Der erstere erschien einfacher und entsprach der allgemeinen Anschauung. Pastor Thule in Baumgarten schrieb 1778: »Es wäre auch zu wünschen, daß man mehr hochdeutsche Schulmeister hätte. So lange die Schulmeister mit den Kindern immer noch nicht anders als plattdeutsch sprechen und sprechen können: so lange wird der gemeine Haufe in Ansehung der Verfeinerung ihrer Begriffe und Sitte nicht weit kommen. Die Bücher, die man ihnen in die Hand gibt, müssen ihnen ohne Zweifel barbarisch lauten und ziemlich unverständlich sein. Auf Reisen habe ich es auch durchgehends bemerkt, daß, nach dem in einem Lande die Sprache der Schriftsprache mehr oder weniger nahe gekommen ist, auch des gemeinen Mannes Seelenkräfte mehr oder weniger ausgebildet gewesen sind.« — Aber auch gesteigerte Bemühungen, dem hochdeutschen aufzuhelfen, hatten nicht sobald den erwarteten Erfolg. Der Vf. des erwähnten Aufsatzes in der ev. Kirchenztg. v. 1829 spricht von der Erfolglosigkeit des bisherigen Mittels, durch Unterdrückung der Landessprache zum Ziel zu kommen. Zwar geschähen auch jetzt noch dergleichen Schritte, aber die Erfolglosigkeit liege dem klar vor Augen, der unmittelbar unter dem Volke wirke.
Derselbe Verfasser war es nun, der als erster statt der gegenteiligen Bemühungen die Rückkehr zur »sassischen« Kirchensprache empfahl. Seine Ausführungen sind von großer Klarheit und Kraft. Hengstenberg hielt sie für wichtig genug, um in einer Anmerkung eine weitere Behandlung der aufgeworfenen Frage anzuregen. Den Weg denkt sich der Verfasser so, daß anfangs Teile der Predigt, später einzelne Predigten ganz, abwechselnd mit hochdeutschen, endlich alle Predigten »sassisch« gehalten werden sollten. Allmählich sollte auch das kirchliche Schrifttum folgen und so die kirchliche Reform vollendet werden.
Cl. Harms, welcher gelegentlich empfehlend auf jenen Aufsatz hinwies, neigte bei aller zurückzuhaltenden Vorsicht zu der Annahme, daß das auch ihm anliegende Problem in Richtung einer Wiederbelebung plattdeutscher Kirchensprache, wenn auch nicht in so radikalem Umfange, zu lösen sei. Er warnt zwar junge Pastoren, beim Amtsantritt in einer Landgemeinde frischweg mit der plattdeutschen Predigt anzufangen, — dazu sei die Sache noch zu grün, — aber er spricht dreierlei aus, 1. die plattdeutsche Predigt sei nicht verboten, 2. auf die öffentliche Meinung und Befehle der Oberen sei nicht erst zu warten, und 3. die Jüngeren seiner Zuhörer würden es vielleicht noch erleben, daß wieder in plattdeutscher Sprache zu predigen angefangen werde.
Damals schienen alle Vorbedingungen zu endgültiger Lösung des Problems gegeben zu sein. Aber ein tiefgehender Prinzipienstreit beschäftigte die Kirche bald so sehr, daß die Frage der Kirchensprache versandete. Vielleicht sind es Ausläufer dieser Anregungen gewesen, wenn Louis Harms an Sonntagabenden auf seiner Hausdiele plattdeutsche Bibelstunden hielt oder in Schleswig-Holstein plattdeutsche Missionsstunden gehalten wurden oder endlich den »Kropper Kirchl. Anzeiger« eine »plattdeutsche Zugabe« begleitete. Jedenfalls zeigten diese und andere Gelegenheiten, daß die plattdeutsche Sprache ihren Anspruch auf Berücksichtigung durch die Kirche aufrecht erhalte.
In den letzten 50 Jahren hat die Zeit Riesenschritte gemacht, und auch die Sprachenfrage in Niederdeutschland hat sich entsprechend verschoben. Das Zeitalter des Verkehrs hat die Bevölkerung durcheinandergeworfen; das gehobene Bildungswesen mit ausschließlich hochdeutscher Geistesnahrung, das gesteigerte öffentliche und politische Leben mit Tageszeitungen und Volksversammlungen: dies und viel anderes mehr hat mitgewirkt, die Sprachgrenzen zu verrücken, und zwar zu Ungunsten des Niederdeutschen. Wie ein Strom bei Hochwasser die Deiche überspült, höher und höher steigt das Wasser auf Wiesen und Ackerland, — so hat mit sicherer Gewalt das Hochdeutsche an Boden gewonnen. Weite Strecken, die vor 100 Jahren noch ein niederdeutsches Gesicht hatten, sind heute, die einen nicht mehr, die anderen kaum noch dafür anzusprechen. Selbst da, wo Sprache und Art noch am festesten stehen, gewinnt das Hochdeutsche von Volksschicht zu Volksschicht von Familie zu Familie an Raum.
So ist für eine Reaktion von niederdeutscher Seite die Zeit der letzten Möglichkeit gekommen, und man benutzt sie. Es hat eine plattdeutsche Gegenbewegung eingesetzt, die sich die Erhaltung und Pflege niederdeutscher Sprache und Art zur Aufgabe stellt.
Von dieser Seite angeregt ist auch die Frage der Kirchensprache erneut in Fluß gekommen. Im Jahre 1910 hielt auf der Möllner Lehrerkonferenz Pastor Hansen, damals in Pellworm, einen Vortrag über »Das gute Recht einer Wortverkündigung in der sassischen Landessprache«. Im Anschluß daran bildete sich ein Verein für Evangelisation und niederdeutsche Sprache und stellte sich die Aufgabe, vom Rat zur Tat zu schreiten. — Auf der Pfingsttagung des Allg. plattd. Verb. in Schwerin 1920 wurde nach einer plattdeutschen Predigt im Dom ein plattdeutscher Vortrag über »Plattdeutsch in der Kirche« gehalten, und auch hier war das Ergebnis ein Drängen zur Tat. — Im Oktober desselben Jahres wurde auf der niedersächsischen Dorfkirchentagung in Hannover von 2 Referenten das gleiche Thema behandelt, und es wurde hier der Satz geprägt: Für Niedersachsen konzentriere sich in der Frage des Plattdeutschen das ganze Problem der Dorfkirchenbewegung. — Auch in Pommern ist mit Verhandlungen eines Dorfkirchentages die Frage in Fluß gekommen.
An vielen Orten ist diesen Anregungen die Tat gefolgt. Es ist eine Bewegung entstanden, die nicht mehr zu übersehen ist, die an das Gewissen der Kirche klopft, zu der man Stellung nehmen muß.