Auch in übrigen Fällen der Seelsorge werde dem Plattdeutschen der weiteste Raum gegeben. Für die Pastoral-Konferenz d. J. 1847 hatte die Ratzeburger Synode u. a. den richtigen Satz aufgestellt: »Der Seelsorger, welcher plattdeutsch zu den Seelen reden darf, hat ohne Vergleich einen leichteren Eingang zu seinem Werk, als wer nur hochdeutsch.« Um nicht in der Gemeinde den Gedanken aufkommen zu lassen, als sei es eine Art Herablassung zur Einfalt, wenn der Pastor mit seinen Gemeindegliedern plattdeutsch redet, muß die Gemeinde fühlen, daß ihr Pastor die plattdeutsche Sprache um ihrer selbst willen liebt und ehrt und sich ihrer auch im Kreise der Seinen gern bedient. Es wird da vielleicht manches Vorurteil zu überwinden sein, doch sollte es dem Pastor nicht schwer werden, auch den Plattdeutschen ein Plattdeutscher zu werden, auf daß er ihrer etliche gewinne. — Jedes Vorurteil wird auch in demselben Maße schwinden, in welchem die plattdeutsche Bewegung innerhalb und außerhalb der Kirche Raum gewinnt.
Auch im Jugendunterricht hat das Plattdeutsche ein beschränktes Recht. Die Einwendungen, welche Cl. Harms und unter den Neueren Achelis dagegen erheben, wenn sie auf den erheiternden Eindruck des Plattdeutschen auf die Schüler hinweisen, mögen bei einem ungeschickten Katecheten einmal zu recht erhoben werden, allgemein treffen sie aber nicht zu. Es ist eine Personenfrage, wer die plattdeutsche Sprache im Jugendunterrichte heranziehen kann, eine Taktfrage, in welchem Umfange, eine örtliche Frage, vor welchem Kreise dies geschehen kann. Wurster sagt einmal: »Nur im Konfirmanden-Unterricht den Dialekt nicht ausschließen. Man redet doch seelsorgerlich zum Herzen; da muß die Umgangssprache von selbst kommen!«
Die Kirche wird auch Sorge tragen müssen, in die Lehrbücher für die Hand der Jugend plattdeutsche Gebete mit aufzunehmen. Dieselben wären im Jugendunterricht zu behandeln und einzuprägen. Die Fähigkeit und Gewöhnung, mit Gott in der Muttersprache zu reden, könnte daran ranken und wachsen.
Dort, wo die Umgangssprache plattdeutsch ist, sollte die Verhandlungssprache im Kirchengemeinderat auch plattdeutsch sein. Das würde nicht nur das allseitige Verständnis erleichtern, sondern auch die gegenseitige Aussprache fördern und zu mancher Äußerung ermutigen, die sonst zurückgehalten würde.
In Missionsstunden und in Bibelstunden wird das plattdeutsche Wort an gutem Platze sein, wenn nicht ausschließlich, so doch im Wechsel mit hochdeutscher Rede. Die örtlichen Verhältnisse müssen entscheiden, wie weit dem Plattdeutschen Raum zu geben ist.
Bibelbesprechstunden setzen in plattdeutschen Gemeinden den Gebrauch der plattdeutschen Sprache voraus. Fleisch schreibt mit Recht: Ist die mangelhafte Beherrschung des Hochdeutschen sicherlich ein Hindernis für die Einbürgerung der Bibelbesprechstunde in ländlichen Gemeinden, so wird die Benutzung, oder auch nur die Zulassung und der Mitgebrauch des Plattdeutschen nicht nur helfen, die Bibelbesprechstunde einzuführen, sondern auch sie nutzbar zu machen.
Auf Gemeindeabenden wird sowohl in Vorträgen, als auch in Deklamationen, Liedern und Aufführungen das Plattdeutsche stark hervorgehoben und gepflegt werden müssen. Es ist hier auch der Ort, wo der Gemeinde der Wert und die Herrlichkeit ihrer Muttersprache ans Herz zu legen ist.
Daß die plattdeutsche Sprache nach den Grundsätzen der Augustana auch in den Gemeindegottesdienst gehört, steht uns außer Frage. Selbstverständlich ist dabei, daß das Hochdeutsche keineswegs verdrängt werden soll, sondern daß es sich um ein Bürgerrecht der Volkssprache innerhalb verständiger Grenzen handelt.
Der Studiendirektor Fleisch hält dies zwar auch für das Ziel einer Entwicklung, die anzustreben und zu erhoffen ist, aber er macht es von der Vorbedingung abhängig, daß zuvor das Plattdeutsche auch wieder Schriftsprache werde. Er sagt: »Das notwendige Korrelat zur plattdeutschen Predigt ist m. E. die plattdeutsche Bibel, das plattdeutsche Gesangbuch und plattdeutsche Erbauungsschriften. Ohne dieses schwebt die plattdeutsche Predigt in der Luft.« Mit plattdeutschen Predigten anfangen heißt ein wenig das Pferd am Schwanze aufzäumen. Doch verwerfe er vereinzelte plattdeutsche Predigten bei besonderer Gelegenheit nicht. — Fleisch begründet seine Stellungnahme mit dem Hinweis darauf, daß erst die von ihm gestellte Vorbedingung das Vorurteil überwinden könne, welches mit der Vorstellung des Hochdeutschen als der »heiligen« und »gebildeten« Sprache verbunden sei.
Diese abwartende Haltung würde wohl geeignet sein, das erstrebte Ziel in unerreichbare Ferne zu rücken. Denn u. E. würde gerade die plattdeutsche Predigt, und sie allein, es sein, die, zur allgemeineren Uebung gekommen, die erforderliche und beständige Antriebskraft besäße, die kirchliche plattdeutsche Bewegung in Fluß zu halten und zu fördern. Wir haben weder Ursache noch Zeit, mit der plattdeutschen Predigt länger noch zu warten.