„Und jetzt sagen Sie mir einmal vor allem: wo stecken Sie denn so lange Zeit, Sie Ausreißer? Fast zwei Jahre waren Sie nun nicht in Ihrer Weimarer Wohnung! Und Ihr gemütliches Heim da oben am Horn geht in Spinnweben unter, wenn ich nicht Frau Tellbach von Zeit zu Zeit Feuer unter die Sohlen mache.”

„Nun, die gute Frau hat ja alles ganz ordentlich instand gehalten”, erwiderte Ingo lächelnd. „Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.”

„Das wollt' ich ihr auch geraten haben”, versetzte Tante Adelheid. „Und wo kommen Sie denn jetzt her? Aus dem Ausland natürlich!”

„Sie schwärmen ja wohl immer noch für alte deutsche Nester wie Rothenburg und Hildesheim, nicht wahr, Tante Adelheid?” scherzte Ingo. „Und ich habe beide Städte noch immer nicht gesehen, entschuldigen Sie tausendmal!”

„Natürlich! Echt deutsch! Läuft in der Welt herum und kennt sein eigen Vaterland nicht!”

„Zunächst komm' ich übrigens von einem Krankenlager”, erwiderte er ernst.

„Ihr Bruder, nicht wahr?” nickte sie bedenklich. „Ja, da steht es allerdings nicht grade gut. Sie sind ja kein Kind mehr, Ingo, und ich kann Ihnen also ruhig sagen, daß ich einen der Ärzte gesprochen habe, die Ihr Bruder konsultiert hat. Die Sache ist aussichtslos.”

„Das hab' ich auf den ersten Blick gesehen”, seufzte Ingo. „Er hat sich zum Erschrecken verändert. Dieser wilde, kühne, rauhe Bursche von ehedem — und jetzt ein Gerippe!”

„Ihr alter Vater tut mir noch besonders leid. Er hat nur die zwei Söhne; und der eine läuft in der Ferne herum, der andere — er ist ja wohl nur ein Jahr älter als Sie? — stirbt als Junggeselle hinweg. Wie soll das mit dem schönen Gut werden!”

„Das muß natürlich ich übernehmen.”