Der General Heister, ein tapferer alter Haudegen, aber auf seine Würde eifersüchtiger Korpsführer, bat nur für den Fall, daß er vor dem Feinde bleiben sollte, um Berücksichtigung seiner Familie. Er wurde aber auf Veranlassung des englischen Ministeriums schon zu Anfang 1777 zurückberufen, angeblich wegen der Niederlage bei Trenton, woran übrigens Heister ganz unschuldig war, in der That aber, weil er nicht zugeben wollte, daß seine Hessen immer und überall die gefährlichsten, exponirtesten Stellungen einnehmen und zu den blutigsten Angriffen verwandt werden sollten. Suffolk nannte das im Sinne seines oben mitgetheilten Schreibens unpraktisch und unzulässig. Er erklärte deshalb dem Landgrafen von Hessen, daß die Operationen des Heeres leiden würden, wenn Heister an der Spitze der Hessen bliebe, und versprach Schlieffen, dem Minister und Unterhändler des Landgrafen, mehr als einen bloßen Dank in Worten, wenn er ihm in dieser Angelegenheit seine Hülfe zusagen wollte. Der „Weise von Windhausen“ ging sofort auf Suffolk's Wunsch ein und setzte diesen auch beim Landgrafen durch. Der brave alte General kehrte im Sommer 1777 nach Europa zurück, starb aber schon am 19. November 1777 in Kassel aus Gram über die ihm zu Theil gewordene ungerechte Behandlung. Der König von England ließ seiner Wittwe, die mit ihren acht unversorgten, in Armuth zurückgelassenen Kindern vom Landgrafen nur 600 Thlr. jährliche Pension erhielt, ein Jahrgehalt von 200 Pfund Sterling auszahlen. Knyphausen, der bisher die zweite hessische Division kommandirt hatte, wurde Heister's Nachfolger und machte sich bei seinen englischen Vorgesetzten sehr beliebt, vielleicht weil er weder Deutsche noch Engländer schonte. Er war einer der besten Divisionsgenerale auf englischer Seite. Bekanntlich wurde das von ihm erstürmte Fort Washington auf der Insel New-York ihm zu Ehren Fort Knyphausen benannt. Als ein englischer Oberst einen Theil der hier erbeuteten acht amerikanischen Fahnen für sein Regiment begehrte, stieß Knyphausen sie verächtlich mit dem Fuße weg und erwiderte: „Meinetwegen nehmt sie alle und wischt Euch den H—— damit ab!“ Von seinen Soldaten konnte er jede Leistung verlangen, weil er überall selbst mit dabei war und weder Gefahr noch Strapazen scheute. Gegen Ende des Krieges wurde General Loßberg der Nachfolger Knyphausen's. Der braunschweigische General Riedesel ist durch die von seiner tapfern Frau und Begleiterin geschriebene sog. „Berufsreise“ und die Biographie von Eelking als ein tüchtiger und umsichtiger Offizier, humaner Vorgesetzter und edler Charakter allgemein bekannt geworden. Die übrigen Kontingente hatten keine Generale, sondern nur Obersten an ihrer Spitze.
Eine Unart dieser Männer, die zugleich durch die Mode der Zeit bedingt war, bestand in dem Gebrauch des Französischen als ihrer Geschäftssprache; dabei drückten sie sich durchaus schlecht und inkorrekt aus. Das Küchenlatein der Mönche ist klassisches Latein im Verhältniß zum Französischen der deutschen Generale und Obersten. So schrieb, um hier nur ein Beispiel herauszugreifen, u.A. einmal Riedesel an den Earl von Suffolk: „Le courier, qui prendra cette lettre avec.“ Und Riedesel war sogar noch einer der kleinsten Verbrecher am Genius der französischen Sprache!
Während somit keiner der nach Amerika gesandten deutschen Offiziere einen pekuniären Vortheil zog — der doppelte Sold ging mehr als ein Mal bei den theuren Preisen der nothwendigen Bedürfnisse darauf — erhielt mit Ausnahme der bei derartigen Verhandlungen üblichen Kanzleigeschenke nur Schlieffen in Gestalt verschiedener Baarzahlungen von je 330 Pfund und schließlich einer Pension von 300 Pfund, eine Belohnung von England. Diese letztere wurde ihm angeblich dafür bewilligt, daß er einige Zeit vor der Schlacht bei Minden in Osnabrück mehrere wichtige, der verbündeten Armee gehörige Magazine gerettet habe, in der That aber ward sie für seine bei Abschluß und Ausführung des Truppenlieferungs-Vertrages sowie bei der Absetzung Heister's geleistete Hülfe ausgeworfen. Schlieffen selbst wunderte sich anfangs über das plötzlich so gut gewordene Gedächtniß und eine so lebhaft, wenn auch spät, zu Tage tretende Dankbarkeit des englischen Ministeriums, begriff aber sehr schnell, daß dieses nur unter einem so unschuldigen Titel die Genehmigung des Parlaments erlangen könne. Er erinnerte sich also bald sehr genau seiner wichtigen Dienste, erläuterte, daß ohne ihn der Sieg in der Schlacht bei Minden gar nicht möglich gewesen sein würde und bezog die Pension länger als vierzig Jahre bis zu seinem erst 1825 erfolgten Tode.
Außer Schlieffen und den unmittelbar Betheiligten selbst gewann in der Folge auch das Haus Rothschild an den englischen Millionen, welche England den hessischen Fürsten für ihre Soldaten gezahlt hatte. Es ist eine interessante Thatsache, daß sich der erste Ursprung des Reichthums und der Weltstellung der Rothschilds indirekt auf diesen Handel zurückführen läßt. Der alte Landgraf und spätere Kurfürst von Hessen-Kassel hatte nämlich den Begründer des Hauses Rothschild, Mayer Amschel, schon lange vor der französischen Revolution durch Geschäfte in alten Münzen kennen gelernt und benutzte denselben als Agenten, um seine Zinsen aus der Londoner Bank zu erheben, welche dort von den in Folge der Menschenfleischlieferungen von England gezahlten Kapitalien fällig wurden. M.A. Rothschild zog für diese Summen Wechsel auf das englische Bankierhaus van Notten, welches Vollmacht des Landgrafen zur Erhebung der Zinsen hatte. Beim Jahresschluß berechnete sich Rothschild mit dem Landgrafen und hatte, abgesehen von der nicht unbedeutenden Provision, auch noch den Nutzen, fortwährend mit den Geldern des Landgrafen spekuliren zu können, was er auch in seiner unermüdlichen und scharfsinnigen Weise mit dem glücklichsten Erfolge that. Die Erwerbung ungeheurer Summen wurde dem M.A. Rothschild später dadurch möglich, daß es ihm gelang, den Landgrafen dazu zu bewegen, daß er die Vollmacht dem Hause van Notten entzog und dieselbe dem zweiten Sohne Rothschild's, Nathan, übertrug, der auf Grund derselben Kapital und Zinsen einzog. Als nun die englische Regierung ihre Armee in Spanien zu unterhalten hatte und kein englischer Bankier die Lieferung des Geldes von England nach Spanien übernehmen wollte, da übernahm M.A. Rothschild diese Lieferung gegen hohe Provision und leistete mit den unter Einwilligung des Eigenthümers erhobenen landgräflichen Fonds die geforderte Kaution, bei der Niemand sein eigenes Vermögen wagen wollte. Das Glück begünstigte Rothschild's Unternehmen, die Geldsendungen kamen unversehrt an. Auf diese Weise verdiente Rothschild während der Dauer des spanischen Feldzuges, also während acht Jahren, jährlich mehrere Millionen. Die Möglichkeit, eine so hohe Kaution zu leisten und die pünktliche Geschäftsbesorgung veranlaßten hierauf die englische Regierung, den europäischen Fürsten die enormen Subsidien während des Kontinentalkrieges durch das Haus Rothschild zu übermitteln, wodurch dessen Ansehen und Reichthum zusehends wuchsen. Von dieser Zeit an, namentlich seit dem Wiener Frieden, nahmen die Rothschild's Theil an allen großen Geldoperationen und Anleihen der wieder eingesetzten Dynastien und wurden von Tag zu Tage mächtiger.
Auch Frankreich betheiligte sich am amerikanischen Kriege, allein mit geringeren Opfern an Menschen und auf der den deutschen Fürsten entgegengesetzten Seite. Während diese lediglich aus Rücksicht auf ihren Beutel als gefügige und willenlose Werkzeuge einer an sich schlechten und unglücklichen Politik keine politischen Zwecke und Interessen kannten, eroberte dagegen Frankreich mit den 6000 Mann, die es der jungen Republik zu Hülfe schickte, seine durch den siebenjährigen Krieg erschütterte Weltmachtstellung wieder. Frankreich ließ es sich zwar Millionen über Millionen kosten, es gewann dafür aber Ansehen, Ehre und Macht. Deutschland nahm Millionen und Millionen ein; es verlor aber dadurch den letzten Rest von politischer Bedeutung und sank zum Spott von Freund und Feind herab. Die paar tausend Franzosen, die unter Rochambeau die Taufpathen eines mächtigen Freistaates wurden, haben bewirkt, daß, so lange es Vereinigte Staaten von Amerika geben wird, die französischen Waffen und der französische Name in der Union jeder Zeit geehrt und gefeiert dastehen werden. Die 30,000 Deutschen dagegen haben als die bezahlten Schergen englischer Anmaßungen nicht allein sich den Haß zugezogen, der in erster Linie das Mutterland traf, sondern zu diesem Haß noch die Verachtung auf sich geladen, welcher sich Jeder aussetzt, der sich um ein schnödes Trinkgeld zur Unterdrückung der Freiheit mißbrauchen läßt. „Von dem Augenblicke an, sagt der hochverdiente amerikanische Geschichtsschreiber G.W. Greene, in welchem der erste Hesse seinen Fuß auf amerikanischen Boden setzte, wurde die Wiederaufnahme des alten kindlichen Verhältnisses zum Mutterlande unmöglich.“ Noch heute ist im Munde eines Amerikaners der Name Hesse eines der verächtlichsten Schimpfworte, welches einen feilen, verkäuflichen Menschen bezeichnet, und noch heute leidet unser Volk unter dem Fluche jenes nichtswürdigen Handels[8]. Denn in dem internationalen Verkehr handelt es sich nicht um die Ansichten, Wünsche und Bestrebungen der ein Volk bildenden Individuen, sondern um den Ausdruck, den sein inneres nationales Leben in der Politik thatsächlich gewinnt. Darum können auch im vorliegenden Falle nicht Schiller, Kant, noch Friedrich der Große unsre Vertheidigung übernehmen und unsre Nation von aller Schuld rein waschen, denn das Ausland wiegt uns nach dem, was die Fürsten gesündigt haben.
Bleibt es unter diesen Umständen ein Trost sich sagen zu können, daß wenigstens die also verkauften Soldaten tüchtig und tapfer waren und dem alten militärischen Rufe der Heimath in Amerika alle Ehre machten? Wohl schwerlich! Jede tapfere That, die sie verrichteten, jeder Erfolg, den sie mit dem Einsatz ihres Lebens erkämpften, war für das Vaterland verloren oder wenigstens nicht errungen. Wohl hat der amerikanische Krieg herrliche Thaten der Einzelnen gesehen, die, für eine bessere Sache vollbracht, den Namen ihrer Urheber in Lied und Sage verherrlicht und für alle Zeiten als volksthümliche Gestalten verewigt hätten; aber es war der Fluch der bösen That der Fürsten, daß selbst die Heldengestalten unter den verkauften Truppen ungenannt und ungekannt in ein ruhmloses Grab sanken. Der hessische Oberst Rall, der allerdings durch seine übermüthige Verachtung des „Rebellenpacks“ die Katastrophe bei Trenton veranlaßte und dadurch die entscheidende Wendung des Krieges herbei führte, gilt namentlich den Amerikanern als ein kopfloser und unfähiger Offizier; allein er war in Wirklichkeit einer der tüchtigsten und tapfersten Befehlshaber. Seine englischen Kameraden nannten ihn nur den hessischen Löwen, und für die Amerikaner war er der leibhaftige Schrecken. Um seine Niederlage nicht zu überleben, stürzte er sich in das heißeste Gefecht und fiel wenigstens mit Ehren. Wer, außer dem engen Kreise kriegsgeschichtlicher Fachschriftsteller, kennt heute noch die tapferen Jägerstückchen des Hauptmanns Emmerich in Amerika, desselben spätern Obersten Emmerich, welcher am 18. Juli 1809, selbst ein Rebell, auf dem großen Forst bei Kassel von den Napoleonischen Schergen erschossen wurde und wie ein Held starb; wer meldet den Ruhm des umsichtigen und kühnen Ewald, wer weiß vom heldenmüthigen Hauptmann Schaller, der mit dreißig Mann einen Posten gegen einen ihm fünfzigfach überlegenen Feind glücklich vertheidigte und als Fremder nicht einmal eine öffentliche Anerkennung für seine That erhielt, weil der kommandirende General Schaller's unfähigem Vorgesetzten, einem englischen Major, nicht wehe thun wollte; wer kümmert sich wohl um den tapfern waldecker Obersten Hanxleden, der an der Spitze seiner Truppen unter den Mauern von Pensacola fiel und um den waldecker Hauptmann Stierlin, den die tödtliche Kugel traf, als er eben an der Spitze seiner Kompagnie eine Redoute erstiegen hatte? Wer endlich hat vom braven Sergeanten Rübenkönig gehört, der gleich dem Kapitain d'Assas vom französischen Regiment d'Auvergne, in der Gewalt des Feindes und von diesem mit augenblicklichem Tode bedroht, trotzdem seine Pflicht höher achtete als sein Leben und sein Regiment durch seinen Zuruf rettete? Den Franzosen rühmt Geschichte und Gedicht; sein dankbares Vaterland nahm sich sogar in der Revolution seiner Wittwe und Kinder an; den Namen des braven hessischen Unteroffiziers dagegen meldet kein Lied, kein Heldenbuch.
Ja, selbst Donop ist vergessen, der tapfere hessische Oberst, der uns den tragischen Schmerz des Helden über seinen frühen Tod und über seine Hinopferung für fremde Zwecke ergreifend vor Augen führt. Er hatte, als einer der beliebtesten und geachtetsten Offiziere und der beste Brigadier der Armee, nach Rall's Tode das Kommando über die Jäger und Grenadiere erhalten und im Oktober 1777 an der Spitze seiner Brigade, zu Fuß und mit dem Degen in der Hand, den Sturm gegen Fort Redbank am Delaware unternommen, um es, nach dem von Knyphausen bei Fort Washington gegebenen Beispiele, auf seinen Namen umzutaufen. Bei diesem Angriff wurde er aber zurückgeschlagen und von einer Kugel zu Boden gestreckt. Hülflos lag er unter einem Haufen Leichen, als der Vertheidiger des Forts, der französische Ingenieur-Hauptmann Mauduit de Duplessis, ihn fand und in das benachbarte Haus eines Quäkers schaffen ließ, wo der Sterbende noch drei Tage mit dem Tode rang. Dort auf dem Schmerzenslager in der einfachen Quäkerwohnung und im Frieden des amerikanischen Waldes, fern von dem Flitter und Tand der Welt, schwebten zum letzten Male die Bilder der Vergangenheit, der Glanz seiner Jugend, die Pracht der europäischen Höfe und die stolzen Ziele seines Ehrgeizes vor dem Geiste des tapfern, erst sieben und dreißigjährigen Soldaten vorüber. Sein Blick klärte sich, und sein Verstand unterschied zwischen dem Wesen und Schein seines Lebens. „Ich bin zufrieden — sprach er zu dem ihn sorgsam pflegenden Duplessis in dessen Muttersprache — ich sterbe in den Armen der Ehre selbst: ein jähes Ende für eine schöne Laufbahn; aber ich falle als das Opfer meines Ehrgeizes und der Habsucht meines Fürsten!“[9]
Doch so trostlos als diese Reflexion eines Sterbenden ist das letzte Wort unsrer Geschichte nicht!
Wenden wir uns von den Opfern, welche für eine ihnen aufgedrungene Sache fern von der Heimath gestorben oder ohne Gewinn für sich und Andere in's Vaterland zurückgekehrt sind, zu einem jungen Soldaten, der, unter Tausenden der einzige selbständige und denkende Kopf, den amerikanischen Krieg in seiner ganzen Tragweite als einen Sieg des bewaffneten Volkes gegen ein durch Gewalt, List und Betrug geworbenes Heer erkannte, und welcher in Amerika zuerst aus eigener Anschauung lernte, ein wie mächtiger Verbündeter die Begeisterung zu werden vermag, wenn die rechten Mittel ergriffen werden, sie zu wecken, und wenn der zündende Gedanke da ist, für welchen die Masse sich erwärmen läßt. Jahrzehnte mußten vergehen, bis ihm im Verlaufe der deutschen Geschichte die Gelegenheit reifte, den Krieg nach amerikanischen Grundsätzen zu organisiren und, von den amerikanischen Milizen ausgehend, dieser Volksbewaffnung in der preußischen Landwehr den vollendetsten Ausdruck schaffen zu helfen; aber dieser Krieg wurde durch jene Grundsätze und den Geist ihrer Ausführung, trotzdem daß die Fürsten sich hemmend und störend an ihn hingen, zu einem der größten und edelsten, welche die neuere Geschichte kennt.
In dem damals kaum drei und zwanzigjährigen, unbekannten und wenig hervorstechenden anspachschen Lieutenant Neithard v. Gneisenau ahnte der englische General, der ihn zur Rückkehr einschiffte, wohl nicht den großen Strategen, den genialen Schlachtendenker, welcher kaum ein Menschenalter später über Wellington's ursprünglich engbegrenzten Plan einer, Napoleon vor Brüssel zu liefernden Vertheidigungsschlacht hinausging und diese, durch seine Dispositionen für das Eingreifen der preußischen Truppen, zur Vernichtungsschlacht bei Waterloo, zum Weltgericht über das brutale erste Kaiserreich erhob.