Drittes Kapitel
Die Freundin
Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten!
Nietzsche
E in heißes Herz und eine bewegliche Phantasie sind kein unbeschwerliches Geschenk der Gottheit. Ingo entsann sich, wie leidenschaftlich ihn einst in der Jugend die Sonntagsspiele mit seinen Kameraden hingerissen hatten. Jene Spieltage waren so voll, so glühend schön, daß ihm am Abend das Herz weh tat, wenn er sich von den Gespielen trennen sollte. Noch oft im Leben mußte er mit männlicher Besonnenheit Heimweh nach dem Schönen und Guten ins rechte Maß zwingen.
So war ihm Rhythmus ein Mittel der Bändigung allzu drangvoll emporquellender Gefühle. Und wie für das Schöne, so war er für Güte empfänglich. Mit einem herzlichen Wort konnte man alles von ihm erreichen; Härte rief seine Vertrutzung wach. Er war geschaffen zur Freundschaft, zur Brüderlichkeit, zur Liebe. Doch grade weil seine Natur so warmherzig und phantasievoll allen Reizungen antwortete, brauchte er als Gegenkraft viel Kultur und Bildung, um in sich jenes edle klassische Gleichmaß auszugestalten, das dem Idealisten vorschwebte.
Ein Dreibund liebender Freundschaft bestand zwischen Ingo von Stein und dem Ehepaar Trotzendorff.
Baron von Stein-Waldeck hatte Staatswissenschaft, Geschichte und Literatur studiert und nach dem Doktor-Examen die Universität verlassen. Seinen soldatischen Pflichten hatte er als reitender Artillerist genügt und war nun Leutnant der Reserve. Ihm stand ein aussichtsvoller Staatsdienst offen; die Verbindungen des Freiherrn aus altem Hause waren vorzüglich. Eine edle Jugendfreundin war ihm so zugetan, daß Verlobung zu erwarten war. Doch etwas in ihm zögerte, sich dem Staatsgefüge und dem Familienleben anzuvertrauen. Und als er Frau Friederike von Trotzendorff kennen und lieben gelernt hatte, begann für ihn eine neue Lebensepoche. Er lebte fortan seinen musikalischen und literarischen Idealen. Diese Frau, ehedem bedeutende Sängerin, war ganz Phantasie und Gefühl. Und so befreite sich unter ihrer Besonnung auch in ihm die fühlende Phantasie; und die beiden flogen miteinander empor in alle Herrlichkeit und Fülle der Kunst und der Natur. Stein hoffte, unter Führung solcher Muse, Künstler zu werden.
Aber die Muse kann nur begleiten, nicht geleiten. Frau Phantasie kann fliegen, aber nicht schreiten; kann ein Leben verschönen, aber nicht eines Lebens Fundamente bauen.
Der wandernde und fliegende Spielmann spürte mehr und mehr, daß etwas in ihm unbefriedigt blieb.