Die Schwierigkeiten, welche der plattdeutschen Predigt entgegenstehen, sind zu überwinden. Nachdem vielfach die Städte vorangegangen sind, ist ein Vorurteil der Landgemeinden zu heben, vorausgesetzt, daß der Pastor die Sprache beherrscht und guten Geschmack beweist, sich auch in der plattdeutschen Predigtsprache eines edlen und gehobenen Ausdrucks zu bedienen.
Die Gemeinde hat dafür ein feines Verständnis und urteilt ziemlich sicher. Nicht jedes drastische Bild und nicht jeder kräftige Ausdruck sind der Würde kultischen Gebrauchs angemessen. Man sollte lieber zu vorsichtig, als nachlässig sein. Cl. Harms sagt: »auf jeden Fall befleißigen Sie sich eines feineren, edleren Plattdeutschen, als wie Sie es hören von dem gemeinen Mann. Wenigstens der derben groben Ausdrücke haben sie sich durchaus zu enthalten. — Man irre sich nicht, das platte Plattdeutsch macht den Prediger keineswegs im guten Sinne des Wortes, auch bei den so Sprechenden nicht einmal populär.«
Eine andere Frage ist, ob auch die Liturgie des Gottesdienstes überhaupt, oder jetzt schon, plattdeutsch zu gestalten sei. Wir gehen davon aus, daß in demselben Gottesdienste unbedenklich zwei Sprachen nebeneinander gebraucht werden können. Man erinnere sich, daß z. Z. des Herrn in der Synagoge der hebräischen Lektion die Auslegung in der Volkssprache folgte, daß in der römischen Kirche neben der lateinischen Messe die deutsche Predigt steht, und daß auch unsere alten lutherischen Kirchenordnungen für die Städte lateinische Lektionen neben den deutschen vorsahen.
Meistens ist bisher wohl dort, wo plattdeutsch gepredigt wird, auch die Liturgie plattdeutsch gehalten worden, bald in eigener Uebertragung, bald in Anlehnung an Vorbilder, wie sie gelegentlich gedruckt und verbreitet sind. Wer an den sprachlichen Eigenarten fremder Vorbilder Anstoß nimmt und eine eigene Uebertragung nicht wagt, bleibe ruhig bei hochdeutscher Liturgie, denn auch sie hat ihr Recht neben der plattdeutschen Predigt. Das hochdeutsche Gesangbuch und die hochdeutsche Bibel sollen doch nicht verdrängt werden. An der hochdeutschen Form der alten Kernlieder haften bei den älteren Gemeindegliedern unvergeßliche Erinnerungen und große Gemütswerte. Die Jugend hat sie im Unterricht gelernt, und sie werden ausgiebig erklärt. Hingegen manchen Uebersetzungen haften Mängel an, und geeignete plattdeutsche Originale sollen sich erst einbürgern. Auch die altvertrauten Schriftabschnitte mögen in der Liturgie hochdeutsch gelesen werden, wenn der Pastor es vorzieht und es der Gemeinde lieber ist. Gerade eine gute plattdeutsche Uebertragung würde oft eine solche Veränderung der Form bedingen, daß sie den Hörer vielleicht zunächst befremden möchte. — Im ganzen mag es der Entwicklung vorbehalten bleiben, welches Recht dem Plattdeutschen im liturgischen Teil des Gottesdienstes eingeräumt wird.[1]
Wie oft in größeren Städten ein plattdeutscher Gottesdienst einzuschieben ist, wird sich aus Erfahrung, Bedürfnis und Erfolg von Ort zu Ort ergeben. In Dorfkirchen wird sichs wohl empfehlen, monatlich einmal plattdeutsch zu predigen.
Es konnten im Vorstehenden nur Andeutungen und Anregungen gegeben werden. Es müssen erst viele Erfahrungen eines längeren Zeitraums aus den verschiedenen niederdeutschen Volksgebieten gesammelt und verarbeitet werden, um hier zu Klärungen, dort zu Berichtigungen und endlich zu gewissem Abschluß zu führen.
Die vorliegende Sammlung möchte die Entwicklung fördern und dem niederdeutschen Kirchenvolke einen Dienst erweisen. Gott geleite sie mit seinem Segen!
[1] Plattdeutsche Kirchenlieder sind u. a. verfaßt und herausgeben worden von P. Hansen, Kropp i. Schleswig, P. Walter Schröder-Stettin, (Plattd. Kirchenleeder un plattd. Gottsdeinstordnung. Verlag: Ev. Presseverband für die Prov. Pommern. Stettin, Elisabethstraße 69. Pr. 1 Mk.) und P. Fr. Bardey in Wismar, (En lütt plattd. Gesangbauk, 1. Winterhalfjohr. Vom Vf. zu beziehen.)