„An dir vorübertanzen, während du hier oben bei mir aushalten mußt?”
„Aber Friedel!”
„Sei wahrhaftig, mein Lieber! Sieh, ich stehe immerzu unter dem Eindruck: es ist etwas in dir unbefriedigt. Du suchst etwas, was Richard und ich dir nicht geben können. Du träumst oft in die Ferne, du besinnst dich dann plötzlich wieder auf mich und suchst mit Zartheit das Versäumte nachzuholen. Nein, leugne nicht! Verlaß dich drauf, daß eine Frau, wenn sie jemandem gut ist, hierin ein sicheres Gefühl hat! Das bedrückt mich, Ingo. Es wäre sündhafter Egoismus von mir, wenn ich dich beschlagnahmen wollte. Ist nicht unser Herzensbund auf Freiheit und Vertrauen gestellt?”
Sie legte ihm die Hand auf die Brust.
„Du, Ingo, ich will dir was sagen,” fuhr sie fort und stellte sich, als wär' ihr ein jäher Einfall gekommen, „du holst das Versäumte nach, du entschuldigst dich brieflich bei den Mädchen! Verstehst du? Du schreibst ihnen in deiner liebenswürdigen Art einen liebenswürdigen Brief! Ja? Meinetwegen zwei, meinetwegen drei! Glaubst du mir dann, daß ich nicht eifersüchtig bin? Bist du dann heiter und glücklich?”
Der Spielmann verhehlte nicht sein angenehmes Erstaunen. Ihre aufmerksame Beobachtung stellte fest, daß ein Leuchten über sein Gesicht flog.
„Wirklich, Friedel?” rief er überrascht. „Friedel, du sprichst da eine Anregung aus, die mir selber schon ganz unbestimmt durch den Kopf gegangen war, das will ich dir nur ruhig gestehen. Ja denn, ich habe etwas wie Heimweh nach jenen harmlos-heitren, unbedeutenden jungen Mädchen; und es kommt mir unartig vor, und vor allem war es unnötig, daß ich so ohne Abschied davongelaufen bin. Also, Liebste, wir wollen einen Vertrag machen: ich plaudre brieflich mit jenen muntren Geschöpfen über unsre Fahrten und gebe dir das Geschriebene, und du schreibst ein scherzhaft Nachwort darunter und schickst die Briefe als meine Kanzlerin persönlich ab. Nicht wahr? So geht der Weg zu Jugend und Minne durch dich hindurch! So ist dieser Briefwechsel durch meine liebste Freundin gesegnet! Bist du einverstanden?”
„Ich danke dir, Ingo.”
Sie machte die Hand frei und gab sie ihm mit ernstem, bleichem Gesicht.
„Ich fühle durch den Handschuh hindurch, daß du eiskalte Hände hast”, sprach er lächelnd. „Komm einmal her, Richard, wir reiben Friedels Finger warm!”