Es ist ein nicht ganz einfacher Weg, den das gesprochene Wort gehen muß, bis es Herz und Willen erfassen kann. Wenn die Sprache des Redenden zugleich die Sprache des Hörenden ist, kann das verarbeitende Denken unmittelbar einsetzen, und die Aneignung geht schnell. Anders ist es, wenn der Hörer die Sprache des Redenden zwar leidlich versteht, aber seine Denkarbeit auf andere Sprachmittel stützen muß. Denn auch das Denken haftet an dem Ausdrucksmittel der Sprache. Ein vernünftiges Denken ohne Sprache ist nach Hamann ebensowenig vorstellbar, wie ein Rechnen ohne Zahlen. Machen wir denen, deren Haus- und Herzenssprache Niederdeutsch ist, durch hochdeutsche Predigt den Weg des Gehörten in die Herzen nicht unnötig schwer? So schwer, daß sie entweder nicht zu folgen vermögen, oder aber das innere Hören aufgeben und es mit dem äußeren bewenden lassen müssen?

Hierher gehört auch folgende Erwägung. Wir haben vielen Grund zu der Mahnung an die Gemeinde, die Sonntagsanregungen auch in den Alltag mitzunehmen. Die Leute halten sich im Herzen gern zwei Schubfächer. In dem einen liegt der Sonntag mit hochdeutschem Gotteswort und hochdeutscher Andacht. In dem anderen liegen Geschäft, Handel und Wandel, wie es der Alltag bringt. Wird dies nicht begünstigt, wenn die Predigt eine ganz andere Sprache redet als der Wochentag? Es ist eine geistige Arbeit vonnöten, gehörtes Wort in eigenen Willen, eigene Tat umzusetzen. Macht die hochdeutsche Predigt dem einfachen Mann und schwerfälligen Denker diese Arbeit nicht schwerer, als sie sonst schon ist? Und gar erst, wenn die Predigt kümmerlich verstanden wird, und wenn der Hörer schon mit dem Wortverständnis soviel Not hat?

d. Die vierte, und wohl die wichtigste Frage betrifft nicht die hörende, sondern die redende Gemeinde. Das innere Leben der Gemeinde ist krank oder wird krank, wenn es nicht Ausdruck sucht im Bekenntnis, Zeugnis, brüderlichem Zuspruch und Gebet. Wenn Kirchensprache und Volkssprache auseinanderfallen, werden hier die Folgen am merklichsten zutage treten.

Sowohl im Kultus, als auch in der Jugenderziehung wird doch die Gemeinde nur zum Gebrauch der hochdeutschen Sprache erzogen. Es ist kein Wunder, wenn sich dem einfachen plattdeutschen Manne seine Muttersprache auf diesem Gebiete versagt, getrauen sich doch schon viele Pastoren, auch solche, die die plattdeutsche Umgangssprache beherrschen, nicht recht, auf der Höhe seelsorgerlichen Gesprächs plattdeutsch zu reden. Beim einfachen Mann kommt die Empfindung hinzu, als sei es eine Herabwürdigung des Heiligen, wenn man es plattdeutsch ausdrücken wollte. So verbinden sich Unvermögen, Ungeschick, mangelnde Gewöhnung und Vorurteil zu dem Erfolg, daß von dem bezeichneten Gebiete christlicher Lebensbestätigung die plattdeutsche Sprache ausgeschlossen ist. So ist auch der Teil der Gemeinde, dem hochdeutsches Denken und Sprechen ungeläufig geblieben ist, in Bekenntnis, Zeugnis und Gebet auf hochdeutsche Sprachmittel angewiesen. Die Folge ist aber die, daß man sich auf formulierte, gelernte Ausdrucksmittel beschränkt. Eine freie und selbständige Bewegung läßt sprachliches Unvermögen und Ungewohnheit nicht zu.

Das bedeutet aber eine Armut des geistlichen Lebens. Wie oft wird aus Not geschwiegen werden müssen, wo der Christ reden sollte! Wie oft wird ein Zeugnis zurückgehalten werden, wo es abgelegt werden müßte!

Studiendirektor Fleisch weist in der Dorfkirche sehr richtig auf die leidende Klarheit geistigen Erfassens hin, die eintritt, wo die Möglichkeit fehlt, dem Gedanken im eignen freien Worte Ausdruck zu geben. »Es ist in der Pädagogik allgemein anerkannt, daß nichts mehr zu völligem Verständnis verhilft, als der Versuch, etwas mit eigenen Worten wiederzugeben. Unsere wirklich noch plattdeutsch denkenden und sprechenden Niederdeutschen aber sind zum großen Teil nicht in der Lage, mit eigenen hochdeutschen Worten sich über Dinge des inneren Lebens auszusprechen. Es mit plattdeutschen Worten zu versuchen, hindert sie die »heilige« Sprache. Dadurch wird ihnen der Weg zum persönlichen tieferen Verständnis erschwert. Man denke nur daran, wie fast unmöglich es ist, Bibelbesprechstunden einzuführen, wenn sie hochdeutsch gehalten werden sollen.« — Man erwäge auch die verhältnismäßige Wehrlosigkeit gegen sektiererische Überredungskunst, wenn die Möglichkeit, klare Gedanken in klare Worte zu fassen, so beschränkt ist.

Es ist noch darauf hinzuweisen, daß im zarten Kindesalter die religiöse Beeinflussung durch die Eltern mangels sprachlicher Mittel unendlich beschränkt ist. Bisher war wenigstens während der Schulzeit das Abhören des Lernstoffes durch die Mutter ein gewisser Ersatz. Wird dies künftig mehr fortfallen, wird es in den plattdeutschen Häusern von christlichen Dingen recht still werden.

Was das Gebet im Besonderen angeht, so ist nicht zu bezweifeln, daß außer gelegentlichen Stoßseufzern und Bitt-Gebeten um irdische Dinge nirgends plattdeutsch gebetet wird. Die Rundfrage eines hannoverschen Sonntagsblattes hat nach Fleisch folgendes Ergebnis gehabt: Es wird hochdeutsch gebetet. Ganz wenige gereimte plattdeutsche Gebete gibt es; vor allem zwei kommen häufiger vor in verschiedener Formulierung. Sie seien hier mitgeteilt: »S’ abends, wenn ick to Bedde gah, viertein Engel mit mi gah: Twee to min Häupt’n, twee to min Föt’n, twee to min linken Sid, twee de mi deckt, twee de mi weckt, twee de mi denn Weg wiest to des Himmels Paradies. De Himmel is schlot’n, de Höll is op’n, de Dübel is bun’n, Gott verleih mi een seelige Stun’n. Amen.« »Nu will ick to schlap’n un mi up den lewen Gott verlat’n. Un wenn de bitter Dod kommt un will mi beschliek’n, so nimmt de leiwe Gott mi in sien Himmelriek. Amen.«

Man muß Fleisch durchaus recht geben, wenn er dazu ausführt: »Wir klagen, daß so wenig Gebetsleben da sei, daß so wenig aus dem Herzen gebetet werde, sondern meist mit formulierten Gebeten! Wie soll es anders sein, wenn man in einer »heiligen Sprache« betet, die einem nicht geläufig vom Munde geht. Da greift man natürlich zu auswendig Gelerntem, am liebsten zu Gesangversen, denn Reim und Rythmen behält man am leichtesten! Wer will aber bestreiten, daß darin in der Tat eine Erschwerung für das Reifen persönlichen selbstständigen Gebetslebens liegt? Plattdeutsches Beten ist aber nur zu erwarten, wenn auch plattdeutsch gepredigt, plattdeutsch katechisiert wird.«