„Muß, sagt er! Und seufzt dazu, der Gutsbesitzer! Ja freilich wär's notwendig, obschon Sie's ja schließlich verpachten und als Sommersitz einrichten können. Aber das ist ja das Unglück, daß Sie vor praktischer Arbeit zurückscheuen. Für Sie selber, Ingo, wird es heilsam sein, wenn Sie seßhaft werden. Nur sollte man Ihnen keine Wirtschaft anvertrauen, ohne links einen guten Verwalter und rechts eine gute Frau neben Sie zu setzen.”
„Na, na, na, auch Sie unterschätzen also meine Energie, Tante Adelheid!”
„Wenigstens in wirtschaftlichen Dingen.”
Ingo sprang auf.
„Himmel noch einmal, wie falsch ihr mich alle beurteilt! An einem einzigen Tage bin ich in diese Werktäglichkeiten eingelebt — jawohl — und am zweiten Tag läuft der Apparat von selber — und am dritten Tage lass' ich den Mechanismus laufen und widme mich den wertvollen Gütern des Daseins: der Ideenwelt. Der Unterschied zwischen meinem angeblich realistischen Bruder und mir, dem angeblichen Romantiker und Sausewind, besteht nicht darin, daß ich diese äußerlichen Dinge nicht beherrschen könnte — spielend beherrsch' ich diese Banalitäten, spielend, sobald ich nur will! Unterschätzt doch nicht einen geistig raschen Menschen! Sondern der Unterschied besteht darin, daß er und seinesgleichen in diesen wirtschaftlichen und sportlichen Durchschnittsfragen steckenbleiben, ja daß sie dies für das Leben selber halten! Und so füllen sie ihr Dasein mit nichtigem Geschwätz über Düngersorten, über Züchtung von Pferden, Hunden und Kälbern, über Prämien bei Geweihausstellungen und Preise bei Wettrennen — Dinge, die mich mordsmäßig langweilen. Nein, Tante Adelheid, in diese Mauern der Standesinteressen sperrt ihr mich nicht mehr ein! Aus dieser Welt bin ich ausgerissen. Und Sie geben mir einen Ehrentitel, wenn Sie mich als Ausreißer begrüßen.”
„Potztausend!” lachte Tante Adelheid. „Da hab' ich ihn einmal in eine allerliebste Ansprache hineingeärgert! Setzen Sie sich ruhig wieder her, Ingo. Sie wissen, daß ich ein offenes Wort ganz gut vertrage, aber Aufregung und Überspanntheit nicht liebe.”
Ingo setzte sich wieder und bat um Verzeihung; er habe, fuhr er fort, auf dem Gut während der wenigen Tage so viel versteckte Vorwürfe von Basen und Gevattern ausstehen müssen, daß nun sein angesammelter Unmut wider seinen Willen ausgebrochen sei.
„Am verständigsten war mein Vater”, schloß er. „Der klopfte mir auf die Schulter und meinte nur kurz: ‚Laß sie reden, Junge, ich glaube dich besser zu kennen!’ Während der ganzen Fahrt von Waldeck nach Weimar sah ich diesen braven alten Herrn vor mir in seinem weißen Bart und seinem leider unentbehrlichen Stock, wie er mich hinkend an den Wagen begleitete und mit seinem schlichten ‚Mit Gott!’ entließ, aufrecht, ein alter Soldat und doch von weichem Gemüt, die beiden Doggen neben ihm — ein Edelmann von altem Schrot und Korn!”
„Bravo, Ingo! Geben Sie mir mal die Hand, lieber Junge! Und nun sagen Sie mir: wie geht's Frau von Trotzendorff in München?”
„Ich muß Ihnen gestehen, Tante Adelheid, ich habe sie seit einer Reihe von Wochen nicht mehr gesehen. Von Genf wollt' ich nach München fahren, blieb aber in Zürich bei einem befreundeten Schriftsteller und fuhr dann über Heidelberg nach Thüringen.”