Ingo glaubte beide Freunde zu verstehen. Er hatte parteilos zugehört. Aber dann war er ins Träumen geraten über seine persönliche ungelöste Angelegenheit. Er hatte zum erstenmal wieder seit Wochen einen Brief von Frau von Trotzendorff erhalten; und in diesem Schreiben war, zu seiner freudigen Verwunderung, Elisabeths Besuch ausführlich und liebevoll erzählt.

„Prophete rechts, Prophete links!” antwortete er lächelnd. „Ich bin noch nicht reif genug, um mitzureden. Wenn ich mich aber richtig einschätze, so wird mein unermeßlich Reich der stille Gedanke werden, nicht deine laute Politik, Richard. Mit andren Worten: die Reichsseele, nicht der Reichskörper!”

„Recht so!” bekräftigte Brucks Baß. „Grade darin sollten jetzt die besten deutschen Geister ihre Hauptaufgabe erblicken.” Er strich den breiten Graubart und fügte die rätselhaften Worte hinzu: „Ich habe gehört, daß einige berufen sind, einen reineren Lebensbegriff zu offenbaren.”

„Erinnerst du dich jenes Gespräches an der Riviera, Richard?” fuhr Ingo fort. „Wir sprachen vom Untergang der Titanic. Man mag heute das grauenhafteste Unglück in der Zeitung lesen — und schon nach wenigen Tagen ist der Eindruck wieder verwischt. Neue Nachrichten rasseln täglich über unser Gehirn und die feineren Organe hinweg. Wir haben weder Kraft noch Zeit, diesen Massenandrang zu verarbeiten. Es bleibt ein Nervenreiz, es bleibt Papier, wir lesen es nur, wir erleben es nicht. Seelenlos rollt der Apparat des modernen gesellschaftlichen Mechanismus über die einzelne Seele hinweg. Ob Tausende irgendwo verunglücken oder Zehntausende, es ist ebenso belanglos; der Apparat läuft weiter. Das ist es, Richard, wogegen ich als Ausreißer und Flüchtling ankämpfe; ich will meine Seele nicht zermalmen lassen. Ich muß oft an Schaller und Marx denken; sie sind wie jener Schatzgräber: er gibt dem Teufel die Seele und erhält dafür Sachen. So hat unser moderner Mechanismus eine Überfülle von gewiß schätzbaren Sachen eingeheimst, auch Kunstsachen und Literaturwerke, aber die Seele verloren.”

Der Major schüttelte zu dieser Philosophie schweigend und mißbilligend den Kopf.

Bruck aber lenkte die Unterhaltung ab:

„Da Sie von Marx sprechen: ich traf in München, in jener Gesellschaft für Geistesforschung, die sich ja grade um das innere Wesen des Menschen bemüht, Ihren englischen Freund Wallace. Sie entsinnen sich, daß wir auf dem Montserrat von solchen großen Fragen gesprochen haben?”

Der Montserrat! Wie sonor klang dieser Name des spanischen Felsenberges in das idyllische Weimar! Der Montsalvat! Der heilige Gral, das Rosenkreuz, der Ausblick in Kosmos und Erdendasein — — es war ihm, dem dankbaren Schüler weimarischer Kultur, als wäre etwas in ihm dort auf dem Montserrat über Weimar und Wartburg hinausgewachsen.

„Ah, Wallace! Ein ruhiger und besonnener Mensch! Wir könnten von den Engländern lernen.”

„Und sie von uns”, brummte Trotzendorff.