„Meine Kinder sind hier gewesen! Meine süßen Jungens sind hier auf diesem Bett herumgekrabbelt! Denken Sie doch nur! Zum ersten Male seit langen, langen Leidenswochen hab' ich Kurt und Helmut wieder gesehen! Ach, ich bin fast gestorben vor Glück. Bei mir — ich bin ja nun mal so ein weichselig Geschöpf! — sitzen ja die Tränen so locker, im Glück und im Schmerz.”
Und sie tastete nach dem Taschentuch und betupfte sich die wieder feuchten Augen.
Elisabeth sagte aufatmend einige Worte, daß sie das nachfühlen könne.
„Nicht wahr,” fuhr die Kranke fort, „Sie haben ja auch so viel Freude an Kindern, obwohl nur eine Mutter ganz ermessen kann, was es heißt, auf Tod und Leben zu liegen und wochenlang seine Kinder nicht sehen zu dürfen — mit dem Gefühl, daß man vielleicht sterben muß, ohne dieses anvertraute Gut zum Edlen erziehen zu dürfen! Ach, meine liebe Elisabeth, das goldige Lachen der Kleinen und ihre rührenden Zärtlichkeiten! Spüren Sie nicht, wie noch überall hier in der Luft ein Lachen nachklingt? Sehen Sie, da hat nun Helmutchen richtig sein ganz zerknülltes kleines Taschentuch liegen lassen, womit er mir die Augen getrocknet hat, der kleine Knirps. Ich habe nachher hier eine Stunde lang still gelegen und gebetet — ich darf Ihnen das wohl sagen —, so innig zu Gott gebetet, er möge meine Kinder zu braven Männern erwachsen lassen und nicht an ihnen heimsuchen, was etwa — was etwa die Mutter verfehlt hat.”
Jetzt begann sie in ihrer großen Schwäche wirklich zu weinen und suchte sich mit Helmuts winzigem Taschentuch vergeblich die rinnenden Tränen zu stillen.
Elisabeth streichelte ihr die Hand und sprach einige beruhigende Worte.
„Ich war nämlich viel schwerer krank, als mein Mann und Ingo ahnten — —”
Da war der Name heraus. Sie hatte sich die Wortverbindung „mein Mann und Ingo” derart angewöhnt, daß auch jetzt die Namen gemeinsam von der Zunge glitten. Sogleich aber ward es ihr bewußt, wer an ihrem Bette saß. Sie zögerte einen Augenblick und setzte dann hinzu: „Es hat nämlich niemand gewußt außer dem Doktor und seiner Frau Hermine, die eine Jugendfreundin von mir ist, wie schwer krank ich war. Ich darf wohl sagen, ich habe dem Tod ganz nahe ins Auge geschaut. Und das ist heilsam. Ich ließ mein ganzes Leben an mir vorüberwandern und gelobte Gott, fortan meiner Pflicht zu leben — und — und wenn möglich niemandem mehr weh zu tun.”
Sie brach ab und drückte Elisabeths Hand. Dann sprach sie gefaßter weiter:
„Sie waren in Genf? Und haben dort Ingo gesehen?”