Er machte sich los von ihr. Elfriede! sagte er, du weißt nicht, was für ein Mensch ich bin; es ist ganz, ganz unmöglich. — Doch, doch, sagte sie, ich weiß alles. — Nein, du weißt es nicht, wie haltlos, wie unbeständig ich bin. Mir ist es jetzt, als liebte ich dich; ich fühle es stärker als ich Herta gegenüber fühlte; aber ich kenne mein Gefühl, ich weiß, daß es nicht standhält. Ich empfinde zu Zeiten gegen die allernächsten Menschen so, daß ich im Zweifel bin, ob ich überhaupt irgend eines Gefühles fähig bin. Es liegt nicht an den Menschen, es liegt nur an mir, an der Zusammensetzung meines Wesens. Du stehst mir jetzt unendlich näher als damals, wo wir zum erstenmal zusammen waren, ich weiß: Wenn ich das Leben mit jemand leichter ertragen kann als ganz allein, so bist du es; eine Zeitlang wird es scheinen, als seien wir beide glücklich; dann kommt wieder langsam jenes halb wahnsinnige Gefühl über mich: Mich herauszureißen aus allem was mich bindet! — Es soll dich nichts binden, sagte Elfriede, du sollst das Gefühl behalten frei zu sein, durch nichts gebunden. Du sollst gehen können wann du willst, du sollst nicht immer bei mir bleiben; ich weiß: nur wenn du das Bewußtsein deiner Freiheit hast, kannst du dauernd mit einem Menschen zusammen sein. Und wenn die schlimmen Zeiten kommen, wenn du wirklich gehst, so weiß ich: du wirst zurückkommen, ich werde immer die sein, die dir am nächsten steht. — Pitt hob den Arm: Du kannst es nicht ertragen, du wirst Bitterkeit gegen mich empfinden, du wirst es fühlen, wie egoistisch, wie herzlos ich im Grunde bin. Du sollst dich nicht täuschen lassen durch meine Worte: ich sagte dir, du ständest mir am nächsten von allen Menschen. Genau dasselbe habe ich einst zu Herta gesagt, und ich weiß: ich habe damals mich und sie selbst betrogen. Herta war für mich nichts anderes, als das, was der Ast, der über den Fluß hängt, für einen ist, der auf den Wellen treibt. Ich klammerte mich an ihn, ich suchte mich aufs Land zu ziehen. Kaum war ich ein wenig trocken, kaum hatte ich die Erschöpfung etwas vergessen, verlor ich alle Dankbarkeit, wollte ich wieder zurück in den Strom, ging mich der Ast im Grunde nichts mehr an. Ich suchte mich vor mir selbst zu täuschen, mir einzureden, das alles sei nicht wahr. Herta fühlte es aber ebenso deutlich wie ich, nur hatte sie mehr Mut und Klarheit, und machte da ein Ende, wo ich immer flicken und wieder flicken wollte. Dann bildete ich mir ein — wie früher schon in ähnlichen Momenten: ich liebte dich — um nicht so völlig leer und gefühllos vor mir selber dazustehen: Elfriede! Glaube nicht an mein Gefühl, es ist nur Täuschung und Halbwahrheit. Du weißt nicht, an was für einen Menschen du dich ketten willst, all deine Liebe würde nicht hinreichen das Leben mit mir zu ertragen. — Nur dann, sagte Elfriede, wenn ich fühlen würde, daß alles wahr ist was du sagst. Aber es ist nicht wahr! Zuvor hast du gesagt: du liebst mich so, wie du einen Menschen nur lieben kannst, und jetzt, wo ich hierauf weiter bauen will für mich und für dich, widerrufst du alles, setzest du alles in ein zweifelhaftes Licht. Pitt, daraus sehe ich, daß dein Gefühl zu mir ein echtes, tiefes ist; es packt dich eine Angst der Verantwortung, und nun widerrufst du alles, weil du mich zu sehr liebst um mir ein Schicksal zu bereiten, das nur in deiner Angst besteht! — Ja, sagte er, so ist es; ich will nicht schuld sein, daß du unglücklich wirst. Herta ist nicht unglücklich geworden, aber sie hat auch die Kraft gehabt, frühzeitig genug alles durchzuschlagen, und dann liebte sie mich lange nicht so wie ich fühle, daß du mich liebst! — Du redest immer von Hertas Stärke — ich kann dies nicht als Stärke empfinden, ich fühle mich viel kräftiger als sie, denn meine größere Liebe macht mich stärker gegen alles was mich treffen kann. Alle Zeiten scheinbarer Entfremdung, die zwischen dir und mir kommen können — und sie werden kommen — werde ich ertragen in der Gewißheit, daß du dich stets, stets zu mir zurückfinden wirst. Wir werden Kinder haben, und in ihnen werde ich dich selber wiederfinden, und du vielleicht auch mich. Du siehst mich noch zu sehr mit den Augen, mit denen du mich früher sahst: ich bin kein junges Mädchen mehr, voller Ideale und Ansprüche, meine Liebe zu dir ist eine andere geworden als sie war. Ich wollte dich vergessen, mehr als ein Menschenschicksal hat sich mit meinem eigenen gekreuzt — und ich habe es erfahren, daß der Weg aus ihnen immer wieder zu dir zurückführt. Ich bin geläutert worden und komme wieder zu dir: ich weiß alles, alles, wie es werden wird, aber dies alles zu tragen bist du mir wert, denn nie war ein Mensch da, den ich so liebte, und nie, nie wird jemand in mein Leben treten, zu dem ich so empfinden könnte wie zu dir. Mir ist ja, als kennte ich dich, so lange ich überhaupt nur denken kann! — Du weißt es nicht, Elfriede, was du auf dich nehmen willst! — Ich weiß alles, und ich nehme es auf mich. — Sie war zu ihm getreten und sah ihm in die Augen. Da zerlöste sich alles in ihm in einem Gefühl unsäglicher Dankbarkeit, er sank fast an ihr nieder. — Ich will es versuchen, Elfriede, und wenn du mir hilfst — mein Gott, wenn nicht alles tot und wüst ist in mir — o Elfriede, wenn ich noch mit dir zusammen glücklich würde! —
Du wirst es, soviel du überhaupt glücklich werden kannst! Und ich mit dir! — Und deine Kunst, was wird aus deiner Kunst? — Die wird mir doppelt wert werden, denn ich werde mich viel an sie halten müssen. — Elfriede, ich schäme mich, wenn ich dich so reden höre; bin ich denn wirklich so fürchterlich, wie ich mir selbst erscheine? — Sie lächelte: So lange du so fragst, bist du es nicht. — Er legte seine Hände um ihr Haar und küßte sie. — Du bist stark und kräftig, sagte er, und deine Kinder werden es auch sein, wenn sie dir nachgeraten. Du wirst mit ihnen jung bleiben und leben, und ihr alle werdet kräftiger und stärker sein als ich. — Seine Augen sahen über Elfriede hinweg ins Abendrot; er schwieg, und wie zu sich selber sagte er nach einer Weile langsam: In einem aber werde ich sie alle überholen; einen nach dem andern werde ich hinter mir lassen, denn ich fühle es: Ich werde ur — uralt.
Anmerkungen zur Transkription
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- ... diese Sternschuppe. Sie fand ihn viel vernünftiger als ...
... diese Stern[schnuppe]. Sie fand ihn viel vernünftiger als ... - ... der ob er wie selbstverständlich zu ihr kommen würde. ...
... [oder] ob er wie selbstverständlich zu ihr kommen würde. ... - ... oingen sie alle miteinander spazieren, suchte sie seine ...
... [Gingen] sie alle miteinander spazieren, suchte sie seine ... - ... Jetzt sah er Lotte, und zum erstenmal empfand er. ...
... Jetzt sah er Lotte, und zum erstenmal empfand er[:] ... - ... der mit Pitt auch nicht die geringste Ahnlichkeit mehr ...
... der mit Pitt auch nicht die geringste [Ähnlichkeit] mehr ... - ... half ihn die Erwägung hinweg, daß — wie er ...
... half [ihm] die Erwägung hinweg, daß — wie er ... - ... hervor?! Und mach du mir nicht weiß, daß du mich ...
... hervor?! Und mach du mir nicht [weis], daß du mich ... - ... seinen eigenen Augen, die ihm aus einem gegenüberhängenden ...
... seinen eigenen Augen, die [ihn] aus einem gegenüberhängenden ... - ... zwischen dir und mir, dann erhälst du keinen Pfennig ...
... zwischen dir und mir, dann [erhältst] du keinen Pfennig ... - ... Kind, begreifst du nun, daß ich es gut mir dir meine?! ...
... Kind, begreifst du nun, daß ich es gut [mit] dir meine?! ... - ... heißt, sagte sie lauter, stoßweiße: das heißt, gegen meine ...
... heißt, sagte sie lauter, [stoßweise]: das heißt, gegen meine ...