Darum kann und darf die Kirche dem Sterben einer Volkssprache nicht teilnahmslos zusehen, geschweige denn zur Beschleunigung des Unterganges mitwirken. Sie hat genug gefehlt, wenn sie seit 300 Jahren an erster Stelle geholfen hat, die niederdeutsche Volkssprache in den Winkel zu drängen. Zu der alten Schuld darf sie die neue nicht fügen.
Alle Bestrebungen, auch die außerkirchlichen, welche die Volkssprache um ihrer selbst willen pflegen und erhalten wollen, verdienen den Anteil und, soweit es möglich ist, günstigen Beistand der Kirche. Sie als Volkserzieherin darf sich da nicht versagen. Es handelt sich um die Pflege des Ackerlandes, auf welchem sie pflügen und ernten will. Gäbe es keine plattdeutsche Bewegung, die Kirche hätte ein Interesse, sie hervorzurufen. Der schon mehrfach zitierte Verfasser des Kirchensprachenartikels in der Hengstenbergschen Kirchenzeitung schreibt: »Gleichzeitige Bemühungen, die Sprache um ihrer selbst willen zu retten und zu kultivieren, würden der kirchlichen Reform zu statten kommen, so wie durch diese wiederum jene Bemühungen unterstützt würden. Dahin rechne ich das Zusammentreten von Gesellschaften, die die ältere sassische Literatur bearbeiteten, die neuere aufmunterten.« Er empfiehlt weiter die Bearbeitung von Idiotiken zur Hebung des Sprachschatzes, einer Grammatik, die Gründung niederdeutscher Zeitschriften und selbst Zeitungen, um dann zu schließen: »Würden diese Hoffnungen nicht, (d. h. von außen her,) erfüllt, — ohne darauf zu harren beginne die Geistlichkeit, da auch sie allein die Reform der kirchlichen Sprache durchzuführen vermag, und werde die Wohltäterin des Volkes.«
b. Aber die verständnisvollste Pflege der niederdeutschen Sprache bindet noch nicht das Urteil über die Kirchensprachenfrage. Deshalb sei eine zweite Frage mit Cl. Harms’ Worten gestellt: Wird wohl der hochdeutsche Prediger überall von den Leuten verstanden?
Eine Statistik läßt sich zu dieser Frage nicht aufmachen. Urteile und Auskünfte der Kirchgemeinderäte und Pastoren wären von zweifelhaftem Werte. Daß von irgendwo her Beschwerden kämen, man verstehe die hochdeutsche Predigt nicht, — wie 1607 in Plau, — die Zeiten haben wir gehabt. Wem heute der Gottesdienst nichts bietet, quittiert durch Fernbleiben, wo nicht die Sitte anders zwingt. Zwischen 2 Sprachen, auch zwischen Hochdeutsch und Plattdeutsch, liegt eine kleine Welt. Die Welt der einen schließt sich dem, der aus der anderen kommt, nur zögernd auf. So auch die plattdeutsche Welt dem hochdeutschen Pastor. Es kommt bei letzterem viel Selbsttäuschung vor. Cl. Harms war bis zu seinem 19. Jahre ein Bauernknecht gewesen, darum kannte er das Volk aus dem Grunde und konnte von einem starken Vorrat an Beispielen des Mißverstehens und Nichtverstehens reden. Auch heute kann, wer das Volk wirklich kennt, wer offene Augen und Ohren hat, und der günstige Zufall kommt ihm zu Hilfe, manche wunderbare Entdeckungen machen. — Wo kein Feuer ist, ist auch kein Rauch. Auch die zahlreichen Anekdoten auf diesem Gebiet lassen auf begründete Unterlagen schließen.
Es gilt dies natürlich nur von den Gemeinden und Gemeindeteilen, deren Umgangs-, Haus- und Herzenssprache heute noch Plattdeutsch ist. Auch da ist noch ein großer Unterschied zu machen zwischen Stadt und Land, nach dem Grade der Schulbildung und Begabung, nach der Gelegenheit und Gewohnheit hochdeutschen Umgangs und hochdeutscher Lektüre. Es würde natürlich weit über das Ziel schießen, wollte man allgemein sagen, die hochdeutsche Predigt gehe über die Köpfe weg.
Es wird zugegeben, daß eine gute Dorfschule die begabte Hälfte der Kinder, vielleicht noch etwas mehr, dahin fördert, daß sie einer volkstümlichen hochdeutschen Predigt folgen können. Vielleicht waren sogar die bisherigen Schulen mit ihren vielen Religionsstunden keine üble Vorbereitung hierfür. Jede der Religionsstunden war auch eine hochdeutsche Sprachstunde, in der gerade der Wortschatz und die Gedankenwelt zur Uebung kam, die das Verständnis der hochdeutschen Kirchensprache ermöglicht. — Aber neben den Begabten sitzt in der Schule die Menge der Beschränkteren, die mit dem Hochdeutschlernen ihre Not haben. Auch unter den besten Verhältnissen wird sich ein Bruchteil der Klasse finden, dem die Sache über den Kopf geht. Es ist immer eine fremde Sprache, die gelernt werden soll. Unseren echt plattdeutschen Kindern würde es leichter werden, die englische Umgangssprache zu erfassen, als das hochdeutsche. Aussprache, Wort- und Satzbildung, die ganze Phraseologie, sind dort dem Plattdeutschen ähnlicher als hier. Die niederdeutsche Dorfschule soll mehr leisten, als die Dorfschulen sonst im Reich. Neben dem gleichen Wissensgebiete soll dort die Welt einer zweiten Sprache erschlossen werden. — So bleiben Viele im Deutschen so schwach, daß sie durch Zuhören eine hochdeutsche Rede im Zusammenhange nicht erfassen können. Wir würden uns wundern, wenn wir all das Verkehrte auf einem Haufen sähen, was in einer niederdeutschen Dorfkirche bei der Aufnahme einer einzigen hochdeutschen Predigt zustande kommt. — Das Gelernte wird auch bald vergessen. Der eine bleibt wohl in Uebung, durch gelegentlichen Umgang und Lektüre, der andere hört nach der Schulzeit nur noch in der Kirche, wenn er hingeht, hochdeutsch. Wo dann das bischen Gelernte bleibt, ist klar.
Also gibt es in Niederdeutschland nicht wenige Gemeindeglieder, die nicht genug Hochdeutsch verstehen, um hochdeutscher Predigt folgen zu können. Es bleibe dahin gestellt, wie groß hier oder dort der Gemeindeteil ist, für den dies zutrifft. Unmöglich aber ist es, in Abrede zu nehmen, daß hier ein Notstand vorliegt, dem die Kirche nachgehen muß.
c. Aber selbst wenn dieser Notstand bestritten werden sollte, würde doch die weitere Frage bestehen, ob die Muttersprache durch eine später erlernte Sprache für die Zwecke der Kirche vollwertig ersetzt werden kann, selbst wenn diese Sprache formell beherrscht wird.
Das Sprachenwunder am 1. Pfingsttage hat nicht nur die Bedeutung, der Kirche gleich in ihrer Geburtsstunde die Wegrichtung zu allen Völkern zu weisen, sondern auch die Bedeutung, für alle Zeit zu lehren, daß der Weg zum Herzen der Völker nicht durch eine allgemeine Kirchensprache, sondern durch die Muttersprache jedes Volkes gehe. Diesen Wink hat die ev. Mission verstanden. Warneck schreibt einmal: Die Pflege der Muttersprache sei für den Missionar ein Gegenstand von besonderer Wichtigkeit. Allgemein sei der Grundsatz anerkannt, jedem Volk gehöre das Evangelium in seiner Muttersprache. Leider gebe es Missionare genug, die von der Krücke des Dolmetschers niemals ganz loskommen, und noch mehr, die das Sprachproblem in seiner eigentlichen Wurzel kaum verstanden haben: nämlich sich so in die geistige Art des fremden Volkes, in seine ganze Denk- und Anschauungswelt einzuleben, daß es ihnen möglich wird, den Eingeborenen wirklich voll verständlich, im Wortkleid ihrer Sprache die biblische Wahrheit darzulegen. Hier liege vielleicht die größte geistige Arbeit, die dem Missionar zugemutet werde. Er müsse die ihm fremden Eingeborenen verstehen, ehe sie ihn, den Fremdling, verstehen. — Man übertrage diese Richtlinien auf den Wirkungskreis des Pastors einer niederdeutschen Gemeinde. Denn sollte der Grundsatz, der in der Mission richtig ist, auf einmal dem heimischen Kirchengebiet nicht gelten?
»Eine Dorfpredigt«, sagt v. Lüpke in d. »Dorfkirche«, »die in die Seele des Volkes hineindringen und das Christentum ihm wirklich zu eigen machen will in seinem eigenen Denken und Sinnen, die muß seine Sprache reden können. Nur was darin sich ausdrücken läßt, das kann ihm zum Ausdruck der eignen Seele werden.« Er erwähnt dazu, daß die Siebenbürger gerade in ihrer Not keinen anderen Weg gefunden haben, um in den Völkerstürmen dort das Evangelium wirklich im innersten Grunde des Volkes fest zu verankern, als die Verbindung mit der Mundart.