„Ingo, ich will dir etwas sagen, was einmal gesagt werden muß, wenn wir nicht alle drei in Unnatur geraten sollen. Sieh, ich habe schon mehrmals beobachtet, wie dein Auge hübschen jungen Mädchen nachflog — und wie du dann zu erschrecken pflegtest, fast wie ein ertappter Junge, wenn du meinem Blicke begegnetest. Ach, ich sehe ja wohl, wie du suchst; und ich habe ja auch gar kein Recht, dich festzuhalten. Lieber Junge, es hat mich aber immer gedemütigt, wenn ich dich so vor mir zusammenfahren sah: er fürchtet meine Eifersucht, hab' ich mir sagen müssen. Also hab' ich dir Anlaß gegeben, daß du mich für kleinlich halten mußt? Und du hast recht: ich bin kleinlich, bin eifersüchtig, bin ein Hasenfuß, ich habe Angst um dich; ich fürchte, daß du einmal auf irgendein hübsches, leeres Lärvchen hereinfällst, in das du dein eigenes Ideal einstrahlst. Oh, Gott im Himmel weiß es: dieser Schmerz um dich ist größer als der Schmerz um meine seelische Vereinsamung!”

Frau Friederike, die ihrem Freund um mehrere Jahre an Alter voraus war, stand rasch auf, hielt ihr Taschentuch an die Augen und trat ans Fenster. Auch Ingo erhob sich, blieb aber am Lehnstuhl stehen und biß sich in die Lippen. Schon einmal hatte er eine solche Szene erlebt, wo die ruhige und fröhliche Wärme der Freundschaft in flammende Liebe übergeschlagen war. Er spürte auch jetzt wieder die unheimliche Schwüle vor dem Sturm. Aber er hatte sich fest in der Hand und blieb hochaufgerichtet und unnahbar hinter seinem Sessel stehen.

„Einmal schon”, weinte es vom Fenster her, „hab' ich mich zwischen dich und eine andre gestellt. Ich will es nicht wieder tun. Ich will vielmehr die erste sein, die dich beglückwünscht. Nur sag' es mir, sag' es mir gleich und offen, tu's nicht hinter meinem Rücken, stell' mich nicht plötzlich vor die Tatsache — denn das erschüttert meine Nerven mehr, als ich ertragen kann.”

Sie hatte sich die ganze Nacht mit dem Gedanken abzufinden gesucht, daß sie des Freundes Herz an ein junges Mädchen verloren habe. Und diese Empfindung verallgemeinerte sich in ihr zur erschütternden Erkenntnis, daß sie eine alternde Frau sei, daß sie Jugend nicht festhalten könne, daß alle Helena-Schönheit dahinschwinde in die wesenlose Nacht der Zeit. Mit elementarer Kraft war diese Empfindung über sie gekommen. Und zwei Mächte hatten nachtlang in ihr gekämpft und kämpften jetzt noch in dieser Stunde: entweder leidenschaftlich festzuhalten, zu genießen, zu sündigen, stürmisch den Freund zu umfangen — oder durch rasche Trennung sich wieder zu beruhigen und in Harmonie zurückzufinden.

Frau Friederike war weder zu dem einen noch zu dem andren stark genug.

Als sie sich jetzt zu ihm umwandte und Ingo ihr tränenvolles Gesicht sah, traten sie sich beide einige Schritte näher. Dann blieben sie wieder stehen. Was an Güte in ihnen war, schlug vom einen zum andren hinüber. Wieder schritt sie vor — und plötzlich lief sie hin, umschlang ihn heftig und weinte:

„Ingo, verlaß mich nicht!”

Wie ein Hilfeschrei, erschütternd, schlug es aus ihr empor. Doch zugleich stieß sie ihn zurück, lief mit dem Taschentuch vor den Augen laut schluchzend nach der Nebentüre, schmetterte sie hinter sich zu und riegelte sich ein.