Der Großherzog fühlte vielleicht — so phantasierte Ingo weiter — daß der Kaiser nur zu einem ungewöhnlichen Monolog, zu einer Herzenserleichterung großen Stils diese Stunde gewünscht hatte. Der junge Fürst beschränkte sich daher wohl auf leise und leichte Bemerkungen über Dinge der nahen Außenwelt. Der Monarch ging darauf ein, wie um auszuruhen und seine fernschweifenden Gedanken in die Nähe zurückzurufen. Bald aber versandete dieses Zwischengespräch. Und der Großherzog schaute stumm, die Hände auf dem Rücken, über den wildreichen Wald hin, in welchem er so gern seiner Lieblingsbeschäftigung oblag.
Der Kaiser mochte, kraft jenes Fluidums, das sich zwischen zwei Sprechenden nach und nach auszubilden pflegt, den stillen Wunsch des fürstlichen Weidmannes erraten.
Und in Ingos Phantasie fuhr er fort:
„Auch ich kenne kein frischeres Vergnügen, abgesehen von einer Segelregatta, als in der Rominter Heide vom Jagdwagen ins taunasse Heidekraut zu springen oder im ‚Hiligen Forst’ der Westmark einem balzenden Auerhahn sprungweis auf den Leib zu rücken. Herzhafter Kampf! Ich hab' in meinem Jägerdasein mehr als siebzigtausend Stück aller Arten von Wild geschossen; und es mag manchem vorkommen, als wäre das der Weidmannslust fast zu viel. Aber ich arbeite rasch und stark und brauche rasche, starke Entspannung. Man müßte freilich ein Genie sein, um alles vom Kern aus zu überschauen: ein Genie der Sammlung ... Da steckt vielleicht das Geheimnis dessen, was wir brauchen ... Sammlung, Verinnerlichung ... Wir verlieren uns zu sehr ins Detail; wir müssen in der auflösenden Zweifelsucht der Gegenwart erst wieder den Zentralpunkt finden und von dort aus neue Ideale schaffen, ohne Untreue gegen die alten. Schweres Werk! Und von uns Zeitgenossen ungelöst. Wahrlich, eine Massenattacke mit Kavallerie zu reiten, ist leichter. Und wie macht man mir mein Amt schwer! Wie untergräbt man Ehrfurcht und Autorität! Wie nörgelt man an meinen gradaus und ehrlich gegebenen Anregungen herum! ... Hier ist meine tiefste Sorge: nicht nur Meine Autorität, nein, Autorität überhaupt gilt diesem aufgeregten, unstet-nervösen Geschlecht als ein unmodernes Gefühl. Adel jeder Art ist hart in Bedrängnis.”
Der Kaiser schritt lebhaft ein paar Schritte hin und her. Das ungeheure Gewölk verdichtete sich in blauschwarze Ballen. Ein ferner Donner rollte; ein Wind lief ihm voraus.
„Manchen treuen Willen erkenn' ich. Aber auch mein Bürgertum ist zu wenig großzügig. Sie sperren sich in zopfige Parteiworte ein. Macht weit und unbefangen eure Herzen und Köpfe! Einigt euch zu großem Kulturbegriff, positiv gestimmte Männer und Frauen jeder Konfession und Partei! Es gilt einen Kampf um Deutschlands innerstes, heiligstes Gemüt ... Ich bin mit Bewußtsein evangelischer Kaiser; aber ich habe für warmherzig religiöse und gut deutsche Katholiken denselben Handschlag bereit. Es muß in die dumpfe, zaghafte Religiosität überhaupt mehr durchwärmender Lebensodem kommen.”
In voller Gemütsbewegung schritt der Kaiser auf den hallenden Steinen hin und her und brach dann plötzlich ab. Er nahm des Großherzogs Hand.
„Du weißt, ich stehe gern auf unsren schwimmenden Burgen, den Kriegsschiffen, und halte Schiffsgottesdienst. Nun wohl, betrachte diese programmatische Aussprache als einen Gottesdienst auf deiner Landburg, deren Kapitän und Kommandant du bist. Nimm meine Worte als den Grundriß eines Regierungsprogramms. Gott helfe uns! Deutschland hat Feinde innen und außen.” ...
So malte sich Ingo des Kaisers Unterhaltung aus. Er empfand Zuneigung zu diesem Herrscher, dem das parlamentarische Gezänk entschieden Unrecht tat, den es nicht schlichtmenschlich genug beurteilte, dessen Übereilungsfehler eng verwachsen waren mit seinem hilfsbereiten Naturell, mit seinen lebendigen Tugenden und Kräften ...
„Wenn ich selber mit ihm spreche” — — —