Dann las er Trotzendorffs männlichen Brief.

„Mein alter Ingo!

Nach einem langen ersten Empfang (Audienz) bei unsrer Hoheit bin ich soeben nach München zurückgekommen, wo es meiner lieben Frau nach schmerzlichen Tagen zum Glück besser geht, und setze mich sofort hin, um dir zu schreiben. Deine häufigen treuen Kartengrüße sind eingetroffen, ebenso zu unsrem Erstaunen Deine Draht-Nachricht von Deiner Reise nach Genf. Du bist doch immer der alte Sausewind, liebster Junge! Was Teufels treibst Du denn nun plötzlich in Genf? Was überhaupt so lange in romanischen Ländern? Mir ist das Herz wieder aufgegangen, als ich deutsche Sprache um mich her vernahm. Na also, nun zur Sache! Wir haben in jener fürstlichen Unterredung auch über Dich gesprochen, Alter. Ich bin ins Zeug gegangen, daß die Schwarten krachten. Dein Buch Heroismus (Du hättest es schlicht und deutsch Heldentum nennen sollen) ist unter hoher Befürwortung (Protektion) nach Berlin gegangen und soll an höchster Stelle gewürdigt werden, besonders der Abschnitt über Friedrich den Großen. Und dann: in den nächsten Monaten kommt Seine Majestät nach der Wartburg. Dort, an geschichtlich bedeutsamer Stätte, wirst Du dem hohen Herrn vorgestellt. Ein Mann wie Du darf nicht ziellos in der Welt herumlaufen, Du hast vaterländische Pflichten, Freiherr von Stein! Verstanden? Wir werden bis dahin überlegen, wo wir Dich an den rechten Platz stellen: Kunstakademie, Hoftheater, Staatsdienst, Gesandtschaftsposten — irgendwo müssen wir Deine geistige Kraft verwerten. Du hast mich zwar oft gehänselt wegen meiner angeblichen Vereinsmeierei: Sprachverein, Flottenverein, Pfadfinder, Jugendwehr und so weiter — laß gut sein, Junge! Das sind rüstige Dinge und eines rechten Mannes würdig. Und ich fühle mich nun einmal bis ins Mark als Mitglied der vaterländischen Gemeinschaft und unsres deutsch-völkischen Arbeitsgebietes. Also, lieber Freund, kurz und gut: im Herzen Deutschlands ist Dein Platz! Und drum verdirb mir meine Bemühungen nicht und stell' Dich zur Verfügung, wenn von höchster Stelle ein Ruf an Dich ergeht. Deutschlands Weltlage im Herzen Europas ist ernst. Wer weiß, wie bald Angelsachsentum, Slawentum und Romanentum sich über uns herstürzen werden! Oder wer weiß, was von innen her gebraut wird! Da wird dann auch viel Faules hinweggefegt werden, was dem Ernst und der Größe der Zeit nicht mehr gewachsen sein kann. Du hast, wie der alte Joseph in Ägypten, in aller Stille Vorratshäuser gebaut; dann, wenn die Nöte kommen, sollst Du Deine Kornkammern auftun. Drum halte Dich bereit!

Deutschen Gruß, lieber Freund!

Dein Richard.”

Ingo gedachte dieses treuen und tapferen Mannes mit warmer Herzensbewegung. Er sah im Geist den breitschultrigen Verfasser dieses Briefes am Schreibtisch sitzen, den angegrauten Schnurrbart und das militärisch kurze Haupthaar über das Papier gebeugt; er sah ihn, wie er dann zufrieden ans Bett seiner Gattin trat und mit markiger Stimme den Brief vorlas, denn zu all solchen Erzeugnissen holte er ihren Segen ein; und er sah, wie sie lächelnd und lobend beistimmte.

„Er ist ein prächtiger Vertreter eines tatkräftigen Bismarckschen Deutschtums”, dachte Ingo. „Aber ohne Romantik. Eine Gralsburg zu bauen ohne Hilfe eines Vereins, wäre für Trotzendorff ein Wahn (in Klammern: Chimäre) oder eine Einbildung (in Klammern: Ideologie oder Illusion). Und ein Mann von geistiger Bedeutung hat nach Richards staatstreuem Empfinden das Höchste erreicht, sobald er in amtlicher Stellung steht mit Titel und Orden. Ihm ist der römische Staatsbegriff in Fleisch und Blut übergegangen; aber die freie Genialität der Griechen, der Sinn für Schönheit, Anmut, Geschmack? Mystik ist ihm ebenfalls verdächtig, Musik ein allerdings sehr angenehmes Geräusch, ohne daß er in ihre seelische Tiefe dringt. Kurz, Trotzendorff hat Stiefel, aber keine Flügel.”

Das ungefähr waren Ingos Gedanken über diesen in seiner Einseitigkeit tapfren und treuen Charakter, der aus altpreußischer Zucht hervorgegangen war.

Und doch mußte er sich sagen, daß dieser Soldat eine richtige Empfindung gegenüber Ingos Schwärmerei ehrlich aussprach.

„Ich drohe mich in der Tat zu verflüchtigen, ich gehöre nach Deutschland, in festes Wirken, wenn auch nicht in staatlich abgestempelten Formen. Da hat er recht. Doch ob der realistische Deutsche dem Idealisten Führer sein kann? Schwerlich! So wenig wie der Körper dem Geist. Nur ein Mahner. Kein Kaiser darf Dichter kommandieren. Sie sind beide gleichwertige Fürsten. Ich achte den Reichskörper: aber mein Gebiet ist die Reichsseele.”