Die Frage der Kirchensprache ist für uns eine kirchliche Frage und nur nach kirchlichen Gesichtspunkten und Interessen zu lösen. Deshalb sind auch die Wünsche und Anregungen, die der Kirche von der allgemeinen plattdeutschen Bewegung her entgegen treten, an kirchlichem Maßstab zu prüfen. Liebhaberei und persönliche Neigung dürfen ebensowenig entscheiden, als persönliche Abneigung und etwa Geringschätzung der plattdeutschen Sprache. »Nichts Kirchenfremdes gehört in die Kirche hinein«, sagte Kaftan von der Ausstattung der Gotteshäuser. Dasselbe gilt auch von der sprachlichen Ausstattung des Kultus. Ebenso gilt hierfür der Grundsatz, »daß die Kirche kein Antiquitätenkabinett sei«. Aber Kaftan sagt auf derselben Seite seiner »4 Capp. von der Landeskirche«: »Wir können nicht lediglich in der Kirche die Gewohnheit festhalten, die seit so und so viel Jahren war.«
Dieser Vorbehalt nach zwei Seiten hin möge gegenwärtig bleiben.
Wir stellen uns vor drei Fragen:
a. Die erste Frage betrifft das Interesse der Kirche an dem lebendigen Fortbestand der niederdeutschen Volkssprache, auch abgesehen von ihrem kirchlichen Gebrauch.
Auf der niedersächsischen Dorfkirchentagung von 1920 scheint dies Interesse übersehen oder stillschweigend verneint zu sein. Der Konv.-Studiendirektor Fleisch aus Loccum vertrat als Referent u. a. den Leitsatz: Geht das Plattdeutsch unter, so soll sich die Kirche dem nicht aus Liebhaberei und persönlichen Wünschen Einzelner in den Weg stellen, vielmehr ihrerseits zur Beschleunigung dieses Prozesses, soviel ihr möglich ist, beitragen.
Der kirchliche Gesichtspunkt dieses Leitsatzes ist der, daß die bisherige Weise des Nebeneinanderbestehens einer Kirchen- und einer Volkssprache so unerträglich und dem kirchlichen Leben so schädlich sei, daß nur die Wahl offen stehe zwischen aussichtsvollen Bemühungen zur Wiederbelebung einer plattdeutschen Kirchensprache in bestimmten Grenzen einerseits oder Maßnahmen zu beschleunigtem Untergange der Volkssprache andererseits. Es wird dabei aber die Möglichkeit übersehen, daß auch der Untergang der Volkssprache ein kirchliches Interesse treffen und schwer verletzen würde. Und diese Möglichkeit ist Wirklichkeit.
Die Sprache eines Volkes ist nicht wie ein Kleid, daß man nur äußerlich trägt und von heute auf morgen wechselt. Sie ist mit dem Sein und Wesen eines Volkes tief innerlich verknüpft. In der Sprache gibt und findet ein Volk sich selber. »Es besteht eine tiefe Wesensverbindung der Sprache mit dem Ich des Menschen« (Hashagen), und E. M. Arndt sagt: »Die Sprache eines Volkes ist der hellste Spiegel seines Gemüts und seines geistigen Lebens.« »Wer das Volk seines Dialekts entwöhnen will, zerstört mehr als bloßes Volkstum.« (G. Schlosser.) Laßt die Volkssprache sterben, — es stirbt mit ihr des Volkes bestes Teil.
Einer der Führer der plattdeutschen Bewegung, (Krüger, Gesch. d. niederd. Literatur.) schreibt: »In neuerer Zeit hat man erkannt, daß die Stärke eines Volkes in der Erhaltung seiner Eigenart liegt, und daß deren Schwinden ein Siechtum des Volkskörpers bedeutet. — Viel ist schon verloren, aber ein großes Gut gilt es noch zu schützen. — Zu der Eigenart eines Volkes aber gehört die Sprache, die aus seinem innersten Wesen erwachsen ist, in der sich sein ganzes Denken und Fühlen ausgeprägt hat.«
Auf früher, zu damaliger Zeit ungewöhnlicher volkspsychologischer Kenntnis beruht das warnende Wort in der Hengstenbg. Kirchenztg. von 1829: »Wir stehen an einem gefährlichen Wendepunkte. Es könnte ein »zu spät« geben, wenn aus dem sassischen Volke ein sprachliches Mischvolk erkünstelt ist, ebenso verderbt an Charakter wie an Sprache, beides hängt genauer zusammen als man denkt, von ebenso schlechter Bürgertreue und christlichem Sinn, als es annoch durch Loyalität sich auszeichnet und empfänglich fürs Christentum ist.«