ist ja nicht einmal pensionsberechtigt, was ich früher annahm. Wäre er wenigstens noch dankbar und zufrieden! Aber Sie sehen ja selber wie er ist. Und dann, was eine Ehe wahrhaft reich und glücklich macht — Kinder, — die sind uns ja versagt, wie es scheint! Ach, hätte ich einen jungen, schönen, feurigen Mann geheiratet, ich würde ihm wahrscheinlich Zwillinge geschenkt haben. — Na na, sagte Fox. — Und Lotte hat außer ihrem Jungen drei süße kleine Kinder! Ja ja, so geht es; das Bessere verschenkt man aus Nächstenliebe — wie ich meinen Vetter an Lotte, und das Schlechte bleibt einem selber übrig, die Reste vom Tisch des Lebens, nachdem man alle hat speisen lassen, bis sie sich satt gegessen haben. Hören Sie nur, da spielt mein Mann Piston! Er will seine Nerven beruhigen; er denkt es klingt nicht laut, weil er es selbst kaum hört, aber mir zersprengt es fast den Kopf; wenn ich das lange anhören muß, fühle ich, wie mir die Adern an den Schläfen schwellen bis zum Zerplatzen. Aber ich sage nichts, ich sage gar nichts! Es gibt einen Ort, wo man es nicht so deutlich hört, aber da bin ich auch nicht gern; dies miserable Haus hat ja nicht einmal überall Wasserleitung; ach, wie schön war es, als ich noch Desdemona spielte! Neulich habe ich an Ihren Herrn Vater geschrieben, ob er mich nicht einmal wieder besuchen will, wahrscheinlich lacht er mich aus — aber was tut man nicht in der Verzweiflung, wenn man sich ganz einsam fühlt! —
Fox drückte ihr die Hand, klopfte ihr väterlich auf den Rücken und verabschiedete sich. — Etwas komisch ist sie ja, und etwas vulgär scheint sie auch geworden zu sein, aber das rein Menschliche habe ich selten in einer so interessanten Verkörperung gesehen! dachte er.
Er sprach am nächsten Tage lange mit Pitt darüber, wie es wohl komme, daß Personen des täglichen Lebens, mit all ihren Banalitäten, den Menschen auf die Nerven fallen, daß sie aber, wenn man sie künstlerisch verarbeitet, eine Daseinsrechtfertigung bekommen; dann schrieb er eine kleine Untersuchung darüber, und Fräulein Elsa lobte ihn außerordentlich.
Zunächst war Fräulein Heine von Fox etwas enttäuscht gewesen, denn er war, als sie ihn kennen lernte, noch ganz glatt rasiert, und auf jener Photographie hatte sie ihn mit einem frischen jugendlichen Bart gesehen; deswegen, und auch weil sie den Verdacht hatte, Pitt könne mit ihm über seine Beziehungen zu ihr geredet und sie in ein ungünstiges Licht gesetzt haben, hielt sie sich die erste Zeit sehr von ihm zurück. Fox ließ sich nun aber wieder seinen Bart wachsen, da er das seiner Stellung angemessen erachtete, und ihr Mißtrauen, Pitt betreffend, verlor sich, da sie aus gelegentlichen Äußerungen seines Bruders mit Sicherheit darauf schließen durfte, daß Fox von ihrer früheren Neigung auch nicht die leiseste Ahnung hatte. So näherte sie sich ihm, und in ihrem Verkehr herrschte ein kameradschaftlicher, nüchtern-freundlicher Ton, denn von Gefühlen, wie sie sie für Pitt empfunden hatte, wollte sich nichts bei ihr einstellen, was sie selber unbewußt etwas enttäuschte. Fox selbst dachte vorläufig gar nicht an die Möglichkeit einer Liebe. Sie lernte ihn nun näher kennen, und sah alsbald auch Seiten an ihm, die ihr komisch erschienen, was sie ihm auch ganz offen sagte. So lachte sie über seine vielen Nein-neins, über seine „also wirklich“, freute sich über sein etwas pompös-behäbiges Auftreten, dem ihr viel Kindlichkeit zugrunde zu liegen schien, und über die Gründlichkeit, mit der er manchmal scherzhaft und leicht hingeworfene Bemerkungen aufnahm und verarbeitete. Aber sie fand das auch wieder reizend, zu seinem Wesen passend. Ihm mißfiel zu Anfang der leise spielerische Ton, mit dem sie ihn behandelte, und, wie in seiner Kinderzeit, setzte er dem einen bedauernd-ernsten Blick entgegen, über den sie dann auch wieder lachte. Er ließ sich niemals aus der Fassung bringen und vollendete seine manchmal absichtlich kunstvollen Sätze langsam, ohne sich um ihre amüsierten Zwischenrufe zu kümmern. Allmählich gewöhnte sie sich an diese Dinge, daß sie sie schließlich gar nicht mehr bemerkte.