In der ersten Zeit besuchte er fast nur Herrn Heine selbst; es gab da manches zu bereden, wenigstens hatte er stets einen geschäftlichen Grund, und Herr Heine freute sich, daß der junge Mann es so sehr ernst mit seiner Stellung nahm. Außerdem sagte Fox: Herr Kommerzienrat, und nicht: Herr Heine, wie Pitt es immer getan hatte, und dann war er niemals abgeneigt, ein Spielchen Karten mit ihm einzugehen, wie Herr Heine es liebte, wenn er, von des Tages Geschäften matt, sich abends erholen wollte. — Allmählich kam Fox auch ohne geschäftliche Gründe; er wußte noch nach Wochen, welche Toilette Frau Heine an dem und dem Tage getragen hatte, und für ihre Schmuckgegenstände zeigte er einen respektvollen Kennerblick. Fox trat auch langsam mit seinen Talenten vor: In seinen Gesprächen mit Herrn Heine verwies er auf seine früher erschienenen Broschüren, von denen er sich durch alle Fährnisse hindurch nicht getrennt hatte, und er empfand kaum mehr, daß er die Unwahrheit sprach, indem er gleichsam nur referierend auf den Aussagen früherer Jahre fußte, — er deklamierte hier und da ein Gedicht mit gemildert schauspielerischem Pathos, und ganz entzückt war das Herz der Frau Heine, als er sich einmal an den Flügel setzte und ein Lied vortrug. Auch hier moquierte sich ihre Tochter anfänglich, indem sie es sehr komisch fand, lyrische Töne aus seinem Munde zu hören, aber allmählich moquierte sie sich nicht mehr, fand alles ganz in der Ordnung und regte ihn an, neue Lieder zu studieren.
Wie anständig, wie hochanständig und respektvoll war dieser Herr Sintrup! Frau Heine dachte mit Bitterkeit an den vergangenen Bruder, der, wie sie jetzt mit immer größerer Deutlichkeit empfand, sich gegen ihre Tochter, gegen das ganze Haus nicht so benommen hatte wie es sich geziemte, und der nun auf einmal überhaupt nicht mehr kam, einfach fortgeblieben war, ohne irgendein Wort! Sie spürte etwas wie Rachegelüste, und eines Tages sagte sie ganz unvermittelt zu Fox, als sie allein waren: Ihr Herr Bruder hat sich ja damals sehr um die Gunst meiner Tochter bemüht, aber es ist ihm nicht geglückt, ein Mensch mit solchem Benehmen wird überall nur anstoßen, wo er auch hinkommt! —
Dieses Wort wirkte außerordentlich auf Fox. Pitt war abgewiesen worden! Dies erfüllte ihn mit tiefer Genugtuung, und es reihte sich in natürlicher Folge der Gedanke daran: Ihm zu zeigen, daß er selber mehr Qualitäten besitze, die die Frauen schätzen. Er gab nun seinem Wesen noch einen besonderen Nachdruck, und legte seinen Ehrgeiz hinein, Fräulein Heine seelisch nah zu kommen. Er wandte sich in manchen ihm zweifelhaften Fällen vertrauensvoll an ihr Urteil: Lesen Sie doch mal bitte dies Gedicht durch; ich bin mir also wirklich — oder in der Tat nicht klar darüber, was der Kerl eigentlich meint. Jedes Gedicht muß doch neben allem Unsinn, der aufs Gefühl wirkt und den eigentlichen Wert ausmacht, auch einen äußeren Sinn haben, und den kann ich nicht finden. — Sie runzelte die Stirn, indem sie’s las, und kam sich sehr wichtig vor, von Fox zu Rate zugezogen zu sein. Dies wiederholte sich in der Folge öfter, und nun wanderte er manchmal mit ganzen Päckchen Manuskripten zu ihr hin. Sie machte Tee und er las vor. Von diesen Dingen kamen sie auf Literatur im allgemeinen zu sprechen, belehrten und erfreuten sich. Von Liebe wollte sich bei ihr nichts einstellen. Bei ihm, wie es schien, auch nicht. Aber er hatte zuweilen tiefe, schwere Blicke, als wolle er in ihrer Seele lesen, und sie erwiderte diese Blicke ernst und bedeutend. — Ob ich ihn wohl lieben könnte? dachte sie manchmal, wenn sie allein war. Er war unstreitig viel imposanter als sein Bruder. Was er allein für Hände hatte! Echte, kräftige Männerhände! Und dann diese kernige Erscheinung! Unwillkürlich reckte sie selber ihre kleine Figur etwas empor. — Sie fing an mehr auf seinen Körper zu achten. Wenn er neben ihr stand, mit ihr Bilder besah und ein Blatt aus ihrer Hand nahm, so daß sich beide fast berührten, hatte sie mitunter das Gefühl: Wenn ich jetzt noch ein ganz wenig näher an ihn heranträte, und in ihm plötzlich der Mann erwachte?! Es war ihr dies ein schauerliches und zugleich wohliges Gefühl, und wenn sie seine Hände ansah, mußte sie nun öfter daran denken — ganz theoretisch nur! — wie es wohl sei, von diesen Händen ergriffen und umarmt zu werden. Manchmal sah sie auf sie hin, und vergaß darüber zu antworten, so daß er nun seinerseits seine Hände beschaute, im Glauben, sie seien vielleicht schmutzig. — Der große, stattliche junge Mann, er war ja so kindlich, so ahnungslos! — Fox war wirklich ahnungslos in allen Dingen, die Unausgesprochenes zwischen den Geschlechtern bedeuten, denn seine Erlebnisse in der Liebe waren stets glatt, exakt und scharf umrissen. Er deutete diese Blicke nur auf Zerstreutheit, allerdings setzte er in Gedanken hinzu, daß sie sich wohl auf ihn beziehe. —
Sie fragte ihn, ob sie nicht zusammen einen Sport treiben wollten? Da lag im Parke, hinter dem Hause, der herrlichste Tennisplatz, und er wurde nie benutzt! Fox erklärte, Tennis könne er nicht spielen. — Ich zeige es Ihnen, passen Sie auf, Sie lernen es, Sie sind doch jung und kräftig, und nicht so stocksteif wie Ihr Bruder! Der war so langweilig und so furchtbar unjugendlich! — Sie hüpfte selbst ein Weniges in die Höhe. Sie spielten nun. — Sie schlagen viel zu fest für den Anfang! — rief Fräulein Elsa. — Dafür kann ich nichts! Sehen Sie doch selbst mal meine Muskeln! Und, wie wenn er einen Schulfreund vor sich habe, streifte er seinen Hemdärmel hinauf und sah sie renommierend-erwartungsvoll an, während sie ihrerseits erwartungsvoll zugesehen hatte, wie er den Ärmel in die Höhe streifte. — Ein Arm wie der eines griechischen Götterheros! dachte sie.
Er mußte sie auch auf dem Teiche rudern; er tat tiefe, volle, langsame Schläge, sie sah wortlos eine Zeitlang zu und sagte dann: Wie Ihnen das gut steht! Ich sehe Sie so gerne rudern!
Allmählich geriet Fox Fräulein Heine gegenüber ins Nachdenken; sie begann ihm deutlicher zu zeigen, daß er ihr sehr sympathisch sei. — Eine ganze Million bekam Fräulein Heine einmal später. Das hatte sie ihm selber mitgeteilt, als sie ihm erzählte, wie ein Herr sich vergeblich um ihre Gunst bemüht habe.
Der ganze große Luxus dort im Hause hatte Fox verwöhnt; Elsa schien ihre verschiedenen Anbeter alle zu verachten; wie sehr würde er über diese triumphieren, wenn er sie gewann! Was würde Pitt für ein Gesicht machen, wenn Fox das errang, um was er selbst sich vergeblich bemüht hatte! Vielleicht war Pitt der Kerl gewesen, von dem Fräulein Heine sprach?! — Eine ganze Million! Der höchste Wert des Daseins bestand nun doch einmal in einem guten Leben, das mußte jeder zugestehen, und wer es nicht zugestand — dem fehlten eben die Mittel zu einem solchen Leben, und er hatte leicht reden vom Zufriedensein in der Bescheidenheit, denn was blieb dem armen Kerl sonst übrig?! — Allerdings: Heiraten — nur um zu einem guten Leben zu gelangen, das war niedrig, das war gemein, und Fox war der erste, der das in jedem Falle verdammte! Nein nein, die Liebe mußte dazu kommen, und er fühlte ganz deutlich, daß sie bei ihm schon im Anzuge war; wenn er sie heiratete, würde es eine reiche Liebesheirat sein, dies war das rechte Wort, knapp, präzise bezeichnend. Fühlte er sich nicht eigentlich direkt verliebt?! Er runzelte die Stirn, in sich hineinlauschend. Eigentlich gab es da im Innern nichts, was ihm dies bestätigt hätte. — Aber Liebe ist oft blind gegen sich selber; wie häufig kommt es vor, daß Menschen von ihr überhaupt erst dann erfahren, wenn durch einen plötzlichen Windstoß der Leidenschaft alle verhüllenden Schleier des sogenannt wachen Bewußtseins zerrissen werden! Es bedurfte dazu manchmal nur eines kleinen Anlasses, eines reinen Zufalls! Romeo liebte sogar die Julia sofort, ohne daß irgendein Anlaß da war, nachdem er erst um seine Rosalinde geschmachtet hatte.
Fox begann auf seinen Zufall zu warten. Mitunter, wenn er bei Fräulein Heine im Zimmer war, sah er sie lange und nachdenklich an, während sie ihm etwas auseinandersetzte. Sie glaubte ihn dann ganz vertieft in ihre Worte und fragte ihn nach seiner Meinung; er antwortete noch immer nichts, so daß sie, halb unsicher, das Wort wieder ergriff, um noch einmal fortzufahren, bis er es ihr zu deutlich zeigte, daß sein Grübeln nach einer ganz anderen Richtung ging; dann stockte sie, brach mitten im Satze ab und ließ den Blick an Fox vorbeigehen, in eine Ecke, während ihre Augen ganz groß wurden, nur für einen Moment; dann führte sie sie über einen leichten Niederschlag zu seinem Gesichte zurück, auch nur für einen Augenblick, und schließlich saß sie unbeweglich, mit einem Ausdruck, als werde sie gerade photographiert und wolle, daß ihre Züge still-bedeutend würden. — Ein ungewisses Fluidum strömt jetzt von ihr zu mir, von mir zu ihr! dachte Fox: Ein Fluidum, das einem den Atem versetzen könnte, wenn man sich ihm zu lange hingäbe! Also wirklich: ich fange an zu fühlen, wie mich die unsichtbare Macht der Liebe bewegt, ganz leise, so, wie es Unterströme gibt in einem anscheinend stillen Wasser! — Und Fräulein Heine dachte mit halbem Zagen: was mag in ihm vorgehen! Wenn es jetzt über ihn und über mich käme, mit elementarer Gewalt alle Schranken niederreißend?!
Fox wurde sich über sein Gefühl immer klarer. Eines Morgens, als er gerade aufgestanden war, seufzte er tief, indem er, noch halb schläfrig, um sich starrte. Was hatte er nur geträumt? — Er träumte eigentlich niemals. — Zwei große, dunkle, schwarze Augen! Hatte er die nicht im Traum gesehen?! Ja ja, so schwarz wie schwarze Diamanten! — Die hatte Fox zwar auch noch nicht gesehen, aber er stellte sie sich als das schwärzeste vor, was es in der Welt gäbe. Und wem gehörten diese Augen? — Eine ganze Million; schoß es ihm dazwischen durch die Gedanken. Aber er sprach nervös zu sich selbst: Kann man sich denn nicht einmal für kurze Zeit ungestört dem Gedanken der Liebe ergeben? Muß denn ewig die reale Welt dazwischen kommen? — Also: Zwei schwarze, große Augen; ich weiß bestimmt, daß ich von denen geträumt habe, sonst würde mir doch das nicht jetzt auf einmal einfallen, es muß doch dem ein tatsächliches Erlebnis zugrunde liegen! Was habe ich denn nun aber von denen geträumt?! Sie waren also erst mal: feurig. — Fox suchte vor sich selbst eine Brücke herüberzuschlagen zu Fräulein Heine; da er aber nicht weiter kam, genügte ihm das schon Gesagte als ein Beweis, daß sein Traumbild nur Fräulein Heine gewesen sein könne. Daß da weiter gar nichts im Traum geschehen war, erhöhte den Wert dieser einzigen Erinnerung: In den Augen konzentriert sich die Seele, und dieser Blick — — Fox wußte mit einem Male weiter: Dieser Blick, mit dem sie mich angesehen hat — es lag darin eine ganze Welt von Rätseln! Ein Blick voller Fragen, Antworten, Verheißung, Sehnsucht! — Es muß weit mit mir gekommen sein, murmelte er, jetzt verfolgt mich ihr Bild schon nachts im Schlafe, daß ich nicht Ruhe finden kann; ob es ihr wohl ähnlich geht?
Er erzählte ihr seine Vision, verschwieg aber, daß es sich um sie selbst gehandelt habe, doch waren seine Augen fest auf sie gerichtet.