Hie und da klagen sich denn die deutschen Generale und Obersten wohl ihre Noth über die Anmaßungen der Engländer, die ihnen und den deutschen Soldaten oft etwas zuviel zumuthen; Einzelne verfluchen den Dienst, welcher ihnen so manche Entbehrung auferlegt und kaum einen Vortheil dagegen bietet; ja in einem unbewachten Augenblicke malt sich sogar der hessische General Loos das „philosophische Vergnügen“ aus, einem undankbaren, fühllosen Fürsten und hochmüthigen Minister trotzend, sagen zu können: „Ich will Euch nicht länger dienen!“ Zu der höhern Anschauung jedoch, daß dieser Dienst ein verächtlicher Schergendienst und mit dem Selbstgefühl eines freien Mannes unverträglich war, können und wagen sich diese Herren nicht zu erheben; sie sind nur hie und da, innerhalb der gegebenen und von ihnen gehorsam anerkannten Dienstverhältnisse, mit der ihnen zu Theil werdenden Behandlung nicht zufrieden.
So lange England siegreich war, und namentlich die deutschen Regimenter seine Siege erringen halfen, ging natürlich Alles gut. Gleich nach der ersten Niederlage aber traten, namentlich zwischen den Offizieren Reibungen ein, die sich in der Folge fast täglich wiederholten. „Unter den englischen und deutschen Truppen — lautet ein den preußischen Ministern von W. Carmichael, dem amerikanischen Agenten, mitgetheiltes Schreiben eines hochgestellten Engländers aus New-York vom 5. Januar 1777 — ist keine gute Harmonie. Unsere Leute sagen, daß zu Trenton die drei Bataillons Hessen die Waffen zu früh niedergelegt und nicht so viel Widerstand geleistet hätten als sie hätten können und sollen. Die Hessen beklagen sich hingegen, daß die frischen Lebensmittel unbillig vertheilt werden und daß sie nicht den gehörigen Antheil davon erhalten, auch daß man sie zu dem beschwerlichsten Dienst gebraucht, ihnen die gefährlichsten Posten giebt, und sie nicht gehörig soutenirt. Einer unserer vornehmsten Offiziere antwortete hierauf unbedachtsamer Weise, daß der König sie von ihrem Herrn gekauft hätte, um seine eigenen Truppen zu schonen, wodurch die Hessen sehr beleidigt worden sind. Sie fangen auch an, von ihrem Landgrafen mit ungeziemender Freiheit zu reden, indem sie sagen, er habe kein Interesse bei diesem Kriege, und verkaufe das Blut seiner Unterthanen, welches in Amerika vergossen würde, um das Geld in auswärtigen Ländern auf seine Vergnügungen zu verwenden.“
Im gleichen Sinne äußert sich ein Jahr später vom deutschen Standpunkte aus der anspachische Lieutenant v. Wöllwarth, Vetter des Ministers Gemmingen. Er bittet diesen darum, daß er seine Rückkehr nach Deutschland vermittle, zu einer Zeit, wo der eben ausbrechende bayrische Erbfolgekrieg einem Offizier bessere Aussichten für Auszeichnung und Beförderung bot. Dieser mit feinem Humor und beißender Ironie geschriebene Brief zeigt den ganzen Mißmuth und die gründliche Verachtung eines unabhängigen Charakters gegen den ihm zugemutheten Dienst. „Ein gewisser Lord in Schottland — schreibt Wöllwarth am 4. Mai 1778 aus Philadelphia — hatte eine sehr sorgfältige Parforcejagd. Er sah aber ein, daß es patriotischer und vernünftiger für sein Vaterland gedacht sein würde, bei dessen gegenwärtiger Verfassung solche abzuschaffen und dafür ein Regiment zu werben, welches in des Königs Dienst treten sollte, um gegen die rebellischen Kolonieen auf seine eigenen Kosten gebraucht zu werden. In England fand er keinen Käufer; er ließ deshalb auf Anrathen seiner Freunde seine ganze Hunde-Equipage in eine teutsche Zeitung unter die zu verkaufenden Sachen setzen, in der zuversichtlichen Hoffnung, daß man in Teutschland mehr Hunde- als Menschenliebe besitzt. Man behauptet, ein teutscher Reichsfürst habe ihm dagegen ein Regiment Soldaten vertauschen wollen; allein letzteres, glaube ich, ist erdichtet und halte die ganze Geschichte für eine Erdichtung. Doch können gnädigster Herr Vetter sich nicht genug vorstellen, mit welch einem Auge die vernünftigen und uninteressirten Engländer das Betragen der teutschen Reichsfürsten ansehen. Und noch zum größern Ruhme werden alle teutschen Truppen vor Leute angesehen, welche zu viel in ihrem Vaterland gewesen sind und dessendwegen diese Umstände und Begebenheiten vor unsere glücklichste Ausflucht halten. Schließen also gnädigster Herr Vetter hieraus nicht, daß dieser Dienst ein Weg und Feld der Ehre sein sollte.
Die Engländer sehen uns gar nicht davor an und können gar nicht begreifen, wie ein Mann von Ehre seinen Ehrgeiz auf das treiben kann, seine Haut vor Geld zu verkaufen. Alles, was wir in Ansehung unseres Exerzierens voraus haben, ist in ihren Augen lächerlich und sehen uns allein dazu tüchtig an, diejenigen Posten zu besetzen, welche sie erobern. Unsere Lage ist höchst unerquicklich; wir sind weder Fisch noch Fleisch, weder halb noch ganz. Ich bin aber nicht gesonnen, noch länger unter meiner Charge aus Liebe vor Ihro Durchlaucht zu dienen, will also lieber unter derselben in einem andern Dienste dienen und lieber nicht in meiner jetzigen Stellung ein rapides (?) Glück machen.“
Gemmingen nahm als vorurtheilsfreier Mann diesen Brief gut auf und berief umgehend dessen Absender nach Europa zurück, wo dieser Mitte Oktober landete.
So glücklich wie Wöllwarth waren aber die wenigsten seiner Kameraden. Es hatte nicht lange gewährt, bis sie sich ihre traurige Lage klar gemacht hatten, allein sie wandten sich mit der Bitte um Rückkehr in der Regel vergebens an ihre Landesväter. Namentlich war der Landgraf von Hessen selbst Kranken gegenüber ein strenger Herr. Wenn er endlich nothgedrungen seine Einwilligung zur Rückkehr ertheilen mußte, so verzögerte er gewöhnlich die Uebermittlung so lange, daß die Bittsteller keinen Gebrauch mehr davon machen konnten, indem sie schon vorher gestorben waren. Eine Luftveränderung, andere Umgebungen und bessere Nahrung hätten die Armen sicher am Leben erhalten. Bei den hessischen Regimentern, die von 1779–1783 im Süden standen, reichten die Offiziere fast wöchentlich Entlassungsgesuche ein; nur einige wenige wurden genehmigt; die Bittsteller aber fielen meistens dem Faulfieber zur Beute. Andrer Seits kam es vor, daß junge Fähndriche und Lieutenants desertirten, weil sie nicht unbestimmte Zeit auf die Antwort aus Kassel warten wollten, so z.B. ein Fähndrich Karl Wilhelm Kleinschmidt aus Landau in Waldeck und ein Lieutenant Führer.
Zu diesen Uebelständen gesellte sich nun bei den Hessen das schlechte Avancement, das bei einzelnen Regimentern langsamer war als in den heimischen Garnisonen. Nach der Niederlage bei Trenton (26. Dezember 1776) bis zum 19. November 1779 unterschrieb der Landgraf keine Beförderung eines Offiziers der bei jenem unglücklichen Ereigniß betheiligten Regimenter. Selbst der Kommandeur des früher vom Obersten Rall befehligten Grenadier-Regimentes war zuletzt ein Major, nachdem der Obristlieutenant mit Tode abgegangen war. „Bei der noch immer nicht in völliges Licht gesetzten fatalen Affaire von Trenton — schrieb der Landgraf am 11. August 1779 aus Hofgeismar an den Major Mathaeus — kann ich mich vor der Hand, und bis das Regiment durch wesentliche und eklatante Proben seiner Tapferkeit sich meiner Gnade wieder gänzlich würdig gezeigt haben wird, zu keinem Avancement derer dabei mitgewesenen Offiziers entschließen. Des Herrn Majors gethaner Vorschlag wegen Ernennung derer beyden Premier-Lieutenants Saltzmann und Stoebell zu Stabskapitains hat also auch keine Statt finden können.“
Unterm 10. Juli 1779 hatte der Major Endemann von der Betheiligung des Regiments Trümbach an der Affaire bei Stonoferry berichtet, wo es sich besonders auszeichnete, in dessen Folge es vom kommandirenden General Provost durch Armeebefehl belobt wurde, und bat, „die unglückliche Trenton-Affaire nunmehr in die Tiefe gänzlicher Vergessenheit zu versenken, hingegen dem Regimente die seither entzogene Gnade nach wie vor zuzueignen geruhen zu wollen.“ Der Landgraf nahm aus Weißenstein unterm 19. November 1779 aus dieser Meldung Anlaß, „dem Regiment nunmehr wieder seine vorige Gnade zuzuwenden, auch ihm wieder Fahnen zu geben, und die Avancements, welche zeither lediglich wegen der Burgoise von Trenton zurückgeblieben, wiederum darin zu lassen. Inzwischen wird dieses jedoch mein Ressentiment gegen diejenigen im Regiment nicht aufheben, welche bei dieser fatalen Affaire nach geendigter Untersuchung durch das befohlene Kriegsgericht etwa schuldig befunden werden sollen und sich hätten Ein oder Anderes zur Last kommen lassen.“
Während die übrigen Lieferanten die Korrespondenz mit ihren Truppen in Amerika durch die Hände ihrer Minister gehen ließen, nahm der Landgraf von Hessen, wie wir bereits im vierten Kapitel, S.50, angedeutet haben, an Allem Theil, was seine Offiziere betraf, und beantwortete die Berichte seiner Regiments-Kommandeure und Generale immer umgehend selbst. Aus diesem Briefwechsel geht hervor, daß er stets sehr gut unterrichtet war und daß er genaues Buch über alle Ereignisse auf dem amerikanischen Kriegsschauplatze führte. Seine Antworten sind kurz, klar und sachgemäß; sie enthalten kein Wort zu viel und tragen den Zuschnitt des knappen preußischen Geschäftsstils jener Zeit. Selten läuft etwas Privates mit unter. Er ist immer der hohe herablassende „Kriegsherr“, der lobt und tadelt, zürnt und straft. Einmal, gegen Ende des Krieges, bat der Landgraf den Obersten v. Porbeck um eine Sendung von amerikanischen Merkwürdigkeiten, seltenen Vögeln, Indianer-Kleidern und Waffen, fremden Gewächsen &c. Der Oberst antwortete am 31. Januar 1783 aus Cow Neck auf Long Island, daß er zu seinem Bedauern keinen dieser Gegenstände beschaffen könne. „Außerdem — fügte er hinzu — haben die hiesigen Einwohner einen solchen Abscheu vor allen zur britischen Armee gehörigen Leuten, daß sie Niemanden, wenn sie auch wirklich etwas von Raritäten hätten, davon zukommen lassen, und uns selbst die nöthigen Lebensmittel auf das Theuerste verkaufen.“
Persönlich waren übrigens die deutschen, namentlich höheren Offiziere, Ehrenmänner in des Wortes vollster Bedeutung. Das englische Ministerium ließ es ihnen gegenüber an Versprechungen und Versuchen, sie in sein Interesse zu ziehen, nicht fehlen; allein sie waren unbestechlich und ehrlich. „Da sehr viel von der herzlichen Mitwirkung und der guten Stimmung der deutschen Offiziere abhängt — schreibt der Staatssekretär Suffolk bereits am 12. Februar 1776 an seinen Agenten Faucitt — und da dieser Zweck am besten durch Mittheilungen über ihren Charakter und ihre Fähigkeiten erreicht werden kann, so verschaffen Sie sich darüber möglichst viel Einzelheiten. Ein anderer nicht minder wichtiger Punkt ist der, daß die Offiziere auf die Freigebigkeit des Königs verwiesen werden, wenn sie unseren Erwartungen entsprechen und weder durch parteiische und unzulässische Rücksicht auf die Erhaltung der von ihnen befehligten Truppen, noch durch Eifersüchteleien unter einander oder gegen die englischen Offiziere den Dienst stören oder unterbrechen. Ich bevollmächtige Sie also, den betreffenden Offizieren die Freigebigkeit und Gunst des Königs für den Fall der glücklichen Beendigung des Krieges in Aussicht zu stellen und sie über ihre Ansprüche genau auszuforschen.“ Faucitt verfehlte natürlich nicht, von dieser Vollmacht den weitgehendsten Gebrauch zu machen und fragte bei Einzelnen, z.B. Riedesel, Heister und Knyphausen an, in welcher Art sie die englische Gunstbezeugung wünschten; allein er erhielt von ihnen die kühle einstimmige Antwort, daß sie in Amerika aus eigenem Antriebe als gute Soldaten ihre Pflicht thun würden und daß es ihrer Ehre zuwiderlaufe, mit England über außerordentliche Belohnungen zu unterhandeln.