Der zweite Einwand wird im Interesse der Erbauung der Gemeinde erhoben. Achelis sagt: »Dem plattdeutschen Volke werde durch plattdeutsche Darbietung das Heilige profan und wirkungslos.« Weiter spricht er von dem meist erheiternden Eindruck plattdeutscher Wendungen in der Katechese. Hering meint, der niederdeutsche Bauer sei jetzt schon so von der Bildungspflicht durchdrungen, daß er sich als herabgesetzt in der Kultur fühlte, wollte man ihm bei Missionsfesten oder an Familienabenden Geschichten plattdeutsch erzählen.

Auch hier mögen Gegenzeugen zu Worte kommen: Cl. Harms teilt mit, er habe in den Dörfern der Kieler Landgemeinde sog. Cholerapredigten zu halten gehabt. Er habe sie plattdeutsch gehalten, »und«, so schreibt er, »es ging, wahrhaftig, es ging damit. Viel verständlicher nämlich, als wenn ich von dieser Sache hochdeutsch geredet hätte, aber auch viel eindringlicher.« Auch dort, wo er eine Anzahl adliger Personen unter den Zuhörern hatte, hat das Befremden über die nicht gewohnte Sprache nur ein paar Minuten gewährt, da sei das Plattdeutsche auch gar nicht anders, als das Hochdeutsche, von ihnen vernommen und genommen. — Ein zweiter Zeuge ist der Kirchensprachenaufsatz von 1829. »Wir würden, einer holländischen Predigt beiwohnend, anfangs bei den ernstesten Stellen kaum des Lächelns uns erwehren können. Aber lauten sie dem Holländer possierlich? Ebensowenig dem, der plattdeutsch denkt und redet, Gottes Wort in seiner Sprache. Auch wer anfangs spötteln würde, würde bald sich wundern, daß auch im Niederdeutschen das Heilige edel, würdig, erbaulich ausgesprochen werden könne. Die Ehrfurcht vor der hochdeutschen Verkündigung sei ähnlich der, mit der man Hieroglyphen betrachte. — Gottes Wort sei nicht ein Standbild, das nur aus der Ferne schön erscheine. Es scheue die nächste Nähe nicht, sondern fordere sie. Die kirchliche Rede solle stets ein Lied im höhern Chor sein, aber sie werde das nicht durch ein fremdes Idiom, sondern durch den gewählten, edleren Ausdruck, dessen auch das Plattdeutsche fähig sei.« — Missionsinspektor Weishaupt, welcher kürzlich einem plattdeutschen Missionsgottesdienste in Volkenshagen i. M. beigewohnt hatte, gibt folgende Darstellung des Eindrucks, den die Gemeinde und ihr Gast empfangen hatte: Die Augen leuchten, die Herzen schlagen höher. Die Sprache der Heimat, der irdischen und der ewigen, hat ihre Wirkung getan. Mir aber war der Gottesdienst ein Erlebnis. Ich spürte etwas von dem Wehen des Geistes, der »durch Mannigfaltigkeit der Zungen die Völker der ganzen Welt versammeln will in Einigkeit des Glaubens,« wie es in einem alten Gebete heißt. Wenn einst vor dem Throne Gottes alle Zungen bekennen werden, daß Jesus Christus der Herr sei, dann wird die plattdeutsche Zunge nicht am schlechtesten klingen. (Lydia, bl. a. d. Frauenmission. 1921. Nr. 11).

Ein drittes Bedenken geht die Pastoren an, und man wendet ein, daß nur wenige unter ihnen das Plattdeutsche ausreichend beherrschen. Diese Schwierigkeit aber kann überwunden werden. Noch niemals haben sprachliche Schwierigkeiten dem Evangelium eine Grenze gezogen. W. Baur teilt den Werdegang eines Pastors mit, der als Fremdling zu einer Gemeinde im Vogelsberg gekommen war und von sich schreibt: »Mit inniger Liebe suchte ich Land und Leute kennen zu lernen. Hatte ich vorher schon danach gestrebt, auf der Kanzel mich populär auszudrücken und in der Schule schwierige Dinge auch für schwach befähigte Kinder anschaulich, faßlich, verständlich zu machen, so lernte ich jetzt noch mehr, — ich lernte die lebendige Volkssprache — erst verstehen, dann schätzen, zuletzt sprechen. Wäre es nach der Sitte angegangen, ich hätte wie Cl. Harms auch in der Mundart lehren und predigen können. Im seelsorgerlichen Verkehr gewann ich oft nicht eher Zuversicht, völlig verstanden zu sein, als bis ich die Sprache der Leute redete. — Wenn aber die Leute bei mir saßen und sich so kurz, kernig und schlagend auszudrücken wußten, so merkte ich mir Wort und Wendung. —« So könnte und sollte es jeder junge Pastor machen, der sein Amt in einer plattdeutsch redenden Gemeinde antritt. Dann würde eine Wand sinken, die ihn sonst, ob er es merkt oder nicht, von der Gemeinde scheidet. Jürnjakob Swehn rühmt von seinem Pastor, er sei ein Plattdeutscher und passe zu ihnen. Es sei mit ihm, wie mit dem alten Pastor Timmermann in Eldena: der habe seine Leute auch verstanden. — An dem sprachlichen Unvermögen der Pastoren sollte die plattdeutsche Wortverkündigung nicht scheitern dürfen.

IV.

So fordern in Niederdeutschland zwei Kirchensprachen ihr Recht. Die Grenze zwischen beiden ist fließend. Die zeitweilige Eignung des Pastors, die sprachliche Lage der Einzelgemeinde, vielleicht eines ganzen Kirchenkreises, sprechen mit. Auch der Entwicklung ist Raum zu gewähren. Die feine Grenzlinie wird freilich nur der Takt ermitteln können.

Einen gewissen Anspruch muß das Plattdeutsche schon dort an die Wortverkündigung stellen, wo sie hochdeutsch geschieht. Um dem einfachen plattdeutschen Hörer das Verständnis zu erleichtern, muß die hochdeutsche Rede sich in Satzbildung und Wahl des Ausdrucks dem Plattdeutschen zu nähern suchen. Cl. Harms hatte sich die Regel gesetzt, »was sich nicht direkt ins Plattdeutsche übersetzen läßt, das spreche ich nicht

Dasselbe sollte von der Agende gelten, in der bisher ein Periodenbau üblich ist, welcher für die plattdeutsche Gemeinde das klare Verständnis so sehr erschwert. Eine Durchsicht der Agenden nach dem Grundsatze von Cl. Harms ist ein Bedürfnis.

Das hochdeutsche Wort, dessen Aufnahme eine besondere geistige Anspannung des plattdeutschen Hörers erfordert, ist dort am wenigsten angebracht, wo die geistigen Kräfte des Hörers gebrochen sind. Das seelsorgerliche Gespräch am Krankenbett ist in plattdeutschen Häusern selbstverständlich plattdeutsch zu führen. Ebenfalls ist dort die Beichtvermahnung vor dem Krankenabendmahl plattdeutsch zu halten. Hierauf hat das Prediger-Seminar vorzubereiten, und in die Agende ist neben einem hochdeutschen ein plattdeutsches Formular hierfür aufzunehmen.