Unser Haß wende sich darum auch heute noch gegen jene jämmerliche Kleinstaaterei, welche nur zu lange einer großen Minderheit des deutschen Volkes die Gelegenheit zur Bethätigung in der Heimath entzogen und jene Abenteurersucht, jenes Landsknechtsthum erzeugt hat, welches sich in allen fünf Welttheilen mit seinem gesinnungslosen „Ubi bene, ibi patria!“ an den Pranger stellt, welches höchstens einen leeren Unterthanendünkel, aber selbstredend keine stolzen, eines männlichen Ringens würdige Ideale in der Brust des Einzelnen erzeugt und welches uns bis vor Kurzem verhindert hat, uns zusammenzuraffen und ein politisches Volk zu sein. Aus diesem Grunde ist der Deutsche auch noch heute nur zu sehr reiner Privatmensch; er kennt in seiner großen Majorität nur vorübergehende Stimmungen, schwankende Gefühle oder schwächliche „Sentiments.“ Für diese Mehrheit giebt es kein politisches Gewissen, deshalb auch mit geringen Ausnahmen keine politische Pflicht. In seiner Betheiligung an der Politik nimmt der Durchschnittsdeutsche darum meistens die Miene eines vornehmen, herablassenden Gönners an, der sich angeekelt und ermüdet zurückzieht, sobald sich die Ereignisse nicht seinem Wunsche gemäß entwickeln.
Wie dem aber auch sein möge, die deutschen Truppen zeigten sich überall, wo sie in's Feuer kamen, tüchtig und tapfer. Suffolk rühmt in besonderen Belobungsschreiben an ihre Fürsten, namentlich das Hanauer Regiment, welches bei Saratoga mit gefangengenommen wurde, und die Anspacher, welche bei Yorktown dasselbe traurige Loos traf. Da das englische Ministerium sonst, wo es nur konnte, auf Seiten seiner Lieferanten Fehler zu entdecken bemüht war, um ihre Ansprüche möglichst herunterzuschrauben, so kann dieses Lob sicher als aufrichtig und wohl verdient gelten. So erfreulich es nun auch im Interesse der freiheitlichen Entwicklung der Menschheit ist, daß unsere Landsleute in jenem Kriege gemeinschaftlich mit den Engländern geschlagen wurden, und so verdient und heilsam diese Niederlage auch war, so darf uns doch diese Genugthuung nicht verhindern, der militärischen Tüchtigkeit und bei allen Gelegenheiten bewiesenen Tapferkeit der deutschen Soldaten volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Die Mehrzahl der deutschen Truppen wurde im Sommer und Herbst 1783 und der kleinere Rest im Frühling 1784 wieder nach ihrer Heimath eingeschifft. So trafen sie hier gegen Ende 1783 und im Laufe des Jahres 1784 wieder ein.
[Zwölftes Kapitel.]
Es bleibt uns zum Schluß noch übrig, der deutschen Offiziere und ihres Verhältnisses zum Kriege sowohl und ihren englischen Kameraden, als auch zur Krone England und zu ihren Landesvätern zu gedenken.
In ihrer großen Mehrheit fühlten sie das Schiefe und Demüthigende ihrer Stellung nicht. Meist dem niedern Adel angehörend, der wenig mehr gelernt hat als was er nothwendig für's Lieutenants-Examen braucht, und der seit Jahrhunderten für Kost und Logis damals so gut seine Haut zu Markte trug, wie noch heute, kannten sie, wie alle schlecht bezahlten oder halb gebildeten Leute, gar nicht das Gefühl persönlicher Würde und Verantwortlichkeit. Sie waren stolz darauf, zu dienen und Landsknechte zu sein, die sich auf das Geheiß Serenissimi, ohne nach irgend einem Grund zu fragen, an's andere Ende der Welt schaffen lassen und ebenso gleichgültig für die schlechteste wie für die beste Sache kämpfen. Die Lieutenants und die Subaltern-Offiziere jubelten, daß sie aus ihren langweiligen Garnisonen ausrücken durften, daß sie von ihren Gläubigern vorläufig nicht weiter gequält werden konnten, und malten sich das ferne Land in den glänzendsten Farben aus, wo ihre Phantasie Alles zu finden hoffte, was sie zu Hause nicht hatten. Nichts ist erklärlicher als diese freudige Stimmung, wenn man sich die Verhältnisse dieser kleinstaatlichen Truppen im Friedensstande vergegenwärtigt. Zu Hause überall Kleinlichkeit und Armseligkeit, karge Besoldung, kümmerliche Verpflegung, schlechte Behausung und langweiliger Dienst; in der Fremde dagegen ein bewegtes Kriegsleben mit seinem steten Wechsel, seinen Anregungen und Anspannungen, ja ein unbekannter Kontinent mit tausend neuen, Auge und Geist gleichmäßig einnehmenden Erscheinungen und Vorkommnissen, endlich ein großer, lange nicht mehr gekannter Armee-Verband, doppelte Löhnung und reichliche, ja verschwenderische Verpflegung und Aussicht auf schnelle Beförderung! Welcher junge Offizier hätte da nicht mit Freuden zugegriffen und sich nicht glücklich gepriesen, den Krieg in Amerika mitmachen zu dürfen?
Kaum dort angekommen, wurde ihm aber die Kehrseite der Medaille sichtbar. Statt des geträumten Reichthums überall fast Noth und Mangel, statt der gehofften Kameradschaft kaltes zugeknöpftes oder gar höhnisches Wesen der englischen Offiziere, statt des raschen Avancements geringe Verluste und meist langweiliger Dienst unter Strapazen und Entbehrungen aller Art. „Daß alle Kapitains und Subalterne zu Fuß gehen müssen — schreibt der Lieutenant v. Molitor am 4. July 1777 aus dem Lager von Staaten Island an den Hauptmann v. Ellrodt in Anspach — habe ich Ihnen schon gemeldet. Die Theuerung ist enorm. Was man bei uns in theueren Zeiten vor einen Konventionsthaler kauft, das muß man hier vor eine Guinee bezahlen. Unsere Leute bekommen Tag vor Tag gesalzen Schweinefleisch und alten Zwieback. So lange wir auf dem Lande sind, haben sie erst zwei Mal frisch Fleisch bekommen.“ Noch mehr klagt der Lieutenant Bartholomae in einem Briefe aus New-York am 9. Dezember 1779 an Gemmingen geschriebenen Briefe. „Wir anspacher Jäger sitzen auf Spuytin Devil (gegenüber dem nördlichen Ende der Insel New-York). Möchten Ew. Exzellenz ein Mittel ausfinden, wie ich auf gute Art zurückkommen könnte. Ich muß hier schlechter als ein Bettler in Deutschland leben, kann mir weder etwas sparen noch bei meinem gegenwärtigen Dienste Ehre erwerben. Die große Theuerung und Anschaffung der Equipage ist nicht auszuhalten. Wie thöricht war ich, den amerikanischen Krieg mit dem deutschen zu vergleichen. Finden Sie ein Mittel, wie ich nur mit Ehren aus diesem Fegefeuer, dieser Hölle erlöst werden kann.“ Bartholomae berechnet sein monatliches Einkommen auf sechs Guineen und drei Thaler, welche ihm nach Abzug der doppelten Provision bleiben. Davon gehen ab zwei Pfund für den Vorschuß, ein Pfund für den Bedienten, ein Thaler für den Feldscheer oder Barbier, zwei Thaler für die Wäscherinn; mithin bleiben drei Guineen für Essen und Trinken, Frühstück, Rauchen und Schnupftaback. Ein Pfund Fleisch kostet 1 fl. 8 kr., ein Pfund Butter dasselbe.
Andrerseits hatte keiner dieser Offiziere eine Ahnung von der Macht des Volkes, von der Existenz einer Nationalkraft und den letzten Gründen der amerikanischen Erhebung. Mit dem Augenblick, wo sie von England übernommen wurden, fingen sie auch pflichtmäßig an, über das amerikanische Rebellengesindel zu schimpfen. In Amerika angelangt, wunderten sie sich über die Wohlhabenheit und den Reichthum des Farmers und berichteten ganz naiv nach Hause, daß eine Neu-Engländerin oder Staaten Isländerin bessere Kleider, ja selbst ein feineres Benehmen habe, als selbst manche junge adelige Dame in Deutschland. Namentlich waren sie von der Schönheit und Eleganz der Frauen entzückt. Unter zehn Mädchen finden sie kaum eins, welches nicht schön wäre. „Ihr Anzug — meint Lieutenant v. Wöllwarth, der auf diesem Gebiete ein Kenner zu sein scheint — ist der vortheilhafteste von der Welt, eine geschmackvolle Vermittlung zwischen französischer und englischer Mode mit eigenen Zuthaten: das giebt der angeborenen Schönheit ein um so reizenderes Aussehen.“ Um so schlimmer war es mit dem politischen Urtheil der Herren bestellt. So schrieben sie die Revolution nur dem Uebermuthe des „frechen Packs“ zu, dem es unter englischer Herrschaft zu gut gegangen sei. Auch die höheren Offiziere zeigen nirgends ein Verständniß für die politischen Fragen, die sich im amerikanischen Kriege zur Entscheidung drängten. Es sind manche interessante militärische Denkschriften von ihnen erhalten, aber nirgend wird die Politik selbst nur als untergeordneter oder beiläufiger Faktor der Ereignisse erwähnt. Das Volk hat rebellirt, also muß es mit der „ultima ratio regis“ zur Raison gebracht werden — in diesen paar Worten erschöpft sich die ganze politische Anschauung der damaligen deutschen Offiziere. Da geht, unmittelbar nach der Schlacht, die das Geschick eines ganzen Kontinents entscheidet, ein deutscher Oberst am Meeresstrand spazieren, sucht Muscheln und preis't die „Allmacht des Schöpfers“. Ein anderer sieht von den Höhen von Brooklyn aus, wie die ganze englische Flotte vor Anker geht und sich anschickt, die Stadt zu bombardiren. Das große ungewohnte Schauspiel hat wenig oder gar keinen Reiz für ihn, aber er vergleicht New-York, das strahlende, Europa zugekehrte Auge Amerika's, mit preußisch Minden, das ungefähr von derselben Größe und Ausdehnung sei. Es klingt heutzutage wahrhaft komisch, wenn man diese Parallele zwischen der größten und der reichsten Stadt der neuen Welt und zwischen dem verschuldetsten rotten borough preußischer Offiziere liest. Ein Dritter endlich erzählt den Seinigen daheim, daß der bei Brooklyn gefangen genommene General Sullivan dem Metzgermeister Fischer in Rinteln auf's Haar gleiche und schimpft über die Mosquitos, die ihm die geträumten Freuden in der neuen Welt gleich anfangs verleiden.
Dieses Kleben an Nebendingen, welches nur den engen Kreis der persönlichen Interessen kennt, tritt uns, kaum zwei oder drei nennenswerthe Ausnahmen abgerechnet, in den Aufzeichnungen der deutschen Offiziere über den amerikanischen Krieg überall entgegen. Der werthvolle Aufschluß, den wir über einzelne Ereignisse und Personen erhalten, findet sich nur gelegentlich und meistens unter einem Haufen von gleichgültigen Notizen versteckt. Politisches Urtheil hat Keiner der Tagebuchschreiber.