Jetzt wurde der phantasierende Spielmann, der zwischen belanglosem Geplauder gestanden hatte, unterbrochen. Mächtige Stöße des Gewitterwindes scheuchten die gesamten Gruppen der Hofgesellschaft in das Innere des Gebäudes ...
Sie schritten jene Steintreppe hinan, über die einst der Sänger Heinrich von Ofterdingen, unterlegen im Sängerkrieg, knirschend davongegangen war ... Dampfte nicht noch der Hof von der derben Zecherlust des niedren Volkes, während drin im Wortekampf adlige Harfe wider Harfe klang, ein Turnier des Geistes? Ja, damals Spielmann zu sein! Da war alles Worteprägen noch von urwüchsiger, gebräunter Kraft, denn die Sänger waren Freiluftmenschen, Höhenwanderer von Burg zu Burg, umpfiffen vom Waldwind! ... Wie hatte sich Ingo, der thüringische Freiherr, in jenes Staufenzeitalter eingelebt, in den Minnesang, in die Gralsage, in die Geschichte der Troubadours! Er selber war einst auf dem Rennstieg mit seinem Knecht geritten, hatte gestern vor schönen Frauen auf der Burg gesungen, ehegestern unter einer Dorflinde bei dörperlichem Tanz zur Laute gespielt, hingerissen vom wilden Hoppaldei und Troialdei — und war dann wieder im einsamen Wald unter Tannenzapfen und Eichhörnchen weitergezogen, um in irgendeiner rauchigen Gebirgsschenke zu übernachten ...
Das ging dem Spielmann großzügig durch Herz und Kopf. Und jetzt trat der Generalintendant der Königlichen Schauspiele heran. Trotzendorffs große Stunde war gekommen: noch nicht der Monarch selber, aber dieser hohe Beamte und Hofmann wünschte durch den Major nunmehr den Baron und Schriftsteller Ingo von Stein-Waldeck kennen zu lernen.
Auch diese Vorstellung vollzog sich in bequemen und unbefangenen Gesellschaftsformen, gleichsam nebenbei und zufällig. Doch hatte Ingo die fatale Empfindung, daß er auf seine etwaige Verwendbarkeit hin ausgehorcht werden sollte; und das goß dem freien Wandersmann ein paar Tropfen Ironie in seine Antworten.
„Sie haben ja wohl einmal ein Drama geschrieben, mein lieber Herr Baron? Nun, das ist ja in jungen Jahren eine — wie soll man sich da ausdrücken — nicht ganz ungewöhnliche geistige Übung des gebildeten Deutschen. Nicht wahr? Übrigens, man sprach bei Hofe von Ihrem Buch über Friedrich den Großen. Sagen Sie mir einmal, wie ist denn das nun eigentlich? Über Ihre dramatische Tätigkeit müßte mir doch seinerzeit berichtet worden sein, wenn Sie das Stück bei uns eingereicht haben?”
Der Generalintendant war eine stattliche und angenehme Erscheinung von liebenswürdigen Umgangsformen. Er war den Hofton gewöhnt und zugleich die Gebärde des Theaters; aus seiner Stimme klang edle Leutseligkeit; was er anfaßte, wurde in seinen Händen wichtig und würdig, auch wenn es für die deutsche oder europäische Kunst von keinerlei Bedeutung war, sondern nur den Wert einer höfischen Unterhaltung hatte.
„Jawohl, Exzellenz, ich hatte einmal die Schwäche, ein Drama einzureichen, aber nicht unter meinem Namen.”
„Nicht unter Ihrem Namen? Aber ich bitte Sie, mein lieber Baron, wozu denn dieses gänzlich überflüssige Versteckspiel?”
„Ich wollte mein Werk durch sich selber wirken lassen.”