Das Haus Waldeck hatte seit beinahe einem Jahrhundert im Soldatenhandel ausgezeichnete Geschäfte gemacht. Sein ältester und bester Kunde war Holland, und nur in Ausnahmefällen oder bei besonders günstigen Konjunkturen des Menschenmarktes überließ es seine Truppen an andere Mächte, wie z.B. im siebenjährigen Kriege an England. Dieser Handel lieferte auch den Chefs der Firma die Mittel zu einer grenzenlosen Verschwendung, ja er machte es möglich, daß sich die kleinen Fürsten von Waldeck vor den übrigen und mächtigeren Nachahmern des Versailler Treibens hervorthun und die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnten. Ihr Ländchen schien für sie nur zu dem Zwecke vorhanden zu sein, daß sie darauf zurückfielen, wenn sie von den noblen Passionen erschöpft und von Schulden gedrängt, das Leben im großen Stil zeitweise aufgeben mußten. Karl August, der Vater des Fürsten, mit welchem wir es hier zu thun haben, gelangte 1728 zur Regierung, trieb sich aber volle zwanzig Jahre in Frankreich und Italien herum, ehe er sich nur der Heimath erinnerte. In Venedig traf ihn Casanova in den Armen der Tänzerin Tintorella, der berühmtesten Kourtisane der Republik. Später wurde er holländischer Generalfeldmarschall und bewies große Tapferkeit. Eine im Jahre 1755 erlassene Verordnung bestimmte, daß alle Burschen, mit Ausnahme derer, welche studirten, Soldaten werden mußten, natürlich nur, um das Waldeck'sche Vaterland in Batavia und sonstigen holländischen Kolonien zu vertheidigen. Der Fürst war ein leidenschaftlicher Parforcejäger und machte sein ganzes Fürstenthum zu einem einzigen Wildpark. Die Bauern mußten den Befehlen der Jäger gehorchen, widrigen Falls sie empfindlich bestraft wurden. Sein Sohn Friedrich, der im Jahre 1743 geboren, von 1763–1812 regierte, war in Lausanne erzogen und machte zu seiner Ausbildung die große Tour durch Frankreich und Italien. Auch er trat, nachdem er zur Regierung gelangt war, gänzlich verschuldet als General der Infanterie in den Dienst der holländischen Republik. Schon 1767 beschwerten sich die Landstände über landesverderbliche gewaltsame Aushebung der Unterthanen und bewilligten dem Fürsten, um seiner Geldnoth nur einiger Maßen abzuhelfen und dem Uebel zu steuern, ein Geschenk von 10,000 Thalern.

Für einen so tief verschuldeten Mann, wie den Fürsten Friedrich von Waldeck, war der Ausbruch des amerikanischen Krieges eine wahre Wohlthat, denn er konnte hoffen, seinen zerrütteten Finanzen wieder aufzuhelfen, wenn es ihm gelang, einen Truppenlieferungs-Vertrag mit der englischen Krone abzuschließen. Er beeilte sich deshalb, wie wir oben gesehen, schon zu einer Zeit, wo deren Absichten noch nicht klar vorlagen, Lord Suffolk ein Regiment anzubieten. Der Brief ist vom 13. November 1775 datirt, also einen Tag älter als Faucitt's Instruktionen. „Mit Leib und Seele dem Monarchen ergeben — schreibt der Fürst aus Arolsen an Suffolk — dessen Minister zu sein Sie das Glück haben, halte ich es für meine Pflicht, was nur in meinen schwachen Kräften steht, aufzubieten, um wenigstens meinen guten Willen zu zeigen, wenn es sich um Seinen Dienst handelt. Ich nehme mir deshalb die Freiheit, Mylord, Sie gehorsamst zu ersuchen, Sr. Majestät versichern zu wollen, daß im Falle irgend welche Verhältnisse es nöthig machen, fremde Truppen anzuwerben, ich es als eine große Gunst Ihrerseits betrachten werde, wenn Sie ein Regiment von 600 Mann annimmt, das wie sein Fürst vor Verlangen brennt, sich für Sie (die Majestät) zu opfern.“

Suffolk nahm am 24. November das Anerbieten an und setzte am 19. Dezember den Fürsten davon in Kenntniß, daß Faucitt seiner Zeit nach Arolsen kommen und den betreffenden Vertrag mit ihm abschließen würde. Als der englische Kommissär am 28. Januar 1776 von Kassel aus in Arolsen anfragte, ob das Regiment bis Ende Februar marschfertig sein werde, erhielt er die Antwort, daß es frühestens im Mai so weit sein könne. Er reiste deshalb erst nach Hanau, um mit dem Erbprinzen den oben erwähnten Vertrag abzuschließen. „Ich fürchte — schreibt Faucitt am 5. Februar 1776 von Hanau aus an Suffolk — wir können auf das Waldeck'sche Regiment nicht rechnen. Der Fürst hat blos zwei Kompagnien in seinem Lande, die höchstens 200 Mann betragen und bisher nur dazu gebraucht wurden, um die Honneurs bei Hofe zu machen. Es ist sehr schwer, auf einer so kleinen Grundlage innerhalb so kurzer Zeit ein Regiment zu bilden. Vielleicht ist der Fürst auch unerwarteten Schwierigkeiten begegnet, um die bestimmte Anzahl aus seinen in holländischen Diensten stehenden Regimentern zu erlangen.“

Suffolk verlängerte dem entsprechend die Zeit für die Einschiffung des Waldeck'schen Regimentes; der Fürst aber versprach, es bis Ende April marschfertig zu haben. Am 18. März berichtete Faucitt, daß derselbe in den Vorbereitungen für den Marsch seiner Truppen bedeutende Fortschritte gemacht, daß er zum Ankauf von Uniformen und sonstigen Ausrüstungsgegenständen einen Offizier nach Frankfurt gesandt habe, und daß das Regiment gewiß für den sofortigen Dienst tüchtig sein werde, vorausgesetzt, daß der Fürst bei dessen Bildung nicht zu rücksichtsvoll gegen seine eignen, eine Art Landmiliz bildenden Unterthanen gewesen sei. Mitte April war endlich Alles so weit, daß der Vertrag abgeschlossen werden konnte. Faucitt reiste also nach Arolsen ab und kam dort am 19. April an. „Ich wurde — schreibt er am 20. April an Suffolk — sofort dem Fürsten vorgestellt, der mich über den Fortschritt in der Bildung und über den gegenwärtigen, erfreulichen Zustand seines Regimentes so sehr zufriedenstellte, daß ich mich ohne jede Schwierigkeit mit dem Minister von Zerbst über die Hauptpunkte des abzuschließenden Vertrages verständigte. Heute haben wir die letzte Feile an denselben gelegt und das Geschäft abgeschlossen. Der Vertrag lautet gerade wie der hanauische; nur habe ich auf Bitten des Ministers, da die Ausrüstung des Regimentes die Finanzen des Fürsten völlig erschöpft hat, die erste Zahlung des Werbegeldes auf drei statt sechs Wochen nach dem Datum des Abschlusses und die zweite Zahlung auf zwei statt drei und einen halben Monat nach dieser Frist festgesetzt. Ebenso habe ich eingewilligt, zwei Geschütze mit vierzehn Kanonieren zu nehmen; sie sind aber nicht in den Subsidien mit einbegriffen. Das Regiment, welches in Korbach steht, muß laut der Versicherung des Fürsten ein sehr gutes sein, da Soldaten und Offiziere alle schon gedient haben. Es wird in der ersten Woche des Mai marschfertig sein.“

Faucitt würde vielleicht besser gethan haben, den Worten des Fürsten nicht so unbedingt zu trauen, da die Wirklichkeit sich von dessen rosigen Schilderungen sehr zum Nachtheile des Regiments unterschied. Statt am 6. Mai zu marschiren, wie zuletzt versprochen war, setzte es sich, einschließlich des Stabes 670 Mann stark, erst am 20. Mai in Bewegung. Dieser vierzehntägige Verzug stürzte den ganzen Einschiffungsplan um, den Faucitt für die zweite hessische Division gemacht hatte. Am 30. Mai endlich trafen die Waldecker in Bremerlehe ein, während Faucitt, dem von seiner Marschroute keine Mittheilung gemacht war, sie bei Vegesack suchen ließ. Indessen konnten sie am 2. Juni noch mit den übrigen Truppen nach Amerika eingeschifft werden. „Die vorderen und hinteren Glieder in diesem Regimente — schreibt Faucitt am 31. Mai 1776 an Suffolk — bestehen aus großen und gut gewachsenen Leuten, aber das Centrum aus halbwüchsigen, von der Grafschaft Waldeck gelieferten Jungen, die noch nicht alt und stark genug für den sofortigen Dienst sind und kaum das Gewehr tragen können. Ebenso fand ich sehr viele alte Leute vor. Dagegen sind die Uniformen und Waffen gut und neu; der Fürst hat daran keine Kosten gespart.“

Der Grund für die Verzögerung in der Absendung des Regimentes war sehr einfach. Der Fürst konnte es nicht so schnell kompletiren, als er gehofft und gewünscht hatte. Sein Land mußte schon zwei Regimenter in Holland vollzählig erhalten; bei einer Größe von kaum 20 Quadrat-Meilen mit etwa 30,000 Einwohnern war aber diese Leistung schon zu groß. Die armen Waldecker waren also gar nicht so übereilig, sich zu den Beschwerden des holländischen Dienstes noch die des amerikanischen aufzuladen. So blieb denn zuletzt nichts übrig, als zu den zwei vorhandenen Kompagnien Schloßbedienung im Fürstenthum und in den benachbarten geistlichen Staaten, wie namentlich im Bisthum Hildesheim, so viel alte Leute und halbwüchsige Jungen zu pressen, daß das Regiment nothdürftig gebildet werden konnte. Das erforderte aber viel Zeit, List, Gewalt und Ueberredung. Johann Georg Rauch, der Vater unsers großen Bildhauers, Christian Daniel Rauch, war damals Kammerdiener des Fürsten Friedrich von Waldeck. In einem Briefe, den er am 18. Januar 1778 an einen Schwager richtete, entschuldigt er seinen Herrn wegen des Menschenhandels. Es seien, sagt er, lauter Ausländer, bis auf Etliche, denn der Fürst wolle keine Waldecker hinschicken, „es sei denn, daß der Kerl partout mit will.“ Man sieht aus dieser kammerdienerlichen Entschuldigung, daß das schnöde Geschäft sogar in den untersten Kreisen der Gesellschaft unangenehmes Aufsehen machte. Der Fürst hatte eben nur noch über wenig Waldecker zu verfügen; wen er von seinen Unterthanen packen konnte, den ließ er sich so leicht nicht entgehen. Zu welchen niedrigen Mitteln Serenissimus greifen mußte, um 20,100 Kronen Werbegeld und 25,050 Kronen jährlicher englischer Subsidien zu erlangen, beweist der an die Pfarrer des Ländchens ergangene Befehl, wonach sie von der Kanzel herab ihre Pfarrkinder zum Anschluß an das nach Amerika verkaufte Regiment auffordern mußten. Im schroffen Gegensatze zu den bei dieser Gelegenheit gemachten schönen Versprechungen wurde den Soldaten der Preis der Gesangbücher von ihrer Löhnung abgezogen, das abzusendende Regiment aber wie ein Haufen Sträflinge von berittenen Landjägern an die Grenze bis auf die Weserschiffe in Beverungen eskortirt.

„Bis über die Grenze unsers Vaterlandes (Waldeck nämlich!) — so erzählt in seinem Tagebuche der Fourir Karl Philipp Steuernagel des Waldecker Regiments, ein verständiger Beobachter und zuverlässiger Berichterstatter — oder vielmehr bis Beverungen wurden wir mit einem Korps waldeckscher grüngekleideter Scharfschützen zu Pferde begleitet und bewacht. Diese vor's Regiment, besonders vor jeden rechtschaffenen Soldaten mißtrauische Veranstaltung gab bei den meisten zu allerhand Argwohn Anlaß, und solche trug auch sicher dazu bei, daß auf dem Marsche bis Beverungen verschiedene desertirten.“

„Freilich — fährt Steuernagel an einer andern Stelle fort — muß ich den Dienst einen Beruf nennen, obgleich der mehrere Theil dazu gezwungen, beschwätzt, beredet und so verleitet waren, ja sogar von den Kanzeln hierzu aufgefordert. Auf diese letzte Art soll denn auch dem Vernehmen nach der dreizehnte Vers aus dem vierundvierzigsten Psalm nicht unangeführt geblieben sein („Du verkaufest dein Volk umsonst und nimmst nichts darum“. Welcher Hohn!). Ich selbst erinnerte mich der Worte des alten Herrn Oberjägermeisters von Leliwa zum Oeftern, als derselbe, während wir am 2. Mai beim Abmarsch durch Arolsen marschirten, sagte: „Die hiervon wieder zurückkommen, will ich alle in Kutschen fahren lassen.“ Ich selbst glaubte damals noch allen hohen Gnadenversprechungen.“

Das waldecksche Regiment wurde am 2. und 3. Juni mit der zweiten hessischen Division eingeschifft und landete am 21. Oktober 1776 in New Rochelle bei New York. Die Seereise selbst muß schlimmer als das Fegefeuer gewesen sein. „Unsere Lagerstätten — erzählt Steuernagel — waren so enge eingerichtet, daß wir so hart aneinander liegen mußten, daß sich fast keiner vor dem andern rühren, noch weniger umwenden konnte. Sechs und sechs Mann hatten alle Mal einen Platz, ringsum von einem Brett umgeben, welcher fünf Fuß lang und sechs Fuß breit war. Wenn wir uns nun in diesem engen Behälter auf einer Seite mürbe gelegen hatten, so gab der Aelteste oder der das Kommando von diesen sechs Mann hatte, ein Zeichen, damit sich alle sechs zu gleicher Zeit auf die andere Seite legen konnten, und ohne dieses, da wir so gepackt liegen mußten, kamen wir doch zum Oeftern mit den Köpfen hin, wo wir zuvor mit den Füßen gelegen hatten oder fielen durch das starke Wanken des Schiffes aufeinander oder zum Oeftern aus unseren Betten heraus.

„Obgleich täglich Läuseparade gehalten wurde, so kam dies Ungeziefer doch durch die Länge der Zeit so häufig unter uns, daß sich sogar der Offizier nicht zu schämen brauchte, eine Laus auf seinem Rockärmel zu erhaschen und über Bord zu werfen. Die Ursache von dieser ekelhaften Gesellschaft auf dem Schiffe kam daher, weil der mehrste Theil der Soldaten lauter Leute waren, welche durch die in viele Gegenden ausgeschickten Werber waren zusammengebracht, mit keinem Hemde versehen waren, mithin die pro Mann empfangenen zwei Kommishemden nicht hinreichten, um einen so starken Besuch der Läuse abhalten zu können.“