Sie stockte.

„Sie haben früher andere Urteile über Sie aus meinem Munde zugetragen bekommen, nicht wahr!” half ihr Frau von Trotzendorff nach. „Ja, da haben Sie leider recht. Leider! Ich habe oft vorschnell geurteilt und oft sehr rasch nach meinen Neigungen gelebt; und Sie sammelten derweil Ihre Kraft in der Stille. Doch inzwischen, hier auf dem Krankenlager, habe ich grade über Sie viel nachgedacht. Ach, was ist unser ganzes Salon- und Konzert- und Gesellschaftswesen doch für ein eitles Blendwerk ohne Wärme! Aber Naturen wie Sie haben auch Musik — doch in den Tiefen der Seele, liebes Kind. Und so bleibt etwas Behütetes, etwas Keusches, eine jungfräuliche Kraft in Ihnen. Und darum sind — trotz alledem — grade Sie die einzige, die er jemals geliebt hat!”

Da war es heraus. Elisabeth senkte den Kopf. Diese Frau berührte ohne weiteres das Geheimnis von Elisabeths Liebe. Noch kämpfte die Schüchterne ein Weilchen, dann schlug sie die Augen auf und schaute der Kranken voll ins Gesicht.

„Da Sie so offen sprechen, Frau von Trotzendorff, will auch ich Ihnen mit gleichem Vertrauen begegnen. Ich habe nie jemanden gehaßt, das kann ich wohl sagen, denn solche Gefühle liegen nicht in meiner Natur. Auch nicht Bitterkeit. Und doch — ich hab' in den letzten Jahren — ich muß es Ihnen gestehen — die Empfindung nicht loswerden können, daß ich eine Feindin habe, die mir unsäglich weh tat. Nicht eigentlich Sie selbst, denn Sie konnten das ja nicht so wissen — aber die Verhältnisse — es ist nun einmal so gekommen. Und ich selber war schuld daran, ich habe nicht das Talent besessen, ihn in würdiger Weise festzuhalten. Aber wenn mich jemand unterstützt hätte — jemand, der so viel mehr Geist und Gewandtheit besitzt als ich — jemand wie Sie, statt sich zwischen ihn und mich zu stellen — — ich sagte mir oft, Gott hätte an solchem guten Werk mehr Freude gehabt. Als ich dann später in eine ähnliche Lage geriet, wo eine Ehe bedroht war, da habe ich mit ganzer Kraft an der Aussöhnung gearbeitet. Und es war Segen auf meinen Bemühungen. Wenn wir alle einander helfen würden, es wäre so schön zu leben! Statt dessen bereiten wir einander Schmerzen.”

Elisabeth senkte das Haupt, so daß man ihre zusammengepreßten Lippen nicht sah. Sie hatte dieses Bekenntnis, das ihr schwer fiel, mit ergreifender Schlichtheit gesagt. Und die Kranke nickte und tastete dann wieder nach Elisabeths Hand, mit der Linken die feuchten Augen trocknend.

„Sie haben in allem recht, Kind. Ich gebe Ihnen Wort für Wort recht. Nur das eine kann ich vielleicht zur Entschuldigung anführen: auch ich habe viel gelitten.”

„Aber Sie hatten Mann und Kinder — ich hatte nur ihn!”

Hart und trotzig flog das heraus. Es war das erstemal im Leben, daß Elisabeths scheuer Mund derart um ihr Recht auf Ingo kämpfte. Es ließ sich an, als sollte nun erst der eigentliche Kampf beginnen. Doch wie es kam, wußten sie hernach selber nicht: plötzlich hielten sich die beiden Frauen in den Armen, küßten sich und weinten beide.

Und sagten dann kein Wort mehr von diesem Mann und dieser Sache. Vielmehr erwachte jetzt in Elisabeth die zugreifende Krankenschwester; sie machte ein Trinkwasser zurecht, reichte es der Ermatteten liebevoll und ordnete ihre Kissen; streichelte ihr dann zart über die Wangen, als sie mit geschlossenen Augen lag, und küßte sie abermals.

„Denken Sie gut von mir, liebe Frau von Trotzendorff!” sagte sie innig. „Und sagen Sie Ingo, daß er mir nicht grollen soll!”