Frau Feihse zog sich zurück; am nächsten Morgen wollten die Herrschaften wieder abreisen, bis jetzt ging alles gut, sie sollten den denkbar günstigsten Eindruck von Haus und Wirtschaft gewinnen!
Das Essen verlief zu aller Zufriedenheit. Fox hatte sich um die Weine gekümmert und seine Kennerschaft bewährt. Herr Sintrup sagte stolz: Ja ja, mein Sohn hat auf der Universität nicht bloß Fach gesimpelt, er hat auch den Magen nicht zu kurz kommen lassen!
Man stieß auf das Wohl der Braut an, und Frau Feihse rief selbstvergessen: Heil Elsa von Brabant! entschuldigte sich aber sofort, falls dies zu intim wäre. Dann brachte Herr Sintrup einen Toast auf Frau Heine aus, die dies gütig über sich ergehen ließ. Schließlich hob Elsa ihr Glas, und sagte in einer plötzlichen Anwandlung: Es sei doch eigentlich schade, daß Pitt nicht zugegen sei — erntete damit aber keinen Beifall; vielmehr wurde Herrn Sintrups Gesicht ein wenig trübe, und er sagte: An den wollen wir uns lieber nicht erinnern, er hat es nicht verdient. — Aber er ist doch ein guter Kerl, meinte Fox, nur daß ihm das Zeug zu allem fehlt, das ist wahr. — Ich trinke trotzdem auf sein Wohl! Er hat mich immer so hübsch unterhalten! sagte Fräulein Heine. Elsa! rief Fox, neckisch mit dem Finger drohend, ich weiß, er ist dir immer nachgelaufen! — Was schadet denn das? fragte sie kokett, ich habe ihn immer gern gehabt und werde ihn auch ferner gern haben, und das Nachlaufen werde ich ihm auch nicht verbieten. — Elsa!! rief Fox mit warnender Stimme, aber sie legte sogleich ihre Hand auf die seine und beruhigte ihn. So lief der Abend ungetrübt, harmonisch hin, fast wäre es allerdings einmal zu einem unliebsamen Zwischenfall gekommen: Frau Feihse nämlich, angeregt durch den Wein, konnte sich nicht enthalten, ohne Namen zu nennen, auf Lotte anzuspielen, und schließlich gar zu sagen: Und wissen Sie wohl noch, der merkwürdige Junge, der immer rief: Wer ist denn der Onkel? — Hier mußte ein für allemal ein Riegel vorgeschoben werden. Fox erhob sich, indem er sagte, er wolle draußen Zigaretten holen, kam aber sogleich zurück und fragte Frau Feihse, wo sie ständen. Sie folgte ihm dienstbeflissen und war erstaunt, als er sie draußen sofort auf das deutlichste und schroffste zurechtwies, mit kurzer, unterdrückter, schneidiger Stimme. — Sie war sehr erschrocken und nannte sich selber taktlos und „ehrenrührig“. Um ihm ganz zu zeigen, wie sehr sie ihn begriffen, erzählte sie dann später von ihrem Vetter: eine wie glückliche Ehe der führe mit eben jener Dame, die sie zuvor genannt habe, und daß der Himmel ihm so viele Kinder beschert habe. Einmal sei ihr eigener Mann, Herr Feihse, als diese Kinder groß genug waren es zu verstehen, ihnen als Weihnachtsmann erschienen. Sein höchster Traum wäre gewesen, einmal seinen eigenen Kindern als Weihnachtsmann zu erscheinen, aber da sie ihm versagt blieben, mußte er es vor fremden — die gute alte Haut! Und wie er nun vor den Kindern stand, da habe er kein Wort hervorbringen können, denn er sei zu erregt gewesen. —
Am nächsten Morgen umarmte Herr Sintrup Fox abermals, sagte, er habe Freude an seinem Sohn erlebt, und händigte den Damen mit großer Galanterie zwei Blumensträuße aus. Zum Schluß bekam Frau Feihse einen Weinkrampf: Frau Heine vermißte ihren Brillantring; sie hatte ihn auf dem Waschtisch liegen lassen, er fand sich nicht gleich, und nun konnte man vielleicht ihre arme, unschuldige Seele im Verdacht haben! — Gott sei Dank! sagte Herr Sintrup als er vom Bahnhof zurückkehrte, Frau Feihse, Sie haben sich wirklich glänzend bewährt! Sagen Sie mal, wollen Sie nicht dauernd die Wirtschaft bei mir führen? Ich sage Ihnen aber gleich: Es geht bei mir etwas drüber und drunter. Sie könnten hier famos Ihre Muttertalente anbringen! —
Muttertalente! Ja, sie war zu alt geworden zur Liebe, das fühlte sie; sie hatte endgültig verzichtet, sie machte sich keine Illusionen mehr, nun noch jemand zu gewinnen: Muttertalent, das war das einzige Pfund, mit dem sie noch wuchern konnte, das war das Zauberwort, das ihrem Leben einen Inhalt geben würde! Dieser Mann war noch nicht alt genug, um ganz auf die Freuden des Lebens zu verzichten, — Haarnadeln, Puderbüchsen, Brennmaschinen — das alles deutete auf kein Alleinleben. Und das sah sie ja in allem: ausgenützt wurde dieser Mann! Sie würde ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen, mit ihrer Menschenkenntnis, ihn warnen und bewahren vor allem Bösen, und wenn sie manchmal für zwei zu bügeln hatte, was war da schließlich dabei?! Sie fühlte sich erhaben über die Vorurteile der Menschen. Wenn Herr Sintrup einmal starb, würde er ihr doch für ihre opferwillige Tätigkeit eine kleine Rente aussetzen, und Fox, der reiche Fox, war doch dann auch noch da! Er würde ihre Aufopferung für seinen Vater splendide revanchieren, an seiner Desdemona! Sie blieb, und bat Herrn Sintrup in der Folge, sie wieder bei ihrem Mädchennamen zu nennen.
Pitt hörte von diesen Dingen, auch von seines Bruders Reise und Triumph, aber das alles traf ihn wie Nachrichten aus einer andern Welt. Ihm war, als sei er um Jahre zurückversetzt, als kehrten frühere, glückliche Zeiten wieder, nur mit dem Unterschied, daß er sie jetzt bewußt als Glück genoß. Er sah Elfriede oft, so oft er wollte, und nur die eine Sorge befiel ihn zuweilen: Daß dieses Glück wieder aufhören könne. Mit heimlicher Angst wartete er manchmal darauf, daß ihr Wesen allmählich wieder jenen wortlosen, verschlossenen Charakter annehmen könne, wie früher, damals, draußen auf dem Gute. Aber das geschah nicht, sie war gleichmäßig warm und zart, sie zeigte keine Veränderung des Wesens, selbst wenn bei ihm manchmal die alte Zerstreutheit, die bekannte Kühle, die völlige Abwesenheit aller Gedanken eintrat, wenn er mitten im Gespräch etwas völlig Zusammenhangloses erwiderte, wenn er ihre dringlichen Fragen über Dinge, die ihr am Herzen lagen, überhörte. Sie gewöhnte sich daran, sie wollte sich daran gewöhnen, denn sie mußte es. Manchmal dachte er, ob er wohl so mit ihr zusammen leben könnte wie mit Herta; dann wollte es ihn bedünken, als gestaltete sich mit ihr zusammen alles leichter — und doch schob er diesen Gedanken ängstlich in den Hintergrund. Alles war so, wie es war, viel schöner. — Aber er konnte nicht verhindern, daß die Gedanken wiederkamen. —
Frau van Loo sah dem Verkehr der beiden zu, und ahnte, zu welchem Ende er führen würde. Sie redete mit Elfriede, und Elfriede sprach es als etwas Selbstverständliches aus; Frau van Loo sah sie sinnend und zärtlich an und sagte: Du mußt es wissen, Elfriede, was du tust; du hast jahrelang Zeit zum Nachdenken gehabt, und wenn dies die Frucht deines Nachdenkens ist, so muß ich zufrieden sein.
Wie ein stilles Wasser floß die Zeit hin, so still und milde wie draußen jetzt die Tage waren. Der Sommer war vorüber, aber ein leises Leuchten lag über der Erde, über den Feldern und allen Bäumen, der Himmel war klar, hellblau und kühl, und doch wärmte die Sonne fast wie im Sommer. Leise begann das Laub sich bunt zu färben, und durch die Luft zogen feine, silberne Fäden, die sich glänzend in der Ferne verloren.
Elfriede fühlte in Pitts Wesen eine innere Wärme, die nie ganz auf die Oberfläche drang, sie fühlte, daß er sie so liebte, wie er überhaupt zu lieben fähig war, und eines Tages sagte er es ihr selbst. —
Sie war zu ihm herangetreten und hatte in leiser Zärtlichkeit ihren Kopf an seine Brust gelegt. — Könnten wir denn nicht ganz zusammen bleiben? fragte sie mit ruhiger, verhaltener Stimme, scheint es dir denn so ganz, ganz unmöglich? —