Auch die übrigen deutschen Truppen hielten sich soldatisch tapfer und blieben in ihrer sehr großen Mehrzahl selbst im Unglück ihrer Fahne treu. Die nach der Uebergabe von Yorktown in Frederick in Maryland internirten Anspacher verloren kaum den achten Theil durch Desertion, obgleich sie fast zwei Jahre lang in Gefangenschaft schmachteten und sehr schlecht gehalten wurden. Es ist ein hoher Beweis für die Tüchtigkeit und Disziplin der hessischen Regimenter, daß die Soldaten, trotzdem daß ihre Reihen in den letzten Jahren des Krieges mit allem möglichen Gesindel ausgefüllt wurden, in verhältnißmäßig geringer Zahl desertirten und standhaft bis an's Ende aushielten. Bei den kleineren Kontingenten kamen allerdings mehr Desertionen vor, allein gleichwohl waren sie klein im Verhältniß zu den sich bietenden Gelegenheiten, zur Unmöglichkeit der Habhaftwerdung der Deserteure und überhaupt zum Charakter der damaligen Heeres-Organisation. Diese Angabe stützt sich auf etwa vierzig Tagebücher von Offizieren, Unteroffizieren und Gemeinen. Amerikanische Novellisten à la Cooper und deutsche Tendenz-Schriftsteller werden zwar nicht müde, diese unglücklichen, fremden Interessen geopferten Miethlinge als einen verächtlichen, kaum des Widerstandes fähigen Haufen zu schildern; allein diese Phantasien werden von den Thatsachen auf Schritt und Tritt Lügen gestraft. Die hessische Infanterie jener Zeit war jedenfalls ebenso gut als die preußische, die beste des Jahrhunderts. Sie hatte gemeinschaftlich mit dieser die Schlachten des siebenjährigen Krieges gewonnen und sich im vorigen Jahrhundert in allen Theilen Europa's durch ihre Tapferkeit, Disziplin und Unverwüstlichkeit ausgezeichnet. Kaum in Amerika gelandet, entscheidet sie hauptsächlich durch ihre Bravour den Feldzug des Jahres 1776 zu Gunsten der Engländer. Die amerikanische Landbevölkerung hatte einen solchen Schrecken vor den Hessen mit ihren Bärenmützen und Zuckerhüten, daß sie dieselben als eine Art Menschenfresser fürchtete, und daß Washington, um diese Vorurtheile zu brechen, einen Theil der bei Trenton gefangenen Hessen durch die Straßen Philadelphia's führen und dem Volke zeigen ließ. „Die Herren Hessen machen Unmöglichkeiten möglich“, meinte der sich ihnen ergebende amerikanische Kommandant des Forts Washington. Die Braunschweiger bewährten in glücklichen und unglücklichen Gefechten, bei Hobartstown, Bennington und Stillwater ihre alte Tüchtigkeit und Tapferkeit, und wahrlich, sie so wenig als die Hanauer trifft der Vorwurf, daß sie bei Saratoga in feindliche Gefangenschaft fielen. Auch die kleineren Kontingente, namentlich die Waldecker und Anspacher, schlugen sich sehr gut. Jene stürmten im Verein mit den Hessen Fort Washington und kämpften in den letzten Jahren des Krieges tapfer mit den Engländern in Florida und am Missisippi gegen die Spanier; die Anspacher aber hatten im Norden ehrenvollen Antheil an der Eroberung der Festen Clinton und Montgomery und im Süden an den Siegen des Lord Cornwallis, mit dem sie freilich zuletzt in Yorktown in Gefangenschaft geriethen. Wo aber die Mannschaften nicht viel taugten und lediglich zum Festungsdienst, wie z.B. die Zerbster, verwendet wurden, waren die Offiziere desto tüchtiger und durchgreifender.

Wenn die englischen Waffen gleichwohl unterlagen, so war es wahrlich nicht die Schuld der deutschen Soldaten, sondern die Unfähigkeit der verantwortlichen Offiziere und die Kurzsichtigkeit der englischen Politik.

Es liegt natürlich außerhalb der Gränzen unsrer Aufgabe, die Mitwirkung der deutschen Truppen auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen Amerika's eingehend zu schildern. Es möge deshalb die kurze Bemerkung genügen, daß die Hülfstruppen nie selbständig auftraten, sondern den einzelnen englischen Korps beigegeben waren und deshalb im Norden und Süden überall mit zur Verwendung kamen. Wie an den Siegen des Jahres 1776 den Löwenantheil, so hatten sie in der Folge auch an dem Unglück, welches die englischen Waffen traf, ihr volles Maß. Wenn sich nun auch die Hessen ihre Gefangennahme bei Trenton selbst zuzuschreiben hatten, so sind die übrigen Kontingente dagegen an den Kapitulationen unschuldig, in welche sie mitverwickelt wurden. Es ist nicht zu viel gesagt, daß der leichtfertige Burgoyne sich bei Saratoga nicht würde haben ergeben müssen, wenn er zur rechten Zeit auf den wohlmotivirten Rath eines so erfahrenen Generals wie Riedesel gehört hätte. So geriethen denn die Braunschweiger und das hanauische Regiment in amerikanische Gefangenschaft, in welcher sie bis zum Ende des Krieges bleiben mußten. Die Anspacher (1073 Mann stark), sowie die hessischen Regimenter Erbprinz und Bose gehörten in den Jahren 1780 und 1781 zu Cornwallis' Armee und mußten sich endlich mit ihr bei Yorktown dem General Washington ergeben. Unter den Gefangenen befand sich auch der damalige Jägerhauptmann spätere General Ewald, ein ausgezeichneter Offizier und Militärschriftsteller, der nach seiner Rückkehr zuerst in preußische und später in dänische Dienste trat und in der preußischen Armee den Schützendienst nach amerikanischem Muster ausbilden half. Während die Zerbster in Kanada blieben, wurden die Waldecker im fernsten Süden verwandt und auf dem Umwege über Jamaica nach Florida geschickt. Hier belagerten sie zu Anfang des Jahres 1781 Pensacola, wo beim Sturm auf die Werke ihr Oberst Hanxleden fiel. Zwei ihrer Kompagnien, welche nach Baton Rouge am Missisippi beordert waren, wurden von den Spaniern gefangen genommen. Es mag hier als besondere Merkwürdigkeit erwähnt werden, daß die Waldecker unter den Indianern bei Pensacola einen Landsmann, Namens Brandenstein aus Königshagen fanden, welcher heimlich aus dem Schlosse in Waldeck entwischt war und ihnen jetzt als Dolmetscher gute Dienste leistete. Er stand als Häuptling an der Spitze von etwa 2000 Indianern, deren Tracht er trug und von denen er sich nur durch seine Gesichtsfarbe und seinen Bart unterschied.

Von den Beschwerden und Entbehrungen, unter denen die Soldaten namentlich im Süden litten, kann man sich in Europa kaum annähernd einen Begriff machen. Im Sommer herrschte eine ebenso unerträgliche Hitze als im Winter grimmige Kälte; dabei gingen die langen Märsche durch unangebaute, meist unwirthliche Gegenden, in welchen nur ausnahmsweise Lebensmittel aufzutreiben waren. Der Sonnenstich war nichts Seltenes; die Soldaten wurden einige Mal auf dem Marsche oft wahnsinnig vor Durst, aus Hunger machten sie sich aus dem für ihre Zöpfe bestimmten Puder häufig einen Brei. Auch in den Garnisonen hatten sie meist schlechte Verpflegung und nur ausnahmsweise frisches Fleisch. Dabei Ungeziefer am Leibe und Ungeziefer in der Luft und am Boden, namentlich aber die blutgierigen Muskito's, welche den armen Teufeln den Schlaf raubten. Das Lagern in den Sumpfniederungen erzeugte heftige Fieber. Das schlechte Trinkwasser war ohne Rum gar nicht zu genießen. Für Bier und Wein, welche den englischen Soldaten zugänglich waren, fehlte den Deutschen das Geld. So stellte sich namentlich in den südlichen Garnisonen eine große Sterblichkeit ein. Dazu kam die den deutschen Söldnern doppelt gehässige Stimmung der Eingeborenen. Mit welcher Rücksichtslosigkeit aber die armen Gefangenen behandelt wurden, mag in den treuen Berichten der Frau v. Riedesel nachgelesen werden, welche deren Loos freiwillig mehrere Jahre theilte. Es würde unter diesen Umständen ein Wunder sein, daß die Regimentsverbände trotzalledem noch zusammenhielten, wenn nicht eine grausame eiserne Disziplin den Dienst erzwungen hätte. Daß die Soldaten, wenn sich nur eine Gelegenheit dazu bot, dagegen nicht blöde im Zugreifen und Zerstören waren, versteht sich bei dem damaligen Heeres-Charakter ganz von selbst. Ihre größte Klage ist, daß sich solche Gelegenheiten so selten boten. Es findet sich in den anspacher Manual-Akten die Beschreibung der Plünderung von Westfield und New Brunswick im Staate New Jersey, die zugleich mit moralischen und allgemeinen Betrachtungen durchflochten, das zu charakteristische Produkt eines Landsknechts ist, als daß sie hier nicht ihren Platz verdiente.

„Auf unserm letzten beschwerlichen Marsch — schreibt der Soldat am 4. Juli 1777 aus Staaten-Island — hätten wir eine ganze Stadt mit allem möglichen Vieh, Kupfer und Zinn, mit dem feinsten Weißzeug und allem Hausrath versehen können. Unsere Leute haben mehr als zweihundert Schweine erstochen und liegen lassen. Die Thränen stehen mir in den Augen, wenn ich das schöne und glückliche Land betrachte und Zeuge sein muß, wie Alles ruinirt wird. Es wird uns Alles Preis gegeben. Ich habe mir einen ledernen Leibgurt machen lassen, um solchen mit Guineen zu füllen. Ich kann Ihnen versichern, daß der Theil von Amerika, worinnen wir sind, und den wir durchmarschirt, mit allem Rechte mit einem Paradiese könnte verglichen werden, wenn der Teuffel, der allein Schuld ist, den Samen der Zwietracht nicht ausgestreut hätte. Ewig Schade, daß Alles ruiniret und verheeret wird! Das Herz blutete mir, als wir von Brunswick zurückmarschirten, wo unsere Grenadier-Kompagnieen die Arriere-Garde machten und alle Häuser in Brand stecken mußten. Selbst in Brunswick blieb kein Haus und Fenster ganz, alle Mobilien wurden auf die Gasse geworfen, worunter das allerschönste weiße Zeug, Zinn und Kupfer war. Die Betten wurden aufgeschnitten und die Federn ausgeschüttet. Aus Mangel an Wagen konnten wir nichts mitnehmen, außer einige Grenadiers haben Sackuhren, silberne Löffel, Thee- und Kaffee-Kannen mitgenommen. Die meisten Häuser sind herrlich und nach holländischer Art gebaut, und mit den feinsten Tapeten garniret. Nichts als die Pracht, Ueberfluß und Wollust hat die Leute zur Rebellion gebracht, denn kein angesessener Einwohner arbeitet das Geringste; sie haben ihre Mohren, welche Sklaven sind. Diese müssen das Land bearbeiten, und die Einwohner bringen ihr Leben in Müßiggang zu. Wenn wir wieder kommen, so bringe ich Ihnen eine schwarze Sklavinn mit.“

Die gemeinen Soldaten bestanden eben, wie das bei der Art ihrer Aufbringung nicht anders sein konnte, aus allen möglichen Individuen, vom verlaufenen Mönch und verkommenen Offizier an bis zum Studenten, Handwerker, Künstler und Bauern. Daß aber selbst die gebildetsten unter ihnen das an ihnen begangene Verbrechen nicht fühlten, für diese beklagenswerthe Erscheinung liefert den schlagendsten Beweis der bereits angeführte deutsche Dichter Johann Gottfried Seume. Derselbe war als Student der Theologie zwischen dem kirchlichen Dogma und seinem Gewissen in Widerspruch gerathen, und verließ, neunzehn Jahre alt, Leipzig, um in Paris Mathematik zu studiren. Auf dem Wege dahin wurde er von landgräflich hessischen Werbern aufgefangen und ohne Weiteres den nach Amerika verkauften Rekruten einverleibt. Seume's Erzählung seiner Pressung und erzwungenen Reise nach Amerika ist einer der werthvollsten und interessantesten Beiträge zur Geschichte des fürstlichen Menschenhandels. Zeigt sie auf der einen Seite, wie kein junger gut gewachsener Reisender, mochte er nun Student oder Handwerker, Künstler oder Kaufmann sein, seiner Freiheit sicher war und befürchten mußte, in die Hände der Menschendiebe zu fallen, so beweist auf der andern Seite die Ruhe und fast objektive Gleichgültigkeit, mit welcher Seume von diesem frechen, gewaltsamen Eingriff in sein Leben spricht, wie wenig Werth das Individuum seinem Ich beilegte, wie wenig selbst von den gebildeteren Geistern der Zeit eine solche Rohheit empfunden wurde. Man glaubt sich fast nach dem Königreich Dahomey versetzt, wenn man diese Diebsstückchen des hessischen Landgrafen liest. Man vergegenwärtige sich nur die Thatsachen! Ein sächsischer Student, der den hessischen Landesvater kaum dem Namen nach kennt und ihm jedenfalls nichts zu Leide gethan hat, wandert arglos auf der Landstraße nach Fulda. Dort wird er überfallen, überwältigt und als Arrestant des Landgrafen nach dessen Festung Ziegenhayn gebracht. Warum? Weil er die erforderliche Größe für einen Soldaten hat, weil also Geld aus ihm herauszuschlagen ist und weil er die Frechheit besitzt, sich seiner Haut zu wehren, seine persönliche Freiheit, das Einzige, was er auf der Welt sein nennt, zu vertheidigen. Ein ähnliches Schicksal mit Seume theilten hundert andere Unglückliche. Als sie den an ihnen begangenen Gewaltakt durch ihre Selbstbefreiung wieder sühnen wollten, erlagen sie und wurden beim Gassenlaufen halb todt geprügelt — „es war eine grelle Fleischerei“, bemerkte Seume — zum Galgen verurtheilt oder aus Gnade von demselben Landgrafen, der sie schamlos gestohlen hatte, in Kassel in die Eisen geschmiedet. Wer nicht an den Mißhandlungen zu Grunde ging, ward dann wie ein Häring in's Schiff eingepöckelt und in dieser Lage zu keinem andern Zweck, als um den Beutel des hessischen Menschendiebes zu füllen, bis an's und über's Meer geschafft.

Die schrecklichen Einzelheiten möge der Leser selbst in Seume's Leben nachlesen und dann seine Schlüsse aus der Erzählung ziehen. Die Theilnahmlosigkeit, die resignirte Ruhe, mit welcher Seume von sich spricht und mit welcher er sein furchtbares Loos als eine humoristische Schicksalstücke auffaßt, zeigt uns die empörende Wirkung dieser kleinstaatlichen Willkür und Gewaltthätigkeit auf die Anschauung des durch sie verwilderten deutschen Volkes. „Ich ergab mich — sagt Seume — in mein Schicksal und suchte das Beste daraus zu machen, so schlecht es auch war. Mir zerriß man meine akademische Inskription, als das einzige Instrument meiner Legitimirung. Am Ende ärgerte ich mich weiter nicht; leben muß man überall; wo so Viele durchkommen, wirst Du auch. Ueber den Ozean zu schwimmen, war für einen jungen Kerl einladend genug, und zu sehen gab es jenseits noch etwas. So dachte ich.“

In diesem Tone geht's fort. Für eine so harmlose idyllische Existenz giebt es keinen Haß und keine Erbitterung, keinen Racheplan gegen den Seelenverkäufer und seine Henkersknechte, ja kaum eine Hoffnung auf Erlösung. Seume begreift gar nicht das an ihm begangene Unrecht und mit dem leichtsinnigen Troste, daß das menschliche Leben kaum mehr als ein schlechter Witz sei, hilft er sich über eine Situation hinweg, die sich in jedem individueller ausgeprägten Charakter zum tragischen Konflikte auf Leben und Tod zugespitzt haben würde. Folgerichtig bildet sich dann später in dem von den Gewalthabern der Heimath verfolgten und unter harten Kämpfen zum Manne herangereiften Dulder der ohnmächtige Grimm gegen die schlechte Wirklichkeit zur kulturfeindlichen Schwärmerei für wilde Natur und Freiheit aus. Er malt sich das Glück des Daseins unter unverdorbenen, ursprünglichen Umgebungen in glänzenden Farben, macht, um möglichst Naturmensch zu sein, Fußreisen nach Schweden oder einen „Spaziergang nach Syracus“, oder flüchtet sich in die Wildniß zu den kanadischen Indianern, die eben, „weil sie Europa's übertünchte Höflichkeit nicht kennen, doch bessere Menschen sind als die Weißen“. Diese schiefen Anschauungen à la Rousseau waren wahrer Balsam für die Zeitgenossen Seume's, welche eben angefangen hatten, den Widerspruch zwischen ihren gedrückten bürgerlichen Verhältnissen und ihren himmelstürmenden Idealen zu erkennen, und vorläufig beim ersten Stadium dieses geistigen Konflikts, bei einer schwächlichen Sentimentalität angekommen waren.

Fern sei es, deshalb einen Stein auf den wackern Seume zu werfen. Er hat redlich gestrebt und trotz aller persönlichen trüben Erfahrungen und Widerwärtigkeiten den Glauben an die Menschheit nicht aufgegeben; allein unser berechtigter Fluch treffe die Menschen und die Zeit, welche energisch angelegte Naturen zu bloßen Spielbällen des Schicksals erniedrigten und selbst in der Brust der edleren Geister das Gefühl der persönlichen Würde und den Glauben an den Beruf ihrer Nation so gründlich zu ersticken wußten, daß sie ihre Ideale bei den Wilden suchen mußten. Leider hat Seume den mächtigen Aufschwung seiner Nation nicht mehr erlebt, da er zur Zeit ihrer tiefsten Erniedrigung (1810) starb. In einem wenig poetischen, aber politisch energischen Gedichte, welches er in seinem Todesjahre an das deutsche Volk richtete, ist es wohlthuend, seinen Haß und seine Verachtung der fürstlichen Seelenverkäufer, wenigstens am Schluß seines Lebens, noch kräftig betont zu sehen.[7]