Zudem lauteten die Nachrichten für die markgräflichen Pläne, wie Seckendorff, von der größten Hoffnungsfreudigkeit wieder in die äußerste Verzagtheit fallend, schreibt, täglich trauriger, wenn auch gut für den König und die Menschlichkeit, und zuletzt fürchtete er bei den ewigen Siegen der englischen Waffen doch, daß man die Zahl der Truppen in Amerika nicht weiter vermehren würde. Endlich aber wurde er am 7. Januar 1777 zu einer neuen Audienz bei Suffolk zugelassen. Dieser versprach jetzt, dem König über die Sache zu berichten, da man inzwischen im englischen Kabinet zu dem Entschluß gekommen sei, die amerikanischen Streitkräfte zu ergänzen. Am 11. Januar also nahm Suffolk Seckendorff's Anerbieten an, nachdem dieser ihm erklärt hatte, daß die Anspacher marschfertig seien, und beauftragte den bereits in Kassel weilenden Faucitt mit dem sofortigen Abschluß eines Vertrages.
„Da der Markgraf von Brandenburg-Anspach — so lautet seine vom 14. Januar 1777 datirte Instruktion — durch einen an mich gerichteten Brief dem König ein kleines Korps für Amerika angeboten hat, das sofort marschbereit gemacht werden kann, so erhalten Sie Vollmacht, den betreffenden Vertrag mit ihm abzuschließen. Reisen Sie also unverzüglich nach Anspach und erledigen Sie dieses Geschäft so schnell als möglich. Ich kann Ihnen, dem jetzt bereits eine Erfahrung von sechs Verträgen zur Seite steht, überlassen, eine solche Konvention abzuschließen, wie sie der König billigen wird. Suchen Sie also die möglichst besten Bedingungen zu erlangen und gestatten Sie keine neuen. Als Sie 1775 die ersten Verträge abschlossen, war eine Expedition nach Amerika den Deutschen noch ganz neu und galt, abgesehen von den Schrecken der Seereise, noch für schlimmer als sie in der That ist. Jetzt aber versteht man diesen Dienst besser. Wir brauchen uns also nicht länger übervortheilen zu lassen; suchen Sie namentlich Geld zu ersparen. Möglichen Falls thut die Anspacher Verstärkung bei der gegenwärtigen Lage der Dinge (die Niederlagen bei Trenton und Princeton waren in England noch nicht bekannt geworden) gar keine Dienste mehr. Dies muß Ihr Hauptgesichtspunkt bei der Bestimmung der Subsidien sein. Diese dürfen nur vom Tage der Genehmigung des Vertrages an und während der aktiven Verwendung der Truppen, nicht aber auf eine Reihe von Jahren gewährt werden und höchstens noch sechs Monate nach dem Kriege fortdauern. Die Löhnung muß mit dem Monate aufhören, in welchem die Truppen zurückkehren. Das Korps selbst muß am 10. März zur Einschiffung bereit sein. Diese Winke mögen Ihnen als Richtschnur dienen.“
Faucitt kam am 28. Januar 1777 in Anspach an. Der regierende Markgraf Karl Alexander, geboren 1737, hatte 1757 die Regierung von Anspach angetreten, 1769 Bayreuth geerbt und herrschte zu jener Zeit über ein Land von etwa 140 Quadratmeilen und etwa 400,000 Einwohnern. Im Jahre 1791 trat er Anspach-Bayreuth an die ältere Linie der Hohenzollern, die Könige von Preußen, ab und starb 1806 im Ausland. Die fränkische Linie, welcher der Markgraf angehörte, hatte keinen einzigen der Vorzüge der in Preußen regierenden Vettern, dagegen desto mehr Fehler und Laster, vor Allem aber eine maßlose Heftigkeit und den alten Hohenzollernschen Jähzorn. Die Regenten von Anspach und Bayreuth sind vom Scheitel bis zur Sohle die schlechtesten Exemplare der Landesväter des achtzehnten Jahrhunderts. Land und Volk sind nur zu ihrer Ausbeutung, zu ihrem Vergnügen vorhanden; für sie giebt es kein Gesetz, keine Schranke, ihre ruchlose Willkür steigert sich zum Mord und Todtschlag. Rohe Gewaltthat und despotische Laune vererben sich vom Vater auf den Sohn; der Sultanismus ist der ihnen Allen gemeinschaftliche Charakterzug. Man geräth fast in Verlegenheit zu entscheiden, wer von ihnen der schlechteste und nichtswürdigste ist. Während Friedrich Wilhelm I. und sein großer Sohn durch unermüdliche Arbeit im Dienste des Staates und treue Pflichterfüllung Preußen zu einer der leitenden europäischen Mächte erheben, ruiniren Friedrich Alexander und Friedrich Christian von Bayreuth, Karl Friedrich Wilhelm und Karl Alexander von Anspach ihre von der Natur so sehr gesegneten Ländchen durch den sinnlosesten Luxus und eine fast wahnsinnige Verschwendung. Darin thaten es ihnen andere Zeitgenossen, die sächsischen und würtembergischen, die pfälzischen und bayrischen Fürsten ganz gleich, wenn auch nicht zuvor; bezeichnender aber ist für die Bayreuther und Anspacher Markgrafen der Werth und der Preis, welchen ein Menschenleben in ihren Augen hat. Der vorletzte Markgraf von Anspach, Karl Friedrich Wilhelm (1723–1757) schoß sich, seiner Maitresse zum Spaß, einen Schornsteinfeger vom Dach des Bruckberger Schlosses. Sie hatte den Wunsch geäußert, den Menschen herunterpurzeln zu sehen. Der seine Gnade anflehenden Wittwe des frevelhaft Ermordeten gab der biedere Fürst fünf Gulden. Wenn man die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Anspach herrschenden Zustände türkische nennen wollte, so wäre das eine durchaus ungerechtfertigte Beleidigung der Muselmänner; sie nähern sich vielmehr der durch das Negerkönigreich Dahomey repräsentirten Kulturstufe: Serenissimus ist echt patriarchalisch Ankläger, Richter und Henker in einer Person!
Die weiteren Beweise dafür finden sich in Hülle und Fülle in einer interessanten Schrift des bekannten Ritters K.H. von Lang über den vorletzten Markgrafen von Brandenburg-Anspach. „Ein Jude, Namens Isaak Nathan — heißt es dort u.A. — war 1740 von Weißenborn in Franken nach Anspach gezogen und hatte sich hier durch Fleiß und Gewandtheit ein bedeutendes Vermögen erworben, man sagte an 200,000 fl. Er erhielt u.A. Darlehne aus der Anspachischen Landschaftskasse, wofür er Juwelen verpfändete, die aber im Grunde nicht ihm selber, sondern einem jüdischen Hause Ischerlein in Amsterdam gehörten, dem sie ein Fürther Jude Gumbert in Versatz gegeben. Der Markgraf verlieh ihm den Titel eines Residenten, der Reichthum und Einfluß dieses Juden erregte aber mancherlei Mißgunst und verdächtigende Angaben. Noch stand aber der Resident damals so fest in der Gnade, daß der Fürst den Landschreiber Wolf, welcher ihn denuncirt hatte, als Verläumder in Ketten und Banden legen, und am Ende als einen unruhigen Kopf des Landes verweisen ließ; und als bald darauf der Resident seinen Sohn verheirathete, mußte die jüdische Trauung im Schloßhof selbst, unter den Glückwünschen der Markgräfin, des ganzen umgebenden Hofstaates, und den stattlichsten Beschenkungen gefeiert werden; und doch, etliche Monate später, erfolgte der fürchterlichste Sturz. Ein Jahr vorher, 1739, hatte der Resident seine der Landschaftskasse versetzten Juwelen zurückgenommen; zu gleicher Zeit erhielt aber der jetzt nach Gunzenhausen gezogene Jude Ischerlein vom Markgrafen den Auftrag, den für den König von England bestimmten rothen Adlerorden mit Brillanten besetzen zu lassen, was er mit denen vom Residenten Isaak Nathan zurückgenommenen Juwelen alsbald bewerkstelligte und dafür 40,000 fl. berechnete und empfing. Der Markgraf empfindlich darüber, daß er für solch ein kostbares Geschenk auch nicht einmal ein Wort des Dankes aus London zurück empfing, erfuhr endlich aus den Nachfragen seines Beauftragten daselbst, daß die angeblichen Brillanten lauter böhmische Steine gewesen, und daß der König, wenn auch den Markgrafen über ein solches Geschenk nicht beschämen, ihm doch auch dafür nicht habe danken wollen. Es läßt sich denken, mit welcher Zorneswuth der Markgraf den in das tiefste Versteck sich geflüchteten Rab Ischerlein hervorziehen ließ. Er wurde alsbald nach Wülzburg geschleppt, und nach kurzen Verhören und Umständen in einen großen Saal gebracht und dem Scharfrichter übergeben, der ihn auf den nächsten besten Stuhl festband und dann eben das Schwert über ihn schwingen wollte, als der Gefangene mit sammt dem angebundenen Stuhle sich aufraffte, und, um eine lange Tafel laufend, und um Gotteswillen nur um eine Minute Gehör beim Markgrafen hülfeschreiend, dem Todesstreich entrinnen wollte, der ihm aber doch vom Scharfrichter über die Tafel hinüber beigebracht wurde. — Die vielfachen Verwickelungen des Residenten Isaak Nathan mit diesem Ischerlein, das Spiel mit den Juwelen, die bald in des Einen, bald in des Andern Hände gegangen, andere Anklagen, die jetzt lauter und günstiger angehört wurden, konnten jedoch nicht verfehlen, auch über ihn die Wolken des schwersten Verdachts zu sammeln. Er wurde aus seinem Haus in die Frohnfeste geschleppt, und über denselben Schloßhof, worin man frohlockend die Hochzeit seines Sohnes gefeiert, brachte man nun alle vorgefundenen Schätze und Kostbarkeiten in die Säle des Schlosses zurück. Man beschuldigte ihn außerdem, 25,000 fl. Chatullgelder, in den an den Markgrafen über seine besonderen Aufträge gestellten geheimen Rechnungen, unterschlagen und in seinem Nutzen verwendet zu haben. Vom weitern Schicksal desselben besagen unsere Nachrichten nichts. Auch sein Haus und Grundbesitz wurde eingezogen. — Vermuthlich haben sich seine Angehörigen von hier entfernt, und er selbst ist entweder im Gefängniß verkommen oder ebenfalls im Stillen des Landes verwiesen worden.
Allein nicht blos jüdische Opfer fielen zur selben Zeit, sondern sogar Große des Hofes. Nicht nur ein Oberst Enzel zu Wülzburg wurde daselbst 1740 wegen gewisser Staatsverbrechen, sie sind nicht genannt, durch das Schwert hingerichtet, sondern auch kurz darauf ein Graf von Schaumburg. Es scheint, daß sich dieses auf unerlaubte Kommunikationen und Einverständnisse in den damaligen österreichisch-preußischen Verhältnissen bezogen. Christoph Wilhelm von Rauber wurde beschuldigt, famose Gemälde und Pasquille wider die landesfürstliche Regierung und die Rathskollegien angeschlagen zu haben. Durch den Inquisitionsrath Joh. Chr. Schnitzlein wurde ihm auf der Feste Wülzburg, wo er verhaftet lag, in Gegenwart mehrerer Ober- und Unteroffiziere und Konstabler das Urtheil vom 30. Mai 1740 dahin verkündet: daß er sich selbst freiwillig (was außerdem durch den Scharfrichter vollzogen werden soll) auf das Maul zu schlagen habe, seine Pasquille unter seinen Augen vom Scharfrichter zu verbrennen seien, er selbst aber hierauf mit dem Schwert hingerichtet werden solle; welches letztere jedoch der Markgraf aus Gnaden in eine ewige Gefangenschaft zu Wülzburg verwandelte. Sein schon 1722 unter Vorbehalt des lebenslänglichen Nießbrauches der fürstlichen Kammer verkauftes Rittergut Steinhart (bei Oettingen) wurde eingezogen, 1768 aber dem von Krailsheimischen Fideikommiß um 78,500 fl. wieder verkauft. Die Gattin des Unglücklichen, Friederika Helena, war selbst eine geborene von Krailsheim. Die Ordres zu all diesen blutigen Exekutionen ergingen immer an den geheimen Rath, Generalmajor und Festungs-Kommandanten August Friedrich von Pöllnitz.
Der Reise-Oberstallmeister von Reitzenstein — fährt unser Gewährsmann S.90 fort — stand bei allem dem, und wo man ihn auch noch eines schmählichen Geizes und der Bestechlichkeit bezüchtigte, unter dem sichern Geleit der Volksgunst, darum, weil er überall doch eine gewisse Achtung für das Menschenleben bezeugte, und da, wo der Markgraf in seiner Wuth auf einen Dritten losstürmen wollte, ihn mit seiner eigenen Gefahr und gewaltsam zurückhielt. So, als ihm der Markgraf einmal in solcher Zornwuth die Pistolen abgefordert, um einen Schäfer niederzuschießen, der ihm und seinem scheuenden Pferde durch seine Heerde nicht schnell genug den Weg offen gelassen, verweigerte der Oberstallmeister kalt das abverlangte Gewehr mit dem kurzen Bescheid: „Es ist nicht geladen“. Als sie aber im Nachhauseritt unfern der Schloßthore waren, ließ der Reise-Oberstallmeister rechts und links seine beiden Pistolen krachend los, daß der überraschte und erschrockene Fürst kaum zu fragen vermochte: „Was ist's? Was ist's!“ Der Oberstallmeister aber versetzte: „Gnädigster Herr, ich meine nur, daß Sie heut Nacht viel süßer schlafen werden, nachdem Sie meine Pistolen jetzt erst haben krachen hören, statt eine Stunde früher.“
Den Fürsten — so schließt Lang S.92 und 93 dessen Charakteristik — würde seine großmüthige Freigebigkeit, seine Pünktlichkeit in Besuchung des öffentlichen Gottesdienstes und die mehr als anständige Unterhaltung der Kirchen und Pfarrhäuser beim Volk höchlich empfohlen haben, wenn nicht der Abscheu vor so manchen schrecklichen und blutigen Exekutionen ihm die Herzen entfremdet hätte. Unter diesen führt man besonders an: die militärischen Exekutionen in Triesdorf in den Jahren 1733 bis 1745, neun an der Zahl, einer arquebusirt, sechs gehangen, ein Ungar Stephan Nagy aus Ketschkemet, der des Markgrafen Büchsenspanner erschossen, wurde lebendig gerädert, einer verbrannt. Im Jahre 1738, den 11. August, die Katharina Gallin, ein preußisches Soldatenweib, an einem Lindenbaume, unweit des Falkenhauses, aufgehängt, weil sie einen Gefreiten der Leib-Kompagnie, Namens Johann Heublin, zur Desertion verleitet, wobei sie, der Soldat und der preußische Werbe-Offizier bei Stein ertappt worden. Der preußische Werbe-Hauptmann mußte die Exekution mit ansehen und wurde dann auf die Veste Wülzburg gebracht. Den Deserteur hat man wahrscheinlich zum Aufhängen allzu schön befunden. 1744 ließ der Markgraf an der anspachischen Kirchweih einen vom Wirth Heumann am obern Thor ob einer kleinen Mauserei ertappten Soldaten, dem Wirth zu einer argen Genugthuung, vor seinem Haus an einen aufgerichteten Galgen hängen. Im Jahre 1747, als Georg Krämer von Hausen bei Wülzburg mit der Dorothea Lindnerin aus Gunzenhausen, Dienstmagd des Marketenders in Triesdorf, desertirte, wurde dieselbe am 2. September ohne weiteres rechtliches Verfahren, auf bloßen Befehl des Markgrafen, zu Anspach aufgehängt. Einem Bürger von Gunzenhausen, der vor dem Schloßthor Wache hielt, forderte er, als er eben ausreiten wollte, zur Versuchung das Gewehr ab, und als dieser, in solchen Dingen wenig erfahren, es ihm gutwillig hinreichte, wurde er vom Fürsten als Memme, als Hundsfot behandelt, und zweien Husaren übergeben, die ihn an den Pferdeschwanz binden und durch die Altmühl hin- und wiederschwemmen mußten, worauf er bald hernach krank geworden und verstorben ist. Dem Fallmeister bei Gunzenhausen, durch elende Menschen angegeben, daß er die Hunde des Markgrafen, die er in Pflege hatte, vernachlässigte, ritt er alsbald vor das Haus, rief ihn an die Hausthür und schoß ihn dann auf seiner eigenen Hausschwelle nieder. Nach etlichen Tagen, als der Fürst einen langen Zug von Menschen aus allen Orten her begegnete, und er ohne Antwort von den anderen Höflingen blieb, was denn das für ein Auflauf sei? ritt endlich auch hier der Reise-Oberstallmeister von Reitzenstein herbei und sagte: „Es wird der Mann begraben, den Euer Durchlaucht vor drei Tagen erschossen haben.“ Der Markgraf ward heftig ergriffen und befahl, man sollte ihm die Wittwe schicken, damit sie sich eine Gnade ausbäte.“
Nicht viel besser war es in Bayreuth. Der letzte Markgraf Friedrich Christian hatte als junger Prinz einen Jägerburschen erschossen, weil dieser ihm zu widersprechen wagte. Der jugendliche Mörder nahm sich dieses Verbrechen wenigstens zu Herzen und wurde darüber tiefsinnig. Als Markgraf (1763–1769) liebte er seine Unzufriedenheit durch Stockschläge an den Tag zu legen. Hoch und Niedrig, Bürgerliche und Adlige, Kammerherren und Offiziere waren vor diesen handgreiflichen Beweisen landesväterlichen Unwillens nicht sicher. Als diese patriarchalische Liebhaberei des regierenden Herrn täglich ärger und unerträglicher wurde, beriefen „Ein hoher Adel“ und „Ein Hochlöbliches Offizier-Korps“ eine Versammlung nach Bayreuth, um zu berathen, wie sich der Adel und namentlich das Militär zu verhalten habe, der immer mehr überhand nehmenden Neigung des Markgrafen gegenüber, seine nächsten Umgebungen mit Stockschlägen zu traktiren, oder, wie ein Herr von Reitzenstein sagte, „wenn Serenissimus die Neigung beibehalten oder noch wohl weiter ausdehnen sollten, Allerhöchst dero Umgebungen mit denen Manifestationen Allerhöchst dero lebhaften fürstlichen Temperaments in Kollision kommen zu lassen.“ Ein Hoher Adel und Ein Hochlöbliches Offizier-Korps faßten denn auch den tapfern Beschluß, den Hofprediger zu ersuchen, er möge Hochfürstliche Durchlaucht zur größern Schonung des militärischen Ehrgefühls ermahnen. Zugleich ward festgestellt, die vom Landesvater empfangenen Prügel „als die persönliche Ehre nicht touchirend“ zu betrachten und die von demselben gezahlten Schmerzensgelder in eine gemeinschaftliche Kasse fließen zu lassen. (C. Gutzkow, Fritz Ellrodt II, 59.)
Markgraf Karl Alexander von Anspach-Bayreuth, der Erbe des ebengenannten Friedrich Christian, war nicht aus der Art seiner Väter und Vettern geschlagen. Er hatte aber eine bessere Erziehung als diese genossen und zeigte auch, wenn es noth that, größere persönliche Kraft und Entschiedenheit. Seine Mutter Friederike Louise, die erste Tochter Friedrich Wilhelm's I. und Schwester Friedrich des Großen, hatte darauf bestanden, daß ihr Sohn auf einer republikanischen Universität studire, damit er dort den Werth der bürgerlichen Tugend desto besser erkennen und würdigen lerne. In Folge dessen ward der Prinz Studirens halber nach Utrecht geschickt, wo er übrigens den Absichten der verständigen Frau durchaus nicht entsprach. Einige Jahre darauf trat er eine größere Reise nach Italien an; allein diese Reise erregte die Unzufriedenheit des Vaters im höchsten Grade, „denn der Prinz vermochte bei seiner Rückkehr nicht die Spuren jener körperlichen Leiden und Erschöpfungen zu verbergen, die er sich durch unvorsichtige Genüsse mancherlei Art mochte zugezogen haben.“ Ruhe und verständiger Rath stellten ihn zwar möglichst wieder her, aber desto heißer ergoß sich der Zorn des fürstlichen Vaters über das Haupt des unglücklichen Gesellschafters, des Hofrath Mayer, der beschuldigt wurde, den Prinzen, wo nicht gar verführerisch selber mißgeleitet, doch nicht seiner Pflicht gemäß, treu genug bewacht, gewarnt und zurückgehalten, oder seine höheren Obern, auch den Markgrafen selbst, über die Lage der Dinge unterrichtet zu haben. Der Markgraf ließ ihn ergreifen und nach Sayn-Altenkirchen abführen, von da er durch ein Kommando hannöverscher Dragoner, dem Ansuchen des Markgrafen gemäß, abgeholt und nach Zelle in's Zuchthaus gebracht wurde, wo er dann ohne fernere Spur verkommen. Eine andere Sage dagegen will, der Markgraf habe ihm den Garde-Offizier von Leubelfing nach Altenkirchen nachgeschickt mit dem Befehl, ihn daselbst hinrichten zu lassen. (Lang.)
Diese wenigen Züge zeigen, weß Geistes Kind Karl Alexander war. Da wir seines Gleichen schon in den hessischen und braunschweigischen Fürsten kennen gelernt haben, so können wir uns hier füglich seine nähere Charakteristik ersparen. Bei diesen Menschen ist Alles Schablone, die abschreckende Einförmigkeit ihrer innern Leere und Hohlheit sowohl als ihre geistlose Uebereinstimmung in äußerer Verschwendung und Prunksucht. Vom Großvater und Urgroßvater an haben sie alle dieselbe Schule der Entfremdung vom deutschen Wesen, der bedientenhaften Erniedrigung vor dem Auslande und der despotischen Gewalt gegen die eigenen Unterthanen durchlaufen. Der bloße Gedanke an Pflichten, soweit sie dessen überhaupt fähig, scheint bei diesen Landesvätern eine Gefährdung ihrer Souverainität in sich zu schließen. Die naiv-derbe, wenn auch oft rohe Eigenart der deutschen Fürsten des sechzehnten und theilweise des siebenzehnten Jahrhunderts ist durch den Versailler und Venetianer Firniß, durch den halb zivilisirten, halb zivilisirenden französischen und italienischen Einfluß zurückgedrängt. Wo früher Luther's Hymnen erklangen, da singen jetzt italienische Kastraten ihre lateinischen Verse. Ueberall an den Höfen finden sich französische Abenteurer und mit ihnen französische Mode und französische Unsitte. Jeder Zaunkönig hat sein Monplaisir, Belvedere, Eremitage, Solitude oder Monbijou, seine großen Feste und Spiele, seine Tourniere und Karoussels, seine Maskeraden und Banketts, wofür die armen Teufel von Unterthanen mit ihrem Gelde zahlen, wenn sie welches haben, und mit ihren Knochen und ihrem Blut, wenn sie sonst nichts haben. Natürlich huldigt Serenissimus unter den noblen Passionen vor Allem dem Spiel und der Jagd. Er verliert am Spieltisch ein ganzes Dorf oder setzt ein halbes Bataillon auf eine Karte gegen das schöne Bein einer Tänzerin. Der Markgraf von Anspach gewinnt 1783 von dem ihn besuchenden Herzog von Gloucester, dem Bruder des Königs von England, 180,000 fl. im Spiel. Der verlierende Gastfreund ist so edel, sich selbst als Pfand zu geben, vermehrt aber während seines verlängerten Besuches seine Schuld durch neue Anlehen um noch 270,000 fl., die aber der königliche Bruder erst recht nicht zahlen will, so daß der Markgraf froh ist, als der Engländer nach Straßburg abzieht. Das eminenteste von allen eminenten Privilegien ist aber sämmtlichen Landesvätern die Jagd. Wo sie beeinträchtigt ward, da kennt ihre Grausamkeit keine Gränzen. Schon als Friedrich der Große auf dem Throne saß, wagte noch ein Herzog von Sachsen-Weimar zu verordnen, „daß alle Wilderer als offenbare Straßenräuber und Mörder angesehen und auf Betreten sofort aufgehengt, deren Weiber gebrandmarkt und in's Zuchthaus gesetzt werden sollten, daß ein Förster und Jäger, der einen Wilddieb todtschießt, 50 Thlr. verdient, während seine Wittwe, falls er selbst todtgeschossen wird, lebenslänglich 200 Thlr. Pension erhält (eine für jene Zeit sehr hohe Summe!), daß aber ein Jäger, der den Wilddieben durch die Finger sieht, selbst aufgehenkt wird.“ Was uns vom Weimaraner urkundlich erhalten ist, das trieben auch seine Herren Brüder, sind sie doch alle nach demselben Muster gebildet. Darum bleibt es sich im Grunde auch gleich, ob der eine Landesvater eine französische oder der andere eine englische Maitresse hat; ob der Anspacher mit einer in kararischem Marmor gehauenen Büste Voltaire's auf seinem Arbeitstische prahlt, oder ob der Kasseler einen Fürstenkatechismus in Voltaire'schen Redensarten schreibt; ob der Bayreuther seinen Trost in Süßmilch's göttlicher Ordnung sucht oder ob ein geistlicher Herr, wie der Fürstbischof von Würzburg, Goldmacherei treibt und einen Talisman am Leibe trägt, oder ob der Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar den Stein der Weisen gefunden zu haben glaubt und in einem eigenen Reskripte die Kunst des Goldmachens für ein Regal erklärt. Ebensowenig ist es charakteristisch, daß der Markgraf eine Armee von Kammerherren, Hofjunkern und Kammerjunkern hält und daß zur Bestreitung des Unterhalts dieser Tagediebe das Genuesische Lotto eingeführt wird, denn dieser ganze Unfug findet sich bei seinen sämtlichen Kollegen wieder. Noch weniger befremdend ist es aber, daß die bürgerlichen, an den anspacher Hof gezogenen Damen dort kein deutsches Wort fallen lassen dürfen, weil Alles, was deutsch ist, die Lady Craven anekelt, und noch weniger auffallend ist es, daß die deutschen Frauen jener Zeit solche Beleidigungen als eine Auszeichnung ansahen. Bezeichnend ist nicht einmal die liebevolle Fürsorge, welche der anspachische Markgraf seinem Wildstande angedeihen ließ. Als sein Land 1791 preußisch wurde, erlaubte der damalige Statthalter und spätere Staatskanzler Hardenberg den Bauern, das Wild auf ihren Feldern niederzuschießen. Seither hatten sie Sommer und Winter die Nächte mit Schreien zubringen müssen, um ihre Felder vor dem in Massen herumstreifenden Hochwilde zu schützen. Verschliefen sie eine Nacht, so war auch die Saat zertreten. Denn nur schrecken durften sie das Wild, und es war ihnen bei Zuchthausstrafe verboten, ein Gewehr oder einen Knittel, ja selbst einen Hund mit sich zu führen. Daß der Markgraf keinen Spaß verstand, wenn sein noch wertvolleres Wild, die Soldaten, sich ihm durch die Flucht entzogen, werden wir sehr bald zu sehen Gelegenheit haben.